Buch: Ich bin jetzt #BIBLIKAL
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Ich bin jetzt #BIBLIKAL
Ein Ex-Evangelikaler bekennt:
„Die Bibel machte mich katholisch!“
Infos:
Autor: Dennis Spieß
Titel: Ich bin jetzt #BIBLIKAL
Untertitel: Ein Ex-Evangelikaler bekennt: „Die Bibel machte mich katholisch!“
Herausgeber: Biblikal.org
Erscheinungstermin: 19. Dezember 2023
Originalsprache: Deutsch
Edition: 2.0
ISBN: 9798872150275
Disclaimer:
Der Herausgeber dieses Inhalts ist nicht das katholische Lehramt und hat auch kein Lizenziat oder dergleichen. Alle Aussagen in diesem Medium unterstellt der Herausgeber ausdrücklich der Autorität der katholischen Kirche, die im Zweifelsfall immer Recht hat und alle hier getätigten Aussagen jederzeit korrigieren darf. Der Herausgeber hat keinen offiziellen kirchlichen Auftrag außer dem des Laien-Apostolates auf Grundlage von Canon 225 und 229 des CIC. Der Herausgeber gibt sein Bestes, ist aber fehlbar.
Danksagung:
Gott sei Dank für Seinen Sohn und unseren Herrn Jesus Christus, der allein uns die Erlösung schenkt. Auf Erden danke ich allen, die für mich gebetet haben, als ich noch Protestant war. Ich danke auch allen Produzenten katholischer Apologetik im englischsprachigen Raum, von denen wir deutschsprachigen Katholiken so viel lernen durften. Ebenso danke ich meiner Frau sowie Raphael und „Huppim Muppim“ für ihre Korrekturen und wertvollen Verbesserungsvorschläge.
Widmung:
Dieser Inhalt ist allen Protestanten guten Willens gewidmet. Ich bitte auch um Gebet für mich! Der Herr möge uns alle in Seine ewige Wahrheit und Ruhe führen.
Gelobt sei Jesus Christus in Ewigkeit!
Vorwort
Das Wort Gottes war und ist seit meinem Bekehrungserlebnis am 25. Juni 2010 die höchste Autorität in meinem Leben. Denn als Christ möchte ich mich ganz nach dem Willen Gottes ausrichten. Ich glaube alles, was das Wort Gottes aussagt. Doch was ist eigentlich das Wort Gottes? Wie kann es sein, dass ich von einem radikalen Vertreter des Sola Scriptura Prinzips zu einem überzeugten Katholiken wurde? In diesem Buch gebe ich biblische Antworten auf die brennendsten Fragen und Einwände, die protestantische Christen gegenüber dem katholischen Glauben haben. Für mich ist heute klar: Jetzt bin ich tatsächlich bibeltreu. Ja, mehr noch: Die katholische Kirche ist in Wirklichkeit die biblischste Konfession. Katholiken sind die wahren Bibeltreuen. Um Verwechslungen zu vermeiden, nenne ich mich heute nicht mehr evangelikal. Ich bin jetzt #BIBLIKAL… denn die Bibel machte mich katholisch!
In diesem Buch möchte ich meine biblischen Gründe darlegen, warum ich glaube, dass nur katholisch wirklich bibeltreu ist. Dieses Buch ist daher voll mit Bibelverweisen. Um die Argumentationslinien nicht jedes Mal zu unterbrechen, habe ich meistens auf direkte Bibelzitate verzichtet. Ich gehe hier jedoch davon aus, dass ein Bibel-Liebhaber alle angegebenen Bibelstellen eines Absatzes in seiner bevorzugten Bibelübersetzung noch einmal nachprüft. Ich ermutige hier ausdrücklich dazu.
„Prüft alles und behaltet das Gute!“ (1.Thessalonicher 5,21)
Bei direkten Bibelzitaten bin ich keiner bestimmten Bibelübersetzung gefolgt, sondern zitiere eine, in der mein argumentativer Punkt am deutlichsten wird. Gegebenenfalls habe ich dazu auch eigene Übersetzungen angefertigt. Auch hier bitte ich ausdrücklich darum, dass meine Argumente alle selbst mit einem kritischen, aber dennoch offenen Geist nachgeprüft werden.
In diesem Buch spreche ich Katholiken und Protestanten zugleich an. Katholiken können durchaus noch einiges über ihren Glauben und die biblische Verteidigung dessen lernen, aber auch über den Protestantismus, den ich hier natürlich nicht in allen Facetten beleuchten kann. Protestanten wiederum lernen in diesem Buch hoffentlich, warum nur katholisch bibeltreu ist und müssen sich nur dann angesprochen fühlen, wenn ich auf Lehren eingehe, die in ihrer speziellen Gemeinde bekannt werden. Da ich versuche möglichst viele protestantische Fragestellungen zu klären, spreche ich mitunter auch Lehren an, die nicht von allen Protestanten vertreten werden. Als Protestant sehe ich erst einmal grundsätzlich jeden Christen, der inhaltlich und dann auch institutionell gegen die katholische Kirche protestiert, insbesondere aber jene Konfessionen, die geschichtlich aus der sogenannten Reformation des 16. Jahrhunderts entstanden sind oder wiederum aus Gemeinschaften dieser Strömung hervorgingen.
Sollten mir dennoch einmal grobe Fehler unterlaufen sein, die keine realexistierenden Protestanten ansprechen, so bitte ich um Nachsicht und Meldung dieser. Ich bin gerne auch für sachliche Debatten bereit. In solchen Debatten wie auch in diesem Buch argumentiere ich grundsätzlich nur mit der Heiligen Schrift und auch nur mit dem gekürzten protestantischen Bibelkanon der 66 Bücher. Ausnahmen sind hier die Kapitel über Sola Scriptura und den Kanon, wo sich philosophische und historische Argumente kaum vermeiden lassen. Ich möchte aber dennoch jeden Protestanten dazu ermutigen, sich einmal offen und unvoreingenommen mit den Kirchenvätern und Kirchenkonzilen zu beschäftigen. Vielen Protestanten sind dabei schon die Augen aufgegangen. Für dieses Buch bleibe ich, um dem Evangelikalen ein Evangelikaler zu sein und auch damit es nicht ausufert, bei meinem ehemaligen Leitspruch: Nur die Bibel!
Sola Scriptura
Die Lehre von Sola Scriptura (lateinisch: Allein die Schrift) ist der Knackpunkt, wenn es um das Verhältnis zwischen Katholiken und Protestanten geht. Protestanten meinen, dass nur die Schrift die unfehlbare Quelle der Autorität für den christlichen Glauben und die christliche Praxis ist. Als ehemaliger Protestant kann ich nur zu gut nachvollziehen, wie schlimm sich eine Ablehnung von Sola Scriptura durch uns Katholiken anhört. Ich kann jedoch jeden Protestanten beruhigen. Nur weil die Heilige Schrift in der katholischen Theologie nicht die alleinige höchste Autorität darstellt, heißt es nicht, dass sie nicht trotzdem höchste Autorität hat. Tatsächlich lehnen wir das Sola Scriptura Prinzip ab, gerade weil die Schrift bei uns höchste Autorität hat und eine solche Lehre nicht kennt. Dazu jedoch später mehr.
Wenn eine Lehre vermeintlich oder auch tatsächlich unbiblisch ist, so heißt es nicht, dass sie anti-biblisch ist. Tatsächlich glauben Katholiken, dass all ihre Lehren nicht im Widerspruch zur Bibel stehen, selbst wenn sie so nicht explizit in der Bibel vorkommen sollten. Wenn etwas nicht explizit oder auch implizit in der Bibel vorkommt, heißt das nicht zwangsläufig, dass es dem Inhalt der Bibel widersprechen muss. Diese Unterscheidung ist essentiell, damit Protestanten die katholische Position nachvollziehen können, die alles andere als bibelkritisch oder gegen Bibel gerichtet ist:
”Da also alles, was die inspirierten Verfasser oder Hagiographen aussagen, als vom Heiligen Geist ausgesagt zu gelten hat, ist von den Büchern der Schrift zu bekennen, dass sie sicher, getreu und ohne Irrtum die Wahrheit lehren, die Gott um unser Heiles willen in heiligen Schriften aufgezeichnet haben wollte.” (Dei Verbum 11 – 2. Vatikanisches Konzil)
Begriffsbestimmung: Sola Scriptura vs. Solo Scriptura
Einige gebildetere Protestanten unterscheiden zwischen Sola und Solo Scriptura. Sie weisen mit dem Bezug auf Solo Scriptura gerne kritische Anfragen an ihr Sola Scriptura Prinzip als Biblizismus-Strohmänner zurück. Denn Solo Scriptura ist ein Prinzip, das neben der Schrift keine weitere Autorität zulässt. Wenn aber die Schrift alleine die höchste Autorität für Glaubensfragen ist (Sola Scriptura), dann wird sie de facto auch die einzige Autorität (Solo Scriptura). Denn bei jeder anderen Autorität darf und soll man dann skeptisch hinterfragen: Wieso gerade diese Autorität? Hat diese Autorität überhaupt Recht? Wer entscheidet letzten Endes über die Wahrheit in einer Kontroverse zwischen konkurrierenden Autoritäten? Die Schrift und somit also doch Solo Scriptura?
Sola und Solo Scriptura machen am Ende des Tages in der Praxis keinen Unterschied. Denn wer interpretiert die Schrift letztgültig? Eine Kirche mit ihrer konfessionellen Lehre und Tradition oder ich selbst?
Selbst wenn ich verschiedene Traditionen und kirchliche Autoritäten mitreden lasse, bin ich doch selbst derjenige, der mit seiner Entscheidung auswählt, welche Tradition und Kirche überhaupt zulässig ist und welcher rechtmäßige Unterordnung gebührt. Allein dieser Vorfilter, der bei einem guten Sola Scriptura Protestanten freilich durch die Schrift geprägt sein sollte, lässt es in der Praxis häufig gar nicht zu, dass bestimmte unbiblisch klingende Positionen zur Debatte zugelassen werden. Einige vermeintlich antibiblische Lehren in diesem Buch werden hier sicherlich darunterfallen. Manche Protestanten sind hier toleranter als andere, aber am Ende des Tages muss alles durch den Filter der Bibel beziehungsweise der eigenen Auslegung der Bibel.
Und somit bin es wieder ich als Individuum, das bei Sola Scriptura die letzte Auslegungsautorität innehat, wenn auch indirekt, da ich sie an Kirchen und Traditionen delegieren kann.
Es kann hier auch kein vermeintliches Evangelium oder eine Regula Fidei (Glaubensregel) herangezogen werden, nach deren Kriterien ich mich unterordnend orientiere. Denn auch solch ein Evangelium und solch eine Glaubensregel habe ich mir ja zuerst anhand meiner eigenen Autorität und meiner eigenen Bibelauslegung ausgewählt beziehungsweise ich habe vielleicht ganz viele andere (auch historische legitime und in apostolischer Sukzession gelehrte) Glaubensregeln abgelehnt, um im Ausschlussverfahren zu meiner Regel zu gelangen.
Und selbst wenn wir Katholiken den Protestanten für das Argument einmal zugestehen würden, dass sie doch irgendwie das objektive Evangelium erkannt haben, so bleibt das Solo Scriptura Problem hier für Sola Scriptura bestehen. Denn die Reformierte Kirche soll ja “semper reformanda” sein, also immer wieder geprüft und gegebenenfalls reformiert werden. Dieses Wächteramt über das vermeintliche Evangelium muss aber irgendjemand ausüben. Und dieser jemand bin in letzter Instanz als vorbildlicher und wachsamer Reformierter hoffentlich selbst. Andernfalls würde ich mich als Reformierter der Unachtsamkeit schuldig machen, die dafür sorgen könnte, dass meine Kirche genauso wie die Katholische Kirche eines Tages vom vermeintlich wahren reformatorischen Evangelium abfällt.
Denn ich bin einer Kirche nur so lange gehorsam, wie sie den grundlegendsten reformatorischen Überzeugungen folgt. Oder um es mit anderen Worten zu sagen: Solange die Auslegung meiner Kirche meiner Auslegung entspricht, ist alles gut. Tut sie es eines Tages nicht mehr, werde ich Reformator. Und ich gründe im Zweifelsfall meine eigene reinere Gemeinde.
Ist dies nicht der ganze Gründungsmythos und die Rechtfertigung des Protestantismus an sich? Dass man im Zweifel gegen die eigene Kirche “protestiert“, um das einmal erkannte Evangelium zu schützen?
Ich muss also jederzeit davon ausgehen, dass meine Kirche, die mir als Leitfaden und als Rechtfertigung für ein vermeintliches Sola anstatt Solo Scriptura dient, abfallen kann. Und eine einmal korrupte Kirche wird sich meistens nicht von selbst heilen oder reformieren, sonst müsste der gesamte Protestantismus ja zugestehen, dass Martin Luther in der Katholischen Kirche hätte ausharren sollen. Also ganz so, wie es übrigens viele katholische Heilige jedes Mal, als es tatsächlich zu Missständen in der Kirche kam, getan haben. Dadurch konnte die Kirche ihre inneren Selbstheilungskräfte freisetzen. Denn vermeintlichen und echten Missständen ist mit Gebet und nicht mit Abspaltung zu begegnen. Abspaltungen sind Sünden gegen die Einheit der Kirche (vgl. 1. Korinther 1,10; Epheser 4,3-6).
Auf diese Weise wird Sola Scriptura im Ernstfall letztlich doch zu Solo Scriptura. Zwar ist die Unterscheidung von Sola und Solo Scriptura akademisch legitim und wir katholischen Apologeten sollten diese Nuancen ernster nehmen, um keine Strohmänner umzuhauen. Aber wir wollen nicht vom friedlichen Alltag in einer gesunden, reformierten Gemeinde reden, sondern den Finger in die Wunde halten und aufzeigen, wo dieses Sola Scriptura Prinzip zum Problem wird.
Nun hören insbesondere wir Konvertiten zum Katholizismus häufig den Vorwurf, dass wir doch genau dasselbe Prinzip befolgen. Immerhin haben wir uns ja eines Tages mal bewusst für unsere katholische Tradition entschieden. Wir haben uns also mit unserer eigenen subjektiven Einsicht und unserer rein menschlichen Autorität für das Katholisch-Sein entschieden. Was unterscheidet uns nun substanziell von Sola Scriptura Vertretern?
Bevor ich auf diesen durchaus sinnvollen Einwand eingehe, möchte ich darauf hinweisen, dass es sich hierbei um ein sogenanntes Tu Quoque Argument handelt. Tu Quoque ist Lateinisch und steht für „Du auch!“. Dieser Tu Quoque Vorwurf ist jedoch ein logischer Fehlschluss, da er nicht dazu dienen kann, die eigene Position – in diesem Fall Sola Scriptura – zu stärken. Bestenfalls dient er dazu, den Gegner derselben Mängel zu überführen. Der Preis hierfür ist jedoch ein implizites Eingestehen des eigenen fatalen Fehlers. Wenn wir Katholiken also dasselbe Problem wie Protestanten haben, dann kann es natürlich der Fall sein, dass auch der Katholizismus nichts taugt, aber vor allem hat dann der Protestantismus weiterhin dieses Problem.
Aber ist der Vorwurf tatsächlich berechtigt? Haben wir Katholiken das gleiche Problem? Bin ich als Autor dieses Buches und bekennender Ex-Protestant nicht gerade ein Paradebeispiel dafür, dass ein Vertreter von Sola beziehungsweise Solo Scriptura eines Tages meinte, dass katholisch eigentlich ganz biblisch sei und deshalb aus eigener Autorität katholisch wurde. Und ja, ich bekenne mich schuldig! Und gleichzeitig ist dieses Schuldeingeständnis auch mein absichtlich provokanter Werbespruch an alle Protestanten und meine Rechtfertigung gegenüber allen Protestanten, dass ich konvertiert bin: „Die Bibel machte mich katholisch.“
Tatsächlich beschreibt dieser Vorwurf den initialen Prozess, wie ich und andere protestantische Konvertiten katholisch wurden. Der qualitative Unterschied ist hier jedoch, dass ein Protestant weiterhin in seinem Subjektivismus gefangen bleibt, während der frische Katholik zwar durch einen Subjektivismus zur Katholischen Kirche gefunden hat, diesen aber quasi an der Garderobe abgeben muss, sofern er ein guter und aufrichtiger Katholik sein möchte. Denn in der Katholischen Kirche gilt kein Sola oder gar Solo Scriptura mehr. Ein frommer Katholik unterwirft sich der Autorität des lebendigen Lehramtes.
An dieser Stelle kann ein cleverer Protestant uns jedoch vorwerfen, dass wir weiterhin dasselbe Problem haben, nur um eine Stufe auf die Ebene des Lehramtes verschoben. Denn das Lehramt produziert ja auch Texte, die wir lesen und auslegen müssen. Was für den Protestanten die Heilige Schrift allein ist, sind für den Katholiken Konzilstexte, Enzykliken und der Katechismus. Wo ist hier also der Unterschied?
Ganz einfach! Es wird nicht der qualitative ontologische Unterschied zwischen einem Buch und einer Person erkannt. Ein Buch kann bestenfalls Einwände antizipieren und in einem limitierten Rahmen Antworten geben. Die Auslegung bleibt natürlich weiterhin limitiert. Eine Person hingegen kann eine unlimitierte fortwährende Auslegung liefern und sogar in einen Dialog mit mir treten. Ja, die Personen des Lehramtes verfassen tatsächlich hauptsächlich Texte, doch ist hier der dialogische Aspekt entscheidend. Denn das katholische Lehramt funktioniert nicht so, dass es bloß Texte herausbringt und der Gläubige sie am Ende allein auslegen muss. Wer das denkt, schaut auf die Katholische Kirche mit einer protestantischen Sola Scriptura Brille.
Wie bereits gesagt muss der aufrichtige Katholik seine eigene Autorität der des Lehramtes unterordnen. So ist der einzelne Katholik, der Lehramtstexte liest, vielleicht kurzzeitig chronologisch der letzte Ausleger in einer Reihe von Auslegungen, aber eben nicht hierarchisch-autoritativ. Das Lehramt hat die letzte Autorität und darf den einzelnen Gläubigen jederzeit korrigieren.
Selbstverständlich ist dies das katholische Ideal. Ich bin der Erste, der zugibt, dass dies in der Praxis nicht immer eingehalten wird. Dies schwächt jedoch weder das katholische Prinzip, noch stärkt es das Sola Scriptura Prinzip. Es zeigt einfach nur ehrlich auf, dass auch katholische Menschen fehlerbehaftet und Sünder sind. Genauso wie sich bei Protestanten niemand immer perfekt an die Bibel hält, so gibt es auch bei Katholiken immer wieder Fälle, in denen Katholiken gegen das Lehramt rebellieren – ob bewusst oder unbewusst, ob äußerlich oder innerlich. Der Punkt ist hier aber, dass diese rebellischen Katholiken mit diesem Verhalten quasi zu Protestanten werden. Man hört diesen Protest bei Protestanten bereits im Namen!
Wer also in seinem katholischen Glauben inkonsequent ist, kann wie ein Martin Luther zu einem Protestanten werden. Wer jedoch selbst als Protestant Sola Scriptura konsequent befolgt, kann wie ich durchaus zu einem Katholik werden.
An dieser Stelle kommt häufig der Einwand, dass doch die Bibel ebenfalls lebendig sei. Dementsprechend sei es nur eine Polemik, wenn man die Bibel als bloßes Buch abtut und das katholische Lehramt als lebendige Alternative anpreist. Allerdings steht es nirgendwo in der Bibel, dass die Bibel lebendig ist. Tatsächlich ist dies in Hebräer 4,12 nur über das Wort Gottes ausgesagt. Wie wir gleich sehen werden, ist das Wort Gottes jedoch mehr als die Bibel. Und zwar ist das Wort Gottes ebenfalls die Tradition, die in der Katholischen Kirche lebendig war, ist und bleibt. Die Bibel stellt eine Teilmenge des Wortes Gottes dar. Diese Teilmenge ist jedoch verschriftlicht und somit starr geworden. Sie ist eben ein Buch und keine Person oder Gruppe von Personen, wie es die Kirche ist, in der das Wort Gottes sozusagen seinen natürlichen Lebensraum hat. Eine Person kann auf unsere Fragen, Einwände und Zweifel reagieren. Ein Buch kann dies nur beschränkt. Zwar kann eine Auslegung, die wiederum durch Personen geschieht, ziemlich viel aus einem Buch herausholen, aber es bleibt am Ende des Tages ein Buch. Natürlich kann die Bibel durch solche geistlichen Predigten und Erklärungen lebendig werden – aber eben nur, wenn Gottes Geist und Gottes Wort in und durch lebendige Personen wirken. Ein Buch selbst vermag dies nicht.
“Denn der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig” (2. Korinther 3,6) und in der Tradition (auch der Auslegungstradition der Bibel) ist der Geist am Wirken, während ein Buch ohne inspirierte Auslegung erst einmal tatsächlich nur das ist: Tote Buchstaben aus Tinte.
Was ist überhaupt das Wort Gottes?
Die entscheidende Frage ist: Gibt es noch andere Dinge außerhalb der Heiligen Schrift, die Wort Gottes sind? Und was sagt eigentlich die Bibel selbst dazu? Gerade die letzte Frage ist wichtig, da Protestanten oft ein Unbehagen haben, wenn man andeutet, dass noch etwas anderes außerhalb der Bibel Wort Gottes sein könnte. Denn dies würde bedeuten, dass die Bibel nicht mehr die alleinige Autorität in allen Glaubensfragen ist. Dies empfinden viele Protestanten instinktiv als gefährlich für ihren Glauben. Zurecht, denn es widerspricht Sola Scriptura! Manche von ihnen sehen darin sogar beängstigende schwärmerische Tendenzen, die am Ende vielleicht sogar den Verlust des Glaubens an Christus zur Folge haben könnten, wenn man sich für Wahrheit außerhalb des vermeintlich auf die Bibel begrenzten Wort Gottes öffnet und eventuell dämonischen Lehren auf den Leim geht. Deswegen ist es in dieser Frage so entscheidend, die Bibel als Wort Gottes selbst zur Sprache kommen zu lassen und die Ängste der Protestanten nicht zu groß werden zu lassen. Ich selbst bin in meinem Sola Scriptura Glauben damals sogar so weit gegangen, dass ich die charismatische Bewegung komplett verteufelte, da die Möglichkeit auch heutzutage Prophetien von Gott zu erhalten, eine Konkurrenz zum vermeintlich alleinigen Wort Gottes in der Bibel darstellte. Denn wenn Gott redet, dann redet Gott. Wer bin ich dann als Mensch, dies nicht absolut ernst zu nehmen?
Wie viele andere Protestanten beging ich damals den großen Fehler, das Wort Gottes mit der Bibel gleichzusetzen. Es steht außer Frage, natürlich ist die Bibel ganz sicher das Wort Gottes. Das steht absolut nicht zur Debatte! Aber sie ist nicht deckungsgleich mit dem Wort Gottes. Das Wort Gottes geht über seine Teilmenge “Bibel” hinaus. Es gibt einige weitere Dinge, die Wort Gottes zu nennen sind. Christus selbst ist uns selbstverständlich als Wort Gottes bekannt, das Fleisch annahm (vgl. Johannes 1,1.14). Oder wie gesagt sollte jede Offenbarung Gottes generell als Wort Gottes gelten, denn sie kommt von Gott.
In der Bibel lesen wir häufig, wie das Wort Gottes an bestimmte Propheten wie Johannes den Täufer erging (Lukas 3,2). Somit ist auch das prophetische mündliche Predigen solcher Propheten auch wiederum Wort Gottes, selbst wenn es nicht komplett schriftlich in der Bibel festgehalten wurde. Hätten wir heute weitere authentische Niederschriften von den Predigten des Täufers, so würden wir darin viel Wort Gottes finden.
Neben den prophetischen mündlichen Predigten sind besonders im Neuen Testament auch die apostolischen mündlichen Predigten Wort Gottes. Wir lesen in 1. Thessalonicher 2,13: „Darum danken wir auch Gott unablässig, dass ihr, als ihr das von uns verkündigte Wort Gottes empfangen habt, es nicht als Menschenwort aufgenommen habt, sondern als das, was es in Wahrheit ist, als Gottes Wort , das auch wirksam ist in euch, die ihr gläubig seid.“ Paulus bezieht sich hier auf ein verkündigtes Wort, was die Thessalonicher bereits empfangen haben, und grenzt es scharf von reinem Menschenwort ab. Es ist laut ihm und somit laut der Bibel Gottes Wort. Da es keinen 0. Thessalonicherbrief gibt, handelt es sich hier um eine mündliche apostolische Predigt. Dieses mündliche apostolische Wort Gottes ist das, was wir Katholiken meinen, wenn wir von apostolischer Tradition sprechen. Manchmal nennen wir es auch nur als Kurzform Tradition, womit wir nicht allgemeine menschliche, kirchliche oder kulturelle Traditionen meinen, so verbindlich und wertvoll sie im Einzelnen auch sein mögen, sondern genau diese apostolische mündliche Überlieferung. Die apostolische Tradition ist also laut Bibel explizit Wort Gottes und wird manchmal auch analog zur Heiligen Schrift ehrwürdig Heilige Tradition genannt.
In diesem Kontext müssen wir auch das Evangelium oder generell die christliche Botschaft Wort Gottes nennen. So berichtet Apostelgeschichte 6,7 davon, dass sich das Wort Gottes ausbreitete und viele Leute erreichte und bekehrte. Damit ist sicherlich nicht gemeint, dass die Apostel den Buchdruck erfunden haben und das Alte Testament schnell in aller Welt verbreiteten – das Neue Testament gab es ja zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Nein, es ist ganz klar die mündliche Verbreitung der christlichen Religion gemeint. Durch das mündliche Predigen wurde auch hier wieder Wort Gottes geredet.
Man kann also zusammenfassend über das Wort Gottes sagen, dass es die Gesamtheit der christlichen Glaubensbotschaft ist, unabhängig vom Medium. Tatsächlich stellt das Neue Testament die relativ späte Verschriftlichung dieses mündlich weitergegebenen Wort Gottes dar. Daraus folgt, dass wir unbedingt darauf achten müssen, dass wenn in der Bibel vom Wort Gottes die Rede ist, wir nicht wie selbstverständlich annehmen dürfen, dass es sich um die Schrift allein handelt. Die meisten biblischen Argumente für Sola Scriptura fallen damit sofort weg, wenn wir das Wort Gottes nicht so eingeengt verstehen.
Es folgt daraus, dass die Bibel nicht allein das Wort Gottes ist. Sie ist nicht allein unfehlbare Offenbarung Gottes. Damit ist Sola Scriptura bereits widerlegt und man könnte die Diskussion darum bereits an diesem Punkt beenden.
Maximal könnte man noch einwenden, dass die Bibel der einzige uns derzeit schriftliche vorliegende Ausdruck des Wortes Gottes ist. Denn die mündlichen apostolischen Lehren und Traditionen könnten theoretisch niemals niedergeschrieben worden sein oder uns nicht mehr vorliegen. Es gibt ja auch beispielsweise mindestens noch einen weiteren Korintherbrief (1. Korinther 5,9). Vermutlich gab es sogar noch einen eigenständigen Laodizeabrief (Kolosser 4,16). Auch hören wir in der Bibel von verschiedenen Prophetien, die wohl niemals niedergeschrieben wurden (Apostelgeschichte 15,32). Aber Wort Gottes bleibt Wort Gottes, ob niedergeschrieben oder nicht. Wenn die apostolische Tradition, wie wir biblisch gesehen haben, auch Wort Gottes ist, dann ist es egal, ob ich dieses durch Lesen oder Hören aufnehme. Es bleibt Wort Gottes und somit höchste Autorität für mein Glauben und Leben.
Die Schrift lehrt ausdrücklich gegen ein Sola Scriptura Prinzip
Wir haben also gesehen, wie uns beispielsweise 1. Thessalonicher 2,13 die apostolische mündliche Tradition als Wort Gottes vorstellt. Paulus setzt sogar noch einen drauf. Im darauffolgenden Brief erinnert er die Thessalonicher daran, an diesen Überlieferungen festzuhalten, unabhängig davon, ob sie durch ein Wort (mündlich) oder durch einen Brief (schriftlich) gelehrt worden sind. Mit anderen Worten: Die mündliche apostolische Tradition steht, was den geschuldeten Gehorsam angeht, auf einem Level mit einem schriftlichen Bibelbrief – in diesem Fall den 1. Thessalonicherbrief. Wir sollen an Schrift und Tradition festhalten.
Generell wird das Festhalten an der apostolischen Tradition gelobt (1. Korinther 11,2). Paulus fordert sogar Timotheus dazu auf auch die explizit mündlich gehörte Tradition weiterzugeben und somit zu sichern. Denn der Schatz des Wortes Gottes wird nicht nur durch die Heilige Schrift weitergegeben.
Nun könnte man hier einwenden: „Ja, in der Anfangszeit der Kirche musste das Evangelium noch mündlich weitergegeben werden. Später wurde es dann aber mehr und mehr verschriftlicht. Daraus ist dann letztlich das Neue Testament hervorgegangen, was uns alles lehrt, was wir für unseren Glauben brauchen.“ Dies kann theoretisch der Fall sein, obwohl ich gleich dagegen argumentieren möchte. Solch eine Position begründet aber noch nicht unbedingt Sola Scriptura. Tatsächlich gibt es in der katholischen Theologie immer noch zwei konkurrierende Schulen in diesem Themenbereich. Obwohl das Konzil von Trient kurz davorstand, wurde hier jedoch nichts dogmatisiert. Einem Katholiken steht es also bisher frei beiden Lehrrichtungen anzuhängen.
Die eine Position, welcher auch ich anhänge, besagt, dass das Wort Gottes teilweise in der Heiligen Schrift und teilweise in der Heiligen Tradition zum Ausdruck kommt. Diese Lehre nennt sich lateinisch „partim-partim“. Die andere Position besagt, dass sich alle essenziellen Glaubenslehren entweder explizit oder zumindesten implizit aus der Bibel herleiten lassen. Es ist die Lehre von der materiellen Suffizienz der Schrift. Diese Lehre begründet jedoch noch kein Sola Scriptura, was wiederum von einer formellen Suffizienz der Schrift ausgeht.
Grob gesagt lässt sich der Unterschied wie folgt erklären. Materielle Suffizienz besagt, dass die Bibel uns ausreichend Bausteine (Material) liefert, um das Glaubensgebäude zu bauen. Wie aber die Steine im Einzelnen zusammenzusetzen sind, bleibt ungeklärt. Es ist also die Aufgabe der rein mündlichen Tradition und des Lehramtes uns den Bauplan zu liefern, wie man insbesondere die nur impliziten Lehren der Schrift richtig zu verwenden hat, damit das Glaubensgebäude nicht schief wird. Die formelle Suffizienz von Sola Scriptura hingegen besagt, dass wir mit der Bibel alles haben, was wir zum Bauen des Glaubensgebäudes benötigen. Traditionen und Lehrämter mögen vielleicht hilfreich sein, indem sie uns als Abkürzung den Bauplan (Form) des Gebäudes verraten, aber sie sind nicht notwendig. Durch eifriges Bibelstudium kann der einzelne Gläubige selbst diesen Bauplan entwerfen.
Laut Sola Scriptura besteht die Gefahr, dass eine falsche Tradition und ein korruptes Lehramt uns einen falschen Bauplan liefern, der das Glaubensgebäude schief werden lässt, sodass sogar Einsturzgefahr besteht. Katholische Vertreter von der Lehre der materiellen Suffizienz sagen jedoch, dass nur das katholische Lehramt den wahren Bauplan von Gott erhält und dass jeder Versuch, das Glaubensgebäude ohne diesen Plan zu bauen, nur schiefgehen kann. Es ist Gott, der der Kirche den Bauplan, die Form des Glaubensgebäudes, offenbart und Gott will es, dass wir deshalb Seiner einen, katholischen Kirche folgen.
Obwohl ich also selbst Vertreter der partim-partim Position bin – ich werde gleich dafür argumentieren – so glaube ich dennoch, dass für mindestens alle katholischen Dogmen genug Baumaterial in der Bibel vorhanden ist, sodass man diese Lehren alle anhand der Schrift belegen kann. Manche sind natürlich eher implizit in der Schrift vorhanden, weshalb man den richtigen Bauplan benötigt, um sie und ihren Platz im Glaubensgebäude zu erkennen. Deshalb kann es sein, dass Protestanten einer anderen Tradition, also mit einem anderen Bauplan, viele Dinge anders auslegen und somit zu anderen Schlüssen kommen. Würde Sola Scriptura funktionieren, sollte dies eigentlich nicht vorkommen und zwei rationale Ausleger sollten eigentlich niemals in eine ernsthafte Debatte über grundlegende Glaubenswahrheiten geraten. Ich bin davon überzeugt, dass alle katholischen Dogmen biblisch sind. Leider wollen nur sehr wenige Protestanten über diese doch so scheinbar steile These debattieren. Dabei komme ich meinen protestantischen Gesprächspartnern immer so weit entgegen, dass ich in Diskussionen nur mit der Schrift argumentiere und auch nur den kürzeren protestantischen Kanon verwende. In diesem Buch werde ich die meisten katholischen Dogmen biblisch begründen. Vielleicht entspricht es nicht dem Bauplan der meisten Protestanten, also der konfessionellen Brille, mit der sie die Bibel lesen und interpretieren. Doch eins sei gewiss, mit einer katholischen Brille lässt sich die Bibel hervorragend und widerspruchsfrei lesen. Das bekenne ich als ehemaliger Evangelikaler.
Warum vertrete ich also die partim-partim Fraktion, obwohl die Lehre von der materiellen Suffizienz der Lehre von Sola Scriptura schon recht nahekommt und somit für Ex-Protestanten wie mich doch eigentlich attraktiver sein müsste? Es gibt durchaus manche Lehren, die biblisch offenbar selbst auch nach 2000 Jahren nicht zufriedenstellend gelöst werden können. Häufig ist sogar die Heilige Tradition nicht klar genug, weshalb das katholische Lehramt noch keine definitiven Aussagen getroffen hat. Die Debatte zwischen partim-partim und materieller Suffizienz der Schrift ist ein perfektes Beispiel dafür. Andere Beispiele sind etwa das Verhältnis von Souveränität Gottes und der Freiheit des Menschen (siehe Thomismus vs. Molinismus). Auch die Frage nach dem, was die Endzeit noch zurückhält, ist nicht abschließend geklärt (2. Thessalonicher 2,5-6). Obwohl Paulus sagt, dass die Thessalonicher im Gegensatz zu den besten Bibelforschern sehr genau wissen, von wem er hier spricht, und er es ihnen offensichtlich im Rahmen der mündlichen apostolischen Tradition verraten hat, bleibt für uns am Ende des Tages leider nur Spekulation. Obwohl es natürlich eine wichtige Lehre für die Endzeit wäre.
Auch wenn uns das Lehramt hier bisher noch keine definitive Antwort gegeben hat, so haben wir in der mündlichen Tradition einen viel reicheren Schatz für Antworten, als wenn wir nur die Bibel allein betrachten. Der gewaltige und entscheidende Unterschied für uns Katholiken ist, dass das von Gott geleitete Lehramt uns hier eines Tages, wohl noch vor der Endzeit, darüber aufklären kann, was die Lösung des Problems ist. Der Heilige Geist wird uns an alles erinnern, was Gott uns gesagt hat (Johannes 14,26). Wenn das Lehramt uns also eines Tages die Lösung präsentiert und diese sich erwartbarerweise nicht aus der Bibel ableiten lässt, hätten wir den lehramtlichen Beweis für partim-partim. Vielleicht irre ich mich aber und materielle Suffizienz ist die richtige Lehre. Nichtsdestotrotz lade ich jeden Protestanten ein, die rein biblischen Erklärungen der katholischen Dogmen in diesem Buch zu lesen und zu überprüfen, ob materielle Suffizienz, das katholische Sola Scriptura sozusagen, nicht die viel vernünftigere Herangehensweise an die Bibel ist als das protestantische Sola beziehungsweise Solo Scriptura.
Wir können also festhalten: Es ist offensichtlich, dass es nicht nur schlechte, menschengemachte Traditionen gibt, sondern dass manche Traditionen, genau wie die Bibel auch, nicht reines Menschenwort sind, sondern zu befolgendes und zu bewahrendes Gotteswort. Eine bestimmte Tradition, die sich vor allem dadurch auszeichnet, dass sie nicht in der Bibel steht, ist laut Bibel also gut und ebenfalls Wort Gottes.
Die Scriptura lehrt selbst nicht das SOLA in Sola Scriptura
Die Heilige Schrift lehrt gewiss, dass sie höchste Autorität hat, gerade weil sie ja auch Wort Gottes ist. Aber nirgendwo lehrt die Schrift, dass sie alleine Wort Gottes ist und somit alleine die höchste Autorität ist. Die meisten Stellen, die für Sola Scriptura ins Feld geführt werden, belegen nämlich nur genau das: Die Schrift hat göttliche Autorität. Das werden wir Katholiken niemals bestreiten. Doch diese Verse für Sola Scriptura sind irrelevant und belegen dieses Prinzip nicht. Lass uns gemeinsam die wichtigsten Verse untersuchen, die laut protestantischen Apologeten angeblich Sola Scriptura lehren:
2. Timotheus 3,16-17
„Alle Schrift ist von Gott eingegeben und nützlich zur Belehrung, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, damit der Mensch Gottes ganz zubereitet sei, zu jedem guten Werk völlig ausgerüstet.”
Diese Stelle ist die wohl bekannteste Stelle, die immer wieder zitiert wird, wenn es um Sola Scriptura geht. Viele Protestanten meinen hiermit ein Killer-Argument zu haben. Wie wir jedoch noch sehen werden, ist dieser Vers jedoch viel eher ein Sola Scriptura Killer.
Betrachten wir den Vers einmal nüchtern. Es steht hier nicht, dass die Schrift perfekt ist, sondern nur nützlich. Im Griechischen steht das eher schwache Wort „ophelimos“, welches „nützlich“ bedeutet. Wenn die Schrift aber nützlich ist, den Mensch Gottes ganz zuzubereiten, dann schließt das erst einmal nicht aus, dass es noch andere nützliche Bedingungen gibt, wie z.B. die Tradition. Ja, es wird noch nicht einmal ausgesagt, dass die Schrift notwendig oder hinreichend ist. Sie mag eine wichtige Zutat sein, vielleicht sogar die Wichtigste. Dies bestätigt aber nicht Sola Scriptura. Denn wenn beispielsweise die Tradition oder das Lehramt auch eine notwendige Bedingung darstellen, dann ist Sola Scriptura widerlegt. Und es ist naheliegend, dass wir tatsächlich mehr als nur die Schrift brauchen. Immerhin besteht die Waffenrüstung Gottes in Epheser 6 auch aus mehr als nur dem Schwert.
Doch wenden wir mal dieselbe Logik, mit der 2. Timotheus 3,16-17 für Sola Scriptura missbraucht wird auf 2. Timotheus 2,21 an. Dann könnten wir nur ein Kapitel vorher bereits die “Sola Reinigung” Lehre vertreten. Die Aussage ist nämlich fast dieselbe: „Wenn nun jemand sich von solchen reinigt, wird er ein Gefäß zur Ehre sein, geheiligt und dem Hausherrn nützlich, zu jedem guten Werk zubereitet.” Wir haben also zwei Kandidaten, die uns zur jedem guten Werk ausstatten: Einmal die Schrift und einmal die Reinigung.
Auch Jakobus 1,4 könnte ich auf ähnliche Weise dazu missbrauchen um „Sola standhaftes Ausharren“ zu lehren: „Das standhafte Ausharren aber soll ein vollkommenes Werk haben, damit ihr vollkommen und vollständig seid und es euch an nichts mangelt”. Es werden hier sogar noch stärkere Worte im Griechischen verwendet als in 2. Timotheus 3,16-17.
Wir sehen also, so absolut kann 2. Timotheus 3,16-17 gar nicht gemeint sein, wenn auch noch andere Dinge den Menschen auszurüsten vermögen. Wenn überhaupt, dann würde diese Stelle also maximal lehren, dass die Bibel ausreichend ist, aber nicht, dass die Bibel die einzige Quelle der Wahrheit ist. Sie liefert eben genug wahres Material.
Wörter wie „alle“ und „ganz“ und „jeder“ sind nicht immer als absolute Angaben zu verstehen, sondern sind ein Stilmittel, um einen Punkt zu unterstreichen. So hat Gott am Kreuz auch nicht Satan mit sich selbst versöhnt, obwohl es in Kolosser 1,20 ganz klar heißt: „und durch ihn alles mit sich selbst zu versöhnen, indem er Frieden machte durch das Blut seines Kreuzes — durch ihn, sowohl was auf Erden als auch was im Himmel ist.” Wir können aus 2. Timotheus 3,16-17 lernen, dass die Bibel wirklich sehr nützlich ist, aber natürlich nicht im absoluten Sinne!
Die Bibel bleibt immer noch ein Buch und kann für uns einige Dinge nicht übernehmen, die trotzdem notwendig sind für jedes gute Werk. So müssen wir uns als Menschen weiterhin ganz persönlich die Arbeit machen, die Bibel zu interpretieren. Nehmen wir z.B. den Missionsbefehl, dass wir die ganze Welt evangelisieren sollen. Für wen gilt er, was beinhaltet er und wann, wo als auch wie oft sollen wir denn missionieren? Oder was ist mit der Anwendung des interpretierten Textes? Ich muss das Interpretierte schließlich auch irgendwie im Kontext meines Lebens sinnvoll anwenden, damit daraus tatsächlich gute Werke erwachsen. Was gilt in meiner Lebenssituation? Soll ich persönlich missionieren? Wo genau? Die ganze Welt? Ja, aber wo soll ich konkret anfangen? Oder soll ich lieber an Missionare spenden? Wie soll ich konkret missionieren? Soll ich eine Webseite betreiben oder Straßenprediger werden? Die Bibel gibt uns nur die Ausrüstung an die Hand. Wir brauchen aber auch die Tradition, um sie richtig anwenden zu können. Letztlich muss ich auch ins Handeln kommen. Die beste Theorie bringt mir nichts, wenn ich sie nicht in die Tat umsetze. Die Bibel kann hier nur meine Motivation und Anweisung sein. Die Taten muss ich aber selbst ausführen. Zwar leugnet das 2. Timotheus 3,16-17 nicht, aber es sollte unbedingt auch gesagt werden, um beispielsweise einer Sola Fide Mentalität entgegenzuwirken.
Die Schrift rüstet den Mensch Gottes aus, damit er komplett ausgerüstet wird. Das heißt aber nicht, dass die Schrift an sich auch komplett ausgerüstet ist. Das wäre eine Spekulation und keine gute Exegese unserer Bibelstelle. Denn die Schrift könnte den Menschen laut der Stelle auch nur in seiner Ausrüstung vollenden, aber ihm nicht alles geben, was es zu geben gibt. Das steht da nicht im Text. Es ist einfach eine Annahme, die von Sola Scriptura Vertretern in den Text hineingelesen wird.
Nehmen wir dazu mal ein analoges Beispiel: Wenn ich für eine Bergwanderung nur noch Wanderschuhe brauche, dann kann es sein, dass ein Schuhgeschäft mich ganz zubereitet, zu jeder Bergwanderung völlig ausgerüstet zu sein. Das ist eine wahre Aussage. Aber es unterschlägt jedoch, dass ich den Rucksack, die Wanderstöcke und ausreichend Trinken schon als Grundbasis hatte und zuvor woanders eingekauft habe.
Wenn die Schrift mich also bloß komplettieren würde, dann setzt es voraus, dass ich schon beispielsweise eine mündliche Tradition habe, auf der sie ansetzen kann. Aber auch ganz banale Dinge muss ich ja schon vorher wissen. Ich muss die Sprache meiner Bibel verstehen können. Ich muss wissen, was ein Baum ist, wenn die Bibel auf den ersten Seiten bereits über Bäume im Garten Eden redet, es aber nicht vorher definiert. Kurzum: Ich muss ein Minimum an Bildung mitbringen, damit die Schrift mich ausrüsten kann.
Vielleicht muss ich generell eine gewisse christliche Bildung mitbringen, damit die Schrift mich wirklich vollständig ausrüsten kann. In unserem Vers steckt aber noch eine weitere Voraussetzung drinnen, die, je nach Auslegung, tatsächlich ein Mindestmaß an christlicher Bildung impliziert. 2. Timotheus 3,16-17 spricht nämlich vom Mensch Gottes, der durch die Schrift zubereitet wird. Aber wie wird man überhaupt ein Mensch Gottes, ohne die Schrift vorher zu kennen? Was ist genau mit Mensch Gottes gemeint? So jemand fällt ja nicht vom Himmel! Diese Frage ist sehr relevant, denn die Schrift kommt ja hier hinzu, um den Mensch Gottes weiterzuführen, wie die Bibelstelle aussagt. Es setzt aber schon voraus, dass es sich um einen Mensch Gottes handelt und keinen gewöhnlichen Menschen. Dieser Mensch Gottes wird jetzt durch die Schrift nur noch, wie bereits gesagt, komplettiert.
Bevor wir jedoch die Frage klären, was der Mensch Gottes ist, müssen wir festhalten, dass der Mensch auf irgendeine Weise Mensch Gottes wurde, bevor die Schrift hinzu kam. Das zeigt, dass es eben mehr braucht als nur die Schrift. Diese kann dann an dieses “mehr” andocken und darauf aufbauen. Was bedarf es vor dem Hinzukommen der Schrift, um solch ein Mensch Gottes zu werden? Was auch immer es ist, ob Kirche, Tradition, Katechese etc., es spricht gegen Sola Scriptura.
Was ist nun der Mensch Gottes? Wie können wir die Auslegung ausschließen, dass es sich beim Terminus „Mensch Gottes“ um beispielsweise einen Kleriker handelt? Immerhin ist der 2. Timotheusbrief eine Anleitung für Timotheus, um ihn in seinem klerikalen Dienst auszubilden. Vielleicht gilt die Aussage dieses Pastoralbriefes von Paulus nur für Leute wie Timotheus und nicht für Laien. Von der Hand zu weisen ist diese Auslegung aufgrund des Kontextes und Adressaten erst einmal nicht. Wenn dies oder Ähnliches jedoch der Fall ist, dann können wir Sola Scriptura abhaken. Dann würde Sola Scriptura maximal für Priester gelten.
Wer auch immer mit “Mensch Gottes” gemeint ist, es ist klar, dass man sich erst einmal dafür auf irgendeine Art und Weise qualifizieren muss. Vorher darf man diesen Vers nicht für sich in Anspruch nehmen. Jemand, der aber bisher gar keine Lehre erhalten hat, ist wohl kaum ein Mensch Gottes! Deswegen lehrt die Bibelstelle, dass man durch die Schrift komplett wird, aber erst einmal eine Grundbasis braucht. Eine Analogie dazu wäre: „Meine Fernbedienung ist vom TV-Hersteller und nützlich, um den Fernseher einzuschalten, den Sender umzuschalten und die Lautstärke zu regulieren, damit der Mensch des Feierabends ganz zubereitet sei, ausgestattet für ein ganzes Wochenende Bundesliga.” Heißt das, dass der TV-Hersteller nur Fernbedienungen herstellt und es nur an Fernbedienungen bedarf? Nein! Und auf ähnliche Weise bedarf es nicht nur der Schrift, auch wenn diese uns komplett zu machen vermag.
Wir haben also gesehen, dass 2. Timotheus 3,16-17 sicherlich alles lehrt, nur nicht Sola Scriptura. Wir hätten uns aber auch den ganzen Aufwand sparen können, wenn wir uns einfach nur den Vers zuvor angeschaut hätten. In Vers 15 steht nämlich: „und weil du von Kindheit an die heiligen Schriften kennst, welche die Kraft haben, dich weise zu machen zur Errettung durch den Glauben, der in Christus Jesus ist.” Der Kontext redet also nur vom Alten Testament. Das sind die Schriften, die Timotheus von Kindheit an kennen konnte. Das Argument für Sola Scriptura geht also nach hinten los. Maximal könnte man Sola Altes Testament belegen.
Gilt aber einmal Sola Altes Testament, dann kann man das nicht mehr in Sola Altes Testament und Neues Testament umwandeln, ohne gegen Sola Altes Testament zu verstoßen.
Auch müsste man dann fragen, ob der 2. Timotheusbrief überhaupt Teil der Bibel ist. Denn Paulus schreibt ja diese Wahrheit mit seiner Feder, als Timotheus noch gar nichts von dem 2. Timotheusbrief gehört hat. Und man müsste an dieser Stelle auch sofort den Bibelkanon schließen, wenn man 2. Timotheus 3,16-17 nicht als Zukunftsprophetie auslegen will. Und als Prophetie kann man es nicht auslegen, denn es muss immer auch eine konkrete Anwendung für den Adressaten Timotheus gehabt haben! Und die konkrete Anwendung würde hier, wie gezeigt, deutlich aussagen, dass das Alte Testament völlig ausreicht. Das kann nicht im Sinne der protestantischen Apologeten sein, die diese Stelle gerne oberflächlich verwenden.
Apostelgeschichte 17,11
„Diese aber waren edler gesinnt als die in Thessalonich und nahmen das Wort mit aller Bereitwilligkeit auf; und sie forschten täglich in der Schrift, ob es sich so verhalte.”
Mit dieser Stelle wird von protestantischer Seite häufig suggeriert, dass die Beröer Sola Scriptura praktizierten und dafür edel genannt werden. Oberflächlich betrachtet sieht dies tatsächlich so aus.
Die Tatsache aber, dass die Beröer mit den Thessalonichern verglichen werden, deutet darauf hin, dass das edle Verhalten der Beröer etwas mit dem schlechten Verhalten der Thessalonicher zu tun hat. Die Thessalonicher haben einen Aufstand geübt. Natürlich ist es auch eine gute Eigenschaft, dass die Beröer alles prüften, aber im Text geht es um das verhältnismäßig bessere Verhalten und nicht darum, dass das Verhalten der Beröer ideal ist. Sie haben das apostolische Wort bereitwillig aufgenommen. Das macht sie edel. Die Thessalonicher haben einen Aufstand gemacht, weshalb sie nicht edel sind.
Es ist dennoch zu sagen: Ja, es ist gut, alles anhand der Schrift zu prüfen. Dieses Verhalten ist aber noch meilenweit davon entfernt, Sola Scriptura abzubilden. Nur weil es sinnvoll ist, Lehren anhand der Schrift zu prüfen, heißt dies aber noch lange nicht, dass die Schrift die einzige und höchste Autorität der Beröer war, noch dass sie unsere zu sein hat. Sie sind eben besser als die Thessalonicher, die das Offensichtliche in der Schrift einfach nicht wahrhaben wollten und sich für den Unglauben und den Aufstand entschieden. Das macht die Beröer noch nicht zu puritanischen Evangelikalen.
Im Gegenteil, die Beröer waren Juden. Allein diese Tatsache, dass sie noch nicht Christen waren, macht es nur verständlich, dass sie erst einmal alles anhand der Schriften prüfen, bevor sie sich auf apostolische Autorität verlassen. Im Übrigen sollten die Apostel auch für Protestanten Autorität haben! Wenn ein Apostel heute leben würde, hätte er die gleiche Autorität wie die Schrift und man dürfte die Schrift nicht gegen ihn ausspielen. Protestanten, die diese Stelle anführen, lassen es so aussehen, als ob die apostolische Autorität eine andere sei als die Autorität ihrer Schriften. Nein, beide sind letztlich von Gott eingesetzt und bestätigt. Würden die Beröer hier tatsächlich der protestantischen Auslegung entsprechend reagieren, so würden sie die Apostel verwerfen, da sie nicht die Beschneidung lehren, die vom Alten Testament allein gesehen eigentlich verbindlich wäre.
Und letztlich müssen wir hier auch erkennen, dass es nur logisch ist, dass die Beröer, ob Juden oder nicht, die Argumente von Paulus an der Schrift prüften, „ob es sich so verhalte“. Denn Paulus bringt Schriftargumente. Selbst wenn die Beröer nichts von der Schrift gehalten hätten, so hätten sie dennoch alles in der Originalquelle prüfen müssen, allein schon, um die Argumente des Apostels ernst zu nehmen. Das gebietet sogar die intellektuelle Höflichkeit einer Debatte. Ich würde in einer Debatte mit einem Moslem auch alle Koranzitate erst einmal prüfen und gucken, ob mein muslimischer Gesprächspartner richtig zitiert und argumentiert. Das macht mich weder zum Moslem noch ändert dies etwas an meiner ablehnenden Sicht auf den Koran.
Hätte Paulus nicht zu jüdischen Beröern gesprochen, sondern zu heidnischen Athenern, wäre er auf deren pagane Götterwelt und ihre Philosophen eingegangen (vgl. Apostelgeschichte 17,23; 17,28). Hätten diese Heiden dann die Argumente des Paulus geprüft, wäre das auch lobenswert gewesen. Das ist noch keine Gutheißung der griechischen Philosophen und Götterwelt, sondern der offenen und dennoch kritischen Herangehensweise der Diskussionspartner. Nur weil also die Beröer als gute Juden die jüdischen Quellen prüfen, nachdem sie Argumente aus eben diesen gehört haben, macht es diese noch längst nicht zu Sola Scriptura Vertretern.
1. Korinther 4,6
„Das aber, meine Brüder, habe ich auf mich und Apollos bezogen um euretwillen, damit ihr an uns lernt, in eurem Denken nicht über das hinauszugehen, was geschrieben steht, damit ihr euch nicht für den einen auf Kosten des anderen aufbläht.”
Protestantische Apologeten sehen in der Phrase “nicht über das hinausgehen, was geschrieben steht“ einen Beleg für Sola Scriptura. Immerhin besagt Sola Scriptura, dass wir nur das annehmen sollen, was geschrieben steht, und in unserer Lehre nicht darüber hinausgehen dürfen.
Doch wie selbst protestantische Kommentatoren zugeben, ist dieser Vers einer der schwierigsten Stellen im Neuen Testament. Es wurden zahlreiche Interpretationsmöglichkeiten vorgeschlagen. Eine Auslegung besagt zum Beispiel, dass es sich hierbei um eine rabbinische Tradition handelt. Wenn sich dieser Vers auf eine rabbinische Tradition bezieht, dann ist es jedoch selbstwiderlegend für Sola Scriptura, wenn Paulus nicht einmal einen alttestamentlichen Vers als Beleg anführen kann, sondern auf außerbiblische Traditionen zurückgreifen muss, um für Sola Scriptura zu argumentieren. Nach dieser Sola Scriptura Auslegung dieser Stelle müsste ja die Schrift selbst hier gegen Sola Scriptura verstoßen. Auch würde sich die Schrift beispielsweise ab Judas 1,14 nicht mehr an ihre eigenen Vorgaben halten, da sie dort das außerbiblische Buch Henoch zitiert.
Paulus selbst scheint sich außerdem auch nicht an seine eigenen Ratschläge zu halten, da er ja weiterhin ständig neue Bibelbücher produziert. Würde man 1. Korinther 4,6 tatsächlich so verstehen, dass dieser Vers Sola Scriptura lehren wollte, dann muss man auch konsequent sein und alle späteren Briefe, wie beispielsweise 2. Korinther, aus dem Bibelkanon werfen. Immerhin dürfen wir ja nichts mehr zur Bibel hinzufügen in unserem Denken und sei es nur ein neueres Bibelbuch. Wir müssen hier nämlich bedenken, dass die Bedeutung von 1. Korinther 4,6 sich nicht verändert haben kann. Als also die Korinther diesen Brief erhalten haben, musste er sofort Gültigkeit gehabt haben. Sie hätten spätestens von da an Sola Scriptura Vertreter werden und jeden weiteren Paulusbrief ablehnen müssen.
Das ganze Verhalten des Apostels Paulus gibt aber ein Zeugnis dagegen, dass er hier wirklich Sola Scriptura gelehrt und geglaubt hätte. In 1. Thessalonicher 2,13 oder 2. Thessalonicher 2,15 geht Paulus selbst über die Schrift hinaus, indem er auf mündliche Tradition pocht. Auch zitiert Paulus in Apostelgeschichte 20,35 ein Herrenwort, was nirgendwo in den Evangelien zu finden ist. Und auch beim Alten Testament geht Paulus über das hinaus, was geschrieben steht. So erwähnt er in 2. Timotheus 3,8 die Namen der Zauberer des Pharaos, die jedoch im Alten Testament nicht überliefert sind.
Aber um was geht es Paulus dann in unserem Vers, wenn er schreibt, dass wir nicht über das hinausgehen sollen, was geschrieben steht? Der Kontext von 1. Korinther legt nahe, dass es Paulus um das Thema Gottes- vs. Menschenweisheit geht. Immerhin zitiert er im unmittelbaren Kontext 6-mal das Alte Testament zu diesem Thema (1. Korinther 1,9; 1,31; 2,9; 3,19-20).
Der Vers sagt außerdem, dass man sich nicht aufblähen soll. Und genau über das hat Paulus geschrieben und hat dafür das Alte Testament zitiert. Kann es also sein, dass wir einfach beim Thema des Aufblähens nicht über das hinausgehen sollen, was Paulus Thema geschrieben und zitiert hat, was also im bisherigen Brief „geschrieben steht“? Kann es sein, dass es Paulus nicht um die gesamte Bibel in diesem Kontext geht, sondern lediglich um die ersten vier vorangehenden Kapitel des Korintherbriefes? Man beachte hierzu auch, dass es heißt “was geschrieben steht” und nicht “die Schrift”. Paulus redet also nicht von der Schrift per se, sondern von seinen bereits geschriebenen vier Kapiteln.
Kurz gesagt: Der Kontext macht klar, dass Paulus meint, dass wir nicht über das hinausgehen sollen, was die Schrift über Stolz lehrt. Dass man sich auf die göttliche Weisheit berufen soll und nicht auf rein menschliche Hochmut-Weisheiten.
Markus 7,5-13
„Daraufhin fragten ihn die Pharisäer und Schriftgelehrten: Warum wandeln deine Jünger nicht nach der Überlieferung der Alten, sondern essen das Brot mit ungewaschenen Händen? Er aber antwortete und sprach zu ihnen: Trefflich hat Jesaja von euch Heuchlern geweissagt, wie geschrieben steht: »Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, doch ihr Herz ist fern von mir. Vergeblich aber verehren sie mich, weil sie Lehren vortragen, die Menschengebote sind.« Denn ihr verlasst das Gebot Gottes und haltet die Überlieferung der Menschen ein, Waschungen von Krügen und Bechern; und viele andere ähnliche Dinge tut ihr. Und er sprach zu ihnen: Trefflich verwerft ihr das Gebot Gottes, um eure Überlieferung festzuhalten. Denn Mose hat gesagt: »Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren!«, und: »Wer Vater oder Mutter flucht, der soll des Todes sterben!« Ihr aber lehrt [so]: Wenn jemand zum Vater oder zur Mutter spricht: »Korban«, das heißt zur Weihegabe ist bestimmt, was dir von mir zugutekommen sollte!, dann gestattet ihr ihm auch fortan nicht mehr, irgendetwas für seinen Vater oder seine Mutter zu tun; und so hebt ihr mit eurer Überlieferung, die ihr weitergegeben habt, das Wort Gottes auf; und viele ähnliche Dinge tut ihr.“
In diesem Text werden keineswegs Traditionen per se kritisiert, wie es manche protestantischen Apologeten gerne darstellen. Es geht in dem Text um Scheinheiligkeit und die falsche Herzenshaltung. Wenn man es wollte, könnte man hier maximal sagen, dass Jesus schlechte Traditionen kritisiert. Es gibt aber auch gute Traditionen, wie in diesem Buch zur Genüge belegt wurde (vgl. 1. Korinther 11,2; 2. Thessalonicher 2,15) – teilweise sogar von Gott gegeben. Traditionen, selbst wenn es apostolische Traditionen sind, dürfen nicht gegen die Schrift ausgespielt werden und umgekehrt. Das ist das Problem, was Jesus bei den Pharisäern kritisiert hat. Es wird hier also die heuchlerische Praxis der Juden kritisiert, nicht ihre theologischen Positionen per se.
Die Heilige Tradition gegen die Heilige Schrift auszuspielen, wäre wie einzelne biblische Bücher gegeneinander auszuspielen. Sowohl die apostolische Tradition als auch die Bibel sind beide Wort Gottes. Wort Gottes kann nicht anderem Wort Gottes widersprechen. Es ist unsere Aufgabe, es in unserem Leben zu einer harmonisierten Anwendung zu bringen und nicht eines von beiden zu verwerfen.
Die Scriptura lehrt selbst nicht die SCRIPTURA in Sola Scriptura
Genau wie die Bibel zum Sola-Teil von Sola Scriptura schweigt, lässt sie uns auch im Unklaren darüber, was die Scriptura ist. Natürlich haben wir alle ein Begriff davon, was die Heilige Schrift ist. Mit dieser provokanten Überschrift meine ich jedoch, dass die Bibel uns selbst nichts über ihren Umfang aussagt. Es geht mir hier um die sogenannte Kanon-Frage. Siehe dazu auch das eigene Kapitel. Dort werden wir im Detail auf die Kanon-Frage eingehen. Hier geht es mir nur darum, darauf hinzuweisen, dass egal, was wir über den Kanon denken, die Schrift uns darüber zumindest im Unklaren lässt. Wir können sicherlich alle möglichen Autoritäten bezüglich des Kanons konsultieren, aber die laut Sola Scriptura höchste Autorität für alle Glaubensfragen, hat uns zu dieser fundamentalen Glaubensfrage nichts zu sagen. Hier beißt sich die Katze selbst in den Schwanz.
Der berühmte reformierte amerikanische Theologe R.C. Sproul hat es sinngemäß einmal so ausgedrückt: Protestanten haben eine fehlbare Liste unfehlbarer Bücher. Wir können es auch noch plakativer ausdrücken: Die Bibel hat kein inspiriertes Inhaltsverzeichnis.
Man könnte zwar postulieren, dass es ein solches unfehlbares Verzeichnis (Kanon) gibt, aber wir können es mit der Schrift alleine nicht erkennen. Somit wäre es laut Sola Scriptura ein fehlbares und somit fragwürdiges Unterfangen, denn nur die Schrift ist wirklich unfehlbar. Wenn aber mein Kanon fehlerhaft sein könnte, kann ich nie mit Gewissheit aus der Bibel argumentieren, denn ich weiß schließlich nie, ob mein Vers in einem inspirierten Buch des Kanons steht oder ob dieses Buch in Wirklichkeit gar nicht zur Bibel gehört.
Das Problem der Textkritik
Ich gestatte mir an dieser Stelle eine Vorbemerkung, damit ich nicht fälschlicherweise als theologisch liberal eingeordnet werde:
Als frommer Katholik glaube ich natürlich, dass die Bibel das unfehlbare und irrtumslose Wort Gottes ist. Sie ist inspiriert bis in den kleinsten Buchstaben. Das heißt aber nicht, dass es keine Fehler in bestimmten Handschriften der Bibel geben kann. Gott hat niemals gesagt, dass jede Abschrift automatisch fehlerfrei ist. Wer das glaubt, kann ja mal die Probe machen und den kurzen Judasbrief abschreiben und ein paar Fehler einbauen. Wenn das funktioniert, dann sollte klar sein, was allen vernünftigen Menschen ohnehin schon bewusst war: Jede verbreitete altertümliche Schrift – auch der Koran, der sogar durch Verbrennen falscher Schriften redigiert wurde – weist heutzutage verschiedene Textvarianten auf. Während sich jedoch der Protestant (oder der Moslem in Bezug auf den Islam) auf die fehlbare Wissenschaft der Textkritik verlassen muss, um das Original seiner Heiligen Schrift von fehlerhaften Schriften unterscheiden zu können, hat der Katholik immer noch das von Gott geleitete unfehlbare Lehramt, was aus textlichen Abweichungen resultierende doktrinelle Probleme im Zweifelsfall klären kann.
Soweit dazu in Kürze. Kommen wir nun ausführlich zum Problem der Textkritik für Sola Scriptura:
Dasselbe Problem, was in der Frage des Kanons bei Sola Scriptura auftritt, haben wir auch in den Fragen der Textkritik. Textkritik nennt sich die bibelwissenschaftliche Disziplin, die untersucht, ob ein bestimmter Vers oder ein bestimmtes Wort im Urtext der Bibel stand. Wenn mir die Bibel also nichts darüber aussagt, ob ein bestimmtes biblisches Buch wirklich in die Bibel gehört, so kann sie mir natürlich auch nicht für jeden Vers oder jedes Wort garantieren, ob es ursprünglich im inspirierten Text stand.
Allein die Vorstellung wäre auch etwas merkwürdig. Es müsste quasi hinter jedem Satz, ja sogar hinter jedem Wort, ein Hinweis stehen, dass dieses Wort inspiriert ist. Und selbst dann stellt sich ja noch die Frage, ob dieser Hinweis und von mir aus auch der Hinweis zum Hinweis inspiriert ist. Kurzum: Auf der Metaebene gibt es keine Garantie dafür, ob etwas inspiriert und unfehlbar ist.
Leider ist Textkritik eine Notwendigkeit, selbst wenn man nicht viel von dieser Disziplin hält. Selbst wenn ich mich weigere, Textkritik zu betreiben, treffe ich bereits textkritische Entscheidungen. Meine textkritische Methode wäre nämlich dann: Ich akzeptiere einfach jeden Bibeltext, der mir als Bibeltext vorgelegt wird und hinterfrage nichts. Für welche Herangehensweise man sich auch entscheidet, das Problem bleibt bestehen. Die Bibel sagt mir nicht, was die Bibel ist.
Während die katholische Kirche mit ihrer reichen Tradition, den Auslegungen der Kirchenväter und dem unfehlbaren Lehramt nicht so stark von der Bibel abhängig ist, sondern im Zweifelsfall auch wie in den ersten Jahrzehnten komplett ohne Bibel agieren und auskommen könnte, verharrt der Protestant immer in einer latenten Ungewissheit darüber, was überhaupt Wort Gottes ist. Und nein, dies ist keine rein akademische Frage, da sie ganz praktische Konsequenzen hat. So ist zum Beispiel der sogenannte westliche Text der Apostelgeschichte 8,5% länger als der alexandrinische Text. Wer schon einmal die Apostelgeschichte gelesen hat, weiß, dass es sich über ein Dutzend Seiten handelt.
Ich weiß, dass viele protestantische Apologeten in der Apologetik gegen Muslime und Atheisten gerne behaupten, dass die textkritischen Unterschiede nur geringfügig sind und sowieso keine Lehrfragen berühren, sondern meist die Rechtschreibung oder Reihenfolge bestimmter Worte betreffen. Es ist wahr, dass die Unterschiede geringfügig sind, an manchen Stellen berühren sie jedoch durchaus Lehrfragen. Ich zeige dies nicht auf, um Dich zu beunruhigen, sondern ich zeige dies auf, weil es zum einen die Wahrheit ist und weil es zum anderen nur Sola Scriptura bedroht. Als Katholiken sind wir davon weniger betroffen. Wir sehen uns nicht so sehr als Buchreligion, sondern als eine Gemeinschaft der Heiligen, die von einem persönlichen Gott durch die Jahrtausende geleitet wird. Alles, was wir glauben und wissen müssen, können wir auch ohne die Bibel erfahren. Unser Glaube baut nicht in erster Linie auf der Bibel, sondern auf Gott und Seinem lebendigen Wort, was uns auf verschiedene Weisen vermittelt werden kann. Wenn Du also an dieser Stelle in Glaubenszweifel gerätst, so lass Dir gesagt sein, dass dies an Deinem Sola Scriptura Mindset liegt und dass es in der katholischen Theologie dafür Lösungen gibt.
Schauen wir uns also einmal ein paar Stellen an, die textkritisch umstritten sind, und zudem Einfluss auf die Lehre nehmen. Dabei ist es irrelevant, wie wir persönlich zu diesen theologischen Implikationen stehen. Tatsache ist, dass diese Schlüsse von irgendjemandem gezogen werden, und sie basieren auf bestimmten Text-Varianten.
Das prominenteste Beispiel ist sicherlich der lange Markus-Schluss. Nicht nur hat Markus 16,17-18 interessante Implikationen für die charismatische Theologie, sondern Markus 16,16 ist auch relevant für das Heil. Das „und“ kann hier exklusiv oder inklusiv gedeutet werden. Das heißt, dass entweder der Glaube die einzige Bedingung ist, die erfüllt werden muss, oder dass beide Bedingungen, Glaube und Taufe, erfüllt sein müssen, um gerettet zu werden. Mehr dazu im Kapitel über die Taufe. Diese ganzen Verse würden im kurzen Markus-Schluss fehlen.
Ein anderes bekanntes Beispiel, was auch die Tauflehre beeinflusst, ist Apostelgeschichte 8,37: „Da sprach Philippus: Wenn du von ganzem Herzen glaubst, so ist es erlaubt! Er antwortete und sprach: Ich glaube, dass Jesus Christus der Sohn Gottes ist!” Baptisten argumentieren mit diesem Vers, der in manchen Handschriften nicht vorhanden ist, dass die Taufe nur erlaubt sei, wenn man als Erwachsener den Glauben haben und bekennen kann. Ist dieser Vers jedoch nicht biblisch, fällt dieses Argument der Baptisten weg.
Ein weiteres Beispiel ist Epheser 1,14, das sich je nach textkritischer Entscheidung von der Bedeutung ändert. Ich zitiere ab Vers 13: „… in ihm seid auch ihr zum Glauben gekommen und versiegelt worden mit dem Heiligen Geist der Verheißung, der die Anzahlung unseres Erbes ist bis zur Erlösung des Eigentums, zum Lob seiner Herrlichkeit.” Oder auf Griechisch: “ὅς [oder: ὅ] ἐστιν ἀρραβὼν τῆς κληρονομίας ἡμῶν, εἰς ἀπολύτρωσιν τῆς περιποιήσεως, εἰς ἔπαινον τῆς δόξης αὐτοῦ.” Das ὅς würde die Anzahlung auf den Glauben beziehen und nicht auf den Heiligen Geist, was Auswirkungen auf die Notwendigkeit von Werken haben könnte. Denn wenn der Glauben nur eine Anzahlung für die Erlösung ist, dann müssen auch Werke folgen. Denn dann reicht der Glaube allein scheinbar nicht aus.
Interessant ist auch Lukas 2,14: „Herrlichkeit ist bei Gott in der Höhe und Friede auf Erden, und unter den Menschen Gottes Wohlgefallen!” Oder wieder auf Griechisch: “Δόξα ἐν ὑψίστοις θεῷ, καὶ ἐπὶ γῆς εἰρήνη· ἐν ἀνθρώποις εὐδοκία [oder: εὐδοκίας].” εὐδοκίας oder εὐδοκία ist nur ein kleiner Unterschied in der Schreibweise, aber macht einen enormen Unterschied in der Bedeutung. Es kann die Gnade Gottes oder den guten Willen des Menschen bedeuten. Bedeutet es den guten Willen des Menschen, dann kommt es synergistisch auch auf die Entscheidungen des Menschen an, ob er den Frieden Gottes erlangt. Bedeutet es die Gnade Gottes, könnte man daraus eine monergistische (nur Gott wirkt) Sola Gratia Lehre basteln, wo es nur auf die Entscheidung Gottes ankommt.
Gott sei Dank haben wir die Kirche gestiftet bekommen, die solche Probleme für uns mit Absicherung des Heiligen Geistes klären kann.
Das Problem der Charismen
Ich habe bereits erwähnt, dass ich früher als strenger Sola Scriptura Vertreter eine gewisse Abneigung gegen alles Charismatische hatte, da die charismatische Gabe der Prophetie zu einem gewissen Grad Sola Scriptura in Frage stellte. Ich war ein Vertreter des sogenannten Cessationismus, der besagt, dass solche Charismen nur in der Anfangszeit der Christenheit zur Verfügung standen und mit Abschluss des Bibelkanons wieder verschwanden. Meine damalige reformierte Gemeinde war genauso anti-charismatisch eingestellt wie ich, weshalb ich auch gerne diese Gemeinschaft besuchte. Irgendwann einmal kam ich jedoch durch mein Bibelstudium zu der Erkenntnis, dass die Lehre des Cessationismus unbiblisch ist und die Charismen auch weiterhin den Christen zur Verfügung stehen. Während mich jede Pfingstgemeinde sicherlich mit Kusshand aufgenommen hätte (siehe auch das Sola Scriptura Problem der Gemeindezucht), drohte mir nun in meiner reformierten Gemeinde der Ausschluss. Mein damaliger Ältester sagte mir mit einer gewissen Polemik sinngemäß: „Ach wenn Du doch bloß katholisch werden würdest, dann hättest Du wenigstens nur einen unfehlbaren Papst!“ Den Gefallen habe ich ihm nun getan…
Aber er hatte einen gewissen Punkt. Das Charisma der Prophetie widerspricht der Idee hinter Sola Scriptura. Wenn mir Gott etwas sagt, dann hat das für mich genauso ein Gewicht wie der Rest der Offenbarung. Dann kann ich nicht mehr von Sola Scriptura sprechen, sondern müsste sagen: Sola Revelatio. Also nicht die Schrift allein, sondern die gesamte Offenbarung Gottes allein. Diese würde dann meine Prophetie miteinschließen. So kennt das Neue Testament sogar solche Propheten, die nie im Alten Testament auftauchen (Matthäus 2,23).
Nun könnte hier aber ein Cessationist einwenden, dass der Charismatismus schlichtweg eine Irrlehre ist und es keine prophetischen Gaben mehr gibt, die Sola Scriptura widersprechen könnten. Ich möchte aber daran erinnern, dass es die Schrift selbst in Offenbarung 11,3 ist, die zwei Propheten für die Endzeit voraussagt. Würde Sola Scriptura gelten, müsste es auch in der Endzeit gelten. Das griechische Verb in diesem Vers heißt „prophetein“ und spricht für sich. In Vers 10 werden die beiden Zeugen dann noch einmal explizit Propheten genannt. Manche protestantischen Apologeten wenden hier die willkürliche und unbewiesene Behauptung ein, dass Propheten im Neuen Testament etwas anderes seien als im Alten Testament. Aber gehen wir gerne einmal davon aus, dass Prophezeiungen im Neuen Bund nur noch das Wiedergeben von biblischen Wahrheiten bedeuten würde, so sind diese Propheten dann ja immer noch göttlich inspiriert. Sonst wären sie ganz normale Ausleger ohne göttliches Charisma. Wenn sie aber inspirierte Auslegungen der Bibel bringen, was unterscheidet sie dann von einem unfehlbaren Lehramt? Gibt es aber ein unfehlbares Lehramt, so hat dies höchste Autorität, weshalb Sola Scriptura auch dann nicht gelten würde.
Das Problem der Historie
Sola Scriptura ist als christliches Prinzip historisch gesehen absolut auszuschließen. Die ersten Christen hatten keine Bibel und die ersten Generationen von Christen hatten de facto keine Bibel zur Hand, obgleich die Bibel mittlerweile geschrieben war. Und die ersten Jahrhunderte Christenheit hatten keinen Kanon der Bibel. Der Bibelkanon war bis zum 4. Jahrhundert unentschieden. Erst die Synode von Rom brachte lehramtliche Klarheit.
Zudem konnten viele Menschen und Christen bis hinein in die Neuzeit nicht lesen. Viele Christen hatten über lange Zeiträume keine Bibelübersetzung in ihrer Sprache vorhanden. Bibeln waren bis zum Buchdruck (und auch danach noch) unerschwinglich teuer für den normalen Menschen.
Es ist also nicht nur inhaltlich, sondern auch praktisch ausgeschlossen, dass Sola Scriptura als Leitprinzip für die christliche Kirche dienen sollte.
Das Problem der Historizität
Nicht nur widerspricht die Historie der Menschheit ganz praktisch diesem Sola Scriptura Prinzip, auch kennt die Kirchengeschichte kein solches Paradigma.
Die erste Kirche hat nicht auf dem Schriftprinzip agiert. Wir sehen beispielsweise im Apostelkonzil in Apostelgeschichte 15, wie sich auf Erfahrungen und göttliche Visionen berufen wird. Hätten die Apostel damals Sola Scriptura befolgt, was in diesem Fall Sola Altes Testament bedeutet hätte, so wären die Beschlüsse des Konzils sicherlich anders ausgefallen. Die Beschneidung und Speisevorschriften wären sicherlich eingefordert worden.
Die Kirchenväter haben indirekt gegen ein Sola Scriptura Prinzip gelehrt beziehungsweise Zeugnis gegeben für das Traditionsprinzip. Oft waren es stattdessen die Häretiker, die mit der Bibel alleine argumentiert haben, da die apostolische Tradition auf der Seite der Katholiken stand. Da konnten die Kirchenväter häufig mit der Bibel allein nicht durchdringen, weil die Häretiker auf ihrer Auslegung beharrten. Jedoch hatten sie die bisher immer dagewesene kirchliche Tradition als zweiten Zeugen auf ihrer Seite.
Das Sola Scriptura Prinzip ist eine Erfindung der ersten Reformatoren und wurde vorher nie geglaubt. Auch im fernen Osten kennt man dieses Prinzip nicht, obwohl es dort keinen dieser angeblichen Einflüsse und Verfolgungen durch das römische Reich oder die römische Kirche gab. So haben beispielsweise die bis zur Kolonialzeit im Westen vergessenen Thomas-Christen in Indien niemals ein Sola Scriptura Prinzip verfolgt. Sekten wie die Gnostiker und Katharer, die manchmal für das Sola Scriptura Narrativ herangezogen werden, widersprechen aber 99% aller Protestanten in den wichtigsten Doktrinen. Die Waldenser könnten schon eher als Proto-Protestanten bezeichnet werden, tauchten allerdings relativ spät in der Kirchengeschichte auf und hatten Askese-Praktiken, die modernen Protestanten sehr befremdlich vorkommen würden. Es gab zwar auch frühe Häretiker, die nur mit der Schrift argumentierten. Dies war jedoch nur deshalb der Fall, weil sie die Kirche und die Tradition nicht auf ihrer Seite hatten. Sola Scriptura als Prinzip hatten sie dennoch nicht gekannt.
Das Problem der Logik
Auch logisch ist Sola Scriptura nicht haltbar. Da die Bibel nicht vom Himmel gefallen ist, sondern von der frühen Kirche geschrieben, kopiert, geschützt und kanonisiert wurde, hat Sola Scriptura das logische Problem vom unzureichenden Grund. Denn ein Effekt kann nicht größer sein als seine Ursache. Ohne Schreiber, keinen Text. Ohne Kirche, keine Bibel. Wäre die Kirche also wirklich so früh abgefallen und häretisch geworden, wie es manche protestantischen Narrative gerne darstellen, wieso hat sie dann orthodoxe Bücher kanonisiert und nicht Bücher weg- oder hinzugenommen, die ihrer Lehre besser entsprechen?
Ist also die Bibel unfehlbar, dann muss es die Kirche auch sein (vgl. Matthäus 18,17-18), sonst bleibt die Unfehlbarkeit der Bibel fraglich. Ist die Bibel göttlich inspiriert, dann muss es auch die Kirche sein, die vom Heiligen Geist geleitet ist (vgl. Johannes 16,13). Ist die Bibel die Wahrheit, dann muss es auch die Kirche sein (vgl. 1. Timotheus 3,15).
Wieso sollten also die Schreiber der Bibel unfehlbar sein können, aber die Kirche als Gesamtheit darf nicht unfehlbar sein? Menschliches schließt Göttliches nicht aus. Das lehrt uns schon die Zweinaturenlehre Christi.
Ein Fluss kann nicht eine höhere Position erreichen als seine Quelle und ein Gebäude kann nie ohne sein Fundament bestehen. Und so ist es auch mit der Flussrichtung von Autorität. Erst kommt Gott, dann die Kirche und zuletzt die Bibel. So leitet sich göttliche Autorität korrekt ab!
Ja, die Bibel hat die Autorität von Gott, aber eben durch die Kirche. Ohne die Kirche würde sich die Frage stellen: Wer hat die Bibel geschrieben? Wer hat die Bibel kanonisiert? Man müsste für sich als Protestant hier Unfehlbarkeit postulieren, um die Kirche in diesen wichtigen Aufgaben zu ersetzen laut der logisch notwendigen Gesetzmäßigkeit vom zureichenden Grund. Wenn man aber nun zustimmt, dass es eine Kirche gegeben haben muss, die eine unfehlbare Bibel und einen unfehlbaren Kanon hervorbringt, dann gesteht man dieser Kirche höchste Autorität zu. Dann kann schwerlich Sola Scriptura gelten.
Das Problem der Auslegung und der Unklarheit der Schrift
Eine unfehlbare Bibel zu haben, ist die eine Sache. Eine ganz andere Sache ist die Auslegung. Was nützt mir die unfehlbarste Quelle der Welt, wenn ich selbst fehlbar in meiner Auslegung dieser bin? Ohne vom heiligen Geist geleitetes Lehramt ist keine unfehlbare Auslegung des unfehlbaren Bibeltextes möglich! Es ist so ähnlich wie bei dem Kanon-Problem. Unfehlbarkeit nützt mir nichts, wenn ich sie nicht unfehlbar identifizieren kann. Und Unfehlbarkeit nützt mir auch nichts, wenn ich sie nicht unfehlbar verstehen kann.
2. Petrus 1,20 schreibt: „Dabei sollt ihr vor allem das erkennen, dass keine Weissagung der Schrift von eigenmächtiger Deutung ist.” Es ist zwar auch richtig, dass keine Weissagungen von eigenmächtiger Deutung der Propheten entspringen, aber der Vers besagt vor allem, dass keine Weissagung eine eigenmächtige Deutung des Rezipienten zulässt. Das nächste Kapitel warnt auch von falschen Lehrern und Sektierern. Zwei Kapitel später warnt uns Petrus, dass die Schrift – entgegen allen Bekundungen der Protestanten – nicht klar ist. Die Schrift ist mitunter schwer zu verstehen.
2. Petrus 3,16 sagt aus: „so wie auch in allen Briefen, wo er von diesen Dingen spricht. In ihnen ist manches schwer zu verstehen, was die Unwissenden und Ungefestigten verdrehen, wie auch die übrigen Schriften, zu ihrem eigenen Verderben.” Laut Petrus ist besonders der Paulus schwer zu verstehen und scheinbar speziell, wenn es um heilsrelevante Punkte geht, sonst könnte man sie ja nicht zum “eigenen Verderben” verdrehen.
Auch der äthiopische Kämmerer bedarf der Anleitung zum richtigen Verständnis der Schrift (Apostelgeschichte 8,31). Offensichtlich kommt nicht jeder mit der angeblichen Klarheit der Schrift zurecht. So sollten viele mit der Zeit Lehrer geworden sein, haben es aber wieder nötig, dass man sie in den Grundlagen lehrt (Hebräer 5,12).
Die Auslegungsprobleme sind häufig ganz praktischer Natur. So haben wir zum einen die kulturelle Distanz. Wie können wir ausschließen, dass wir manche Sachen missverstehen? Sind nicht die Tradition und die Kirchenväter viel näher am ursprünglichen Kontext dran als jede Spekulation, die wir uns mit unserer besten Forschung selbst erarbeiten könnten? Oft fehlt uns der Kontext. Wir können beispielsweise die Gemeindesituation oft nur erahnen. Auch missachten wir oft viele Traditionen. Wir haben bereits gesehen, dass die apostolische Tradition auch Gottes Wort ist. Aber auch ganz unabhängig davon werden Texte häufig mit einem traditionellen Kontext geliefert, der uns den hermeneutischen Schlüssel und somit Zugang zum Text gibt.
Auch die sprachliche Unsicherheit bleibt groß. Trotz großer akademischer Forschung sind viele Wörter nicht abschließend deutbar. Handelt es sich beispielsweise bei den sogenannten Brüdern Jesu um biologische Brüder, Volksgenossen oder nur Verwandte? Doch das sind nicht die einzigen linguistischen Probleme. Wie schwierig es oft ist, ohne kommunizierte Betonung und Schwerpunkt auch simple Sätze korrekt zu verstehen, zeigt uns folgendes Beispiel:
“Ich habe nie gesagt, dass Du mir Geld gestohlen hast.”
Das ist auf den ersten Blick ein sehr einfach verständlicher Satz. Doch was mit diesem Satz wirklich alles gemeint sein und ausgesagt werden kann, merken wir erst, wenn wir mögliche Alternativen zur Aussage in Betracht ziehen:
- „ICH habe nie gesagt, aber du hast es gesagt!”
- „Ich HABE nie gesagt, aber ich werde es sagen!”
- „Ich habe nie GESAGT, aber geschrieben, dass…”
- „Ich habe nie gesagt, DASS, aber ich habe befohlen “du sollst …”.”
- „Ich habe nie gesagt, dass DU gestohlen hast, sondern jemand anderes!”
- „Ich habe nie gesagt, dass Du MIR Geld gestohlen hast, sondern jemand anderem!”
- „Ich habe nie gesagt, dass Du mir GELD gestohlen hast, sondern ein Fahrrad!”
- „Ich habe nie gesagt, dass Du mir Geld GESTOHLEN hast, sondern dass Du es geliehen hast!”
- „Ich habe nie gesagt, dass Du mir Geld gestohlen HAST, sondern dass Du es mir stehlen wirst!”
Eine lebendige Tradition und ein Lehramt, das auf Fragen reagieren und Antworten geben kann, ermöglicht es diese Auslegungsprobleme zu überwinden. Auch Fragen zur Tradition und vorherigen Lehramtsentscheidungen können auf diese Weise deutlicher ausgeführt werden und es kommt zu einem fruchtbaren Dialog, der das Verständnis der biblischen Lehre immer tiefer werden lässt.
Sola Scriptura führt hingegen zur Anarchie. Es gibt nicht nur einen Papst, sondern faktisch Millionen Päpste. Wäre die Bibel so klar oder würde der Heilige Geist auch in den Individuen immer zur klaren Auslegung hinarbeiten, so wie es Protestanten darstellen, dann wären Protestanten nicht so zersplittert.
Wäre Sola Scriptura wahr, dann hätte die sogenannte protestantische Reformation wirklich die Kirche zumindest mittelfristig reformiert und nicht gespalten. Die tatsächliche Praxis sieht aber wie folgt aus: Je radikaler und “bibeltreuer” sich eine protestantische Strömung gibt, desto mehr Spaltungen produziert sie. Wahre Heiligkeit würde sich auch schlechten Kirchenführern in Gottesgehorsam unterordnen und Gott die Aufgabe überlassen, dass Er unser treues Verhalten dann auch segnet und die Kirche auf den richtigen Weg zurückführt.
Das Problem der Anwendung
Gehen wir einmal davon aus, dass wir eine unfehlbare Auslegung eines Textes zur Verfügung haben. Ein weiteres Problem, das uns die Schrift nicht abnimmt, ist die unfehlbare oder zumindest korrekte Anwendung des Textes auf unser Leben.
So bleiben beispielsweise ethische Fragen zu neuen Technologien wie z.B. Gentechnik offen. Aber in der Bibel wird auch die Umsetzung von alten Geboten nicht ausreichend für die moderne Welt erklärt. Woher weiß ich beispielsweise, wann der Sabbat beginnt? Freitag bei Sonnenuntergang würde der kundige Bibelleser nun sagen. Dies mag eine befriedigende Antwort sein, wenn man in Israel lebt. Was ist aber, wenn ich an der Datumsgrenze in Kiribati lebe? Je nachdem, wo ich dort lebe, kann der Sonnenuntergang am Freitag oder noch am Donnerstag geschehen. Wenn ich auf der Donnerstag-Seite lebe, dauert es für mich nur 24 Stunden länger, bis der Sabbat beginnt.
Woher weiß ich, ob politisch gesetzte Grenzen und Definitionen von Gott so gewollt sind, insbesondere wenn sie sich eventuell sogar widersprechen? Welche menschengemachte Bestimmung hat dann Recht? Wie setze ich Gottes Gebote dann ordentlich um? Die Bibel schweigt dazu und überlässt die Lösung dieser Probleme der menschlichen Weisheit.
Das Problem der Gemeindezucht
Ich wurde mal aus einer protestantischen Gemeinde “gegangen”, weil ich eine Lehre vertreten habe, für die mich eine andere protestantische Gemeinde im selben Ort mit Kusshand aufgenommen hätte. Da es in der Praxis kaum eine Lehre gibt, die nicht von irgendeiner protestantischen Denomination gelehrt oder toleriert wird, ist es quasi unmöglich, im gesamten Protestantismus als kollektive Bewegung exkommuniziert zu werden.
Im Sola Scriptura Protestantismus wird Gemeindezucht und Kirchenautorität verunmöglicht. Zwar kann auf der lokalen Ebene exkommuniziert werden, aber eine protestantische Gemeinde hat weder geographisch umfassende noch konfessionell übergreifende Jurisdiktion. Man ist auf das Wohlwollen anderer Gemeinden angewiesen, dass sie die eigene Exkommunikation eines Mitglieds anerkennen oder überhaupt erfragen. Wenn Sola Scriptura überhaupt funktionieren sollte, bräuchte es erst einmal eine einheitliche Lehre und Kirche.
Sola Scriptura sollte eigentlich eine solche Einheit produzieren. Aber es produziert in der Praxis nur Spaltung, also genau das Umfeld, worin Sola Scriptura gar nicht funktionieren kann, wenn Kirchenzucht weiterhin möglich sein soll.
Denn die Heilige Schrift lehrt, dass die Kirche die letzte Autorität in Konflikten ist. Matthäus 18,15-18: „Wenn aber dein Bruder an dir gesündigt hat, so geh hin und weise ihn zurecht unter vier Augen. Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder gewonnen. Hört er aber nicht, so nimm noch einen oder zwei mit dir, damit jede Sache auf der Aussage von zwei oder drei Zeugen beruht. Hört er aber auf diese nicht, so sage es der Gemeinde. Hört er aber auch auf die Gemeinde nicht, so sei er für dich wie ein Heide und ein Zöllner. Wahrlich, ich sage euch: Was ihr auf Erden binden werdet, das wird im Himmel gebunden sein, und was ihr auf Erden lösen werdet, das wird im Himmel gelöst sein.”
Sünder werden in letzter Instanz von der Gemeinde gerichtet. Da aber jede Irrlehre beziehungsweise das Lehren einer Irrlehre gegenüber meinem Mitbruder eine Sünde darstellt, muss die Gemeinde auch darüber entscheiden, was eine Irrlehre ist und was nicht. Hat sie kein Lehramt, das über diese Dinge entscheidet, kann sie Sünden gegen die Lehre auch nicht bestrafen.
Wir haben in Matthäus 18 gelesen, dass das Urteil der Gemeinde verbindlich ist. Bin ich aber ein Sola Scriptura Protestant, werde ich wie ein Martin Luther im Zweifelsfall gegen den Entscheid der Gemeinde „protestieren“ und behaupten, dass das Lehramt meiner Gemeinde falsch liegt. Mir ist natürlich bewusst, dass dies der Extremfall ist. Es gibt viele demütige Protestanten, die sich auch bereitwillig korrigieren lassen und sich den Entscheidungen der Ältesten ihrer Gemeinde unterordnen würden. Aber mir geht es hier darum, ein Prinzip aufzuzeigen. Liegt es nicht in der DNA des Protestantismus gegen die Kirche zu protestieren? Und so wird es langfristig im Protestantismus immer wieder zu Abspaltungen kommen.
Die Gemeinde ist jedoch laut Bibel die Autorität über Wahrheitsfragen (1. Timotheus 3,15). Und bereits im Alten Testament war es die damalige Gemeinde-Autorität, die über „irgendeine Streitsache“ entscheiden sollte (Deuteronomium 17,8-13). Jesus selbst bestätigt sogar das jüdische Lehramt und die Tradition, weist aber nur auf deren Heuchelei hin, welche jedoch nicht vom Befolgen ihrer Richtlinien entbindet (Matthäus 23,2-3).
Die Kirche genießt den Schutz Gottes, wenn sie sich auf eine Wahrheit endgültig festlegt. Sie ist unfehlbar, denn der Heilige Geist wird sie nicht ultimativ in eine Unwahrheit leiten (Johannes 16,13). Wieso vertrauen wir Gott nicht einfach, dass Er Seine Kirche genauso gut schützen kann wie die Schrift, die doch ebenfalls von fehlbaren Menschen geschrieben wurde.
Die Kirche kann nicht von der Gegenseite überwältigt werden (Matthäus 16,18). Es war die frühe Kirche der Apostelgeschichte 15, die Probleme in einem Konzil und mit Kirchenautorität löste und nicht mit Bibelexegese. Die Fraktion der Beschneidung hatte bis dato gültige biblische Regeln hinter sich und verlor dennoch auf dem Konzil.
Das Problem der fehlenden Falsifizierbarkeit
Viele Protestanten sträuben sich dagegen anzuerkennen, dass Sola Scriptura einfach unbiblisch und unchristlich ist. Es werden allerlei philosophische Tricks angewendet, um weiterhin an Sola Scriptura festhalten zu können. Sola Scriptura wird dann praktisch nicht mehr falsifizierbar, wenn alle biblischen Argumente für Tradition und gegen Schriftmaximalismus durch philosophische Vorannahmen einfach weggewischt werden. Zwar ist eine fehlende Falsifizierbarkeit nicht unbedingt ein Problem per se, da aber nirgendwo in der Schrift Sola Scriptura verifiziert wird und es nur mit philosophischen, außerbiblischen, untraditionellen und unhistorischen Argumenten aufrechterhalten werden kann, wäre ein Falsifizierungskriterium nicht schlecht. Denn wir sollen ja alles prüfen und das Gute behalten (1. Thessalonicher 5,21). Wenn es aber nicht verifizierbar noch falsifizierbar ist, kann es nicht geprüft werden. Es müsste als unprüfbar klassifiziert werden und kann somit von Christen nicht als „gut“ befunden und dementsprechend „behalten” werden.
Ist also Sola Scriptura überhaupt falsifizierbar? Ich habe ja schon das Apostelkonzil als ein Gegenbeispiel in der Schrift genannt, wo ein Lehramt anstatt der Schrift entschieden hat. Hier könnte ein Sola Scriptura Anhänger aber sagen, dass das Apostelkonzil zumindest in der Schrift steht und somit laut inspiriertem Schreiber vom Geist geleitet wurde. Ein Konzil außerhalb der Schrift könnte also weiterhin abgelehnt werden und man könnte auf diese Weise krampfhaft an Sola Scriptura festhalten.
Oder wenn die Schrift, wie gezeigt, eine heilige apostolische Tradition bekennt, so kann der Protestant sich immer rauswinden und behaupten, dass der inspirierte Schreiber uns ja leider gar nicht mitteilt, um welche Traditionen es sich handelt. So wird aus der Sola Scriptura Mentalität ganz schnell – wie eingangs beschrieben – eine Solo Scriptura Mentalität. Wenn man jedoch so fanatisch am Sola Scriptura beziehungsweise Solo Scriptura Prinzip festhält, ist es einfach nicht mehr falsifizierbar und ist selbst eine falsche menschengemachte Tradition.
Bibelkanon
Die katholischen Bibeln sind mit 73 Büchern ganze sieben Bücher dicker als die meisten protestantischen Bibeln. Oder man könnte es auch katholisch formulieren: Den protestantischen Bibeln mangelt es häufig an sieben ganzen Büchern sowie drei Kapiteln im Buch Daniel (174 Verse) als auch sechs Kapiteln (107 Verse) im Buch Esther. Es handelt sich um die sieben Bücher Tobit, Judit, 1. Makkabäer, 2. Makkabäer, Weisheit Salomos, Sirach und das Buch Baruch, welches jedoch traditionell ein Teil vom Buch Jeremia war. Diese Bücher werden auch Deuterokanon genannt, um sie von den anderen Büchern (Protokanon) abzugrenzen. Das macht sie jedoch nicht weniger kanonisch und schon gar nicht zu Apokryphen, als welche sie häufig von Protestanten bezeichnet werden. Diese Begrifflichkeit dient zur Abgrenzung, da die Bücher des alttestamentlichen Deuterokanons zeitlich später entstanden sind als die des alttestamentlichen Protokanons. Die Grenzen sind jedoch willkürlich beziehungsweise historisch gewachsen. Theoretisch hätte man die Torah mit den fünf Büchern Moses auch Protokanon nennen können und alles, was später kam, dann Deuterokanon. Da sich aber die Debatte immer nur um jene Bücher dreht, die in den vier Jahrhunderten vor Christus entstanden, werden diese auch im vorliegenden Buch Deuterokanon genannt.
Als Protestant hörte ich einige scheinbar valide Punkte gegen den Deuterokanon und habe sie in meiner antikatholischen Haltung sofort geschluckt. Beispielsweise habe ich in meinem protestantischen Theologie-Studium gelernt, dass die Synode von Rom (382 n. Chr.) einen frühen Beleg für den NT-Kanon Kanon darstellt. Es wurde aber unterschlagen, dass es auch einen Beleg für den katholischen AT-Kanon inklusive Deuterokanon darstellt. Bei Protestanten wird auch gerne immer wieder Hieronymus als Verfechter für ihren Kanon herangezogen, aber nicht erwähnt, dass er sich der Kirchenautorität untergeordnet hat, nachdem sie eine Entscheidung für den Kanon getroffen hat. Immerhin hat Hieronymus auch die deuterokanonischen Bücher für die Vulgata übersetzt, die vom Papst in Auftrag gegeben wurde.
Wenn man jedoch nur an der Oberfläche vieler Argumente kratzt, merkt man ganz schnell, dass auf einer gründlicheren Ebene der Fall klar zu Gunsten der Katholiken entschieden werden muss. Viele protestantische Argumente basieren auf zweierlei Maß. Es wird häufig die andere Seite der Medaille verschwiegen oder man bezieht sich gerne auf eine falsche, ja sogar anti-christliche jüdische Autorität. Auch werden Meinungsverschiedenheiten der ersten Christen noch vor den Konzilsbeschlüssen als Argument herangezogen. Aber Streit kann auch für alles Mögliche herangezogen werden. So hat es ja beispielsweise auch eine Weile gedauert, bis eine saubere Christologie formuliert und dogmatisiert wurde.
Wenn man dies beachtet, lassen sich die meisten protestantischen Argumente schnell beantworten. Man sollte sich immer folgende Fragen stellen:
- Wird hier etwas Entscheidendes oder Relativierendes verschwiegen?
- Hält der protestantische Kanon diesem Maßstab stand oder kann man das Argument vielleicht sogar von nicht-christlicher Seite auf den protestantischen Kanon anwenden?
- Wieso soll eine bestimmte angeführte Autorität (für einen Protestanten) überhaupt eine Autorität haben?
Unzureichende Kriterien für Kanonizität
In der Kirchengeschichte wurden viele Kriterien vorgebracht, um den Kanon der Bibel zu bestimmen. Viele Kriterien sind einleuchtend und sicherlich nützlich. Jedoch sollten Kriterien universell anwendbar sein. Denn Kanon bedeutet so viel wie Maßstab. Wenn ich nun also Regeln habe, wie dieser Maßstab ermittelt wird, dann aber zahlreiche Ausnahmen und Anpassungen zulassen muss, dann wird mein Maßstab krumm. Mit Ausnahmen lässt sich nämlich alles rechtfertigen. Wenn mir nur ein einziger Widerspruch als Joker erlaubt wird, dann kann ich damit jede Weltanschauung begründen.
Jedes angebrachte Kriterium für den Kanon sollte also geprüft werden, ob es wirklich trägt. Trägt es nicht, so liegt ein schwaches Argument vor. Viele schlechte Argumente wiederum zählen nicht als ein gutes Argument, sondern lediglich als viele schlechte Argumente. Viele schlechte Argumente sind freilich besser als gar keine Argumente. Aber bei einer für den Sola Scriptura Protestanten so fundamentalen Frage wie der des Bibelkanons, sollten starke Sicherheiten vorliegen. Immerhin geht es bei der Heiligen Schrift um die höchste Autorität für alle Glaubens- und Lebensfragen.
Kriterium: Autorenschaft
Ein häufiges Kriterium für die Kanonizität von Bibelbüchern ist die Autorenschaft. Hier wird häufig die zeitliche Nähe des Autors zu den Ereignissen ins Feld geführt. Warum werden dann aber nicht beispielsweise der Clemensbrief oder die Petrus-Apokalypse als kanonisch angesehen? Zeitweise wurden sie es sogar mal und der Clemensbrief wurde sogar früher geschrieben als manch anderen neutestamentliche Buch. Clemens selbst wird sogar im Neuen Testament erwähnt. Oder was ist mit dem Brief von Polykarp? Er war immerhin ein Apostelschüler. Manche wenden ein, dass ein Buch von einem Apostel geschrieben sein muss. Aber was ist dann mit dem Hebräerbrief? Und wieso haben wir nur zwei Korintherbriefe, obwohl der Apostel Paulus mindestens drei geschrieben hat? Im Alten Testament wird häufig eine prophetische Autorenschaft gefordert. Aber welcher Prophet hat bitte schön die Geschichtsbücher geschrieben?
Wir sehen schnell: Auch wenn die Kriterien häufig sinnvoll erscheinen, lassen sie sich nicht konsequent befolgen, ohne unseren heutigen etablierten Kanon in Fragen stellen zu müssen.
Kriterium: Rechtgläubigkeit der Lehre
Ein weiteres vorgebrachtes Kriterium ist das der Orthodoxie des Inhaltes eines Buches. Doch hierbei handelt es sich um einen petitio principii Fehlschluss. Denn was die rechte Lehre ist, erfahren wir ja zunächst einmal aus den kanonischen Büchern – zumindest wenn wir Vertreter von Sola Scriptura fragen. Wir Katholiken können uns im Zweifelsfall noch auf die apostolische Tradition und unser vom Heiligen Geist geführtes Lehramt berufen.
Aber das Problem sollte einleuchtend sein. Was macht man beispielsweise, wenn sich lehrmäßig etwas widerspricht? Welches Buch wirft man dann aus dem Kanon und welches Buch darf man in den Kanon aufnehmen? Diese Frage stellte sich Martin Luther bezüglich des Jakobusbriefes auch, der seiner Theologie Probleme bereitete.
Würde ich hier nun beispielsweise nach einem Mehrheitsprinzip der biblischen Zeugen gehen, könnte ich so lange ganz viele Apokryphen in den Kanon importieren, die meine Lehre stützen, bis sie die Mehrheit darstellen. Alles, was meiner Lehre dann widerspricht, könnte ich dann mit Verweis auf die anderen Bücher ablehnen. Meine theologischen Gegner könnten jedoch dasselbe mit ihren Büchern machen. Wir sehen, dass Mehrheit kein Kriterium für Wahrheit sein kann. Entweder ist ein Buch kanonisch oder nicht! Wir dürfen uns und unsere theologischen Ansichten nicht zum Maßstab für die Schrift machen, wenn die Schrift unser Maßstab sein soll.
Wenn die Lehre als Kriterium für Kanonizität fungieren soll, dann bleibt der Kanon theoretisch auch für immer offen. Denn ein weiterer Korintherbrief könnte ja ebenfalls orthodox sein und irgendwann gefunden werden.
Kriterium: Christus-Zentriertheit
Dieses Kriterium war Martin Luther besonders wichtig. Sein Spektrum der Kanonizität basierte darauf, was seiner Ansicht nach „Christum treibet“. Dieses Kriterium hat aber dieselben Probleme wie das Orthodoxie-Kriterium, denn es ist dasselbe Kriterium, nur mit anderen Worten formuliert. Denn was ist nach rechtgläubigerweise wirklich Christus-zentriert? Und woher weiß ich das? Brauche ich nicht zunächst einmal die Bibel und somit den korrekten Kanon, um zu wissen, wie und wer Jesus Christus ist? Und was mache ich mit manchen alttestamentlichen Schriften, die Christus nicht lehren, ja noch nicht einmal Gott erwähnen wie die protestantische Variante von Esther?
Ist nur das Christus-zentriert, was der lutherisch-reformierten Auslegung des Römerbriefs entspricht, oder darf ich auch von Jakobus ausgehen, um zu definieren, was Christus-gemäß ist? Darf ich irgendwelche apokryphen Evangelien heranziehen, die einen Fantasie-Jesus predigen? Wer weiß, vielleicht haben die Gnostiker mit ihren ketzerischen Schriften ja doch Recht gehabt und als einzige den wahren Christus erkannt. Wir merken schnell, dass dieses Kriterium nicht unvoreingenommen ist und uns somit nicht weiterhilft, um den Kanon objektiv bestimmen zu können.
Kriterium: Referenzierungen
Häufig wird von protestantischen Apologeten ins Feld geführt, dass das Neue Testament nirgendwo den Deuterokanon referenziert. Diese These ist sehr angreifbar. So gibt es mindestens zahlreiche Anspielungen (z.B. Römer 9,21 und Weisheit 15,7), wenn nicht sogar direkte Verweise (die wichtigen Glaubenshelden Hebräer 11,35 aus 2. Makkabäer 7,14). Wörtliche Zitate gibt es in der Tat nicht. Dies trifft jedoch auch auf die protokanonischen Bücher Josua, Richter, Rut, 1. Chroniker, Esra, Nehemia, Esther, Prediger, Hohelied, Klagelieder, Obadja, Zefania und Nahum zu. Während aber der Deuterokanon zumindest Anspielungen vorweisen kann, können dies die protokanonischen Bücher Esther, Prediger und Hohelied nicht. Kein Protestant käme aber auf die Idee, jene Bücher deshalb aus dem Kanon zu tilgen.
Generell erscheint die Idee, dass bloße Referenzen irgendetwas zur Kanonizität beizutragen hätten, sehr wackelig. Denn auch das tatsächlich apokryphe Henochbuch und griechische heidnische Philosophen werden im NT referenziert. Sind diese jetzt auch als inspiriert anzuerkennen? Hiermit kommen wir auch schon zum nächsten Kriterium:
Kriterium: Anspruch auf Inspiration
Es besteht auch häufig die Vorstellung, dass kanonische Bücher sich selbst als inspiriert ansehen sollen. Hier stellt sich natürlich unmittelbar die Frage, wo beispielsweise die alttestamentlichen historischen Bücher oder die Weisheitsliteratur diesen Anspruch für sich selbst erhebt. Selbstverständlich sind sie wie alle anderen biblischen Bücher inspiriert, aber nicht weil sie diesen Anspruch irgendwo formulieren.
Von protestantischen Apologeten wird dieses Argument häufig auch in der negativen Formulierung verwendet. In diesem Zusammenhang wird nämlich gerne auf 2. Makkabäer 15,38-39 verwiesen, wo der Autor in menschlicher Manier seine eigenen Schreibkünste zur Disposition stellt. Mal ganz abgesehen davon, dass die Eloquenz oder Rhetorik nichts über die Inspiration eines Textes aussagt (vgl. 1. Korinther 2,1), so wäre damit ja nur das Makkabäerbuch in seinem kanonischen Status gefährdet. Aber protestantische Apologeten wollen ja auch die anderen deuterokanonischen Bücher aus dem Kanon entfernt sehen. Wenn wir aber jede noch so scheinbare Infragestellung von Inspiration aufgrund von menschlicher Rede aufgreifen wollen, dann müssten wir auch jedem Nicht-Christ zugestehen, dass er die paulinischen Worte in 1. Korinther 7,12 und 2. Korinther 11,17-23 dahingehend bewertet, dass Paulus hier sagen möchte, dass seine Worte keineswegs von Gott stammen könnten und reine Menschenweisheit seien.
Ähnlich wird auch gerne argumentiert, dass 1. Makkabäer 9,27 angeblich den Kanon als bereits geschlossen erachtet habe. Damit kann aber auf keinen Fall gemeint sein, dass der Kanon für immer geschlossen ist, sonst wäre auch das Neue Testament nicht kanonisch. Wenn also 1. Makkabäer hier wirklich mit seiner Aussage, dass keine Propheten mehr auftraten, die These vertreten will, dass keine inspirierten Schriften mehr aufkamen, so könnte dies mit den Makkabäerbüchern nun ein Ende gefunden haben – und nicht erst mit dem Neuen Testament. So wären dann wenigstens 1. und 2. Makkabäer sowie möglicherweise früher zu datierende deuterokanonische Bücher durchaus noch inspiriert und somit Teil des alttestamentlichen Kanons.
Aber auch bei dieser Variante des Arguments sehen wir wieder einen Doppelstandard. So könnte man nämlich das exakt selbe Argument auch für Psalm 74,9 anführen, wonach auch ein Aussterben der Propheten konstatiert wird.
Das pneumatische Argument
Ein letztes Kriterium, was durchaus sinnvoll erscheint, und das historische Argument, dass die katholische Kirche den Kanon fixiert hat, umgeht, ist das sogenannte pneumatische Argument. Es besagt, dass der Heilige Geist die Christenheit des richtigen Kanons überführt. So weit kann ein Katholik auch noch mitgehen. Wir sagen schließlich auch, dass der historische Kanonisierungsprozess durch die katholische Kirche keine Festlegung, sondern ein geistgeführtes Erkennen des Kanons war. Eigentlich ist dieses Argument sogar schädlich für die protestantische Position. Immerhin ist der traditionelle und historische Kanon der 73-Bücher-Kanon der katholischen Bibeln. Wenn man also nicht behaupten möchte, dass der Heilige Geist von der Synode in Rom (382) an bis zu Martin Luther im 16. Jahrhundert geschlafen hat, so muss man den historischen Fakt anerkennen, dass der christliche Kanon der Bibel 73 Bücher beinhaltet.
Protestantische Apologeten verschieben dieses Argument jedoch viel mehr auf die individuell-subjektive Ebene. Sie behaupten beispielsweise, dass die Inspiriertheit eines Bibelbuches sich selbst dem Leser aufdrängt. Ich kann mir zwar nicht vorstellen, wie man die Prophezeiungen in Weisheit Salomos 2,12-24 lesen kann und nicht dazu gedrängt wird, hier Gottes Inspiration zu erkennen. Immerhin sagt 2. Petrus 1,21, dass keine göttliche Weissagung von Menschen hervorgebracht werden kann, sondern dass heilige Menschen vom Heiligen Geist getrieben geredet haben. Doch betrachten wir einmal dieses pneumatische Argument ganz nüchtern und sachlich.
Denn der Heilige Geist kann theoretisch auch durch nichtkanonische – ja sogar nicht-inspirierte – Bücher oder Lieder wirksam sein. So bekam John Bunyan, der Autor des nach der Bibel wohl einflussreichsten protestantischen Buches „The Pilgrim’s Progress“, in einer Glaubenskrise einen Eindruck durch den Heiligen Geist, der ihn gerettet hat. Später erkannte er, dass dieser Eindruck aus Sirach 2 kam.
Woher weiß ich also abschließend, ob mein geistgewirktes Erlebnis aufgrund der Kanonizität oder trotz der Nicht-Kanonizität einer Schrift zu Stande kam? Wieso wollte beispielsweise Martin Luther aus Eifer für sein protestantisches Evangelium einige Bücher aus dem NT-Kanon entfernen? Hat die Inspiriertheit des Jakobusbriefs sich diesem wichtigsten protestantischen Reformator etwa nicht aufgedrängt?
Hier sind wir wieder auf das Kriterium der lehrmäßigen Rechtgläubigkeit zurückgeworfen: Wer entscheidet, ob ein Buch inspiriert wirkt? Für mich als Katholik wirken die stark das Fegefeuer befürwortenden Stellen in den deuterokanonischen Büchern sehr inspiriert und erbauend. Für Protestanten sind genau diese Stellen häufig der Hauptgrund, diese Schriften als unchristlich zu verwerfen. Wer definiert also hier wieder, was christlich ist? Wer definiert, was authentisches Geistwirken ist und was dämonische Einflüsterung? Wir brauchen hier also wiederum erst den christlichen Kanon, um dann daraus die christliche Lehre ableiten zu können. Mit dieser können wir dann erst die Geister prüfen und unterscheiden. Eine individuelle pneumatische Kanonlehre hilft uns in der Praxis also nicht wirklich weiter, sondern verursacht genau wie Sola Scriptura selbst nur Chaos und begründet eine lehrmäßige Willkürlichkeit.
Vermeintliche biblische Argumente gegen den Deuterokanon
Es folgen einige biblische Stellen, die scheinbar lehren, dass der Deuterokanon des Alten Testamentes nicht zum biblischen Kanon gehören kann.
Römer 3,2
“Viel, in jeder Hinsicht! Denn vor allem sind ihnen (Juden) die Aussprüche Gottes anvertraut worden.”
Hier argumentieren einige Protestanten, dass den Juden das Alte Testament anvertraut wurde und sie deshalb über den Kanon entscheiden durften. Dies geht aber aus dem Text nicht hervor. Vielleicht wurde ihnen ja nur die Verwalterschaft, nicht aber die Herrschaft über das Wort Gottes anvertraut. Vielleicht sollten sie es nur bewahren, nicht aber den Kanon definieren. Denn den Inhalt des Wortes Gottes anvertraut zu bekommen heißt noch nicht zwangsläufig auch das Recht zur Kanonisierung zu haben. Und den Inhalt des vollen Alten Testaments hatten die Juden vorliegen.
Zudem steht diese Stelle auch in der Vergangenheitsform. Was immer also die Juden hatten, sie haben es jetzt nicht mehr, sondern die christliche Kirche hat nun die Zügel in der Hand. Sonst wäre ja auch dieser Römerbrief, womit wir hier argumentieren, ebenfalls nicht kanonisch, da die Juden das Neue Testament ganz gewiss nicht als kanonisch ansehen.
Es ist hier aber auch festzuhalten, dass die Juden in vorchristlicher Zeit keineswegs jemals einen fixierten Kanon hatten. Welchen Kanon soll man also nun befolgen? Vielleicht den der Sadduzäer, die nur die Torah bestehend aus den fünf Büchern Mose als kanonisch anerkannten? Oder doch lieber einen der über 20 anderen Gruppierungen im Judentum des 1. Jahrhunderts? Manche Juden hatten sogar einen breiteren Kanon, als wir Katholiken heute in unserem Alten Testament vorfinden.
Aber diese Diskussion ist ohnehin müßig, denn die Kirche darf ja offensichtlich dem Kanon Bücher hinzufügen, sonst hätten wir wie geschrieben keinen Römerbrief und kein Neues Testament. Wieso darf die Kirche dann nicht auch die deuterokanonischen Bücher des Alten Testamentes mit in den Kanon aufnehmen, wenn wir einmal für das Argument davon ausgehen, dass die Juden in ihrer Gesamtheit es tatsächlich versäumt hätten, diese in ihren Kanon zu integrieren.
Machen wir mal ein weiteres Gedankenspiel, vergessen alles bisher Genannte und nehmen an, dass die Juden tatsächlich auch Wächter über den Kanon waren. Im darauffolgenden Vers Römer 3,3 wird gesagt, dass etliche der Juden untreu waren. Hier stellt sich sofort wieder die Frage: Welcher jüdischen Gruppe darf ich jetzt als Christ noch vertrauen? Denn vielleicht waren sie ja nicht nur in der Auslegung und im Praktizieren der Schrift untreu, sondern auch in ihrer Aufgabe der Kanonisierung des Alten Testamentes. Wieso sollte ich also dem Urteil der Juden mehr vertrauen als dem Urteil der frühen Kirche, die vom Heiligen Geist in alle Wahrheit geleitet wird?
Lukas 24,44
“Er aber sagte ihnen: Das sind die Worte, die ich zu euch geredet habe, als ich noch bei euch war, dass alles erfüllt werden muss, was im Gesetz Moses und in den Propheten und den Psalmen von mir geschrieben steht.”
Hier wird behauptet, dass diese dreiteilige Phrase von Gesetz, Propheten und Psalmen ein Terminus Technicus für den Kanon sei. Wenn es also bereits zu Zeiten Jesu einen technischen Begriff für den Kanon gab, dann muss es auch damit bezeichneten Kanon gegeben haben. Allerdings wird diese Phrase sonst erst ab Mitte des 2. Jahrhundert nach Christus in Dokumenten gefunden. Dies lässt die These des Terminus Technicus dünn dastehen. Nicht Abwesenheit, sondern eine Flut von Verwendungen wäre zu erwarten, wenn dies wirklich eine feststehende Redeweise gewesen wäre.
Es scheint also viel sinnvoller, die natürliche Leseweise zu beachten. Jesus wollte offensichtlich auf etwas hinaus, was sowohl im Gesetz Mose, den Propheten und auch im Buch der Psalmen vorkam. Dass Jesus damit auch die Geschichtsbücher wie Könige und Chroniker miteinschloss, scheint dann eher gegenteilig. Was immer Jesus meinte, kam wohl eher nicht in den Geschichtsbüchern vor, sonst hätte Er diese auch aufgezählt. Was meinte aber Jesus konkret? Vers 46 gibt uns darüber Auskunft! „So steht es geschrieben, und so musste der Christus leiden und am dritten Tag aus den Toten auferstehen.“ Es ging Jesus also vor allem um Prophetien des leidenden Messias. Und tatsächlich sind die drei von Jesus genannten Quellen Gesetz, Propheten und Psalmen dafür bekannt, viele solche Prophezeiungen zu beinhalten – die Geschichtsbücher hingegen eher nicht. Jesus spannt hier also nicht den alttestamentlichen Kanon auf, sondern höchstens einen Kanon von messianischen Leidensprophetien.
Im Übrigen zählten die Juden im 4. Jahrhundert das Buch Sirach noch zu den sogenannten „Schriften“ (Talmud, Bava Kamma 92b). Siehe auch die Ausführungen zu Lukas 16,16 und zum vermeintlichen jüdischen Kanon.
Aber selbst wenn Jesus hier einen alttestamentarischen Kanon abgrenzen wollte, so sind die deuterokanonischen Bücher ohnehin Teil der genannten Schriften. Das Argument funktioniert also nur, wenn man schon einen bestimmten Kanon voraussetzt und diesen Jesus in den Mund legt. Vom Wortlaut Jesu selbst her lässt sich hier jedoch kein bestimmter Kanon beweisen.
Lukas 11,49-51
“Darum hat auch die Weisheit Gottes gesprochen: Ich will Propheten und Apostel zu ihnen senden, und sie werden etliche von ihnen töten und verfolgen, damit von diesem Geschlecht das Blut aller Propheten gefordert werde, das seit Grundlegung der Welt vergossen worden ist, vom Blut Abels an bis zum Blut des Zacharias, der zwischen dem Altar und dem Tempel umkam. Ja, ich sage euch, es wird gefordert werden von diesem Geschlecht!”
Es ist eine moderne protestantische Idee, diese Stelle für die Kanon-Debatte anzuführen. Kein Kirchenvater hat diese Stelle im Rahmen der frühkirchlichen Kanon-Debatte erwähnt, egal auf welcher Seite er stand. Protestanten argumentieren hier, dass von Abel (Anfang Genesis) bis Zacharias (Ende Chroniker) der angeblich protestantisch-jüdische Kanon nach jüdischer Reihenfolge aufgespannt wird. Jesus wolle hier in anderen Worten sagen: „das ganze Alte Testament“.
Hier werden sehr viele Annahmen getroffen und aufeinander aufgebaut, um dieses Argument zu konstruieren. Und dennoch scheitert es wieder daran, dass mit dem Neuen Testament der Kanon sowieso wieder geöffnet wurde und die Kirche das Recht hat, weitere Bücher hinzuzufügen. Aber zumindest wäre es auf jeden Fall berechtigt zu hinterfragen, warum Jesus die Gelegenheit nicht genutzt hat, um sofort einmal Klarheit über den Kanon der Kirche zu liefern. Wieso verwendet Jesus hier also den scheinbar jüdischen Kanon des Alten Testamentes und nicht den katholisch-christlichen? Kurz: Es liegt daran, dass die Annahmen falsch getroffen wurden, um diese Bibelstelle für die Kanon-Frage brauchbar zu machen. Es sind ganze 4 zu belegende Annahmen, die wir hier einmal ganz stark in Zweifel ziehen wollen:
Annahme 1: Der von Jesus erwähnte Zacharias ist identisch mit dem aus 2. Chroniker 24,20-22. Diese Annahme scheint unplausibel, da Jesus in der Parallelstelle Matthäus 23,24-36 Zacharias als Sohn Barachias identifiziert, während jener Zacharias aus 2. Chroniker der Sohn eines Jehoiadas ist. Jesus zitiert hier wahrscheinlich vielmehr ein sogenanntes Targum (jüdische Interpretation der Schrift) aus der jüdischen Tradition zu den Klageliedern Jeremias.
Annahme 2: Das Buch 2. Chroniker ist wirklich das letzte Buch der hebräischen Bibel. Diese Annahme ist freilich essentiell für das Argument und setzt stillschweigend voraus, dass der viel spätere rabbinische Kanon schon damals galt. Die älteste überlieferte Kopie eines gesamten Alten Testamentes als Buch und nicht nur einzelner Schriftrollen ist der Codex Leningradensis vom Ende des 1. Jahrtausends nach Christus. Dieser und der Codex Alephensis führen Chroniker jedoch als erste der Schriften und nicht als letzte auf. Außerdem scheint das Buch Esra später als Chroniker zu sein, denn der erste Absatz von Esra stellt eine Wiederholung des letzten Absatzes von 2. Chroniker dar. Auch ist anzunehmen, dass Esra und Chroniker in der Reihenfolge des ursprünglichen Kanons weit auseinander lagen, denn sonst ist ja eine Wiederholung sinnlos, wenn sie direkt miteinander verbunden waren und aufeinander folgten.
Annahme 3: Jesus wollte mit Seiner Aussage wirklich den Kanon abstecken. Diese Annahme scheint erstmal plausibel, denn wieso erwähnt Jesus nicht auch das Blut der Makkabäer, wenn diese auch zur Bibel gehören? Immerhin sind sie ja später als der Zacharias aus Chroniker. Der Kontext erklärt es uns jedoch: Jesus prangert die heuchlerischen scheinbaren Gottesmänner unter den Juden an, die die Propheten töteten und nicht die heidnischen Griechen, die in den Makkabäerbüchern für das Blutvergießen verantwortlich waren.
Annahme 4: Zwischen Genesis und 2. Chroniker findet man keine deuterokanonischen Bücher. Es erscheint banal, aber da wir ja nicht das Inhaltsverzeichnis alter hebräischer Bibeln kennen, kann uns auch niemand garantieren, dass nicht das ein oder andere Buch im hebräischen Kanon vor Chroniker gelistet wird. Es würde zwar chronologisch Sinn ergeben zumindest das Geschichtsbuch der Makkabäer hinter Chroniker anzuordnen, wenn dieses in den Kanon gehört, jedoch haben wir bereits gesehen, dass auch Esra eigentlich hinter Chroniker anzuordnen wäre, es dann aber nach dem vermeintlichen Jesus-Kanon offensichtlich nicht wurde. Es darf auch nicht vergessen werden, dass das deuterokanonische Buch Baruch zu den Propheten gehört – traditionell sogar zum Propheten Jeremia.
Wie wir sehen, dass alle diese Annahmen auf sehr wackeligen Beinen stehen. Daraus ein Argument für einen historisch nicht vorhandenen jüdischen Kanon zu konstruieren, erscheint doch sehr an den Haaren herbeigezogen.
Offenbarung 22,18-19
“Fürwahr, ich bezeuge jedem, der die Worte der Weissagung dieses Buches hört: Wenn jemand etwas zu diesen Dingen hinzufügt, so wird Gott ihm die Plagen zufügen, von denen in diesem Buch geschrieben steht; und wenn jemand etwas wegnimmt von den Worten des Buches dieser Weissagung, so wird Gott wegnehmen seinen Teil vom Buch des Lebens und von der heiligen Stadt, und von den Dingen, die in diesem Buch geschrieben stehen.”
Bei diesem Argument wird diese Stelle in der Offenbarung des Johannes absolut für die gesamte Bibel gesehen. Es wird hier dann behauptet, dass wir Katholiken mit unserem Deuterokanon dem Wort Gottes hinzufügen und somit der Plagen würdig sind. Was dabei häufig vergessen wird. Wenn wir Katholiken stattdessen recht haben, dann sind es die Protestanten, welche die 7 Bücher vom Wort Gottes wegnehmen und somit ihren Teil vom Buch des Lebens verlieren. Rein spieltheoretisch haben die Protestanten hier also mehr zu verlieren und es wäre sinnvoller, die katholische Position einzunehmen, wenn man nicht 100% vom Gegenteil überzeugt ist.
Darüber hinaus hilft uns diese vermeintliche Kanon-Warnung nicht wirklich weiter, da wir ja nicht sicher wissen können, ob die Offenbarung das letzte Buch des Neuen Testamentes ist. Chronologisch könnte es zum Beispiel der Fall sein, dass das Johannes-Evangelium und die Johannes-Briefe später geschrieben worden sind. Aber das Neue Testament ist sowieso nicht nach Chronologie geordnet, sondern nach Kategorie. Und nur weil die Offenbarung in unseren modernen Inhaltsverzeichnissen an letzter Stelle steht, sagt es ja nichts darüber aus, was vor der Offenbarung alles im Kanon steht.
Selbst wenn wir annehmen würden, dass Gott vorausgesehen hat, dass in modernen Bibeln die Offenbarung das letzte Buch im Inhaltsverzeichnis der Bibel ist, und deswegen diese Warnung inspiriert hat, so sind ja die deuterokanonischen Büchern, um die wir uns streiten, als alttestamentliche Bücher auf jeden Fall vor der Offenbarung im Kanon. Man könnte dann argumentieren, dass man nach der Offenbarung dann keine Didache oder ähnliche spätere christliche Schriften in den Kanon aufnehmen darf, aber ob beispielsweise ein Buch Sirach in den Kanon gehört, lässt die Offenbarung komplett offen.
Dass aber diese Stelle in der Offenbarung auf keinen Fall absolut zu verstehen ist und den Kanon meint, ergibt sich auch aus dem historischen Fakt, dass der NT-Kanon erst einige Jahrhunderte später wirklich feststand. Wie hätten die Christen der ersten Jahrhunderte dieses Verbot einhalten sollen? Es wäre ja auch bei gutem Willen gar nicht möglich gewesen ohne einen definierten Kanon. Da ja sogar die Offenbarung selbst am Anfang der Christenheit noch umstritten war, wussten die Christen nicht einmal, ob diese Warnung überhaupt inspiriert und somit zu befolgen ist.
Es ist vielmehr anzunehmen, dass sich diese Stelle in der Offenbarung auf die Offenbarung selbst bezieht. Sie scheint die Klammer zu schließen, die in Offenbarung 1,3 geöffnet wird und somit das gesamte Buch der Offenbarung umschließt. Innerhalb des Kontextes dieses Buches ergibt die Warnung tatsächlich Sinn, nicht aber im Kontext des gesamten Bibelkanons, wie wir nun zu genüge gesehen haben.
Außerdem müsste man dann auch Deuteronomium 4,2 auf dieselbe Weise auslegen, da der Wortlaut sehr ähnlich klingt. Dann hätten die Sadduzäer ja doch recht gehabt und alle anderen Juden und wir Christen liegen komplett daneben mit unserer Religion. Tatsächlich wollen beide Stellen nur darauf hinweisen, dass zu dem aktuellen Wort nichts hinzuzufügen ist. Bei der Offenbarung soll nicht noch mehr Inhalt hinzugefügt werden und beim mosaischen Gesetz kommen keine Gebote mehr hinzu. Weggenommen soll natürlich auch nichts werden.
Biblische Argumente für den Deuterokanon
Die genannten Bibelstellen können also nicht gegen den Deuterokanon ins Feld geführt werden. Es gibt jedoch noch eine weitere Stelle, die häufig gegen katholische Bibeln ins Feld geführt wird, dabei spricht sie eigentlich für den katholischen Kanon:
Lukas 16,16
“Das Gesetz und die Propheten [weissagen] bis auf Johannes; von da an wird das Reich Gottes verkündigt, und jedermann drängt sich mit Gewalt hinein.”
Diese Stelle sollte in Kombination mit der Parallelstelle in Matthäus 11,13 behandelt werden:
“Denn alle Propheten und das Gesetz haben geweissagt bis hin zu Johannes.”
Die Phrase „bis auf Johannes“ oder „bis hin zu Johannes“ könnte so verstanden werden, dass das Gesetz und die Propheten inhaltlich bis Johannes den Täufer prophezeit haben. Dies kann jedoch nicht der Fall sein, da manche Prophetien sogar das Weltende beschreiben. Sie haben also bis zum Ende der Zeit prophezeit.
Somit kann mit dieser Phrase nur gemeint sein, dass Johannes der letzte in einer Reihe von alttestamentlichen Propheten war. Bis zu ihm haben wir also Propheten, danach kommt nur noch der Gottes Sohn selbst. Dies würde mit Hebräer 1,1-2 übereinstimmen. Und auch der Herr Jesus Christus selbst verweist in Matthäus 17,10-13 oder Matthäus 11,14 darauf, dass Johannes als der Elia angesehen werden kann, der vor dem Messias kommen muss. Und ab Johannes wird dann das Reich Gottes verkündigt. Johannes der Täufer ist ein Prophet, ja sogar mehr noch als ein gewöhnlicher Prophet (vgl. Lukas 7,26).
Wenn aber Johannes als der chronologisch letzte in der Reihe der Propheten gilt, dann kann das nur heißen, dass die Zeit vor Johannes nicht ein Ende der Propheten bedeutet, da Johannes ja noch aussteht. In diese Zeit fällt aber die Entstehung der deuterokanonischen Bücher. Das Alte Testament war also nicht mit dem Propheten Maleachi abgeschlossen, sondern geht quasi bis Johannes der Täufer und beinhaltet damit auch ohne Probleme den Deuterokanon.
Jesus selbst definiert den Ausdruck „Gesetz und Propheten“ bis hin zu Johannes den Täufer und öffnet somit das Alte Testament für die 400 Jahre der deuterokanonischen Bücher und belegt, dass der Heilige Geist in dieser Zeit nicht geschwiegen hat, wie es manche Gegner des Deuterokanons behaupten. Diese Idee stammt ursprünglich von Juden aus dem 2. Jahrhundert nach Christus und wurde somit von den Juden zur Zeit Christi nicht geglaubt. Auch widerspricht die Tatsache, dass es damals auch Propheten wie Hanna gab, der Idee des Schweigens Gottes (Lukas 2,36).
Der Mythos des jüdischen Kanons
Es ist ein weit verbreiteter Mythos, dass es zu Jesu Zeiten bereits einen festgeschriebenen jüdischen Kanon gab. Auch die Idee, dass der jüdische Kanon in einer Synode von Jamnia nach der Tempelzerstörung festgelegt worden sei, ist ein Mythos aus dem 19. Jahrhundert. Aber selbst wenn dem so wäre, so bestätigt dies ja nur, dass es keinen festen Kanon zur Zeit Christi gab.
Tatsächlich gab es im 1. Jahrhundert bis zu 24 verschiedene jüdische Parteien mit variierenden Kanonvorstellungen. Die Sadduzäer erkannten beispielsweise nur die Torah, also die fünf Bücher Mose an, während die Pharisäer ja angeblich nur die protokanonischen Bücher anerkannt haben sollen, möchte man protestantischen Apologeten Glauben schenken. Die strenge Qumran-Essener-Sekte allerdings hatten auch sehr wohl die deuterokanonischen Bücher in ihrem Gebrauch. Das Buch Esther wiederum wurde in den Qumran-Ausgrabungen nicht gefunden. Die Diaspora-Juden akzeptierten ganz gewiss auch den breiteren Kanon, da sie die griechische Septuaginta (LXX) und somit wohl auch ihren Kanon im Gebrauch hatten. Manche Juden akzeptierten sicherlich auch einen noch breiteren Kanon als wir Katholiken.
Aber selbst das aus den Pharisäern hervorgegangene rabbinische Judentum hatte noch Ende des 2. Jahrhunderts n. Chr. einen Streit über die Kanonizität mancher Bücher (Mischna, Yadaim, III, 5). Offensichtlich bestand vorher noch keine Klarheit, sonst wäre der Streit ja nicht nötig gewesen. Der Streit betraf die protokanonischen Bücher Sprüche, Esther, Hohelied und Prediger. Auf der anderen Seite zitiert der Babylonische Talmud das deuterokanonische Buch Sirach als Heilige Schrift.
Bei vermeintlichen Kanonlisten der Juden ist immer zu hinterfragen, ob es sich um eine vollständige oder vielleicht nur um eine beschreibende Liste von heiligen Büchern handelt. Denn nur weil heilige Bücher in irgendeinem Kontext aufgelistet werden, erhebt dies nicht notwendigerweise Anspruch auf Vollständigkeit.
Es ist außerdem aus christlicher Sicht ohnehin zu erwarten, dass es keinen definitiven und vor allem keinen verbindlichen jüdischen Kanon gab. Anderenfalls hätten die Judenchristen der ersten Kirche ja gar keine Autorität noch ein Interesse daran gehabt, diesem fixen Kanon durch die Ergänzung des Neuen Testamentes zu widersprechen.
Interessant ist hingegen die Behauptung mancher protestantischen Apologeten, dass Jesus einen jüdischen Kanon stillschweigend und somit zustimmend vorausgesetzt hat. Das Argument lautet wie folgt: Wenn Jesus zu Seinen jüdischen Kontrahenten spricht und die Schrift als Autorität anführt, dann müssen ja alle Beteiligten diese Schrift als Autorität anerkannt haben. Sie mussten also insgeheim sehr wohl einen gewissen Kanon vertreten haben. Mindestens aber Jesus musste eine bestimmte Kanonvorstellung vertreten haben, wenn Er sich auf die Schrift beruft.
Die Existenz eines objektiven Kanons, den Gott auf jeden Fall kennen muss und der auch ein notwendiges Artefakt der Inspiration der Bibel durch Gott ist, bedeutet jedoch nicht, dass jeder diesen Kanon kennt. Die Juden waren, wie schon belegt, sehr zerstritten in dieser Frage. Wenn Jesus also sicherlich den richtigen Kanon kannte und auf ihn referenzierte, heißt das noch nicht, dass jeder diesen erkannt noch anerkannt hatte. Denn trotz Jesus waren sich die Pharisäer und Sadduzäer weiterhin uneinig über den Kanon.
Und es ist ja nicht gerade so, dass die Juden Jesu Lehren immer alle anerkannt haben. Auch abseits der Kanonfrage setzt Jesus sehr häufig mit Seiner perfekten Auslegung der Schrift eine gewisse Rechtgläubigkeit und Geradlinigkeit voraus, an die sich viele Juden nicht hielten. Es war ja gerade ein Teil von Jesu Wirken, uns die objektive Lehre als auch Lebensweise zu bringen.
Was aber die Frage des Kanons angeht, so scheint Jesus sich sogar immer den Ansichten Seiner Diskussionspartner anzupassen. So diskutiert Jesus beispielsweise ab Matthäus 22,23 mit Sadduzäern über die Auferstehung. Jesus hätte nun einfach einen Vers wie etwa Daniel 12,2 bringen können. Stattdessen argumentiert Er mit einem Syllogismus aus verschiedenen Stellen in der Torah. Er passt sich also dem schmaleren Kanon der Sadduzäer an, die nur die Torah akzeptierten. Und das macht Jesus sogar in einem Kontext, wo sich die Sadduzäer inkonsequenterweise auf einen Abschnitt aus Tobit beziehen. Jesus hätte die Sadduzäer auch Heuchler nennen können und ihnen zurecht einen zu geringen Kanon vorwerfen können. Stattdessen arbeitet Er mit dem, was Er kriegt. Er zwang niemanden einen bestimmten Kanon auf. Er wusste, dass ohne das Neue Testament sowieso kein Kanon perfekt sein konnte.
Interessant für die Frage des Kanons ist indirekt auch das jüdische Chanukka-Fest. Mit diesem Fest feiern die Juden die Wiedereinweihung des Tempels. Zurück geht das Fest auf 1. Makkabäer 4,36-59 und 2. Makkabäer 10,5-8. Auch Christus war zu diesem Fest in Jerusalem (Johannes 10,22-23) und bestätigte somit indirekt diese deuterokanonische Institution.
Historische Argumente für den Deuterokanon
Auch wenn es in der Kirchengeschichte wie bei fast allen Themen hin und wieder abweichende Stimmen gab (vgl. 1. Korinther 11,19), so ist historisch einzugestehen, dass die deuterokanonischen Schriften von Christen aller Zeiten anerkannt waren.
Zitate und Referenzen aus deuterokanonischen Büchern sind in der frühen Christenheit ganz gewöhnlich. Wir finden sie in den Kunstwerken der ersten Christen sowie in alten Liturgien wie der Jakobus-Liturgie. So gibt es beispielsweise in den frühen christlichen Katakomben Malereien, die Szenen aus deuterokanonischen Büchern zeigen. Dies ist sehr beachtlich, wurde doch damals der Glaube für das ungebildete Volk häufig mit Bildern und Ikonen erklärt. Doch auch die Werke der Kirchenväter und Kirchenschriftsteller wie z.B. Clemens von Rom, Athanagoras, Clemens von Alexandrien, Origines, Methodius und Athanasius referenzieren auf deuterokanonische Schriften. Und große Kirchenleiter wie Justin der Märtyrer, Tertullian, Augustinus, Ambrosius, Cyprian und Irenäus akzeptierten die deuterokanonischen Schriften ganz generell.
Lange bevor der Kanon fixiert wurde, zitiert z.B. der 1. Clemensbrief 27,5 die deuerokanonische Schrift Weisheit Salomos. Clemens ist noch so früh, dass wir seinen Namen sogar noch aus dem Neuen Testament kennen. Er war übrigens auch der 4. Papst in Rom. Seine Schrift war sogar früher als Teile des Neuen Testamentes. Selbes gilt für die frühe Didache. Sie zitiert noch vor Abfassung der Johannesoffenbarung Sirach 4,31 als Heilige Schrift. Etwas später zitiert der Schüler des Apostels Johannes, der Heilige Polykarp von Smyrna in seinem Brief an die Philipper sowohl Tobit 4,10 als auch Tobit 12,9. Melito von Sardes sah Weisheit Salomos als kanonisch an. Und 180 n. Chr. zitiert Irenäus die angeblich apokryphen Daniel-Zusätze. 240 n. Chr. sieht Origines das Buch Baruch als Teil des Kanons und verweist auch auf 1. und 2. Makkabäer. Und wir haben ja bereits gezeigt, dass das Neue Testament selbst die deuterokanonischen Schriften referenziert. Es tut dies entgegen dem allgemeinen Glauben sogar sehr häufig – mal mehr und mal weniger deutlich.
Und seit den Ausgrabungen in den Höhlen von Qumran, die erst 1947 entdeckt wurden, wissen wir, dass es bei den Juden zu Zeit und vor der Zeit Christi ähnlich ausgesehen haben muss. So hat man dort von einigen deuterokanonischen Büchern mehr Kopien gefunden als von manchen protokanonischen. Und zwar nicht nur griechische Ausgaben wie in der Septuaginta, sondern sogar hebräische Originale.
Seit der frühen Kirche haben zahlreiche Konzilien und Synoden den katholischen Kanon bestätigt. So wurde in der Synode von Rom (382 n. Chr.) von Papst Damasus unser heutiger katholischer Kanon erstmals kanonisiert. Zwar wird nicht explizit das Buch Baruch erwähnt, dies gehörte jedoch traditionell immer zum Buch Jeremia. Derselbe Kanon wurde dann auf den Synoden von Hippo (393 n. Chr.) und Karthago (397-419 n. Chr.) bestätigt. Auch interessant zu erwähnen ist, dass das ökumenische Konzil von Florenz (1442 n. Chr.) noch lange vor der Reformationszeit den Kanon abermals bestätigte.
Es ist also ein protestantisch-apologetischer Mythos, dass die Kirche erst im ökumenischen Konzil von Trient (1545–1563 n. Chr.) übereilt als Reaktion auf die Reformation den katholischen Kanon zusammenschusterte. Der Kanon war bereits, wie wir gesehen haben, lange Zeit vorher mehrfach lehramtlich bestätigt worden. Das einzige Novum in Trient war technischer Natur. Der Kanon wurde als Reaktion auf protestantische Abweichler neben ganz vielen anderen festen katholischen Lehren als Dogma erhoben und somit als unfehlbar und unrevidierbar deklariert. Daraus aber zu schließen, dass der Kanon vorher nicht geglaubt wurde, stellt sich aber gegen jede katholische Praxis. Als Dogma wird immer nur das erklärt, was vorher auch in der Kirche fest und traditionell geglaubt wurde. So wurde schließlich auch die Gottheit Jesu erst im ökumenischen Konzil von Nizäa (325) dogmatisiert, weil die arianische Irrlehre grassierte. Das heißt aber nicht, dass sie nicht vorher schon geglaubt wurde. Im Gegenteil, es bestätigt, dass sie vorher schon geglaubt wurde.
Dies erklärt auch, warum auch die Orthodoxe Kirche alle deuterokanonischen Bücher akzeptiert. Der Deuterokanon muss also im 1. Jahrtausend völlig anerkannt gewesen sein. Wir sehen also: Die universale Christenheit ist sich seit jeher einig darüber, dass der Deuterokanon eben genau das ist: der Kanon.
Wenn die Kirche etwas in Konzilien entschieden hat, dann haben sich alle Christen immer danach gerichtet. So muss auch Hieronymus, der von protestantischen Apologeten immer wieder als Gewährsmann für den protestantischen Kanon angeführt wird, widerwillig eingestehen, dass die Christenheit sich gegen seine Ansichten entschieden hat. Hieronymus, einer der ganz wenigen historischen Gegner des katholischen Kanons, ist hier ironischerweise unser bester Zeuge, da er als Gegner am unverdächtigsten ist, voreingenommen zu sein. Er erwähnt in seinem Vorwort zur Übersetzung der deuterokanonischen Schrift Judit, dass das Konzil von Nizäa angeblich Judit zu den Heiligen Schriften zählte. Zwar ist uns bezüglich eines solchen Kanons von Nizäa nichts überliefert, doch ein solches Eingeständnis eines ausgesprochenen Gegners hat natürlich besonderes Gewicht. Nichtsdestotrotz musste sich auch ein Hieronymus den kirchlichen Entscheidungen beugen, weshalb er ja auch u.a. Judit im Auftrag des Papstes für die Vulgata übersetzte und später in seinem Leben Sirach als Heilige Schrift zitierte.
Des Weiteren ist zu erwähnen, dass Hieronymus sein Hebräisch direkt bei Juden lernte und dort in Kontakt mit ihren Ansichten zum Kanon kam. Zu seiner Lebzeit Jahrhunderte nach Christus hat sich aber im Judentum bereits eine spezielle rabbinische Schule herausgebildet, die tatsächlich einen fixen Kanon etabliert hatte. Dieser hat aber für die Kirche gar keine Relevanz mehr, da er Jahrhunderte zu spät kam. Es ist also gut davon auszugehen, dass sich Hieronymus von einer falschen jüdischen Tradition zu sehr beeinflussen ließ und daher nicht repräsentativ für die Meinung der Kirche war.
Auch ist interessant, dass alte griechische Codices der Septuaginta (LXX) die deuterokanonischen Bücher ungetrennt von den protokanonischen Büchern enthalten (Codices Aleph, A, B). Zwar variieren sie und haben auch nicht immer alle deuterokanonischen Bücher enthalten, doch ebenso wenig beinhalten sie auch immer alle protokanonischen Bücher. Dies zeigt aber, dass die deuterokanonischen Bücher normalerweise dazu gehörten. Zudem sind Tobit, Judit, Weisheit Salomos und Sirach in allen Codices vorhanden und damit gesicherter als manch protokanonisches Buch.
Was für viele Protestanten vielleicht überraschend sein mag, ist außerdem die Tatsache, dass die ersten Protestanten sich noch nicht so recht von ihren deuterokanonischen Büchern lösen wollten. Erst im Laufe der Zeit und durch den Einfluss mancher Bibelgesellschaften wurden die deuterokanonischen Bücher nach und nach aus den Bibeln verdrängt. Aber selbst heute kommen Luther-Übersetzungen häufig noch mit den deuterokanonischen Büchern – wenn auch von den anderen Büchern separiert.
Historische Argumente gegen den Deuterokanon
Neben Hieronymus als Vertreter der Kirche wird gerne auch Flavius Josephus als jüdischer Kronzeuge gegen den Deuterokanon herangezogen. Josephus argumentiert, dass das Alte Testament 22 Bücher haben muss, weil das hebräische Alphabet 22 Buchstaben hat. Diese Begründung wirkt auf uns heute etwas merkwürdig. Ihm ging es hierbei wohl eher um Zahlenmystik als um Fakten. Denn die normale Zählweise der Juden waren eher 24 Bücher. 39 Bücher sind es nach protestantischer Zählweise.
Josephus kennt in seiner Zählweise neben den fünf Büchern Mose noch 13 Propheten und vier sonstige Bücher. Wie man es also dreht und wendet, es bleibt alles etwas rätselhaft bei Josephus. Josephus als akkuraten Zeugen zu verwenden, ist auch angesichts seiner häufigen Übertreibungen eher schwierig. So schreibt er beispielsweise auch, dass niemand je etwas zu den 22 Büchern hinzugefügt habe. Wenn wir also davon ausgehen, dass der Deuterokanon nicht zu diesen 22 Büchern gehört, dann ist diese Aussage faktisch falsch. Wir haben ja bereits gesehen, dass beispielsweise die Essener aus Qumran durchaus deuterokanonische Schriften verwendet haben. Josephus übertreibt außerdem, wenn er behauptet, dass niemals jemand etwas von den 22 Büchern hinweggenommen hätte. Denn auch hier wissen wir, dass beispielsweise die Sadduzäer mit ihren fünf Büchern des Mose-Kanon durchaus einiges hinweggenommen haben mussten.
Trotzdem zitiert Josephus in seinen Jüdischen Altertümern aus 1. Makkabäer und den angeblich zusätzlichen Kapiteln vom Buch Esther. An anderer Stelle betont er aber, dass die Heiligen Schriften seine einzigen Autoritäten waren. Man mache also mit Josephus, was man will, doch wirklich nützlich ist er in der Argumentation gegen den Deuterokanon nicht.
Die Priorität der Septuaginta
Die ersten Christen nutzten die griechische Septuaginta (auch kurz LXX genannt) als Altes Testament und nicht den hebräischen masoretischen Text. Es ist also auch davon auszugehen, dass die ersten Christen dann auch den Kanon der Septuaginta gebrauchten, der, wie wir gesehen haben, durchaus aus deuterokanonische Bücher enthielt.
Das Neue Testament selbst zitiert sogar zu 90% aus der LXX. Die verschiedenen Autoren mit jeweils eigener Zielgruppe zitierten also überwiegend aus der LXX. Sie mussten scheinbar erwartet haben, dass ihre spezifische Zielgruppe die LXX akzeptieren würde. Viele Argumente ergeben nämlich nur mit der LXX-Lesart Sinn. Ein paar davon werden wir uns gleich exemplarisch anschauen. Ohne dass also die LXX als gemeinsame und allgemein vorausgesetzte Grundlage etabliert war, hätten LXX-Lesarten wenig Überzeugungskraft gehabt. Das mussten auch die Schreiber des Neuen Testamentes bedacht haben.
In Lukas 4,17-19 liest Jesus in der Synagoge aus der Buchrolle des Jesaja vor. Der Text, den die jüdische Synagoge damals verwendete, war die Lesart der LXX. Dies erkennt man daran, dass Jesus vorliest „Gefangenen Befreiung zu verkünden und den Blinden, dass sie wieder sehend werden“. Im masoretischen Text von Jesaja 61,1-2 kommt der Punkt mit den Blinden nicht vor, in der der LXX aber sehr wohl! Daran erkennen wir, dass sowohl Jesus den LXX-Text anerkannte und als Wort Gottes verlas und auch die jüdische Gemeinde von damals kein Problem mit dieser Variante hatte.
Ähnlich problemlos kann Stephanus die LXX bei seiner lebensentscheidenden Belehrung im Prozess vor dem Hohen Rat in Apostelgeschichte 7,14 zitieren. Er erwähnt gemäß der LXX 75 Seelen in der Verwandtschaft des Jakob und nicht, wie es der masoretische Text schreibt, 70 Seelen. Wäre Stephanus so ein grober Fehler unterlaufen, wenn es um sein Leben geht? Und hätten die Juden und der Hohe Rat nicht jeden kleinen Fehler als Anlass genommen, Stephanus weiter zu bezichtigen? Scheinbar war die LXX-Variante sowohl bei den ersten Christen als auch bei der jüdischen Obrigkeit voll anerkannt.
Es lässt sich also zusammenfassend sagen. Sowohl Jesus als auch die Apostel akzeptieren die LXX. Auch in der Synagoge in Israel wurde diese Lesart angenommen. Auch das jüdische Volk im Allgemeinen beziehungsweise die Adressaten des Hebräerbriefes mussten die LXX akzeptiert haben. Sogar der Hohe Rat hatte gegen die LXX nichts einzuwenden. Wieso sollten also wir Christen etwas gegen diese urchristliche Bibel einzuwenden haben?
Im Übrigen, was viele nicht wissen, ist, dass die Funde in Qumran sogar LXX-Lesarten auf Hebräisch beinhalteten. Dies zeigt, dass die LXX-Lesarten genauso alt, wenn nicht noch älter, als masoretische Lesarten sind. Die Christen waren erfolgreich in der Mission mit der griechischen LXX, die auch das Neue Testament zitiert, weshalb die Juden wohl mehr und mehr den masoretischen Text bevorzugten. Die Christen haben nur die griechische LXX kopiert und die Juden den hebräischen masoretischen Texttyp, weshalb nach und nach die hebräische Vorlage der griechischen LXX-Übersetzung „ausgestorben“ ist. Mit Qumran haben wir ihn aber wiederentdeckt. Seither ist die LXX in der textkritischen Forschung wieder sehr beliebt und die masoretische Priorität für den alttestamentlichen Text gebrochen.
Sola Fide
Sola Fide oder die Rechtfertigung aus Glauben allein ist der Slogan der Reformation schlechthin. Martin Luther meinte sogar, dass dies der Glaubensartikel ist, mit der die Kirche steht oder fällt. Sola Fide ist also neben Sola Scriptura die wichtigste Lehre, welche den Protestantismus ausmacht und vom katholisch-apostolischen Glauben unterscheidet.
Leider sind sich die real-existierenden Protestanten in dieser äußerst heilsrelevanten Frage nicht einig. Viele Implikationen aus dieser Lehre werden von verschiedenen Konfessionen unterschiedlich beantwortet: Kann ich das einmal empfangene Heil wieder verlieren? Braucht es Werke für die Heiligung oder kann man auch ganz ohne Werke in den Himmel kommen? Haben wir einen freien Willen oder wirkt Gott monergistisch? Ich kann in diesem Buch unmöglich auf jeden Aspekt der Soteriologie (Heilslehre) und jede konfessionelle Ausprägung eingehen. Daher werde ich mich auf den Kernpunkt der Rechtfertigung im Kontrast zur Heiligung fokussieren, da sich das „allein aus Glauben“ in reformatorischer Theologie nur auf die Rechtfertigung bezieht. Zusätzlich möchte ich auch auf die Frage der Heilsverlierbarkeit eingehen, da diese in der reformierten Tradition und auch in moderneren Free Grace Theologien ausgeschlossen wird. Kann die Verlierbarkeit des Heils biblisch bewiesen werden, wäre damit die Soteriologie aller dieser Fraktionen widerlegt.
Rechtfertigung aus Glauben allein?
Die sogenannte protestantische Reformation hat gelehrt, dass unsere Rechtfertigung aus Glauben allein geschieht. Die Rechtfertigung ist hierbei nicht mit der Errettung an sich zu verwechseln. Unsere Errettung ist ein Prozess, der bei uns einmal in der Vergangenheit gestartet ist (Epheser 2,8), in der Gegenwart anhält (Philipper 2,12) und in der Zukunft sein Ziel erreicht (Römer 13,11). Die initiale Rechtfertigung ist noch nicht die Errettung (Römer 10,9-10), sondern obwohl der Glaube initial gerecht macht, müssen Glaubenstaten wie beispielsweise das Bekennen folgen, die letztlich zur Errettung führen. Denn die Errettung, ist wie bereits dargelegt, ein Prozess. Wenn wir diesen Prozess jedoch, wie in der Reformation erstmals geschehen, künstlich in eine initiale Rechtfertigung aus Glauben allein und eine mehr oder weniger garantiert folgende Heiligung aufspalten, dann wird dem Heilsprozess, wie er in der Bibel dargestellt wird, konzeptionell nicht Rechnung getragen. Es ist nur die halbe Miete!
Es ist wie, wenn beim Erlösungswerk Christi nur Jesu letzte Worte zitiert werden: „Es ist vollbracht!“ (Johannes 19,30). Dabei wird vergessen, dass zwar für unsere Sünden willen Christus am Kreuz leiden musste, aber dass für unsere Rechtfertigung auch die Auferstehung nötig war, die jedoch am Kreuz noch ausstand (Römer 4,25). Denn wenn Christus nicht auferstanden wäre, so ist unser Glaube vergeblich (1. Korinther 15,14).
Wir können die Rechtfertigung nicht als ein einmaliges, punktuelles Ereignis – ein initiales Glauben an das Evangelium – festlegen, denn in der Bibel ist sogar die Rechtfertigung selbst ein Prozess. So werden wir ohne unsere eigene Würdigkeit, ohne dass wir uns bei Gott es verdient hätten, gerechtfertigt durch Gottes Gnade aufgrund des Erlösungswerkes Jesu Christi, was sich nicht nur aufs Kreuz beschränkt. Doch diese Rechtfertigung ist ein Prozess. So steht in Römer 3,24 nämlich das griechische Partizip Präsens „δικαιούμενοι“ für das gerechtfertigt werden. Hier wird grammatikalisch ein durativer oder iterativer Aspekt mittransportiert, der diese Rechtfertigung als andauernd oder wiederholend klassifiziert. Ein Beispiel für das mehrfache Rechtfertigen ist David. Paulus zitiert in Römer 4 einen Bußpsalm Davids, um zu zeigen, dass David sich danach sehnte, von Gott Vergebung seiner Sünden zu erlangen, obwohl er bereits früher ein gerechter Mann nach Gottes Herzen war. Und wie wir wissen, wurden David seine Übertretungen von Gott wieder vergeben (2. Samuel 12,13-14). Demnach wurde David in seinem Leben mindestens zweimal gerechtfertigt. Einmal, als er zum gerechten Mann nach dem Herzen Gottes wurde, und ein anderes Mal, als ihm seine neueren Sünden erneut vergeben wurden.
Wenn die Rechtfertigung also ein Prozess ist, der mit dem Glauben beginnt, aber mit Glaubenswerken fortgeführt wird, so sprengt dies das reformierte Konzept der sogenannten forensischen Rechtfertigung.
Forensische Rechtfertigung
Wir kennen den Begriff der Forensik als die wissenschaftliche Unterstützungsabteilung beim Gericht. Das Wort „forensisch“ beschreibt also einen Gerichtskontext. Die forensische Rechtfertigungslehre aus der reformierten Theologie besagt hier, dass wir durch den Glauben allein vor Gottes Gericht gerecht gesprochen werden, ohne dass wir wesensmäßig gerecht geworden sind. Das Gerechtwerden kann dann je nach protestantischer konfessioneller Ausprägung mehr oder weniger durch den an die Rechtfertigung anschließenden Prozess der Heiligung geschehen. Aber dass das Heil durch diesen Akt der Gerechtsprechung gesichert wurde, ist die juristisch-geprägte theologische Grundlage für die protestantische Lehre vom Glauben allein (Sola Fide), auf dem die bei Protestanten häufig propagierte und in Anspruch genommene Heilsgewissheit beruht. Die konfessionellen Feinheiten in der protestantischen Theologie drehen sich dann nur noch darum, ob für den Prozess der Heiligung dann noch eine Wesensänderung im Menschen geschehen muss oder bei der eigentlich hauptsächlich forensischen Rechtfertigung schon geschehen ist. Häufig geht es auch um die Frage, ob die Heiligung in calvinistischer Manier vorherbestimmt ist oder vielleicht sogar nach der Schule der freien Gnade (Free Grace), wenn auch nicht ethisch, dann zumindest für das Heil rein optional bleibt. Manche Protestanten hingegen sehen die Möglichkeit des Abfalls nicht nur vom Glauben, sondern auch im Sinne eines Heilsverlustes als gegeben an. Dies widerspricht zwar dem Kern von Sola Fide, ist aber eine glückliche Inkonsequenz im Glauben einer Großzahl der heutigen Protestanten. Selbst Martin Luther scheint hier nicht sonderlich konsequent gewesen zu sein, was dann aber durch Johannes Calvin glattgebügelt und in eine konsequente Systematik verpackt wurde.
Dass jedoch viele Protestanten hier scheinbar Inkonsequenzen aufweisen, kann negativ als Widersprüchlichkeit zur reformierten Lehre aufgefasst werden, oder positiv als Orientiertheit an der Heiligen Schrift. Denn tatsächlich spricht sich die Bibel entschieden gegen die Idee einer forensischen Rechtfertigungslehre aus.
Denn Gott würde niemals einen Menschen entgegen seiner Sündhaftigkeit gerecht sprechen, ohne ihn dann auch mindestens zugleich gerecht zu machen. Denn sonst würde Gott unwahrhaftig urteilen. Daher stimmt die katholische Auffassung von der eingegossenen, anstatt nur zugerechneten Gerechtigkeit viel mehr mit Gottes Wesen überein. Denn „wer den Gottlosen gerecht spricht und wer den Gerechten verurteilt, die sind beide dem Herrn ein Gräuel“ (Sprüche 17,15). Und „wehe denen, die Böses gut und Gutes böse nennen, die Finsternis zu Licht und Licht zu Finsternis erklären, die Bitteres süß und Süßes bitter nennen“ (Jesaja 5,20). Wir dürfen uns hier laut der Bibel nicht verführen lassen: In Gottes Augen ist nur der gerecht, der die Gerechtigkeit ausübt und nicht jener, der weiterhin in Sünde lebt (1. Johannes 3,7).
Eine nur forensisch verstandene Errettung ist keine tatsächliche Erlösung. Denn die Theorie der forensischen Rechtfertigung erklärt nur, wie Jesu Tod Gottes Sicht in einem legalistischen Sinne auf uns ändert, aber dieses juristische Modell verrät uns nicht, wie Jesu Tod unser Wesen verändert. Diese Sicht auf die Erlösung macht aus unserem barmherzigen und an unserer Person interessierten Vater im Himmel einen juristischen Trickser. Diese angebliche Ungerechtigkeit und Lüge seitens Gottes werden von Protestanten häufig mittels einer weiteren juristischen Fiktion erklärt, die Gott sogar zu einem Trickser macht, der sich selbst juristisch hinters Licht führt:
Strafersatztheorie des Erlösungswerkes
Bei den Ersatztheorien, auch unter dem Begriff Substitution bekannt, muss man sehr nuanciert vorgehen, um Verwechslungen zu vermeiden. In gewisser Hinsicht ist Jesus unser Stellvertreter. In bestimmten Aspekten muss man jedoch auch aufpassen, wie es verstanden wird. So verwendet die Bibel häufig Formulierungen wie, dass Jesus unsere Sünden getragen hat, unser Opferlamm ist oder für uns bezahlt hat.
Manche Protestanten sehen das wieder sehr juristisch und vergleichen es mit einem Strafzettel, der uns gebührt, aber nun von Jesus bezahlt wurde. Hier wird nun angenommen, dass durch die Bezahlung des Strafzettels wir natürlich nicht wieder für denselben Strafzettel zur Kasse gebeten werden können. Da Jesus aber für alle unsere Strafzettel bezahlt habe, sofern wir an Ihn glauben, seien wir ohne Schuld. Jesus trägt in diesem Konzept als unser Opferlamm alle unsere Schuld.
Das Problem hierbei ist, dass nämlich der weiterhin Ungerechte keine Strafe erhält, nicht weil er etwa von nun an gerecht lebt, sondern weil ihm die Gerechtigkeit Christi juristisch angerechnet wird und Seine Schuld Christus angerechnet wird.
Das offensichtlichste Problem hierbei ist, dass es sich bei Sünden um keinen bloßen Strafzettel handelt. Auch das Strafmaß ist anders. Die Strafe für die Sünde ist die ewige Hölle und nicht ein temporärer physischer Tod. Hätte Jesus also in diesem protestantischen Sinne stellvertretend unseren Strafzettel bezahlt, dann hätte Er ewig in die Hölle gemusst und hätte nicht bereits nach 3 Tagen wieder auferstehen und in den Himmel fahren können.
Eine Bezahlung schließt außerdem Vergebung aus. Wenn der Preis der Schuld erst bezahlt werden muss, vergibt dann Gott überhaupt noch? Denn wenn die Schuld bereits bezahlt wurde, was wird dann noch vergeben? Wenn Sünde rein juristisch und analog zu einem Strafzettel gesehen wird, dann geht die persönliche Ebene verloren. Dann geht es nicht mehr darum, dass wir Gott mit unserem Verhalten entehrt und beleidigt haben, was Vergebung benötigt, sondern es muss einfach nur von irgendjemanden mit genügend Geld eine Zahlung für die Schuld getätigt werden und die Sache ist erledigt. Doppelte Bezahlung ist gerechterweise ausgeschlossen.
Ein sehr praktisches Problem dieser Idee der stellvertretenden Bezahlung ist, dass diese Lehre sehr leicht als Lizenz zum Sündigen missbraucht werden kann (siehe auch Free Grace). Denn wenn jede Sünde der Christen bereits vor 2000 Jahren am Kreuz bezahlt wurde, dann können wir theoretisch wirklich sündigen, wie wir wollen, ohne dafür Konsequenzen für unser ewiges Seelenheil in Kauf zu nehmen. Denn was soll passieren? Entweder sind die Sünden bezahlt oder nicht! Eine so pervertiere Ersatztheorie ist also komplett verkehrt, denn Christus ist kein Diener der Sünde (Galater 2,17-18). Wenn ich die Sünde wiederaufbaue und Übertreter des Gesetzes werde, so dient mir Christus keinesfalls. Hierbei wird dann, wie sogar manche Protestanten bemängeln, vergessen, dass wir in Christus sein und bleiben müssen, damit wir an der Erlösung Anteil haben.
Wir dürfen also darauf schließen, dass Christus nicht eine besondere Strafe auf sich genommen hat, die der Mensch für seine Sünde erhalten hat, sonst würde er heute noch in der Hölle abbezahlen. Vielmehr lehrt die Schrift, dass Christus ein „Sühneopfer“, ein „Sündopfer“ oder kurz ein „Opfer“ für Sünden wurde. In der biblischen Sprache gesprochen hat Christus unsere Sünden mit seinem Leib ans Holz „getragen“ (1. Petrus 2,24). Das griechische Worte für „tragen“ (ἀναφέρω) ist ein Opferbegriff, der sich auf Christus als das Sühneopfer der Menschheit bezieht, das dargebracht wurde, um Gottes Zorn gegen die Sünde zu besänftigen und Ihn infolgedessen gnädig zu stimmen. Auf diese Weise wurden die Schleusen der Gnade geöffnet, die es uns allen ermöglichen, das Heil zu erlangen, wenn wir mit Christus verbunden bleiben. Und die Bezahlung, die Christus für unsere Sünden tätigte, ist biblisch als Lösegeld zu verstehen. Wir sind als Sklaven unter die Sünde verkauft und Jesus bezahlt, damit wir freikommen und nun nicht mehr der Sünde dienen müssen.
Viele Stellen in der Bibel ergeben auch überhaupt keinen Sinn, wenn wir ein für alle Mal durch unseren Glauben allein forensisch gerechtfertigt sind und Jesus für alle unsere Sünden juristisch bezahlt hat, egal ob wir Reue haben und umkehren. So bevollmächtigt Jesus in Johannes 20,22-23 Seine Apostel Sünden zu vergeben und sogar zu behalten. Die Sündenvergebung sollte ja laut Sola Fide nur durch den Glauben an das Opfer am Kreuz kommen. Entweder habe ich diesen Glauben und bin durch diesen allein gerechtfertigt, oder Apostel können mir auch weiterhin Sünden vergeben. Aber wirklich absolut unerklärlich ist, wie Menschen die Vollmacht haben können, mir die Sünden zu behalten. Entweder sind meine Sünden am Kreuz vergeben worden oder sie sind es nicht. Ein Mensch kann mir ja nicht ins Herz schauen, um zu erkennen, ob ich wirklich geglaubt habe. Ein Mensch kann mich bei schlechtem Verhalten warnen und mir auch das Evangelium lehrmäßig darlegen. Aber Sündenvergebung durch Menschen ist zwar biblisch, widerspricht aber dem ganzen Narrativ hinter Sola Fide. Genau deshalb haben viele Protestanten auch Schwierigkeiten mit dem Sakrament der Buße in der Beichte.
Werke sind heilsnotwendig
Gute Werke sind auch nach einer initialen Rechtfertigung aus Glauben nötig, um das Heil zu behalten, sofern man natürlich nicht direkt in dem Moment stirbt, in dem man zum Glauben kommt. Denn Gott wird am Ende nach den Werken richten und nicht nach dem Glauben allein (Matthäus 25,32-46). Unsere Taten bewirken also unser Heil mit. Wer fleischlich lebt, wird Verderben ernten, und im Kontrast dazu wird der geistliche Mensch das ewige Leben ernten. Paulus ermahnt uns hier sogar uns nicht zu irren, denn anderenfalls würden wir in Gefahr laufen, Gott zu spotten (Galater 6,7-10; Römer 8,13).
Die katholische Lehre verlangt von uns nicht proaktive Werke für die Errettung. Im Grunde genommen kann man sogar nach der Taufe bis zum Ende des Lebens im Koma liegen und würde dennoch in den Himmel kommen. Das Heil kann nach katholischer Ansicht nur durch Todsünden wieder verloren gehen. Da das Leben für uns Christen jedoch zahlreiche Prüfungen unserer Liebe zu Gott, der Wahrheit und unseren Mitmenschen bereithält, wird von uns dennoch ein Wandeln in der Liebe abverlangt, was sich in zahlreichen Werken äußert. Hierbei geht es jedoch nicht um ein Sammeln von Punkten oder Abarbeiten von einem Mindestmaß an Werken. Gott bereitet für uns ganz individuell Werke vor, in denen wir wandeln sollen (Epheser 2,10). Die Vermeidung von Todsünden reicht, wie bereits erwähnt, grundsätzlich für unser Heil aus. Doch häufig begehen wir im Leben Unterlassungssünden oder das Erkalten unserer Nächstenliebe mündet irgendwann in aktiven Todsünden. Somit lassen sich im praktischen Alltag gute Werke als Christ nicht vermeiden, wenn wir nicht in Sünde fallen wollen.
Nur wer überwindet, wird auch das ewige Leben erben. Für die Sünder (z.B. alle Lügner) gibt es nur den zweiten Tod (Offenbarung 21,7-8). Wer Gottes Gebote tut, hat Anrecht am Leben, während die anderen aber vom Heil ausgeschlossen werden (Offenbarung 22,14-15).
Die Bibel kennt neben den allgemeinen Liebeswerken auch ganz spezifische Dinge, die ein Christ für sein Heil zu tun beziehungsweise zu haben hat. So ist das Bekennen des Glaubens laut Römer 10,9-10 eine heilsnotwendige Tat. Aber auch das Bekennen unserer Sünden ist heilsnotwendig (1. Johannes 1,9). Auch die Liebe ist notwendig. So besagt 1. Korinther 13,2, dass wer die Liebe nicht hat, nichts ist. Ein aus Glauben allein gerechtfertigter Christ wäre aber nicht nichts. Denn er wäre zumindest ein Geretteter, was ja das Wichtigste überhaupt ist. Demnach kein niemand ein Geretteter sein, ohne auch die Liebe zu haben. Denn der Glaube ist durch die Liebe wirksam (Galater 5,6). Und die Liebe ist das Erfüllen des Gesetzes (Römer 13,10). Wer also die Liebe hat und wirklich gerettet ist, der erfüllt auch das Gesetz. Wer das Gesetz nicht erfüllt, ist scheinbar nicht errettet. Das heißt natürlich nicht, dass wir das Gesetz immer perfekt erfüllen müssen, um in den Himmel zu kommen. Zum einen unterscheidet die katholische Theologie in Todsünden und Sünden, die uns nicht aus dem Stand der heiligmachenden Gnade fallen lassen. Und des Weiteren gibt es auch das Sakrament der Buße, das wir bei begangenen Sünden immer in Anspruch nehmen können. Wir können aber zusammenfassen, dass somit der Glaube allein nicht ausreicht, sondern er bedarf noch der Wirksamkeit durch die Liebe. Dasselbe gilt auch für die Liebe zu Jesus (Johannes 14,21), ohne die man auch den Vater nicht hat (Johannes 14,23).
Gute Werke und nicht der Glaube allein dienen also zur Ergreifung des ewigen Lebens (1. Timotheus 6,18-19). Rechtfertigung ohne Heiligung genügt nicht, um eines Tages Gott zu schauen (Hebräer 12,14). Und die Gottesschau ist das Heil, das wir Christen anstreben. Die Heiligung wiederum besteht auch aus Werken, vor allem aber in der Vermeidung von Sünden wie der Unzucht (1. Thessalonicher 4,3). Das ist nämlich der Wille Gottes, durch den wir in die Ewigkeit kommen (1. Johannes 2,17). Wer also die genannten Dinge tut, macht seine Erwählung fest und wird nicht zu Fall kommen und verschafft sich auf diese Weise Eingang zum Heil (2. Petrus 1,10-11).
So weist auch Paulus in dem bei Protestanten so beliebten Römerbrief gleich von Kapitel 2 an darauf hin, dass sein Evangelium nicht im Sinne von Sola Fide zu interpretieren ist. Er gibt uns gleich zu Beginn den Auslegungsschlüssel für die kommenden Kapitel, welche seit Martin Luther der Eckstein in reformatorischer Theologie sind. Paulus spricht hier nicht hypothetisch, denn dafür gibt es keinen Grund, außer eine protestantische theologische Vereinnahmung. Paulus verlangt, dass wir auch nach der initialen Rechtfertigung ausdauernd in guten Werken sind, um somit das ewige Leben zu erlangen. Denn wer ungehorsam oder ungerecht ist, wird das Unheil bekommen (Römer 2,6-8). Paulus wiederholt dieses Prinzip und wendet es auch explizit auf die Heiden an, die ja gar nicht unter dem Gesetz stehen (Römer 2,9-10). Letztlich folgert Paulus, dass die Rechtfertigung durch das Befolgen des Gesetzes erlangt wird (Römer 2,13) – und zwar ein Gesetz, das auch den Heiden ins Herz geschrieben steht. Denn das innere Gericht der Menschen dreht sich um Werke. Gott sieht es und wird nach diesem Maßstab richten. Und dies alles nennt Paulus zusammenfassend sein „Evangelium“ (Römer 2,15-16): Ein Evangelium des Glaubens und der Werke!
Glaube und Werke sind aufeinander bezogen
An Jesus zu glauben, heißt nicht, dass man glaubt, dass Er existiert. Das haben damals in Jerusalem alle geglaubt und auch die Dämonen wissen, dass Er der Sohn Gottes ist und zittern (Markus 5,7; Jakobus 2,19). Solch eine Art zu glauben, würde einen zwar zum Theisten machen, aber noch lange nicht zum Christen. Wenn Christen von Glauben sprechen, meinen sie den Glauben der Botschaft Jesu. Es geht um den Glauben, der durch die Liebe wirksam ist (Galater 5,6). Es geht also darum, dass der Glaube Früchte bringt. Steht der Glaube allein da und bleibt fruchtlos, so rechtfertigt er nicht (Jakobus 2,24). Zwar kann er allein dastehen und ist auch der echte Glaube, jedoch rechtfertigt er allein nicht. So schreibt Jakobus nämlich weiter: „So steht es auch mit dem Glauben: hat er keine Werke aufzuweisen, so ist er an sich selbst (= für sich allein) tot.“ (Jakobus 2,17). Der alleinstehende Glaube ist zwar tot und fruchtlos, aber er ist nicht etwa non-existent. Jakobus gesteht durchaus zu, dass dieser Glaube existiert. Er allein rechtfertigt jedoch entgegen Sola Fide nicht.
Sola Fide (implizit) widersprochen
Die Bibel lehrt ganz klar und an vielen Stellen gegen Sola Fide. Hier will ich jedoch nur ein paar wenige Stellen anschauen, die dafür aber explizit von Rechtfertigung sprechen.
So vertritt Jesus uns nicht rechtfertigend im Gericht Gottes, wie es die Substitutionstheorie nahelegen würde, sondern wir müssen selbst Rechenschaft abgeben für unsere Worte. Diese Worte sind es wiederum, die uns rechtfertigen. „Denn nach deinen Worten wirst du gerechtfertigt, und nach deinen Worten wirst du verurteilt werden!“ (Matthäus 12,36-37)
Der Kontext dieser Stelle spricht vom Tag des Gerichts. Es geht hier also klar um das Heil und nicht irgendeine Rechtfertigung vor Menschen oder sonst wem. Die Rechtfertigung erfolgt aufgrund der Werke, welche in diesem Fall unsere Worte sind. Von allein rechtfertigendem Glauben ist hier nirgends die Rede.
Wir kennen alle die berühmte Stelle aus Genesis 15,6, in der steht: „Und er glaubte dem Herrn und das rechnete er ihm als Gerechtigkeit an.“ Mit dieser Stelle wird gerne die Rechtfertigung ohne Werke und nur durch den Glauben belegt. Wenn diese Stelle aber tatsächlich die Rechtfertigung belegt, dann wurde Pinhas durch ein Werk gerechtfertigt. Denn in der Septuaginta (LXX) hat Psalm 106,31 den exakt selben Wortlaut wie Genesis 15,6: „Pinhas trat hin und legte Fürsprache ein, da wurde der Plage Einhalt geboten. Das wurde ihm angerechnet als Gerechtigkeit von Geschlecht zu Geschlecht für alle Zeiten.” Pinhas wurde also nicht durch Glauben allein gerechtfertigt, sondern auch durch seine Fürsprache.
Wir sehen also, dass sich Sola Fide biblisch nur aufrechterhalten lässt, wenn man selektiv mit einer vorgefertigten reformatorischen Theologie an die Schrift herangeht.
Ein Exkurs zu den verschiedenen Arten von Verdiensten
Wenn jedoch Werke tatsächlich eine relevante Rolle für unser Heil spielen, was ist dann mit dem Rühmen? Steht nicht in Römer 3,27, dass das Rühmen aufgrund von Sola Fide ausgeschlossen ist? Und sagt nicht Epheser 2,8-9, dass es die reine Gnade ist, die uns rettet und dass es daher keine Werke geben kann, aufgrund deren man sich rühmen könnte? Ist nicht der Katholizismus werkegerecht, wenn er Sola Fide ablehnt?
Hier sei zunächst einmal Entwarnung gegeben. Nur weil die katholische Theologie das reformatorische Prinzip Sola Fide ablehnt, kann sie sich dennoch mit dem anderen reformatorischen Prinzip Sola Gratia anfreunden, sofern es richtig verstanden wird. Denn selbstverständlich ist es Gott, dem wir alles verdanken. Ihm verdanken wir zuallererst unsere Existenz. Ihm verdanken wir, dass wir trotz unserer Sünden noch eine Chance auf Errettung haben. Und Ihm verdanken wir, dass Er uns diesen Weg in Christus geebnet und gezeigt hat.
Egal was der Mensch tut – und er muss etwas tun, denn sonst wäre ja jeder Mensch automatisch per Geburt gerettet – es ist alles der Gnade Gottes geschuldet. Einen absoluten Monergismus gibt es niemals, denn das würde in gnostischer Manier die Weltlichkeit nicht nur ablehnen, sondern sogar schon leugnen. Selbst wenn Sola Fide stimmen würde, so ist es dennoch der Mensch, der glauben muss. Der Mensch tut glauben. Glauben ist ein Verb und dieses Prädikat hat den Menschen als handelndes Subjekt. Den Glauben schenkt uns zwar Gott, aber Er nimmt ihn uns nicht ab. Glauben müssen wir schon selbst!
Und genau wie das eigenständige Glauben in Sola Fide dennoch der Gnade Gottes, so bedarf auch jedes Werk der Heiligung Gottes Gnade. Viele calvinistische Christen haben mit diesen Aussagen kein Problem. Wenn es also Gottes Gnade ist, die in uns das Wollen und das Vollbringen wirkt (Philipper 2,13), dann kann es auch Gottes Gnade sein, die in uns alle heilsnotwendigen Werke bewirkt. Hier widerspricht sich nichts.
Hierin einen Widerspruch zu sehen, bedeutet, verschiedene Ursachenarten nicht zu differenzieren. Wenn beispielsweise ein Handwerker mit einem Hammer einen Nagel in die Wand haut, so könnte man sich nun lange darüber streiten, ob es nun der Handwerker oder der Hammer war, der den Nagel in die Wand beförderte. Weiter könnte man nun darüber philosophieren, ob es die Hand oder der Hammer ist, was hier die eigentliche Arbeit verrichtet. Oder man könnte darüber nachdenken, ob es das Gehirn des Handwerkers war, das den Hammer durch die Hand gesteuert hat, oder ob nicht doch alles von Willen und Geist des Handwerkers abhängt.
Wir sehen hier schnell, dass in solch einer Debatte schnell aneinander vorbeigeredet wird. Jeder beleuchtet einen bestimmten Aspekt der Wirklichkeit und verabsolutiert ihn für das Gespräch. Und im Gespräch selbst fühlen sich dann alle Teilnehmer in ihren Positionen missverstanden. Dasselbe passiert häufig in Debatten zwischen Katholiken und Protestanten – ein paar zwar gebildete, aber radikale Randpositionen einmal ausgenommen.
Wenn wir also einmal etabliert haben, dass Katholiken auch die Gnade Gottes sehen, erkennen und betonen, dann wird vielleicht verständlicher, was wir meinen, wenn wir solche Begriffe wie „Lohn“ oder „Verdienst“ in den Mund nehmen. Diese Begriffe klingen in protestantischen Ohren stark als die Gnade ablehnend. Um nicht durch verschiedene Worte wie Lohn und Verdienst verwirrt zu werden, verwenden wir ab sofort am besten den lateinischen theologischen Begriff „meritum“.
Meritum de condigno
Das meritum de condigno bedeutet einen “Verdienst aus Würdigkeit”. Es bezeichnet die Art von Verdienst, die aus einem Wesen innewohnenden Fähigkeit oder Berechtigung generiert wird.
Ein Beispiel wäre das Gehalt in einem Arbeitsvertrag. Dies ist juristisch bindend, sofern die Bedingungen des Vertrages erfüllt werden. Da es sich hier um den Bereich des Gesetzes handelt, könnte sogar auf Auszahlung des Lohnes geklagt werden.
Da der Mensch alles, was er hat und zu dem er fähig ist, aus der gnädigen Hand Gottes empfangen hat und Gott ohnehin nicht von außen zu irgendetwas verpflichtet werden kann, ist ein meritum de condigno aus christlicher Sicht ausgeschlossen (vgl. Römer 4,1-5; Epheser 2,8-9; Römer 11,35).
Wenn Paulus also die Judaisierer insbesondere für ihr Pochen auf die sogenannten Boundary Markers im Gesetz des Moses (z.B. die Beschneidung) kritisiert, dann bezieht er sich auf ihre selbstgerechte Haltung, die sie in ihren Augen ganz ohne Gnade und nur durch Abstammung aus dem Bundesvolk Gottes würdig für das Heil erscheinen lässt.
Meritum de congruo
Das meritum de congruo bedeutet hingegen einen “Verdienst der Übereinstimmung”. Es bezeichnet die Art von Verdienst, die gewährt werden kann, wenn ein Verhalten bestimmte Kriterien erfüllt.
Ein Beispiel wäre eine Beförderung oder ein Abzeichen beim Militär. Diese werden von Vorgesetzten freiwillig und ohne rechtliche Bindung gewährt nach Orientierung an selbst dafür aufgestellten Kriterien. Da es sich hierbei um den Bereich der Gnade beziehungsweise der Beziehung handelt, kann das Militär, obwohl es in der Tat sogar ein Arbeitgeber mit Arbeitsvertrag ist, nicht zur Gewährung einer Beförderung oder eines Abzeichens verklagt werden.
Da Gott sich treu bleibt, sich selbst bindet und sich nichts schenken lässt, kann der Mensch sich Gnaden bei Gott verdienen mit Verhalten, was Gott wohlgefällig ist. Da die christliche Beziehung zu Gott eine familiäre Liebesbeziehung und kein juristisches Verhältnis darstellt, kann von Verdienst beziehungsweise meritum de congruo gesprochen werden (vgl. Römer 2,6).
Jedes Verdienst im Bereich des meritum de congruo setzt bereits die Gnade Gottes voraus. Selbst das Prinzip des Verdienstes wird hier bereits als eine Gnade von Gott gedacht. Genau wie meine Existenz und meine Fähigkeit zu atmen der Gnade Gottes entspringen, so entspringt meine Fähigkeit, bei Gott etwas zu verdienen, auch bereits der Gnade Gottes und nicht meiner mir angeblich innewohnenden Würdigkeit. Diese habe ich nämlich nicht, weshalb ich auch bei Gott nichts gerechterweise einklagen kann. Es ist also bereits Gnade Gottes, aus der abgeleitet weitere Gnaden folgen können. Ultimativ gesehen ist und bleibt es jedoch Gottes Gnade.
Wenn wir die Gnade Gottes so verstehen und diese nicht für ein Sola Fide Prinzip missbrauchen, dann kann der Katholik getrost auch Sola Gratia – die Gnade allein – bekennen.
Heiligkeit ist jetzt schon möglich
Insbesondere calvinistische Protestanten legen viel Wert darauf zu betonen, dass alle Menschen inklusive der Wiedergeborenen vollkommen verdorben sind und niemals diesseits des Todes sündlos leben können.
Allerdings beweist keine Stelle in der Bibel, dass wir die Gnade der Heiligkeit nicht auch schon im Diesseits erhalten können. Im Gegenteil, es entspricht der Macht Gottes, uns hier auch schon heilig zu machen (2. Korinther 9,8). Gott kann uns komplett ohne jedes Straucheln bewahren (Judas 24). Denn Gott hat alles in uns durch die Wiedergeburt neu gemacht, damit wir schon jetzt die Fähigkeit haben, alle unsere Versuchungen zu überwinden (2. Korinther 5,17), denn Gott schafft mit jeder Versuchung auch einen Ausweg (1. Korinther 10,13). Ein Beispiel für tadellose Gerechte sind im Neuen Testament Elisabeth und ihr Mann (Lukas 1,6).
Dies sollte niemanden überraschen, denn bereits das mosaische Gesetz war erfüllbar (Deuteronomium 30,11-14). Die Gebote Gottes sind nicht schwierig (1. Johannes 5,3). Auch verlangt Gott nicht von allen alles, sondern immer nach dem Maßstab des einzelnen Geschöpfes (Lukas 12,48). Dementsprechend muss auch nicht jeder einen Perfektionismus-Standard einhalten, der vielleicht gar nicht auf ihn anwendbar ist, um dennoch authentisch heilig zu leben.
Die Vorstellung, die häufig unter Protestanten herrscht, dass wir ohnehin niemals die Gebote Gottes erfüllen können, stellt einen unheiligen Defätismus dar, der sicherlich nicht motivierend wirkt, heilig zu leben. Ich würde sogar so weit gehen, dass dieser Sünden-Fatalismus des Protestantismus sogar seinen Teil dazu beiträgt, eine selbsterfüllende Prophezeiung zu werden und manchmal sogar als Rechtfertigung zum Sündigen dient. Zwar wird das sicherlich von keinem Protestanten jemals so offen proklamiert werden, aber viele Protestanten – einschließlich mir – haben mit diesem Gedanken insgeheim schon einmal gespielt. Zwar entspricht dies nicht der protestantischen Lehre, aber es ist nun einmal eine naheliegende Ableitung dieser fatalistischen Mentalität.
Doch sagt nicht 1. Johannes 1,8, dass jeder Mensch total verdorben ist? Nein, denn dieser Vers will nur darlegen, dass im Allgemeinen jeder Mensch Sünde hat. Tatsächlich sagen aber die nächsten Verse, dass zwar jeder in der Vergangenheit gesündigt hat, aber dass Gott uns nach dem Bekenntnis reinigt, sodass wir ohne Ungerechtigkeit verbleiben (und dementsprechend dann auch wandeln können). Es wird nichts über die Zukunft ausgesagt (1. Johannes 1,9-10).
Zwar wird im Allgemeinen jeder Mensch zumindest hin und wieder fallen, aber es ist sicherlich möglich, Todsünden zu vermeiden. Doch manche calvinistisch orientierten Protestanten gehen sogar so weit, zu sagen, dass kein Mensch aufgrund der totalen Verdorbenheit ohne Wiedergeburt jemals nach Gerechtigkeit trachten kann. Sprüche 21,21 sagt jedoch: „Wer eifrig danach trachtet, gerecht und gütig zu sein, der findet Leben, Gerechtigkeit und Ehre.” Gerechtigkeit, Ehre und neues Leben findet man jedoch nach forensischer Rechtfertigungslehre und calvinistischer totaler Verdorbenheit nur nach der Rechtfertigung und Wiedergeburt. Der Vers suggeriert aber, dass man auch schon vorher nach Gerechtigkeit trachten kann. Denn Gerechtigkeit und neues Leben gibt es laut Sola Fide erst nach der forensischen Rechtfertigung und Wiedergeburt. Man kann also nicht etwas voraussetzen, um das Vorausgesetzte überhaupt erst zu erlangen.
Heilsgewissheit kommt aus Werken
Wenn wir ein für alle Mal durch Glauben allein gerechtfertigt wären, dann dürften unsere Werke und Taten nichts zu unserer Heilsgewissheit beitragen, sondern nur die Tatsache unseres Glaubens müsste genügen, um uns in Sicherheit zu wiegen, dass wir gerechtfertigt sind. Was auch immer an Heiligung dann noch nötig für das Heil sein könnte, die Tatsache unserer Rechtfertigung aus Glauben allein würde uns ausreichend Gewissheit liefern, dass diese Heiligung in unserem Leben noch eintreten würde.
Wenn es Verse in der Bibel gibt, welche eine Heilsgewissheit aus unseren Taten schöpfen, läuft das somit der Rechtfertigung aus Glauben allein entgegen und ist mindestens mal ablenkend und verwirrend. Wenn Sola Fide stimmen würde, müsste es eigentlich überall in der Bibel heißen, dass man nur auf Christus und nicht auf Werke vertrauen dürfte. Manche Protestanten erkennen das und predigen daher konsequenterweise gegen die Verlierbarkeit des Heils.
Die Realität ist jedoch, dass die Bibel das Halten der Gebote als Maßstab für wahre Erkenntnis Gottes und die Vereinnahmung der Wahrheit lehrt (1. Johannes 2,3-4). Auch die Liebe zu den Brüdern wird als Beleg für das neue Leben gewertet und fehlende Liebe als Beleg für das Verbleiben im Tod (1. Johannes 3,14). Diese Liebe erkennen wir aber wiederum am Halten der Gebote Gottes (1. Johannes 5,2-3). Somit ist das Halten der Gebote ein Zeichen für unser Heil und das Missachten der Gebote ein Beleg für unser Verlorensein.
Einmal gerettet, immer gerettet?
Die Frage der Verlierbarkeit des Heils ist für Sola Fide sehr relevant. Ist nämlich das Heil verlierbar, so muss man ja einmal das Heil gehabt haben, sonst kann man es schließlich nicht verlieren. Wenn ich aber das Heil durch die Rechtfertigung aus Glauben allein erlange, wieso verliere ich es dann? Was neben dem Glauben muss ich noch liefern, um das Heil auch tatsächlich zu erreichen? Wenn es Werke sind, dann muss man zugeben, dass diese auch rechtfertigend wirken. Immerhin verliere ich schließlich das Heil, wenn diese Werke ausbleiben. Alternativ könnte man die Rechtfertigung aus Glauben allein aufrechterhalten, wenn man den Heilsverlust auf andere Weise sicherstellt, ohne die Rechtfertigung mit Werken anzureichern.
Man könnte hier zum Beispiel sagen, dass durch eine göttliche Vorherbestimmung sichergestellt ist, dass jeder, der einmal durch Glauben allein gerechtfertigt wurde, auch auf jeden Fall alle nötigen Werke und die Ausdauer im Glauben haben wird, die für das Heil notwendig sind. So wird sichergestellt, dass es nur der Glaube ist, der rechtfertigt, und dass die dann nicht mehr rechtfertigenden, aber dennoch notwendigen Werke auf jeden Fall kommen. Gott hat es so determiniert!
Wenn ich aber eine göttliche Vorherbestimmung in mein Heilsmodell einbaue, dann habe ich aber wieder ein Problem mit dem Verlust des Heils. Denn wenn die einmal durch Glauben allein gerechtfertigten Christen prädestiniert sind für das Heil, wieso fallen sie dann vom Heil ab?
Demnach ist die Lehre von der Verlierbarkeit des Heils unvereinbar mit Sola Fide im Sinne der Rechtfertigung aus Glauben allein. Denn entweder gebe ich die Rechtfertigung von Glauben allein zugunsten mancher heilsrelevanten Werke auf, oder ich leugne, dass ein einmal durch Glauben allein Gerechtfertigter sein Heil wieder verlieren kann.
Deswegen ist diese Lehre so relevant für Sola Fide. Lässt sich nämlich zeigen, dass echte Christen, die dann vermeintlich durch Glauben allein gerechtfertigt sein müssten, wieder verloren gehen, so ist damit indirekt Sola Fide widerlegt.
Es gibt hier noch ein alternatives Ausweichmodell. Man könnte sagen, dass man nur dann das Heil verliert, wenn man aufhört zu glauben. Die Rechtfertigung aus Glauben allein ist dann kein punktuelles Ereignis mehr, sondern vollzieht sich dauerhaft durch den fortbestehenden Glauben.
Auch hier könnte man jedoch, genau wie bei einer möglichen Verlierbarkeit des Heils mangels nötiger Werke, keine Heilssicherheit haben, da man theoretisch morgen aus unerfindlichen Gründen den Glauben verlieren könnte. In der Praxis hängt der eigene Glaube jedoch sehr wohl mit sehr vielen Werken und Entscheidungen zusammen, die man trifft. Sobald der Glaube also von einem von Gott ohne jegliches Zutun vom Menschen geschenktes einmaliges Ereignis zu einem Prozess wird, wird aus dem Glauben de facto ein Werk. Es ist dann etwas, was der Mensch tut und worauf er im praktischen Alltag einwirken kann.
Es lässt sich also zusammenfassen: Wenn in der Bibel auch nur ein einziger Fall oder auch prinzipiell gezeigt werden kann, dass er ein echter Christ war und tatsächlich verloren geht – also nicht nur Belohnungen im Himmel verliert oder den physischen Tod erleidet – dann ist Sola Fide widerlegt.
Bloße Warnungen reichen hierfür streng genommen nicht aus, weshalb die zahlreichen und fast überall im Neuen Testament auftauchenden Warn-Stellen hier nicht behandelt werden sollen. Dennoch sollte man sich auch hier kritisch fragen, wieso Gott ständig vor dem Abfall warnt, der ja praktisch sowieso nie eintreffen kann und auch theoretisch gegen den Kern des angeblichen Sola Fide Evangeliums anpredigt, wenn Er doch alle Christen auch ohne solche Warnungen bis zum himmlischen Ziel vorherbestimmen kann. Wieso inspiriert der Heilige Geist so viel praktisch Irrelevantes und theoretisch Unsinniges? Wir Christen nehmen es selbstverständlich hin, wenn es so wäre, weil wir Gott immer vertrauen und gehorchen wollen. Aber merkwürdig wäre es dennoch!
Wenn man von der Verlierbarkeit des Heils spricht, kommt häufig auch der Einwand, dass es nicht zur Ehre Gottes diene, wenn Christen wieder verloren gehen könnten. Doch wenn überhaupt jemand, egal ob Christ oder Nicht-Christ, verloren geht, dann könnte man auch frecherweise behaupten, dass es nicht zur Ehre Gottes diene, weil Gott nicht fähig sei, alle zu retten. Wenn man aber sagt, dass diese Verlorenen die Gerechtigkeit Gottes unterstreichen, und sie dennoch zur Ehre Gottes dienen, dann kann man auch sagen, dass jene, die anfangs errettet waren und dann wieder abfallen, auch zur Ehre Gottes dienen, weil sie zum Beispiel gut aufzeigen, dass man Gott nicht zum Narren halten kann. Wir sehen also, es lassen sich alle Fälle irgendwie auch zur Ehre Gottes auslegen. Genauso kann man mit böser Absicht auch alles zur Unehre Gottes auslegen.
Nichtsdestotrotz gilt auch in der katholischen Theologie, dass Gott sehr wohl Seine Erwählten hat, die es in den Himmel schaffen werden. Diese dienen genug zur Ehre Gottes und zeigen, dass Gott Menschen erretten kann.
Dass Gott auch Menschen in die Verdammnis lässt, beweisen bereits die niemals Erretteten. Diese sind offenbar ein notwendiges Übel, egal welcher Theologie man Glauben schenkt – es sei denn man würde die unbiblische Allversöhnung vertreten. Gott hätte sogar in einem calvinistischen System alle retten können. Oder Er hätte alle in die Verdammnis gehen lassen können. Gott ist gerecht und muss niemandem etwas beweisen. Und wir haben kein Recht, Gott anzuklagen, egal welche Theologie nun stimmt oder nicht.
Locus classicus: Hebräer 10,26-39
Hebräer 10 ist wohl das bekannteste Kapitel der Bibel, wenn es um die Verlierbarkeit des Heils geht. Viele Vertreter der Unverlierbarkeit des Heils erklären sich diesen Text so, dass er nur hypothetisch gemeint sei. Dann wäre der Text jedoch nutzlos, weil er doch sowieso nicht eintreffen kann. Maximal könnte es als souveräne Warnung Gottes verstanden werden, die die Erwählten vom Abfall abhalten soll. Dann wäre es aber immer noch ein dreieckiges Viereck, also ein Widerspruch in sich selbst, vor dem gewarnt wird, da so ein hypothetischer Glaubensabfall sowieso nicht ins Konzept von Sola Fide und der forensischen Rechtfertigungslehre passt.
Die Ausgangslage in Hebräer 10,1-4 ist, dass die Opfer des alten Bundes Sünden nicht hinwegnehmen können. Im Kontrast dazu steht das vollkommene Opfer Jesu Christi, welches dies kann. Nur das Opfer Jesu kann wirklich das Gewissen reinigen und uns in den Stand der heiligmachenden Gnade versetzen.
Wenn wir aber nach unserer Heiligung durch Christi Opfer wieder mutwillig sündigen, also nach katholischem Modell eine Todsünde begehen (Hebräer 10,26), dann gibt es kein anderes Opfer mehr, was wir bringen könnten. Zwar können wir noch durch das Sakrament der Beichte das Opfer Christi wieder in Anspruch nehmen, doch sind wir erstmal auf dem Weg zum Gericht, da wir unsere heiligmachende Gnade verloren haben.
Denn nach Hebräer 10,27-29 erwartet uns eine schlimmere Strafe als im Alten Bund. Diese war aber schon die Todesstrafe. Es kann also keine weltliche Strafe mehr gemeint sein, denn die Todesstrafe ist die schlimmstmögliche weltliche Strafe. Folglich ist die gemeinte Strafe der Verlust des Heils! Außerdem wird gesagt “er muss ohne Erbarmen sterben”. Das impliziert, dass das Weiterlebenlassen ein Erbarmen wäre. Somit kann keine weltliche Strafe schlimmer sein als der Tod, denn solch eine Strafe würde hiernach als Erbarmen gelten!
In Vers 29 wird noch einmal ganz klar, dass sich der Text an errettete Christen richtet, da sie durch das Blut Jesu geheiligt wurden. Das Blut wurde auf den vermeintlichen Christen bereits angewendet. Und dieses Blut wird das Blut des Bundes genannt, was wiederum einen bereits bestehenden Bund voraussetzt mit dem vermeintlichen Christen. Es zeigt sich also, dass es eindeutig um tatsächliche, wirkliche Christen geht.
Auch Hebräer 10,30 macht deutlich, dass es um sein Volk geht, also keineswegs um Nicht-Christen. Und wenn wir die Verse 31-32 ernst nehmen, ging es sogar um „erleuchtete“ Christen, die sogar viel erlitten haben. Also keine lauwarmen Pseudo-Christen, sondern stabile Märtyrer-Kandidaten. Die erwähnten Christen hatten sogar nach Vers 34 Heilsgewissheit, da sie ein bleibendes Gut im Himmel haben. Zumindest ist es genau so lange bleibend, wie sie Zuversicht haben und ausharren. Dieses Ausharren wird als Bedingung zum Heil und Gegenmittel zum Abfall präsentiert (Hebräer 10,35-38). Es wird hier sogar vom zu vermeidenden „Zurückweichen“ gesprochen. Dieses Wort impliziert bereits, dass man an der richtigen Stelle gestanden hat, also ein richtiger Christ war. Das Zurückweichen führt zum Verderben, was im Kontrast zur Errettung der Seele, also des Heils, gestellt wird (Hebräer 10,39).
Weitere Stellen zur Verlierbarkeit des Heils
Es gibt zahlreiche Stellen, die die Verlierbarkeit des Heils lehren. Wir wollen uns hier nur auf ein paar wenige beschränken. So lehrt beispielsweise Römer 8,12-13, dass Brüder, die im Fleisch leben, in den Tod gehen. Wenn dies nur hypothetisch oder rein physisch gemeint wäre, so müsste der Kontrastteil des Verses, der das Leben betrifft, auch nur auf diese Weise verstanden werden. Aber wieso sollten wir physisch leben, wenn wir unser Fleisch im Zaum halten? Auch heilige Menschen sterben. Dieser Vers spricht klar über das ewige Leben und die ewige Verdammnis.
Oder was ist mit Matthäus 18,34-35, wo jemand, dem die ganze Schuld erlassen wurde und der offensichtlich für den Christen im Gleichnis steht, dennoch zur Begleichung der Schuld gezwungen wird? Sola Fide Vertreter kommen hier nur raus, wenn sie wenigstens ein Fegefeuer postulieren würden. Denn sie meinen ja, dass man die unendliche Schuld sowieso nicht abbezahlen kann. Aber wenn Jesus unsere Schuld bezahlt hat, kann Er sie nicht wieder von uns einfordern, wie Er es aber laut diesem Gleichnis tut. Doch anscheinend kann Er es sehr wohl! Das Werk am Kreuz reicht zwar aus für unser Heil, ist aber keine Garantie, dass Gott es auch auf uns anwendet.
Das Gleichnis vom Weinstock und den Reben aus Johannes 15,5-6 ist auch für unser Thema interessant. Wer, wie im Gleichnis beschrieben, in Christus ist, ist offensichtlich ein echter, wiedergeborener Christ (vgl. 2. Korinther 5,17). Wer jedoch nicht in Christus bleibt, wird ins Feuer geworfen, was eine klare Bildsprache für die Hölle ist. Wer also nicht in Jesus bleibt und abfällt, kommt in die Hölle, obwohl er wiedergeborener Christ war.
In 1. Korinther 15,1-2 lesen wir von einem vergeblichen Glauben. Wenn wir mit unserem Glauben allein das Heil irgendwann erlangen, war der Glaube schon mal nicht mehr vergeblich. Denn das Heil ist schließlich das Wichtigste. In dieser Stelle ist von Brüdern die Rede. Sie haben explizit das Evangelium angenommen. Sie standen sogar fest im Evangelium. Und dennoch werden sie nur durch das Evangelium gerettet, wenn sie am Wort festhalten.
Auch in 1. Thessalonicher 3,5 ist von einem Glauben die Rede, der eventuell umsonst gewesen sein kann. Denn die Thessalonicher sind vorbildliche Christen und werden in der Begrüßung hoch gelobt (1. Thessalonicher 1,2-7). Wieso befürchtet Paulus also die Vergeblichkeit ihres Glaubens, wenn er doch in der Begrüßung so von ihnen schwärmt? Wirklich umsonst war ihr Glaube nur, wenn sie das absolut wichtige Heil nicht erlangen. Wieso glaubt Paulus so etwas, wenn das Heil doch sicher ist? Oder hat Paulus etwa die Verlierbarkeit des Heils vertreten?
Das Gleichnis vom Sämann aus Lukas 8,11-13 ist besonders nützlich, da Jesus uns direkt die inspirierte Auslegung mitliefert. Laut Vers 12 geht es um einen rettenden Glauben. Die Gruppe aus Vers 13 hat offensichtlich bereits diesen Glauben, fällt jedoch ab. Denn man kann nur von etwas abfallen, dem man vorher auch tatsächlich angehängt hat. Das nächste Beispiel mit den Dornen ist eine Steigerung. Und die, die es im Herzen behalten und Frucht bringen, bei denen dauert der Glaube am längsten. Er bringt „standhaftes Ausharren” (Vers 15), das ja zum Heil nötig ist (vgl. Hebräer 10,36). Jesus bringt hier offensichtlich mit jeder Gruppe eine Steigerung. Demnach muss die Gruppe aus dem zweiten Beispiel schon weiter sein als die erste. Und tatsächlich sind sie auch schon zum Glauben gelangt. Das standhafte Ausharren hat aber nur die Gruppe des höchsten Levels im letzten Beispiel. Somit kann man Glauben haben, ohne das Heil letztlich zu erlangen, wenn es an standhaften Ausharren fehlt. Es wäre sehr merkwürdig, wenn im selben Gleichnis der eine Glaube rettend und der andere auf einmal kein rettender Glaube ist.
Mit Seiner berühmt berüchtigten Aussage in Matthäus 18,8 impliziert Jesus, dass die Adressaten dieser Warnung bereits auf dem Weg zum Himmel sind, also Gläubige sind. Denn es wird ihnen die Alternative genannt, dass sie besser verstümmelt in den Himmel eingehen sollen, anstatt zu sündigen. Kein Wort von Glauben allein oder überhaupt, dass sie erstmal anfangen sollten zu glauben. Es gibt nur die Warnung Jesu, auf dem Weg des Heils unbeirrt weiterzugehen und dabei alle Kosten in Kauf zu nehmen. Gäbe es keine Kosten oder Fallen, wieso dann diese Aussage Jesu?
In Johannes 8,31 ermahnt Jesus bestimmte Juden, die an ihn geglaubt haben (Perfektform), dass sie im Wort bleiben sollen. Bleiben impliziert jedoch, dass sie es schon sind. Allerdings scheinen diese Juden schon abgefallen zu sein, denn Jesus nennt sie nicht Kinder Gottes (Johannes 8,42), sondern Kinder des Teufels (Vers 44). Sie glauben ihm offensichtlich nicht mehr (Vers 46) und sie sind nicht aus Gott (Vers 47). Sehen so welche aus, die errettet sind? Dennoch haben die angesprochenen Juden, wie wir gesehen haben, in der Vergangenheit durchaus an ihn geglaubt. Der Glaube allein hat für sie scheinbar nicht gereicht.
Laut Galater 5,4 kann man aus der Gnade fallen. Die Gnade ist hier gewiss auf das Heil bezogen, denn der aus der Gnade Gefallene ist los getrennt von Christus, was impliziert, dass er mal mit Christus vereint war. Die Absicht dieser Lostrennung war, um gerecht zu werden, also das Heil zu bekommen, nur eben durch das Gesetz. Dieses Verhalten führt dazu, aus der Gnade zu fallen. Außerdem wird in Galater 5,1 klar gemacht, dass es sich tatsächlich um echte Christen handelt.
Auch der berühmte verlorene Sohn ist ein Beispiel für den Verlust des Heils. Der verlorene Sohn war, wie der Name schon sagt, verloren. Zwar wurde er letztlich doch noch gerettet, es zeigt aber, dass man nach dem Christ sein auch zumindest temporär faktisch aus dem Heil fallen kann. Denn der Sohn wird „tot“ genannt und nicht nur verloren. Und ein Sohn des Vaters ist bereits Christ, denn er ist Erbe. Die Sprache ist wieder einmal klar für jeden, der die neutestamentliche Bildsprache kennt.
Laut 2. Petrus 2,20-21 ist der Abfall sogar schlimmer, als niemals geglaubt zu haben. Denn wenn der letzte Zustand, wie die Bibelstelle sagt, schlimmer ist als der erste, dann kann der letzte Zustand schon mal nicht das Heil sein, denn das Heil ist immer besser als alle anderen denkbaren Zustände ohne Heil. Demnach ist der Glaubensabfall hier tatsächlich ein Verlust des Heils, sonst wäre der Zustand des Abfalls nicht schlimmer als, wenn man niemals überhaupt geglaubt hätte. Denn das Heil zu haben ist immer besser als das Heil nicht zu haben. Und es geht hier im Kontext auch ganz klar um Christen, die der Herr nämlich nach 2. Petrus 2,1 erkauft hat. Ist aber die in der Stelle erwähnte Erkenntnis des Herrn und Retters wirklich eine Annahme des Herrn und Retters und wahrer christlicher Glaube? Zumindest kriegen wir durch die Erkenntnis Christi alles geschenkt, was zum Leben dient (2. Petrus 1,2-3). Doch die Verheißungen des Heils kriegen wir erst, wenn wir dem Verderben entflohen sind, das durch die Begierde in der Welt herrscht, also während unseres gesamten Aufenthalts in dieser Welt. Solange wir also noch in dieser Welt sind, müssen wir dem Verderben entfliehen und sind noch nicht unseres Heils sicher (2. Petrus 1,4).
Judas 12 beschreibt abgefallene Christen als „zweimal abgestorben“. Wenn jemand vor der Taufe geistlich tot ist, dann kann man sagen, dass er abgestorben ist. Aber zweimal abgestorben zu sein impliziert auch dazwischen einmal gelebt zu haben. Man ist also vom Tod zum Leben übergegangen und somit ein echter Christ geworden. Anschließend ist man dann wieder abgestorben. Denn vom Tod kann man nicht zum Tod absterben, nur vom Leben zum Tod. Auch impliziert das „Entwurzeltsein“, dass man zuvor einmal zur Wurzel gehört hat. Diese Wurzel ist sicherlich Christus.
Und zu guter Letzt möchte ich noch eine umstrittene Stelle für den Abfall vom Heil anführen. Zwar haben Kirchenväter dieser Auslegung widersprochen, doch gibt es hier ein paar Aspekte, die einen Protestanten zum Nachdenken über die Verlierbarkeit des Heils anregen könnten. Es geht um Simon den Zauberer. Er bereitet sich das Verderben, obwohl er wirklich glaubte. Denn laut Apostelgeschichte 8,12-13 glaubte er auch und ließ sich sogar taufen. Es heißt ausdrücklich, dass er „auch“ glaubte. Das „auch“ bezieht sich auf das wahre Evangelium, was die anderen ebenso glaubten. Es muss das wahre Evangelium sein, denn Philippus verkündete laut inspiriertem Schreiber dieses „Evangelium von Reich Gottes“. Doch Simon ist dann trotzdem laut Petrus auf dem Weg ins Verderben (Apostelgeschichte 8,18-22). Petrus ermahnt ihn zur Buße in der Hoffnung, dass Gott ihm vergeben werde. Aber wenn er bereits gläubig war, dann hat Gott ihm bereits laut Sola Fide vergeben. Es kommt hier auch zu keiner Korrektur oder Einordnung trotz des laut Protestanten scheinbar falschen Evangeliums. Simon widerspricht dem Urteil des Petrus auch nicht, um einer möglichen Fehleinschätzung von Petrus entgegenzuwirken (Apostelgeschichte 8,23). Auch verteidigt Simon seine Stellung als Glaubender nicht mit Verweis auf Sola Fide und bittet sogar bei Petrus um Gebet. Er hatte also keine Heilsgewissheit. Was für ein Evangelium hat Philippus bloß gepredigt? Scheinbar nicht das Sola Fide Evangelium!
Was will man mehr? Wir haben hier ein Mensch, der laut inspiriertem Schreiber an das Evangelium glaubte, getauft wurde und sich sogar an Philippus hielt. Dieser wird rückfällig und verliert damit den Stand der heiligmachenden Gnade und ist auf dem Weg ins Verderben.
Wir stellen also fest, dass die Bibel Abfall und den Verlust des Heils lehrt. Doch wie sind verschiedene Aussagen zu verstehen, die eine Heilssicherheit zu lehren scheinen?
Ewiges Leben bedeutet nicht eine nicht-endende Existenz
Wenn in der Bibel vom ewigen Leben die Rede ist, dann ist dies eher eine Qualitäts- als eine Zeitangabe. Denn Johannes 17,3 sagt: “Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, den allein wahren Gott, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen.” Ewiges Leben heißt also nicht ewige Existenz. Denn auch die Verlorenen werden in der Hölle eine ewige Existenz haben. Sie leben beziehungsweise existieren in diesem Sinne auch unendlich lange. Zeitlich gesprochen haben sie also auch ein ewiges Leben. Wenn die Bibel aber vom ewigen Leben spricht, ist dies immer gleichbedeutend mit dem ewigen Heil, mit dem Leben bei Gott, und steht somit im Kontrast zur ewigen Existenz in der Hölle. Wenn also beide ewigen Existenzformen, die im Himmel und die in der Hölle, ewiglich dauern, so ist klar, dass wir “ewig” also qualitativ verstehen müssen. Denn sonst wäre es ja unsinnig, das ewige Heil mit dieser Terminologie zu belegen, weil dann ja auch das ewige Unheil in der Hölle dem gleichbedeutend wäre.
So sagt auch Johannes 5,24 aus, dass wir die Qualität des sogenannten ewigen Lebens haben, wenn wir an Christus glauben. Denn dann erkennen wir Ihn. Es steht darin jedoch nicht geschrieben, dass wir das ewige Leben “ewiglich” haben. Das genannte “ewig” ist nämlich ein Adjektiv, was, wie bereits gesagt, die Qualität des Lebens mit Gott anspricht. Das von mir hinzugefügte “ewiglich” wäre ein Adverb, was benötigt würde, um die zeitliche Dauer dieses ewigen Lebens bei Gott zu beschreiben. Wir müssen hier in biblischen Kategorien denken und nicht nach der sprachlichen Intuition unserer modernen Muttersprache!
Man wird jetzt hier vielleicht den Einwand bringen, dass dies von mir sehr künstlich daher philosophiert scheint, um mich um den Fakt herum zu winden, dass die Bibel uns eine Heilsgarantie gibt. Doch ich möchte das Gesagte auch gerne biblisch untermauern: In 1. Johannes 3,15 sagt derselbe Johannes nämlich: “Jeder, der seinen Bruder hasst, ist ein Mörder; und ihr wisst, dass kein Mörder ewiges Leben bleibend in sich hat.” Hier wird das Ganze auch sprachlich so ausgeführt, damit ganz klar wird, was gemeint ist. “Ewiges Leben bleibend in sich haben” impliziert ja gerade, dass man das ewige Leben auch nicht bleibend in sich haben kann. Denn wenn ich morde, bleibt dieses ewige Leben, was auch immer dies sein mag, nicht bleibend in mir. Oder kurz: Ein Mörder verliert das ewige Leben!
Hier wird also ganz klar, dass man nicht über das ewige Leben verfügen kann. Es ist damit kein ewiges Leben im zeitlichen Sinne von “ewiglich” gemeint, denn dies könnte man ja nicht mehr verlieren und um dieses ewigliche Leben zu beschreiben müsste der Heilige Geist auch nicht so redundant mit dem Wort “bleibend” formulieren. Ewiglich würde als Beschreibung ausreichen, da etwas Ewigliches laut Definition immer dauerhaft bleibend ist.
Aber die Bibel verwendet, wie gezeigt, keine leeren und nutzlosen Worte. Doch was bedeutet dann ewiges Leben? Schauen wir einmal, was der Apostel Johannes mit dem “ewigen Leben” wirklich meint. Das ewige Leben bedeutet eine Existenz in Christus. Und weil Christus auch ewiglich existiert, kann diese Existenz theoretisch ebenfalls ewiglich andauern. Denn in 1. Johannes 5,11 schreibt er: “Und darin besteht das Zeugnis, dass Gott uns ewiges Leben gegeben hat, und dieses Leben ist in seinem Sohn.” Hieraus wird klar: Das ewige Leben ist irgendwie an Christus gebunden. In Ihm haben wir das ewige Leben. Wenn ich also im Sohn bleibe, so habe ich das ewige Leben – sogar dauerhaft, wenn ich dauerhaft in Christo verweile. Wenn nicht, dann nicht! Oder um es nochmals in den Worten des Apostels Johannes zu sagen: “Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben: wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reichlich Frucht; dagegen ohne mich könnt ihr nichts vollbringen. Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie die Rebe und verdorrt; man sammelt sie dann und wirft sie ins Feuer: da verbrennen sie.” (Johannes 15,5-6) Man kann das Ganze also so zusammenfassen: Wenn ich in Christus bleibe, das heißt, dass ich Ihm glaube und danach lebe, dann behalte ich das ewige Leben. Wenn ich nicht in Ihm bleibe, werde ich letztlich in das Feuer, nämlich die ewige Hölle, geworfen. Ewiges Leben heißt, wie wir oben bereits ebenfalls in Johannes gelesen haben (Johannes 17,3), dass wir Christus erkennen. Es ist die ewigliche Existenz in der Erkenntnis Gottes. Die ewigliche Gottesschau, die uns nach dem irdischen Leben erwarten wird, wenn wir in Christus sterben.
Wie stellen wir also sicher, dass wir Christus erkennen. Jesus selbst sagt uns in Johannes 14,20-21 abermals durch denselben Autor, wie Er sich uns offenbaren will: “An jenem Tag werdet ihr erkennen, dass ich in meinem Vater bin und ihr in mir und ich in euch. Wer meine Gebote festhält und sie befolgt, der ist es, der mich liebt; wer aber mich liebt, der wird von meinem Vater geliebt werden, und ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren.” Halten wir also an den Geboten Christi fest und meiden all jene Sünden, von denen die Bibel direkt oder indirekt aussagt, dass wer diese Dinge tut, kein ewiges Leben bleibend in sich hat!
Kindschaft Gottes garantiert noch kein Erbe
Oft wird gesagt, dass wir als Kinder Gottes selbstverständlich auch das ewige Leben erben werden. Es ist korrekt, dass Kinder Gottes normalerweise das ewige Leben erben. Allerdings lernen wir am Beispiel Esaus, dass eine Enterbung auch möglich ist, beziehungsweise das Erbe schon vorzeitig gegen etwas Geringeres eingetauscht werden kann (Hebräer 12,14-17). Wir lernen aus Esaus Fall, dass es ohne Heiligung kein Heil gibt. Diese Heiligung ist kein Status des Gerechtfertigten, sondern muss mit Taten erwirkt werden. Esau hat sein Erstgeburtsrecht und somit sein Erbe verkauft. Im übertragenen Sinne dieses Bildes hat er also sein Heil verloren.
Der Verkauf qualifiziert ihn in neutestamentlicher Sprache laut der genannten Stelle als “Unzüchtiger und Gottloser”. Wer also beispielsweise Unzucht betreibt, ist somit auf einem Level wie jemand, der sein Erbe verkauft. Unzucht ist also in diesem Beispiel das Verkaufen beziehungsweise das Loswerden des Erbes des ewigen Lebens. Christen werden gewarnt, dass man mit bestimmten Sünden das Erbe nicht erben wird (1. Korinther 6,7-11). Sie werden hier nicht bloß an ihr altes Leben erinnert. Sie sollen sich explizit nicht irren!
In Galater 5,19-21 werden Christenbrüder (vgl. Galater 1,2) sogar nach vorausgegangener Warnung wieder vor bestimmten Sünden voraussagend gewarnt, die vom Erbe ausschließen. Epheser 5,1-5 warnt, dass bestimmte Sünder nicht miterben werden, und dies wird als Begründung genommen, ebenfalls diese Sünden zu vermeiden. In Römer 8,14-17 wird die Miterbschaft der Gotteskindschaft an die Bedingung geknüpft, dass wir auch mit Christus leiden. Der Umkehrschluss ist also, dass wenn ich nicht leiden will, ich auch nicht mehr miterben kann.
Jesus persönlich sagt in Lukas 10,25-28 beziehungsweise Markus 10,17-31 zum reichen Jüngling, dass man zum Erben des ewigen Lebens bestimmte Werke vollbringen muss. Dies gilt nicht unbedingt für die initiale Rechtfertigung, aber mindestens im Prozess der Heiligung sind Werke laut Jesus notwendig. Und Er gibt kein Anzeichen dafür, dass man die Werke nicht schaffen könnte, sodass dies keine Ausrede ist.
Es könnte hier der Einwand kommen, dass das Erben des Reiches Gottes und das Erben des ewigen Lebens zwei verschiedene Dinge seien. Es mag sein, dass es hier sogar Aspekte gibt, die zu unterscheiden sind, aber letztlich beschreiben beide Begriffe das Heil, denn beide stehen im Kontrast zur Hölle (vgl. Markus 9,47). Denn Jesus setzt in der Parallelstelle in Matthäus 19,16-25 sowohl Reich der Himmel (Vers 23) und Reich Gottes (Vers 24) gleich, als auch Seine Jünger, die es mit der Errettung gleichsetzen (Vers 25). Die Eingangsfrage des reichen Jünglings hingegen bezog sich aber auf das ewige Leben (Vers 16).
Somit gilt in Bezug auf die Konsequenz des Erbverlustes: Die Errettung ist das ewige Leben und dieses ist gleichbedeutend mit dem Reich Gottes sowie dem Reich der Himmel. Dabei ist es irrelevant, ob das Reich Gottes jetzt schon angebrochen ist oder nicht, denn in unserem Kontext hat es ganz klar auch eine jenseitige und heilsrelevante Komponente. Und um das Erben des Heils geht es beim Christsein!
Christus anzuziehen, garantiert noch kein Heil
Manchmal wird damit argumentiert, dass wir doch laut Bibel Christus angezogen haben und damit doch sicherlich auch das Heil garantiert haben. Es muss zunächst einmal grundsätzlich gefragt werden: Wie zieht man Christus an? Zieht man Christus an, wenn man gläubig wird? Denn auch Gläubige (Römer 13,11) werden aufgefordert, Christus noch anzuziehen (Römer 13,13-14). Dieses Anziehen stellt hierbei einen Gegensatz dazu dar, bestimmte Sünden zu tun. Das impliziert, dass man Christus ausgezogen oder überhaupt nie angezogen hat, wenn man in diesen Sünden lebt.
Wenn man aber erkennt, dass man Christus auch ausziehen kann, dann kann man das Anziehen von Christus nicht mehr als Heilsgarantie deuten. Initial zieht man Christus übrigens in der Taufe an und nicht mit dem Glauben (Galater 3,27).
Taufe
Die Taufe ist das erste Sakrament, das ein Mensch meist zu Beginn seines Lebens empfängt. Durch die Taufe wird der Sünder wiedergeboren, errettet und Christ. „Viele steile Thesen!“, wird ein Baptist jetzt sicherlich erwidern. Aber schauen wir uns einmal alle Aspekte der Taufe auf Grundlage der Bibel an:
Die Taufe ist heilsrelevant
Jesus selbst bestätigt, dass die Taufe auch für uns nötig ist, um alle Gerechtigkeit zu erfüllen (Matthäus 3,15). Immerhin ist es die Taufe, die wir zur Vergebung der Sünden empfangen (Markus 1,4). Es ist kein Symbol zur Vergebung der Sünden, sondern notwendiger Teil der Vergebung der Sünden. Diese Phrase „Vergebung der Sünden“ steht nämlich mit demselben griechischen Wortlaut „εἰς ἄφεσιν ἁμαρτιῶν“ auch in Matthäus 26,28, wo es sich aber nicht auf die Taufe, sondern auf das Blut Christi bezieht. Und kein Christ würde bezweifeln, dass das Blut Christi nicht auch tatsächlich, und über bloße Symbolik hinaus, für unsere Sündenvergebung eine wichtige Rolle spielt (vgl. Hebräer 9,22). Im Übrigen spielt es hier keine Rolle, dass es sich um die Johannestaufe handelt. Sie ist zum einen ein Abbild auf die christliche Taufe und zum anderen steht dieselbe Formulierung in Apostelgeschichte 2,38 für die christliche Taufe, woran sogar die Gabe des Heiligen Geist verknüpft wird. Auch ist anzumerken, dass das griechische Wort für „zur“ (εἰς) niemals rückbezüglich verwendet wird. Wir lassen uns also taufen, damit unsere Sünden vergeben werden. Wir lassen uns nicht taufen, weil unsere Sünden vergeben worden sind. Das ist eine wichtige Unterscheidung, die hier grammatisch bereits vorgenommen werden muss. Eine Symbolik für eine bereits empfangene Sündenvergebung ist auszuschließen. Die Taufe bewirkt tatsächlich die Sündenvergebung.
Natürlich hat die Taufe auch einen symbolischen Wert. Allein dass man sich wäscht, also bildlich die Sünden abwäscht, hat große Aussagekraft. Diese Bildgewalt darf jedoch nicht auf Kosten der real vollbrachten Sündenvergebung stattfinden. Das Wasser ist nicht nur ein geeignetes Bild für eine Waschung, sondern es ist die Abwaschung der Sünden! Man siehe dazu Apostelgeschichte 22,16: „Was zögerst du jetzt? Steh auf, lass dich taufen und deine Sünden abwaschen und rufe seinen Namen an!“ Manche Übersetzungen schreiben hier „indem du den Namen des Herrn anrufst“. Das Wort „indem“ steht so jedoch nicht im griechischen Text, sondern ist bereits eine theologisch gefärbte Interpretation des vorliegenden Partizips. Man kann beispielsweise genauso valide mit „während“ oder „und“ übersetzen: „Während du dich taufen lässt, rufst du den Herrn an.“ Tatsächlich wird mit der Taufformel und der Intention bei jeder Taufe ganz selbstverständlich der Herr anrufen. Wir Katholiken glauben sogar, dass ohne die Worte in der Taufformel „im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes“ die Taufe gar nicht (gültig) gespendet wird. Sogar Martin Luther, angelehnt an Augustinus sagte: „Kommt das Wort zum Element, so wird daraus ein Sakrament“. Und auch die alttestamentliche Verheißung „jeder, der den Namen des Herrn anruft, wird errettet werden“ wird in Apostelgeschichte 2,21 in den Kontext der Taufe gestellt. In der Taufe wird der Name des Herrn angerufen. Die gesamte Stelle dieser Pfingstpredigt ist letztendlich eine Taufpredigt und kulminiert in einer Taufaufforderung von Petrus an seine Zuhörer und deren unmittelbare Bereitschaft zur Taufe (vgl. Apostelgeschichte 2,17; 2,38). Die Taufe ist hier das entscheidende Element.
Dementsprechend ist auch Epheser 5,26 kein Einwand: „um sie zu heiligen, da er sie gereinigt hat durch das Wasserbad im Wort!“ Viele Evangelikale wenden hier ein und sagen: „Schaut, es geht um das Wort, die Schrift. Wer darin das Evangelium liest und es glaubt, der wird wiedergeboren und durch das Bad im Wort von allen Sünden gereinigt.“ Wir Katholiken haben hier jedoch nichts gegen das Wort. Wie beschrieben ist das Wort Gottes und die Anrufung Gottes ein selbstverständlicher Teil jeder Taufe. Ohne das Wort bleibt tatsächlich nur ein Wasserbad. Die Taufe ist also wortwörtlich ein Wasserbad im Wort, während man ein bloßes Wasserbad in jedem Schwimmbad haben kann. Die Taufe muss beides haben: Wasser und Wort! Nur mit dem Wort wird das Element des Wassers zum Sakrament der Taufe.
A propos Wasserbad! Wieso eigentlich ein Bad im Wasser? Im Griechischen heißt es sogar ganz exakt „Bad/Waschung des Wassers im Wort“. Welches Wasser ist dann vorhanden, wenn es gar nicht die Taufe, sondern irgendein Glauben an das Wort bedeutet? Müsste es dann nicht heißen „Bad im Wort“ beziehungsweise „Waschung im Wort“?
Bereits im Alten Testament wird die Taufe samt ihrer Reinigung der Sünden vorausgesagt. Hesekiel 36,25-26: „Ich gieße reines Wasser über euch aus, dann werdet ihr rein. Ich reinige euch von aller Unreinheit und von allen euren Götzen. Ich gebe euch ein neues Herz und einen neuen Geist gebe ich in euer Inneres. Ich beseitige das Herz von Stein aus eurem Fleisch und gebe euch ein Herz von Fleisch.“ Das verheißene neue Herz und der neue Geist zeigen an, dass es sich um eine Prophetie des Neuen Bundes handelt. Das reine Wasser muss in diesem Kontext die Taufe bedeuten. Es reinigt von aller Unreinheit, vergibt also die Sünden, und leitet dann die beschriebene Wiedergeburt des Neuen Bundes ein.
Die Taufe vergibt uns also unsere Sünden und ist somit ein heilsrelevantes Sakrament. Aber die Taufe wird auch ganz explizit als Bedingung für die Errettung erwähnt. Markus 16,16: „Wer glaubt und sich taufen lässt, wird gerettet; wer aber nicht glaubt, wird verurteilt werden.“ Das „und“ kann hier exklusiv oder inklusiv gedeutet werden. Das heißt, dass entweder der Glaube die einzige Bedingung ist, die erfüllt werden muss, oder dass beide Bedingungen, Glaube und Taufe, erfüllt sein müssen. Viele Protestanten mit einem baptistischen Taufverständnis plädieren hier dafür, dass nur die Bedingung des Glaubens erfüllt sein muss. Sie argumentieren, dass im zweiten Teil auch nur der Glaube als Bedingung erwähnt wird und nicht mehr die Taufe. Wenn jedoch sowohl der Glaube als auch die Taufe notwendige Bedingungen dafür sind, nicht verurteilt zu werden, dann genügt es schon, wenn der Glaube nicht vorhanden ist. Dann wird man verurteilt. Die Taufe würde hier auch keinen Unterschied mehr machen. Denn bei Unglauben kann die Taufe allein auch nicht retten. Deshalb, so argumentieren wir, muss die Taufe dann im Kontext der Verurteilung nicht noch einmal erwähnt werden. Das wäre logisch gesehen überflüssig. Im Übrigen kennt die katholische Theologie die Möglichkeiten der Bluts- beziehungsweise Begierdetaufe im Falle des vorzeitigen Ablebens als Märtyrer oder bei einem Unfall. Es ist also auch in der katholischen Kirche nicht absolut zu verstehen, weshalb die Taufe im zweiten verneinenden Teil des Verses nicht unbedingt erwähnt werden muss. Wichtig ist, dass der Normalfall im Text vermittelt wird: Die Taufe ist heilsrelevant! Wieso sollte der Heilige Geist hier in dem Text Redundantes oder Irrelevantes inspirieren? Folgender Satz würde sich schließlich auch niemals in der Bibel finden, obwohl er aus Perspektive der protestantisch-baptistischen Soteriologie auf jeden Fall zutrifft: Wer glaubt und einen Handstand macht, wird errettet werden.
Ein Handstand ist nicht verboten. Es wird einen nicht das Heil kosten. Von daher kann jeder baptistische Protestant dieser Aussage inhaltlich zustimmen. Strukturell unterscheidet sich dieser Satz nicht vom biblischen Original. Nur wird hier sofort ersichtlich, dass der Handstand absolut fehl am Platz ist. Ein Handstand hat nichts mit der Errettung zu tun. Wieso sollte man also einen Handstand in diesem Kontext erwähnen? Wenn aber die Taufe auch nicht heilsrelevant ist, dann wirkt die Taufe in diesem Kontext genauso fremd wie der Handstand. Zwar ist die Taufe ein biblischer Begriff und der Handstand hat mit der Begriffswelt der Bibel nichts zu tun, weshalb die Taufe auch nicht so sehr aneckt und auffällt wie der Handstand. Doch aus Sicht eines Baptisten sollte es hier inhaltlich keinen Unterschied geben. Und da es natürlich absurd ist anzunehmen, dass der Heilige Geist so etwas Triviales und Irrelevantes wie einen Handstand in einem inspirierten Bibeltext zulassen würde, genauso absurd erscheint es uns Katholiken, dass die Taufe in einem soteriologischen Kontext als Bedingung erwähnt wird, diese aber keinerlei Relevanz für das Heil hat.
Jeder Christ glaubt, dass wir durch Jesu Tod am Kreuz und Seine Auferstehung nach drei Tagen unsere Erlösung erlangen. Wenn wir Römer 6 geistlich verstehen und nicht mit einer vorgefertigten reinen Symbolismus-Brille lesen, dann sind wir laut Vers 4 durch die Taufe mit Jesus gestorben. Selbstverständlich sterben wir nicht physisch, sondern unser alter Adam stirbt und unser Geist wird erneuert. Dies passiert alles in der Taufe, welche die Wiedergeburt darstellt. Die Taufe stellt sichtbar dar, was geistlich unsichtbar passiert. Deswegen ist sie nicht nur ein bloßes Symbol. Wäre die Taufe nur ein Symbol und es würde kein wirklicher geistlicher Tod während der Taufe geschehen, auf welchen Tod verweist sie dann als Symbol? Nein, mit der Taufe bekommen wir tatsächlich Anteil an Jesu Tod. Wir sind laut Vers 3 in Christi Tod hinein getauft. Und wer gestorben ist, ist laut Vers 7 von der Sünde freigesprochen. Die Taufe bewirkt also unsere initiale Sündenvergebung.
Aber wir müssen nicht nur geistlich argumentieren und über vermeintliche Symbole spekulieren. Die Bibel sagt es auch ganz platt: Die Taufe rettet. 1. Petrus 3,21 wird häufig falsch und tendenziös übersetzt. Wortwörtlich übersetzt heißt es hier: „welches (Wasser) als Gegenbild nun auch euch rettet Taufe…“ Das Wasser ist hier gegenbildlich die Taufe und dies rettet. Die Taufe ist Subjekt in dem Satz. Das Wort für „gegenbildlich“ ist ein Adjektiv und kein Adverb. Die Taufe rettet also nicht auf eine gegenbildliche oder gar symbolische Art und Weise, sondern sie ist gegenbildlich zum Wasser der Flut. Die Flutwasser waren also das alttestamentliche Symbol auf die Taufe hin, durch das hindurch man gerettet wurde. Die Taufe rettet aber ganz real und nicht nur symbolisch. So die klare griechische Grammatik. Wer die Symbolik auf das Retten bezieht, verwechselt Adjektiv und Adverb.
Die Taufe ist auch notwendig, um in das Reich Gottes einzugehen. So betont Jesus Christus in Johannes 3,5, dass wer nicht aus Wasser und Geist geboren wird, nicht in das Reich Gottes eingehen kann. Wasser und Geist kommen hier sozusagen als Paket. Es heißt nicht „aus Wasser und aus Geist“, sondern es heißt kombiniert „aus Wasser und Geist“. Diese beiden Dinge gehören zusammen und dürfen nicht voneinander getrennt werden wie etwa bei der Theorie, die besagt, dass es sich bei diesem Wasser um das Fruchtwasser handelt. Beim Wasser handelt es sich vom ganzen Kontext des Kapitels (siehe ab Vers 22) nach zu urteilen um die Taufe. Denn direkt nach der Erklärung der Wiedergeburt fängt Jesus mit Seinen Jüngern an zu taufen. Laut Apostelgeschichte 2,38-39 empfängt man bei der Taufe auch die Gabe des Geistes. Es ist also nicht nur der Geist und eine rein geistliche Wiedergeburt nötig, sondern auch das Wasser.
Die Taufe ist die Wiedergeburt
Aus Wasser und Geist geboren zu werden, stellt also die Wiedergeburt in der Taufe dar (vgl. auch Johannes 3,3). Das Wort „aus“ in Johannes 3 signalisiert, dass Wasser und Geist gemeinsam ursächlich für die Wiedergeburt sind. Wenn man also sagt, die Wassertaufe steht nur symbolisch für die Wiedergeburt, aber bewirkt sie nicht, dann sagt man damit auch gleichzeitig, dass der Geist auch nur symbolisch ist und die Wiedergeburt nicht bewirkt. Denn beide kommen gemeinsam als Ursache daher. Es ist zudem ein durchgehendes biblisches Motiv, dass jedes Mal, wenn Gott etwas Neues macht, Wasser und Geist anwesend sind:
In Genesis 1,2 schwebte bereits bei der Schöpfung der Geist Gottes über den Wassern. Auch nach der Sintflut sendete Noah in Genesis 8,11 eine Taube aus, um zu prüfen, ob das Wasser auf der Erde zurückgegangen ist. Die Taube steht nach Lukas 3,22 für den Heiligen Geist. Auch war die ganze Angelegenheit mit der Sintflut laut 1. Petrus 3,20-21 eine Taufe. Im neuen Bund will Gott nach Hesekiel 36,25-26 reines Wasser über uns sprengen und uns einen neuen Geist in unser Inneres legen. Im Übrigen ist an dieser Stelle auch sehr interessant, dass hier offensichtlich eine Wiedergeburt nach einer Taufe durch reinigendes Wasser stattfindet, da neben dem neuen Geist auch ein neues Herz versprochen wird. Auch Christus selbst, der als neuer Adam ebenfalls in Lukas 3,21-22 getauft wird, empfängt dann unmittelbar den Heiligen Geist in Gestalt einer Taube. Auch hier folgt der Geist abermals dem Wasser, obwohl Christus sicherlich auch bereits vorher den Geist verdient hätte.
Das Neue Testament ist voll von Stellen, die uns klar machen, dass das neue Leben in Christus erst mit der Taufe anfängt. Laut 1. Korinther 12,13 wurden wir erst mit der Taufe am Leib Christi teilhaftig. Laut Galater 3,27 zieht man Christus mit der Taufe an und nicht mit dem Glauben. Die Taufe steht, wie wir bereits in Römer 6,4 gesehen haben, für das Sterben mit Christus und das neue Leben. Die Taufe ist also die Wiedergeburt. Deswegen ist auch die Taufwiedergeburt eine der wenigen Lehren, wo sich wirklich alle Kirchenväter ausnahmslos einig waren.
In Markus 1,8 betont Johannes der Täufer, dass er bloß mit Wasser getauft hat, die christliche Taufe durch Jesus dann aber mit heiligem Geist passieren wird, wie es Johannes 3,3 auch nahelegt. Die Johannestaufe war also tatsächlich nur symbolisch beziehungsweise ein Schatten auf das eigentliche Original, was durch Christus kommt. Wäre aber diese Christustaufe dann ebenfalls nur symbolisch zu verstehen, worin besteht dann der große Vorteil dieser Taufe? Wieso spielt Johannes der Täufer seine Taufe mit Wasser so herunter, wenn die christliche Taufe auch nur mit Wasser geschieht, die Wiedergeburt und der Heilige Geist aber auf andere Weise erlangt werden (vgl. Matthäus 3,11)?
Es gibt in der Bibel zahlreiche Parallelen zwischen Taufe und Wiedergeburt, die für sich alleine schon klar darlegen, dass die Wiedergeburt die Taufe ist. Wir müssen getauft werden (Matthäus 28,19). Wir müssen außerdem auch wiedergeboren werden (Johannes 3,7). Die Taufe beinhaltet Wasser und Geist (Johannes 1,33; Apostelgeschichte 10,47). Auch die Wiedergeburt beinhaltet Wasser und Geist (Johannes 3,3-5). Die Taufe ist eine Art Neugeburt (Römer 6,1-4) und die Wiedergeburt ist selbstverständlich auch eine Art Neugeburt (Johannes 3,3-5). Die Taufe wird auf eine gewisse Weise von Gott bewirkt (Römer 6,1-4). Auch die Wiedergeburt ist von Gott bewirkt (1. Petrus 1,3). Die Taufe rettet (1. Petrus 3,21). Die Wiedergeburt rettet davor, nicht das Reich Gottes zu verpassen (Johannes 3,3-5).
Wieso sagt aber 1. Johannes 5,1, dass jeder, der glaubt, aus Gott geboren ist, wenn doch die Taufe die Wiedergeburt darstellt? Selbes könnte man auch mit 1. Johannes 4,7 einwenden, wonach jeder, der liebt, aus Gott geboren ist.
Hier ist zum einen festzuhalten, dass, wenn ich Gott wirklich glaube und Gott wirklich liebe, ich auch Seine Gebote halte (Johannes 14,15). Und zu diesen Geboten gehört es auch, sich taufen zu lassen. Aber gut, was ist mit dem kurzen Zeitraum zwischen meinem neu gewonnenen Glauben und meiner Taufe? Sagt 1. Johannes 5,1 nicht, dass ich aus Gott geboren bin, sobald ich glaube?
Dies ist zunächst einmal ein berechtigter Einwand. Jedoch werden wir gleich sehen, dass dies auch für den allgemeinen Evangelikalen schnell nach hinten losgeht, wenn wir aus 1. Johannes unsere Wiedergeburtslehre ableiten wollen. Johannes meint nämlich nicht eine weltliche Liebe oder einen simplen Für-Wahr-Halten-Glauben, die man beide freilich auch schon vor der Taufgnade haben kann. Wir sehen durch den gesamten 1. Johannesbrief hindurch, dass Johannes drastische Worte verwendet und in Kontrasten spricht. Nach 1. Johannes 3,9-10 und 5,18 kann demnach auch keiner, der eine Sünde tut, wiedergeboren sein. Er kann demnach sogar gar nicht sündigen. Diesen Ball spiele ich also jedem Evangelikalen zurück, der seine Wiedergeburtslehre auf den 1. Johannesbrief stützt, und frage ihn ernsthaft: „Sündigst Du nicht mehr?“ Falls er immer noch vereinzelt Sünden begeht, kann er dann nach dieser rigorosen Auslegung nicht wiedergeboren sein. Falls er jedoch so dreist ist und meint, nicht mehr zu sündigen, halte ich ihm auch rigoros den Anfang und somit den grundlegenden Kontext des Briefes vor. Denn 1. Johannes 1,8 sagt, dass, wenn wir sagen, dass wir keine Sünde haben, wir uns selbst in die Irre führen und die Wahrheit nicht in uns ist.
Was ist nun aber der Same, der laut Johannes in uns bleibt, und der dazu führt, dass wir nicht sündigen? Obwohl die Johannesbriefe sprachlich die simpelsten Bücher des Neuen Testamentes sind und die Aussagen klar und deutlich, sind diese jedoch am schwierigsten in eine systematische Theologie einzuordnen. Viele Ausleger aus verschiedensten Denkschulen und sogar Denominationen haben zahlreiche Interpretationen hervorgebracht. Die Deutungsvorschläge gehen von der heiligmachenden Gnade, über einen definitionsbedingten Status hin zum Heiligen Geist. Es gibt durchaus einige katholische Deutungen und Differenzierungen, die diese Stellen zufriedenstellend für die katholische Systematik harmonisieren. Was es aber nicht gibt und nicht geben kann, sind rigorose Auslegungen, welche die Phrase „aus Gott geboren“ mit der Wiedergeburt von oben gleichsetzen. Maximal beginnt mit der Wiedergeburt der Status des aus Gott geboren Seins. Wer aber für sich nicht Sündlosigkeit in Anspruch nimmt, hat wie gezeigt schnell ein Problem mit seiner eigenen Wiedergeburt, wenn er diese beiden Konzepte gleichsetzt. Zwar kriegen wir in der Wiedergeburt ein neues Herz (vgl. Hesekiel 36,25-26), doch sind wir offensichtlich alle noch fähig zu sündigen. Manche sind sogar so lauwarm, dass sie aus ihrer Taufgnade nichts machen und somit ihre gute neue Natur so vergeuden wie einst Adam und Eva. Denn den freien Willen und die Konsequenzen des Sündenfalls auf unser Fleisch nimmt uns die Wiedergeburt nicht weg: Die Begierden – auch Konkupiszenz genannt – bleiben bestehen.
Ein sprachphilosophischer Exkurs zu 1. Johannes 3,9
„Jeder, der aus Gott geboren ist, tut nicht Sünde; denn Sein Same bleibt in ihm, und er kann nicht sündigen, weil er aus Gott geboren ist.“ (1. Johannes 3,9)
Wir können die Aussage von 1. Johannes 3,9 wie folgt paraphrasieren: „Ein Gottgeborener sündigt nicht. Denn er kann nicht sündigen.“ Dies entspricht vom Aufbau einer anderen Aussage: „Ein Junggeselle lebt nicht in der Ehe. Denn er kann nicht in der Ehe leben.“ Hier würde jeder zustimmen. Klar lebt ein Junggeselle nicht in der Ehe, denn er ist als jemand definiert, der nicht in der Ehe lebt. Oder genauer: Ein Junggeselle ist jemand, der zum jetzigen Zeitpunkt zumindest noch nicht in der Ehe lebt. Das „noch nicht“ ist hier eine sehr entscheidende Nuance. Denn zwar ist die beschreibende Lexikon-Definition bezüglich eines Junggesellen klar und lässt keinen Raum dafür, dass ein Junggeselle vielleicht doch insgeheim in einer Ehe lebt, doch sagt der Status des Junggesellen nichts über das Wesen desjenigen aus, der aktuell diesen Status innehat. Denn theoretisch könnte ein Junggeselle ja eines Tages heiraten und dann in der Ehe leben. Er verliert dann nach der Lexikon-Definition schlicht den Status eines Junggesellen. Junggeselle zu sein ist also keine Wesenseigenschaft, sondern eine reine Status-Definition. Es findet also eine inhaltliche Trennung vom Wesen des Junggesellen und seiner Lexikon-Definition statt. Diese Trennung nennt man „in sensu diviso“. Findet eine solche Trennung des Sinnes nicht statt, nennt man es „in sensu composito“. Eine Frau ist beispielsweise ihrem Wesen und ihrer Lexikon-Definition nach ein Wesen des weiblichen Geschlechtes, auch wenn dies viele unserer Zeitgenossen nicht mehr wahrhaben oder erkennen wollen. Eine Frau ist eine Frau und bleibt eine Frau. Niemals wird sie diesen Status verlieren. Hier lässt sich das Wesen nicht von der Beschreibung trennen, weshalb man über die Frau nur „in sensu composito“ sprechen kann, es sei denn man ist wie gesagt ein verrückter Zeitgenosse.
Der sensu diviso bezieht sich also auf das Wesen einer Sache. Er beschreibt etwas der Sache nach (lateinisch: de re). Der sensu composito hingegen bezieht sich auf die Bezeichnung der Sache. Er beschreibt etwas nach der Bezeichnung (lateinisch: de dicto).
Angewendet auf 1. Johannes 3,9 ergibt sich also folgende Fragestellung: Schreibt Johannes de dicto oder de re?
Eine de dicto Deutung würde wie folgt klingen: Ein Gottgeborener sündigt nach Definition nicht. Deswegen wird er auch nie sündigen und kann nicht mehr abfallen.
Die de re Deutung hingegen wird folgendermaßen ausfallen: Ein Gottgeborener sündigt nach Definition nicht. Ein Mensch, der ein Gottgeborener ist, bleibt aber trotzdem wesensmäßig frei und kann sehr wohl noch sündigen und abfallen. Wenn er es aber tut, dann entspricht er nicht mehr der Definition eines Gottgeborenen und darf dann nicht mehr so genannt werden. Er heißt jetzt: Ein Gefallener.
Welche Deutung nun die Richtige ist, lässt sich aus dem Vers allein nicht sagen. Ob ein Gottgeborener wesensmäßig nicht in der Lage ist zu sündigen, muss anhand einer breiteren Theologie bestimmt werden. Der Vers 1. Johannes 3,9 kann nicht alleine als Beweis für eine solche These herangezogen werden, da man ihn eben auf zwei unterschiedliche Weisen deuten kann: De dicto oder de re. Würde man auf der de dicto Deutung beharren, so liest man im Text das, was einem die theologischen Vorannahmen aufzwingen. Selbiges gilt natürlich auch für die de re Deutung, weshalb ein guter Exeget diese Frage ehrlicherweise erst einmal offen lassen muss. Ob ein Gottgeborener fähig ist zu sündigen wird die systematische Theologie hier entscheiden müssen. Wie der Text zu verstehen ist, hängt also von der eigenen theologischen Ausrichtung ab.
Wenn jedoch am Ende des Tages die systematische Theologie entscheiden muss, ist eine hilfreiche und gleichzeitig dennoch neutrale Exegese von 1. Johannes 3,9 nicht möglich. Demnach entscheidet unsere theologische Brille, wie wir die Bibel hier verstehen müssen. Eine sterile Exegese existiert hier und an vielen weiteren Stellen schlichtweg nicht. Eine theologische Tradition ist notwendig, um den Text auszulegen. Dies ist ein weiterer guter Beleg, warum Sola Scriptura in der Praxis nicht funktionieren kann. Jeder Ausleger hat eine Tradition oder er wird keine wirkliche Auslegung anzubieten haben. Oder er ist leider zu naiv und kennt linguistische Feinheiten, wie die hier Angeführte, nicht. Das soll aber kein Angriff auf den allgemeinen Christen sein, der gerne in der Bibel liest. Ich selbst kannte diese Unterscheidung nicht, obwohl ich im Studium linguistische und exegetische Fächer belegt habe. Vielleicht habe ich diese Unterscheidung in der Fülle der ganzen sprachwissenschaftlichen Feinheiten auch nur vergessen. Erst bei intensiver und tiefer scholastischer Beschäftigung mit 1. Johannes 3,9 bin ich selbst auf diese eigentlich sehr einleuchtende Unterscheidung gestoßen. Eins bleibt am Ende des Tages klar – und das ist nicht die Schrift: Denn wenn ich ohne tiefes sprachphilosophisches Studieren selbst den klarsten und einfachsten Brief der Bibel nicht akkurat auslegen kann, dann verkommt das Sola Scriptura Prinzip der Reformation am Ende des Tages doch wieder zu einer Eliten-Disziplin, welche den Leib Christi in Lehramt und Laien unterteilt. Wenn dies aber der Fall ist, dann möchte ich doch wenigstens dem Lehramt folgen, was seit 2000 Jahren existiert und von Christus selbst legitimiert wurde und vom Heiligen Geist geleitet wird.
Die Kindertaufe ist legitim
Wenn die Taufe die Wiedergeburt ist, dann ist es nicht nur legitim, sondern schlau und notwendig, die Kinder so schnell wie möglich zu taufen. Baptisten wenden hier ein, dass die Taufe nur für Gläubige zulässig ist und frisch geborene Kinder daher nicht getauft werden dürfen. Dies begründen sie häufig mit Apostelgeschichte 8,37, wonach es dem äthiopischen Kämmerer nur erlaubt war, getauft zu werden, wenn er von Herzen glaubte. Mal abgesehen davon, dass dieser Vers textkritisch umstritten ist und vielleicht gar nicht zum Urtext gehört, sagen Katholiken selbstverständlich auch, dass jeder, der bereits Intellekt hat und Christus bekennen kann, dies natürlich auch tun muss, wenn er getauft werden will. Bei Säuglingen ist dies aber ein ganz anderer Fall, der so direkt von der Bibel nicht behandelt wird.
Dennoch ist die Bibel aber eindeutig, dass das baptistische Taufverständnis falsch sein muss. Denn der Ober-Baptist, Johannes der Täufer, hätte bereits im Mutterleib getauft werden dürfen. Man hätte ihm sogar die Taufe nicht einmal verweigern dürfen. Denn Johannes der Täufer war von Mutterleib an mit dem Heiligen Geist erfüllt (Lukas 1,15). Und jemanden, der den Heiligen Geist hat, darf man die Taufe nicht verweigern (Apostelgeschichte 10,47). Es kommt also nicht so sehr auf den Glauben und das Bekenntnis an, obwohl dies wie gesagt auch sehr wichtig ist. Wenn aber der Heilige Geist bei dem Säugling – ja Embryo – Johannes schon ausreichend gewesen wäre, so können wir zumindest nicht mehr pauschal eine Säuglingstaufe ablehnen, wie es die Baptisten tun. Zugegebenermaßen war Johannes der Täufer eine Ausnahmeerscheinung und er wurde auch im Alten Bund geboren, worin die Taufe noch nicht vorgeschrieben war. Aber mir geht es hier darum, ein Prinzip aufzuzeigen. Denn wäre Johannes im Neuen Bund geboren worden, hätten wir ihm die Taufe nicht verweigern dürfen! Dies beweist also noch nicht umfassend die katholische Position, zeigt aber, dass die gegenteilige baptistische Position auf jeden Fall logisch auszuschließen ist.
Und natürlich können kleine Kinder noch nicht mit vollem Intellekt glauben, wie wir Erwachsenen. Aber wieso sollte das ein Kriterium sein? Wo steht dies in der Bibel, dass man einen großen und ausgereiften Intellekt haben muss, um getauft werden zu müssen? Die genannte textkritisch umstrittene Stelle aus Apostelgeschichte 8,37 belegt ja wie beschrieben nur, dass wenn jemand bereits einen ausgereiften Intellekt hat, er mit diesem natürlich auch bekennen muss. Daraus kann man aber nicht den Rückschluss ziehen, dass jeder Mensch, der nicht oder noch nicht einen ausgereiften Intellekt vorzuweisen hat, deswegen pauschal von der Taufe auszuschließen ist. Nicht umsonst sagt Jesus ja auch in Matthäus 18,3, dass die Kinder in das Reich der Himmel kommen können, ja sogar unsere expliziten Vorbilder sind. Auch Markus 10,14 bestätigt, dass den Kindern das Reich Gottes ist. Der Kontext des Reiches Gottes ist hier eindeutig das ewige Leben (vgl. Markus 10,17). Und dieses ewige Leben entspricht ganz klar dem Reich Gottes (vgl. Markus 10,25). Und in das Reich Gottes kommen wir durch die Taufe, denn wie wir im vorherigen Kapitel zur Wiedergeburt gesehen haben, kann man, ohne aus Wasser und Geist geboren zu sein, also getauft zu sein, nicht in das Reich Gottes eingehen (Johannes 3,5). Wir dürfen den Kindern also nicht wehren, sie ins Reich Gottes kommen zu lassen. Kinder dürfen und sollen getauft werden!
Des Weiteren müssen wir bedenken, dass wir zwar dazu aufgefordert werden, uns taufen zu lassen, wenn wir an Christus glauben, aber dass die Taufe in erster Linie ein Befehl an den Täufer und nicht den Täufling ist. Als Jesus-Gläubiger soll ich natürlich Christus bekennen und in Angelegenheit meiner Taufe kooperieren, aber andere Christen haben den Befehl, mir die Taufe zu spenden. Somit ist die Taufe nicht vor allem als ein Ausdruck des Bekenntnisses eines Gläubigen gemeint, auch wenn es dies durchaus sein kann, sondern ein Aufnahmeritual in den Neuen Bund durch beispielsweise einen Missionar.
Wenn aber die Familie bereits aus Christen besteht, kann die Aufnahme der Kinder in den Neuen Bund auch direkt erfolgen. Sonst wäre der Alte Bund, in dem die Jungen am 8. Tag beschnitten wurden, ja viel offener und gnädiger als der Neue Bund. Unserem gnädigen Gott sei Dank ist dies nicht der Fall und unsere Kinder sind mit inbegriffen. Denn der Neue Bund ist in seiner Gnade expansiver und nicht restriktiver! So steht in Apostelgeschichte 2,38-39, dass auch unseren Kindern die Verheißung gilt, die wie wir gesehen haben, auf der Taufe liegt, nämlich die Gabe des Heiligen Geistes. Petrus verknüpft den Empfang des Heiligen Geistes in diesem Kontext abermals mit der Taufe. Petrus knüpft hier an die Verheißung aus Joel 3 an.
Wenn also die Verheißung auch den Kindern gilt, dann muss die Bedingung, die Taufe, auch für die Kinder erlaubt sein. Denn der Heilige Geist soll auf „alles Fleisch“ ausgegossen werden. Und tatsächlich werden auch die Kinder durch gläubige Elternteile geheiligt (1. Korinther 7,14). Es wird explizit darauf hingewiesen, dass sie heilig und nicht unrein sind. Darf aber etwas Heiliges und Reines etwa nicht getauft werden? So wurde ja auch Petrus in Apostelgeschichte 10 gezeigt, dass was Gott gereinigt hat – in diesem Fall die Heiden – man nicht als unrein bezeichnen soll. Es war genau dieses Ereignis, das Petrus die Erkenntnis vermittelte, dass nun auch unbeschnittene Heiden getauft werden dürften. Wenn also Gott in 1. Korinther 7,14 die Kinder von Gläubigen ebenfalls rein und geheiligt nennt, dann sollten wir auch bereit sein, diese taufen zu dürfen.
Wir sehen im Neuen Testament viele Rückgriffe auf das Alte Testament, wenn es um das Thema der Taufe geht. So wurden laut 1. Korinther 10,1-2 die Israeliten bei der Durchquerung des Meeres alle „auf Moses getauft“. Zu „alle“ gehören aber auch die Kinder und Säuglinge, die freilich auch beim Exodus mit dabei waren und das Meer durchquert haben. Die Vorschattung des Alten Testaments lehrt uns, dass sogar Kinder „auf Moses getauft“ wurden. Wieso sollte das Wesentliche, auf das der Schatten hinweist, hier enger sein, sodass die Kinder nicht mehr dazugehören? Wir haben bereits gesehen, dass selbst Heiden, die tatsächlich im Alten Bund nicht zum Volk Gottes gehörten, im Neuen Bund nun auch getauft werden dürfen. Wieso also nicht die Kinder? Das Bekenntnis ist – wie wir gesehen haben – bei Erwachsenen nötig. Aber nirgendwo in der Bibel steht, dass Säuglinge ein Bekenntnis abliefern müssen. Kinder und Erwachsene hier nicht zu unterscheiden und daher eine Limitierung aufgrund des Intellekts einzuführen, wäre wie Juden und Heiden nicht zu unterscheiden und aufgrund der Beschneidung eine Limitierung einzuführen. Nein, Gott möchte, dass alle Menschen nun zu Ihm kommen dürfen, ohne jegliche Diskriminierung – ob nach Herkunft oder nach Alter. Insbesondere aber möchte Jesus, dass die Kinder zu Ihm kommen (Markus 10,14).
Ein weiterer Verweis auf das Alte Testament findet sich in Kolosser 2,11-12, wo die Beschneidung als alttestamentliches Abbild für die Beschneidung am Herzen herangezogen wird, welche mit der Taufe geschieht, in der wir ein neues Herz bekommen (vgl. Hesekiel 36,25-26). Auch starben in den Wassern der Sintflut logischerweise ebenso Kinder, welche laut 1. Petrus 3,20-21 ebenfalls ein Abbild auf den Tod in der Taufe sind.
Zwar werden Kindertaufen im Neuen Testament nicht explizit erwähnt, aber dies als Argument gegen die Kindertaufe ins Feld zu führen ist mehr nur als eine falsche Sola Scriptura Herangehensweise. Es ist ein sogenanntes argumentum ex silencio – ein Argument aus dem Schweigen. Denn Kindertaufen werden auch nirgendwo in der Bibel explizit verboten. Noch nicht einmal implizit. Die Gleichsetzung von Erwachsenen und Kindern in Apostelgeschichte 8 ist, wie nun mehrfach, erwähnt ein Kategorienfehler. Kindertaufen finden jedoch im Neuen Testament implizit statt – dazu gleich mehr. Wenn es erlaubt sein soll, aus dem Schweigen zu urteilen, dann dürften Frauen auch nicht beim Abendmahl beziehungsweise der Eucharistiefeier teilnehmen, weil nirgendwo in der Bibel explizit erwähnt wird, dass sie daran teilnahmen. Das alttestamentliche Vorbild des Passahmahls lasse ich hier nicht gelten, da das alttestamentliche Vorbild der Beschneidung der Säuglinge den Vorbringen solcher Argumente scheinbar auch nicht reicht.
Und selbst wenn wir in der Bibel ein genaues Protokoll davon vorfinden würden, wer alles getauft wurde und darunter keine Kinder auftauchen würden, so wäre dies zwar verwunderlich. Doch selbst dann hätte dies streng genommen nur deskriptiven aber nicht notwendigerweise präskriptiven Charakter. Es würde uns einfach nur zeigen, was vorgefallen ist, nicht aber notwendigerweise, was erlaubt und verboten ist. Rückschlüsse lassen sich hier nur bedingt ziehen. Dass wir beispielsweise in der Apostelgeschichte über keine expliziten Kindertaufen erzählt bekommen, kann auch einfach daran liegen, dass dieses Buch hauptsächlich die Front-Mission der allerersten Christengeneration beschreibt. Es berichtet einfach nicht darüber, wie diese Christen in den Jahrzehnten darauf wiederum eine neue Generation zur Welt brachten und wie sie bei Geburt dieser neuen Christen verfuhren. Dies können wir hingegen später bei den Kirchenvätern nachlesen und diese berichten durchaus davon. Es liegt also nicht an der Ablehnung von Kindertaufen, dass das Neue Testament nicht explizit darüber berichtet, sondern viel mehr an der frühen Zeit innerhalb der allerersten Generation an Christen und dem anderen Fokus, der nicht auf der Taufpraxis in der etablierten Gemeinde lag, sondern auf dem Missionseinsatz der Urkirche.
Indirekt wird aber sehr wohl von Kindertaufen berichtet. So gibt es an mehreren Stellen des Neuen Testamentes die sogenannten Haustaufen (vgl. 1. Korinther 1,16). Es ist genau das, was wir anhand der Texte und Berichte erwarten würden. Es wird beiläufig erwähnt, wie ein frisch Missionierter und sein Haus getauft werden und nicht etwa ein Protokoll darüber gegeben, wieviel Kinder diese Person in den nächsten Jahrzehnten bekommen hat und ob er sie taufen ließ oder nicht. Wenn pauschal von einem Haus geschrieben wird, können wir durchaus davon ausgehen, dass in einem solchen Haushalt auch Kleinkinder zugegen waren. Es ist natürlich kein ultimativer Beweis dafür, dass Kinder getauft wurden. Wenn aber Baptisten die neuartige und steile These aufstellen, dass niemals Kinder getauft wurden, würde ich mir persönlich vom inspirierten Schreiber der Bibel mehr Genauigkeit wünschen darüber, wer in solchen Haushalten gelebt hat und getauft wurde. Ansonsten ist die natürlichste Lesart erstmal diejenige, die davon ausgeht, dass auch früher in Haushalten Kinder vorkamen. Wahrscheinlich sogar häufiger als heute im Zeitalter der Verhütung.
Der Schächer am Kreuz wurde auch ohne Taufe gerettet
Ein sehr häufiger Einwand dagegen, dass die Taufe die Wiedergeburt ist und rettet, ist der sogenannte Schächer, der mit Jesus am Kreuz hing und Buße tat. Diesen allerersten Heiligen, der von Jesus höchstpersönlich heiliggesprochen wurde, nennt die Tradition St. Dismas. Es besteht keinerlei Zweifel daran, dass der Heilige Dismas im Himmel ist. Der Einwand lautet nun: Wie konnte Dismas ohne die Taufe gerettet werden, wenn diese doch heilsnotwendig ist.
Auf den ersten Blick scheint dieser Einwand sehr einleuchtend und gerechtfertigt. Wie konnte er mit katholischem Taufverständnis in den Himmel gelangen? Hier fängt bereits das Missverständnis an! Die Kirche lehrt, dass zwar wir Menschen an die Sakramente gebunden sind, Gott aber nicht. Gott bindet sich zwar selbst an Seine Verheißungen bezüglich der Sakramente, aber Er kann selbstverständlich auch außerhalb der Sakramente Gnaden spenden. So kennt die katholische Theologie die sogenannte Begierdetaufe. Unter normalen Umständen ist die Taufe für uns verpflichtend und heilsrelevant. Wenn wir aber beispielsweise nach unserer Bekehrung und vor der Taufe sterben, können wir trotzdem gerettet werden. Beim Heiligen Dismas handelte es sich aber aus einer Vielzahl von Gründen nicht um normale Umstände.
Zum einen konnte er aus offensichtlichen Gründen nicht mehr getauft werden, was ihn zur Begierdetaufe qualifiziert hätte. Zum anderen lebte Dismas streng genommen noch im Alten Bund. Der Taufbefehl wurde von Jesus erst nach Seiner Auferstehung und somit nach dem Kreuz gegeben. Für Dismas galt also dieser Befehl noch nicht, sodass er wie jeder andere Heilige des Alten Bundes auch ohne Taufe gerettet wurde.
Zum anderen hat der Heilige Dismas das Original erlebt, für was die Taufe steht (vgl. Lukas 12,50; Römer 6). Er hat den Kelch getrunken, den Jesus trank, und somit die Taufe erhalten, die Jesus erhielt (Markus 10,38).
Und wenn wir ganz streng sein wollen, wissen wir sogar noch nicht einmal, ob Dismas getauft war. Es ist biblisch nicht auszuschließen, dass Dismas nicht vielleicht ein abgefallener Jünger Christi war, der bereits getauft wurde (vgl. Johannes 3,22). Wenn also Jesus und Seine Jünger nur halb so erfolgreich in ihrem Taufdienst waren wie Johannes der Täufer (vgl. Markus 1,5), so besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass Dismas tatsächlich getauft worden sein konnte. Dies ist aber alles eine Spekulation. Die Bibel lässt jedoch diese Option offen.
Die Taufe kann auch durch Besprengung und Übergießen stattfinden
Von baptistischer Seite wird an der katholischen Kirche häufig kritisiert, dass wir teilweise auch durch Besprengung taufen, vor allem aber selten durch das Untertauchen des gesamten Körpers. Manche Kritiker gehen sogar so weit, eine auf diese Weise praktizierte Taufe nicht anzuerkennen, selbst wenn sie an bekennende Erwachsene angewendet wurde.
Tatsächlich muss aber das Wort für Taufen (baptizo) nicht notwendigerweise ein komplettes Untertauchen meinen. So wird das Händewaschen in Lukas 11,38 im Griechischen auch mit diesem Wort beschrieben. Theoretisch konnten hier die Hände, wenn auch nicht die ganzen Arme und schon gar nicht der ganze Körper, komplett im Wasser untergetaucht werden. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass die Hände mit Wasser übergossen wurden.
Das Übergießen passt bei der Taufe auch perfekt zum Bild, dass der Geist ausgegossen wird (vgl. Apostelgeschichte 2,16-17.38). Daher ist die Taufe durch Übergießen legitim. Auch Könige, Propheten und Priester wurden bereits im Alten Testament mit Öl übergossen als Symbolik für den Geist Gottes. Natürlich ist das komplette Untertauchen als Tod und Begräbnis nach Römer 6 auch eine passende und legitime Symbolik.
Doch was ist nun mit der extremen Ausreizung der Symbolik durch Besprengung. Kann man hier überhaupt noch von einer Taufe sprechen? Tatsächlich ist auch diese Methode durchaus biblisch berechtigt. Denn während das Untertauchen den Tod am besten darstellt und das Übergießen die Ausgießung des Heiligen Geistes, so stellt die Besprengung am besten den Reinigungsaspekt der Taufe dar. Wie Psalm 51,9 sagt: „Entsündige mich mit Ysop, so werde ich rein; wasche mich, so werde ich weißer als Schnee!“
Hier wird ein Parallelismus zwischen Waschung und dem Gebrauch von Ysop aufgemacht. Allerdings wurde Ysop mit einem Stab auf Leute besprengt (Hebräer 9,19). Wenn also der Psalmist die Besprengung mit Ysop als Waschung durchgehen lässt, dann kann die Besprengung durchaus eine gültige Taufpraxis darstellen, welche die Reinigung symbolisiert.
Wenn ich hier im Übrigen von Symbolik spreche, dann meine ich damit den Aussagegehalt der rein äußerlichen Form der Taufe. Dass das Wasser der Taufe tatsächlich reinigt, rettet, wiedergebiert und heiligt steht außer Frage. Welche Anwendung des Wassers auf den Täufling aber welchen dieser Aspekte am besten wiedergibt, ist das, was ich mit der Symbolik hier bezeichne. Die Taufe selbst ist mehr als nur eine symbolische Handlung. Sie ist ein Sakrament, also etwas, welches das, was es anzeigt, auch bewirkt, während ein Symbol nur anzeigt.
Bezüglich der Besprengung sollten wir auch abermals Hesekiel 36,25-26 bedenken, wonach das reine Wasser, das die Reinigung und das neue Herz der Wiedergeburt im Neuen Bund bewirken soll, von Gott durch Besprengung vermittelt wird. Das ist ganz klar ein Bild auf die Taufe. Gott tauft hier durch Besprengung.
Auch die Meeresdurchquerung der Israeliten beim Exodus ist ein alttestamentliches Abbild auf die Taufe (vgl. 1. Korinther 10,1-2). Auch hier wurden die Israeliten ja gerade nicht untergetaucht. Im Gegenteil, sie gingen mit trockenen Füßen durch das Meer (Exodus 14,22). Wahrscheinlich werden sie aber dennoch hier und da ein paar Spritzer abbekommen haben, wenn neben ihnen zwei wundersam aufgetürmte Wasserwände stehen. Diese Taufe war scheinbar auch eher eine Besprengung als ein Untertauchen.
Eucharistie
Die Eucharistie ist das katholische Abendmahl, auch Kommunion genannt. Aber sie ist mehr. Sie ist auch das Opfer Jesu Christi am Kreuz für uns in die Gegenwart geholt. Sie ist der Höhepunkt des katholischen Lebens. So wie Adam und Eva gegen den Befehl Gottes (Genesis 2,17) vom Holz (Genesis 3,3) im Garten Eden gegessen haben und somit die Sünde und Tod (Römer 5,12) in die Welt brachten, so sollen wir nach dem Befehl Gottes (Matthäus 26,26) von dem Holz (Apostelgeschichte 5,30) essen, um durch den neuen Adam (1. Korinther 15,45) das Leben zu erlangen (Johannes 6,54). Das ist die Eucharistie in Kurzform. Die Langform würde Bücher füllen. Aber letztlich ist keine noch so lange Predigt so effektiv wie die Eucharistie selbst.
In Lukas 24,13-35 lesen wir, wie der beste vorstellbare Prediger, Jesus Christus selbst, Seinen Jüngern die gesamte Bibel auslegt. Er erzeugte durch Sein Predigen in Seinen Jüngern sogar ein Brennen des Herzens. Aber erst als sie gemeinsam das Brot brachen und die Eucharistie feierten, wurden den Jüngern die Augen geöffnet und sie erkannten den Herrn. Die Eucharistie vermag, was selbst die lange Wortauslegung von Christus selbst offensichtlich nicht vermochte. Sie öffnet uns für den Herrn und lässt uns zahlreiche Gnaden empfangen. Deswegen ist der katholische Gottesdienst, die Heilige Messe, nicht wie bei Reformierten Schrift-zentriert, obwohl die Schrift reichlich und in Fülle in der katholischen Liturgie vermittelt wird, sondern katholische Frömmigkeit ist Eucharistie-zentriert – oder eben Christus-zentriert.
Argumente für die Realpräsenz
Katholiken glauben schon seit jeher, dass Christus in der Eucharistie real präsent ist. Mit den sogenannten Wandlungsworten in der Liturgie, wandelt der Priester das Brot und den Wein in das Fleisch und Blut Christi. Obwohl die sogenannte Gestalt von Brot und Wein bestehen bleibt – außer bei eucharistischen Wundern – so hat sich die tatsächliche sogenannte Substanz, das Wesen der Gaben, zu Christus verwandelt. In der katholischen Theologie nennt man diese Wandlung Transsubstantiation. Es handelt sich dann nämlich nicht mehr um Brot und Wein, sondern um Fleisch und Blut Christi. Diese Lehre wirkt für Außenstehende etwas bizarr, doch bereits die ersten Christen mussten sich den Vorwurf mancher Heiden gefallen lassen, dass sie Kannibalen seien. Doch diese Lehre ist absolut biblisch. Schauen wir uns zunächst einmal ein paar kleine Punkte an, die diese Lehre bereits andeuten, bevor wir dann die gewichtigsten Gründe anhand der Kritik an dieser Lehre aufzeigen.
In 2. Johannes 7 steht in vielen Bibeln: „Denn viele Verführer sind in die Welt hinausgegangen, die nicht den im Fleisch gekommenen Jesus Christus bekennen. Das ist der Verführer und der Antichrist.“ Wer jedoch im Griechischen nachschaut, sieht, dass es eigentlich heißen müsste „den im Fleisch kommenden Jesus Christus“. Denn die griechische Grammatik sagt hier nichts über ein einmaliges und vollendetes Kommen Christi vor 2000 Jahren aus. Zwar ist dies die naheliegende Deutung und es erscheint auch sinnvoll, dass der Antichrist die Inkarnation Christi leugnet. Doch die griechische Grammatik ist hier deutlich: Es handelt sich nicht um ein Partizip Perfekt, auch nicht um ein Partizip Aorist, sondern um ein Partizip Präsens. Also die grammatische Form spricht von einem gegenwärtigen, vielleicht sogar fortlaufenden Kommen im Fleisch.
Nun ist Christus jedoch nur einmal inkarniert. Ja, Er wird irgendwann einmal auch wiederkommen, um die Lebenden und die Toten zu richten, allerdings ist dies keine erneute Inkarnation. Christus hat einmal Fleisch angenommen und behält nun Seine menschliche Natur. Er legt sie nicht ständig wieder ab, nur um sie dann erneut anzunehmen. Auch ist kein spirituelles Kommen oder der Heilige Geist gemeint. Es geht um Jesus Christus und Ihn im Fleisch.
Die katholische Lehre von der Realpräsenz Christi in der Eucharistie ist die einzige sinnvolle Lösung für diese mysteriöse grammatische Ungereimtheit. Und eine Lösung muss gefunden werden, da der Heilige Geist jedes Wort inspiriert hat!
Wenn es also stimmt, was wir Katholiken glauben und das Brot des Abendmahls sich bei jeder Heiligen Messe in das Fleisch Christi verwandelt, dann kommt Christus wortwörtlich seit 2000 Jahren täglich ins Fleisch. Denn Er sagte, dass wir Sein Fleisch essen (Johannes 6,51-58).
Haben wir Katholiken also recht mit unserer Transsubstantiationslehre, dann ist nicht nur die Leugnung der menschlichen Natur Christi ein Zeichen des Antichristen, sondern eben auch die Leugnung dieser urkatholischen Sichtweise. Dies würde jedoch jede protestantische Denomination zu einer Konfession des Antichristen machen. Selbst Luther, der sagte, dass Christus zum Brot hinzu kommt (Konsubstantiation), lehrt dann nicht ein im Fleisch Kommen, sondern ein zum Fleisch hinzu Kommen.
Auch ist zu beachten, dass das Abendmahl nicht in erster Linie die Gemeinschaft mit der Gemeinde bedeutet, obwohl dies natürlich auch ein interessanter Aspekt der Kommunion ist. Aber biblisch gesprochen ist es vor allem die Vereinigung mit Christus. 1. Korinther 10,16: „Ist der Kelch des Segens, über den wir den Segen sprechen, nicht Teilhabe am Blut Christi? Ist das Brot, das wir brechen, nicht Teilhabe am Leib Christi?“ Interessant ist hier nämlich, dass nicht nur von der Teilhabe am Leib Christi gesprochen wird, welcher ja auch die Gemeinde ist, sondern es wird auch die Teilhabe am Blut Christi hervorgehoben. Durch die Eucharistie haben wir also wirklich Anteil am Opfer Jesu Christi auf Golgatha.
Argumente gegen die Realpräsenz
Gegen die katholische Lehre von der Realpräsenz Christi in der Eucharistie wird häufig erwidert: Wie Jesus keine wortwörtliche Tür ist (vgl. Johannes 10,7), sondern eine metaphorische Tür zum Eintritt in das Heil, so sei Jesus auch nicht wortwörtlich das Brot der Eucharistie.
Diese Methode, verschiedene Bezeichnungen Jesu Christi gegeneinander auszuspielen, führt zu nichts. Man könnte auf unserer Seite dann abermals entgegenhalten, dass Jesus ja auch ein realer und nicht nur symbolischer König ist (vgl. Johannes 18,37), weshalb Er dann auch real das Brot der Eucharistie sein müsste. Oder wollen unsere Gegner jetzt auch das Königtum Christi leugnen? Wir sehen, am wichtigsten ist es doch, zu prüfen, welche Begriffe klar und deutlich als wörtlich verstanden werden wollen und welche nicht. Die Realpräsenz in der Eucharistie will auf jeden Fall wörtlich verstanden werden. Ja, wenn irgendetwas in der Bibel wörtlich verstanden werden will, dann diese Lehre, wie wir jetzt in Johannes 6 sehen werden.
Jesu Zuhörer in Johannes 6,52 verstanden ihn wortwörtlich: „Da stritten sich die Juden und sagten: Wie kann er uns sein Fleisch zu essen geben?“ Die Bibel gibt uns hier weder eine symbolische Interpretation noch irgendeine andere Erklärung. Jesus hingegen bestätigt nämlich dieses wörtliche Verständnis Seiner Worte noch. Jesus beharrt förmlich darauf! Tatsächlich wiederholt er Seine Aussagen fünfmal, ohne auch nur einen Anschein von Symbolik aufkommen zu lassen (Johannes 6,51-58). Jesus gebraucht sogar die Phrase „Amen Amen“ (Johannes 6,53), welche sonst nur gebraucht wird, um einem Anliegen Nachdruck zu verleihen. Des Weiteren verknüpft Jesus dieses Thema mit dem ewigen Leben (Johannes 6,54), was es sehr relevant macht. Es ist also keine Nebensächlichkeit. Kein Thema also, wo man Ungenauigkeit und Unklarheit stehen lässt.
Jesus geht sogar so weit, dass Er gewillt ist, deswegen sogar Jünger zu verlieren (Johannes 6,66-67). Jesus relativiert nicht. Jesus klärt nicht die vermeintlichen Missverständnisse auf. Im Gegenteil, Jesus macht aus dieser einen Lehre eine wichtige Weggabelung. Hier sortiert Er bereitwillig aus. Wer Ihm folgen möchte, muss dieser Lehre zustimmen. Die Lage ist zu ernst, es bleibt kein Raum für Wortspielereien.
Dennoch versuchen es einige Protestanten. So wird häufig eingewendet, dass dieses scheinbare wörtliche „Essen“ von Jesu Leib in Wirklichkeit einfach „Glauben“, „Erkennen“ oder wahlweise auch das „Heil“ bedeute. Aber wieso sollte dies ein Anstoß für Seine Jünger sein? Seine Gegner und Ungläubige mögen sich gewiss daran stoßen, dass man an Christus „glauben“ muss, um das „Heil“ zu erlangen. Aber Seinen Jüngern sollte dies mittlerweile bewusst sein, dass man an Jesus glauben muss. Das ist doch eine Selbstverständlichkeit für alle Nachfolger Christi, dass man an Christus zu glauben hat. Wieso sollten Seine Jünger sich an so einer Lehre stoßen? Und wenn nicht, wieso klärt Jesus sie dann nicht auf, wenn sie die Aussagen fehlerhaft interpretiert haben? Stattdessen beschweren sich einige Jünger über Seine Rede (Johannes 6,60) und verlassen Ihn sogar (Johannes 6,66).
Und im Übrigen, es geht doch hier um den Menschensohn, den man „essen“ soll. Dies betont die menschliche Natur Christi. Wäre lediglich nur der Glaube an Seine Gottheit im Fokus, warum dann der Fokus auf das Menschliche und Physische? Kann es sein, dass es um den essbaren Aspekt geht und nicht so sehr um den glaubbaren Aspekt? In der Tat soll Christi Leib gemampft werden (Johannes 6,53-54). In Vers 53 wird das griechische Wort ἐσθίω verwendet, was „essen“ bedeutet. Ganz theoretisch und eventuell könnte es auch symbolisch gebraucht werden, auch wenn es in diesem Kontext überhaupt nicht passen würde. Aber um auch diese Eventualität in der Auslegung zunichte zu machen, verwendet der inspirierte Schreiber in Vers 54 das griechische Wort τρώγω. Dieses Wort bedeutet auch „essen“, aber betont ganz klar und exakt den physikalischen Prozess des Verzehrens. Man sollte es daher besser als „mampfen“ übersetzen. Aus diesem griechischen Wort hört man förmlich das Geschmatze heraus. Jede Symbolik, die die Zuhörer Jesu bis dahin vermeintlich im Blick gehabt haben können, ist von nun an absolut auszuschließen. Jesus will, dass wir Ihn essen und dass wir Ihn dabei hörbar kauen.
Aber noch nicht genug. Johannes 6 wäre nicht das wörtlichste aller wörtlich gemeinten Kapitel der Bibel, wenn nicht noch mehr Hinweise im Text gegeben wären. In Johannes 6,55 steht: „Denn mein Fleisch ist wahrhaft eine Speise und mein Blut ist wahrhaft ein Trank.“ Das „ist“ in diesem Vers bedeutet wirklich „ist“. Denn das Wort „wahrhaft“ ist im Griechischen ein Adverb und bezieht sich daher auf das Wort „ist“ und nicht etwas auf die Speise oder den Trank. Wäre Christus eine wahrhafte Speise, so wäre dies schlimm genug für protestantische Ausleger, doch dann wäre das Wort für „wahrhaft“ im Griechischen ein Adjektiv. Da es aber ein Adverb ist und das Wort für „ist“ unterstreicht, kann das Wort nicht „repräsentiert“ oder gar „bedeutet“ meinen, sondern es meint das „Sein“ an sich: Wahrhaftiges Sein. Christus ist wahrhaftig Speise. Man könnte auch übersetzen: „Denn mein Fleisch ist tatsächlich wirklich eine Speise und mein Blut ist tatsächlich wirklich ein Trank.“ In anderen Worten: „Esst und trinkt es wirklich, ich spaße nicht!“
Doch vergessen wir für einen Moment mal, was wir gerade alles gelesen haben. Gehen wir mal vom Unmöglichen aus und deuten das Essen und Trinken in Johannes 6 symbolisch. Wie könnte man es dann auslegen? Als bibeltreuer Christ müsste man hier natürlich eine biblisch fundierte symbolische Interpretation anlegen. Diese wäre jedoch fatal. Denn wenn wir die symbolische Bedeutung erlauben, dann muss die biblische Bildsprache zum Tragen kommen. Doch diese ist recht eindeutig. Johannes 6 würde dann bedeuten, dass wir Jesus schmähen sollen. Wir sollen ihn dann bekämpfen und bekriegen. Denn dieses Kapitel würde dann mit Gebrauch einer Bildsprache von beispielsweise Hesekiel 39,17-20 folgende Aussagen enthalten: „Wer gegen mich Krieg führt, der bleibt in mir und ich bleibe in ihm.“ Oder: „Wer mich bekämpft, hat das ewige Leben und ich werde ihn auferwecken am jüngsten Tag.“ Doch das ergibt überhaupt gar keinen Sinn! Weitere Verse, die dieses biblische Verständnis von Fleisch essen und Blut trinken lehren, sind Psalm 27,2 sowie Jesaja 49,26 als auch Micha 3,3.
Es wird weiterhin behauptet, dass Jesus in Johannes 6,63 endlich Seine verwirrende Rede relativiert. Das Essen Seines Fleisches müsse spirituell und nicht physisch verstanden werden: „Der Geist ist es, der lebendig macht; das Fleisch nützt nichts. Die Worte, die ich zu euch gesprochen habe, sind Geist und sind Leben.“
Hier ist erst einmal festzuhalten, dass Jesu Worte hier als Geist bezeichnet werden und nicht der Leib und das Blut Christi. Daher müssen Jesu Worte auch geistlich und nicht fleischlich verstanden werden. Die Juden und Jünger, die Jesus verließen, sind hier ein Beispiel dafür, wie Jesu Worte fleischlich verstanden wurden. Denn diese Zuhörer waren offensichtlich fleischlich gesinnt. Nur die zwölf verbliebenen Jünger waren scheinbar geistlich genug und haben Jesu Lehre akzeptiert. Denn geistlich zu sein bedeutet nicht, dass man den Text richtig versteht – das tun Jesus Gegner damals wie heute auch – sondern es bedeutet vielmehr, dass man den Text auch akzeptiert, nachdem man ihn richtig verstanden hat! Jesus vergleicht den natürlichen Menschen, also den aus Fleisch und Blut (das Fleisch), mit dem geistigen Menschen, der vom Glauben erfüllt ist. Was Jesus mit “das Fleisch” meint, kann man sehr gut in 1. Korinther 2,14-3,4 nachlesen. Hier wird am Verhalten der Menschen gemessen, wie sehr jemand noch fleischlich gesinnt ist.
Die Tatsache, dass man Jesu Leib und daher sein Fleisch essen soll, ist nicht das, was mit Fleisch in Johannes 6,63 gemeint ist. Dies steht nicht im Gegensatz zum Geist. Und klar, der Heilige Geist ist die Quelle des Lebens, aber das schließt nicht aus, dass die Eucharistie das Mittel ist, mit dem man das Leben in sich aufnimmt. Wir sollen diese Lehre, dass wir ihn essen müssen, annehmen. Würden wir sie verwerfen oder durch Uminterpretation indirekt verwerfen, dann stehen wir im Gegensatz zum Geist und sind somit fleischlich gesinnt.
Aber was wäre, wenn die Aussage „das Fleisch nützt nichts“ auf das Fleisch Christi in der Eucharistie gedeutet werden würde, was ja die Folge davon wäre, wenn man meint, dass Christus mit Seinen Worten in Johannes 6,63 die wörtliche Auslegung Seiner Rede kritisiert und nicht den Unglauben oder Ungehorsam gegenüber Seinen Anweisungen? Hebräer 10,19-20 sagt zu dem Thema Folgendes: „So haben wir die Zuversicht, Brüder und Schwestern, durch das Blut Jesu in das Heiligtum einzutreten. Er hat uns den neuen und lebendigen Weg erschlossen durch den Vorhang hindurch, das heißt durch sein Fleisch.“
Protestanten sind sich mit Katholiken darüber einig, dass das Blut und auch das Fleisch Christi absolut relevant und notwendig für unser Heil sind. Daher kann man nicht sagen, dass der Leib und das Blut Christi nichts nützen. Wie wir in Hebräer 10,19-20 sehen, ist sogar das wortwörtliche Fleisch von Jesus von großem Nutzen für uns. Die Ausrede der Protestanten, Johannes 6 nicht wörtlich zu nehmen, fällt somit fatal auf ihre eigene Soteriologie zurück.
Ein weiterer Einwand gegen die Realpräsenz ist, dass Jesus in Matthäus 26,29 auch nach der Wandlung noch davon sprach, von der Frucht des Weinstocks zu trinken. Dabei hätte Er ja nicht mehr von Wein, sondern von Seinem Blut reden müssen, wenn die Transsubstantiationslehre wahr ist. Sah Jesus also den Wein als nicht in Blut gewandelt an? Eine Prophetie im Alten Testament spricht dagegen, da sie symbolischen Wein und tatsächliches Blut austauschbar verwendet. Genesis 49,11: „Er bindet an den Weinstock seinen Eselhengst, an die Edelrebe das Füllen seiner Eselin. Er wäscht in Wein sein Kleid, in Traubenblut sein Gewand.“ Demnach wird prophezeit, dass Jesus Christus Sein Kleid im Wein wäscht „und im Traubenblut sein Gewand.“ Das war Jesu Geißelung, der Er sich hingegeben hat. Durch die Geißelung war sein Gewand blutgetränkt. Siehe auch Offenbarung 19,13: „Bekleidet war er mit einem blutgetränkten Gewand; und sein Name heißt: Das Wort Gottes.“ Es wird also deutlich, dass Jesus Christus hier von Seinem Blut als von der „Frucht des Weinstocks“ spricht, und nicht vom natürlichen Wein, da Er ja selbst der Weinstock ist (Johannes 15,5).
Im Übrigen bleibt der Wein den Akzidenzien nach Wein. Das heißt, dem Augenschein nach ist Wein vorhanden und deshalb kann man es im allgemeinen Sprachgebrauch auch Wein nennen. Wichtig ist, dass man immer hervorhebt, dass dieser Wein jetzt vom Wesen, also von seiner Substanz her, nicht mehr Wein ist.
Ich habe bereits erwähnt, dass die frühen Christen als Kannibalen beschuldigt wurden. Aber ist dieser Vorwurf nicht irgendwo auch berechtigt, wenn wir wirklich glauben, dass wir den Mensch Jesus Christus in der Eucharistie essen? Bevor wir uns dieser Problematik widmen, sollten wir uns noch einmal darüber bewusst werden, dass die ersten Christen nicht den einfachen Ausweg einer symbolischen Deutung als ihre Verteidigung gewählt haben. Damit hätten sie diesem Gerücht effektiv begegnen können. Offensichtlich haben sie also an die Realpräsenz geglaubt. Aber kommen wir nun zur Thematik:
Rein technisch betrachtet – man sehe mir die Unappetitlichkeit nach – und von einem dafür nötigen Mord einmal abgesehen, wird das Essen von Menschenfleisch in der Bibel nicht verboten. Es wird jedoch behauptet, dass der Verzehr von Blut in der Bibel verboten ist. Tatsächlich wird aber nur das Trinken von (Opfer)Tierblut verboten. Begründet wird es damit, dass das Blut das Leben enthält und dies zur Sühnung dient. Levitikus 17,11: „Denn das Leben des Fleisches ist im Blut. Und ich selbst habe es für euch auf den Altar gegeben, um für euer Leben Versöhnung zu erwirken; denn das Blut ist es, das durch Leben Versöhnung erwirkt.“ Aber das ist ja genau der Grund, warum wir Jesu Blut trinken sollen, damit wir Sein ewiges Leben erhalten. Sein Blut, das für uns am Kreuz als Opferlamm gesühnt hat. Dementsprechend ist das Blutverbot im Alten Testament so begründet, dass es uns im Neuen Testament gerade als Erlaubnis und sogar Motivation gelten muss.
Aber nehmen wir einmal an, dass Blut von Jesus zu trinken sei eine sündige Handlung. Dann wäre aber auch schon allein die Symbolik problematisch. Dann hätte Jesus ganz bestimmt nicht diese Symbolik gewählt, da sie anrüchig ist. Man verzeihe mir folgenden schockierenden Vergleich: Aber das wäre schließlich so ähnlich, wie, wenn Er symbolisch sagen würde, dass man mit Ihm Unzucht begehen sollte. Wieso sollte Er so eine verwerfliche Symbolik auch nur ansatzweise verwenden? Hier ist außerdem auch anzumerken, dass die Symbolik des Fleischessens und Bluttrinkens im Neuen Testament auch nicht einfach umgedeutet werden kann. Wir haben gesehen, was sie im Alten Testament bedeutet. Wieso sollte Jesus also eine festgelegte Bedeutung nutzen, die absolut negativ konnotiert ist, und diese nun positiv befüllen? Er hätte schließlich auch eine noch nicht belegte Symbolik wählen können. Es ist also alles in allem absurd anzunehmen, dass Jesus die so negative Symbolik des Bluttrinkens wählen würde.
Was lässt sich abschließend noch zu der erwähnten Konsubstantiationslehre von Martin Luther sagen? Das Gute an Luthers Lehre ist, dass sie weiterhin eine Realpräsenz bekennt. Das Falsche an der Lehre ist jedoch, dass behauptet wird, dass weiterhin auch Brot und Wein substanzhaft vorhanden sind und nicht nur der Gestalt und den Eigenschaften nach. Wäre die Konsubstantiationslehre korrekt, dann hätte Jesus gesagt: „Hier ist mein Leib…“ Denn dann hätte ja immer noch Brot da sein können und zusätzlich Jesu Leib. Jesus sagte hingegen aber: „Dies ist mein Leib…“ Demnach ist es umgewandelt und kein Brot mehr.
Argumente für den Opfer-Charakter
Katholiken glauben zusätzlich zur Realpräsenz auch, dass bei der Heiligen Messe ein Opfer geschieht, und zwar das eine einmalige Opfer von Golgatha, was mit Gottes Macht in die Gegenwart geholt wird, was wir „vergegenwärtigen“ nennen. Biblisch lässt sich das wie folgt begründen:
Maleachi 1,11 prophezeit ein weltweites Opfer. Hierbei kann aber kein endzeitliches jüdisches Tempelopfer gemeint sein, da es von Heiden an vielen Orten der Erde dargebracht wird. Es kann kein häretisches oder unchristliches Opfer sein, da es rein ist. Hierfür kommt also nur die katholische Eucharistie als Kandidat in Frage, der alle Kriterien dieser Prophetie erfüllt. Wenn die katholische Lehre jedoch nicht stimmt, wird es schwierig, hier eine alternative Erklärung der Prophetie zu finden. Sollten Heidenchristen nun wieder irgendwelche Opfer einführen, obwohl Christus doch unser endgültiges und perfektes Opfer ist? Auch den in Maleachi erwähnten Weihrauch beziehungsweise das “Räucherwerk” kennen die meisten protestantischen Denominationen leider auch nicht mehr.
Biblisch ist auch interessant festzuhalten, dass Christen offensichtlich weiterhin einen Opferaltar haben. Ein Altar impliziert jedoch, dass darauf dann auch ein Opfer vollzogen wird. Anderenfalls wäre es nur ein Tisch oder eine Ablage. Hebräer 13,10: „Wir haben einen Altar, von dem zu essen die Diener des Zeltes keine Erlaubnis haben.“ Natürlich kann man diesen Altar auch symbolisch verstehen. Dies wäre dann aber bereits eine theologische Vorentscheidung. Die katholische Lehre kann hier wieder einmal direkt beim Wortlaut bleiben. Unser Opfer ist Christus, das Opferlamm. Von diesem Opfer haben die Juden, die Christus ablehnen, kein Recht zu essen. Es steht nicht geschrieben, dass sie es nicht theoretisch essen könnten, was ja bei einer rein geistlichen Angelegenheit ohne Glauben nicht möglich wäre, sondern nur, dass sie kein Recht dazu haben (vgl. 1. Korinther 11,27). Dass wir das Opfer essen, bestätigt zudem erneut, dass die Eucharistie nicht nur symbolisch, sondern tatsächlich Christus ist. Wir essen wortwörtlich unser Opferlamm. Eine symbolische Auslegung ist nur nötig, wenn man die katholische Lehre von der Eucharistie bewusst vermeiden möchte.
Argumente gegen den Opfer-Charakter
Gegen den Opfer-Charakter der Heiligen Messe werden häufig Hebräer 9,28 und 10,12 ins Feld geführt. Demnach sei eine Wiederholung des Opfers Jesu Christi ein Widerspruch zur einzigen Darbringung Seines Opfers. Allerdings beruht dieses Argument auf einem Missverständnis von dem, was Katholiken tatsächlich glauben. Denn wir glauben ebenfalls, dass es nur ein Opfer auf Golgatha gab und dass dieses eine Opfer für uns wirksam ist.
Wir Katholiken sagen über das Opfer in der Messe aus, dass es „vergegenwärtigt“ wird. Dies bedeutet, dass es sich hierbei um kein anderes Opfer oder eine Wiederholung handelt, sondern das einmalige Opfer Jesu Christi auf Golgatha wird durch Gottes Macht quasi durch Zeit und Raum zu uns gebracht. Ein Gedächtnis im jüdischen Sinne macht das Abendmahl ganz präsent. Und wenn Jesus sagt, dass dies Sein Leib ist, der hingegeben wird, dann ist dies Sein Leib, der auf Golgatha hingegeben wird. Der Katechismus der Katholischen Kirche beschreibt es unter Nummer 1362 wie folgt: „Die Eucharistie ist das Gedächtnis des Pascha Christi, die sakramentale Vergegenwärtigung und Darbringung seines einzigen Opfers in der Liturgie seines Leibes, der Kirche. In allen Hochgebeten finden wir nach den Einsetzungworten ein Gebet, das Anamnese oder Gedächtnis genannt wird.“ Oder 1364: „Im Neuen Bund erhält das Gedächtnis einen neuen Sinn. Wenn die Kirche Eucharistie feiert, gedenkt sie des Pascha Christi; dieses wird gegenwärtig. Das Opfer, das Christus am Kreuz ein für alle Mal dargebracht hat, bleibt stets gegenwärtig wirksam [Vgl. Hebräer 7,25-27]: „Sooft das Kreuzesopfer, in dem ‚Christus, unser Osterlamm, geopfert wurde‘, auf dem Altar gefeiert wird, vollzieht sich das Werk unserer Erlösung” (LG 3).“ Man beachte ebenso 1367: „Das Opfer Christi und das Opfer der Eucharistie sind ein einziges Opfer: „Denn die Opfergabe ist ein und dieselbe; derselbe, der sich selbst damals am Kreuze opferte, opfert jetzt durch den Dienst der Priester; allein die Weise des Opferns ist verschieden”. „In diesem göttlichen Opfer, das in der Messe vollzogen wird, [ist] jener selbe Christus enthalten und [wird] unblutig geopfert … der auf dem Altar des Kreuzes ein für alle Mal sich selbst blutig opferte” (K. v. Trient: DS 1743).“
Wenn also Gedächtnis im jüdischen Verständnis mehr bedeutet, als sich einfach an etwas zu erinnern, wird auch der Einwand relativiert, der lautet: Jesus wollte mit der Eucharistie nur ein Gedächtnismahl begründen (vgl. 1. Korinther 11,24-25). Demnach wäre auch nur ein Gedächtnismahl mehr als ein sich bloßes Erinnern. Aber wo steht überhaupt in der Bibel, dass es nur das sein kann? Wie schließt ein Gedächtnismahl auch ein Opfermahl aus? Die katholische Kirche betont selbstverständlich, dass es sich um ein Gedächtnis handelt. Aber es ist mehr als das. Es ist auch ein Opfer!
(Weihe)Priestertum
Laut Neuem Testament sind alle Christen Priester. 1. Petrus 2,9 schreibt: „Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, ein heiliger Stamm, ein Volk, das sein besonderes Eigentum wurde, damit ihr die großen Taten dessen verkündet, der euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat.“
Wie kommt es also, dass es in der katholischen Kirche ein spezielles Priestertum für einige Wenige gibt, die das Sakrament der Priesterweihe empfangen haben? Widerspricht das nicht dem 1. Petrusbrief?
Allgemeines vs. sakramentales Priestertum
Tatsächlich ist der Streit über das sogenannte sakramentale Priestertum eine entscheidende Trennlinie zwischen dem Protestantismus und der katholischen Kirche. Es wird argumentiert, da alle Christen ein königliches Priestertum haben, kann es keine Weihepriester mehr geben. Das eine folgt aber aus dem anderen nicht. Wir können sehr wohl alle Priester sein und dennoch eine Gruppe von speziellen Priestern haben. Denn sonst dürfte es ja auch im Alten Testament kein levitisches Priestertum geben. Immerhin wird ebenso über das gesamte alttestamentliche Volk Israel ausgesagt, dass sie ein Königreich von Priestern sind. Exodus 19,5-6: „Jetzt aber, wenn ihr auf meine Stimme hört und meinen Bund haltet, werdet ihr unter allen Völkern mein besonderes Eigentum sein. Mir gehört die ganze Erde, ihr aber sollt mir als ein Königreich von Priestern und als ein heiliges Volk gehören. Das sind die Worte, die du den Israeliten mitteilen sollst.“ Man beachte hier die Parallelen zum Neuen Testament. Beide Gruppen, sowohl das Gottesvolk im Alten Bund wie auch im Neuen Bund, sind ein heiliges Volk. Und beide haben eben auch ein königliches Priestertum.
Wenn es also im Alten Testament möglich war, dass beide Arten von Priestertum nebeneinander existieren konnten, wieso sollte dies im Neuen Testament nicht auch möglich sein? Damit ist noch nicht bewiesen, dass es so ist, aber die Möglichkeit besteht.
Argumente für ein Priestertum
Schauen wir uns nun einmal konkrete Belege dafür an, dass Jesus Christus auch im Neuen Bund ein Weihepriestertum gewollt und eingesetzt hat.
Zum einen hat Jesus den Aposteln, den ersten Priestern, die Vollmacht gegeben, Sünden zu vergeben und vor allem auch zu behalten (Johannes 20,23)! Auch haben die Presbyter (Priester) bei der Krankensalbung in Jakobus 5,14-15 die Vollmacht, Sündenvergebung zu vermitteln. Jesus gibt ihnen diese Löse- und Bindevollmacht in Matthäus 18,18.
Und so wie die Hände und Füße von Aaron und seinen Söhnen vor ihrer Weihe als Priester gewaschen wurden (Exodus 40,12.30-32), so wäscht auch Jesus die Füße seiner Apostel, bevor sie beim letzten Abendmahl zu ihrem Priesterdienst am Altar und Tisch des Herrn eingesetzt werden (Johannes 13,1-9).
Weihe
Wir sehen aber auch im weiteren Verlauf des Neuen Testamentes, dass die Apostel selbst wiederum andere Christen zu Priestern weihten. Dies geschah durch das Auflegen der Hände. Dies ist keine fromme Geste, sondern eine tatsächliche Weihe zu Priestern (dieses Wort stammt vom griechischen Wortstamm für Presbyter, welches Ältester bedeutet) oder Bischöfen (Aufseher oder griechisch Episkopos). Wäre es nur eine fromme Geste ohne Übertragung von Vollmachten, müsste Paulus den Timotheus nicht ermahnen, niemanden voreilig die Hände aufzulegen (1. Timotheus 5,17-22). Dies korrespondiert mit 1. Timotheus 3,6, wonach kein Neubekehrter geweiht werden soll.
Da Timotheus scheinbar die Weihevollmacht hatte und selbst Bischof war, musste er auch geweiht worden sein. Tatsächlich lesen wir in beiden Timotheus-Briefen, dass Timotheus ebenfalls die Hände aufgelegt bekommen hat (1. Timotheus 4,14) und dabei sogar ganz bestimmte Gnaden von Gott empfangen hat, über die er frei verfügt, sodass er sie wieder entfachen kann (2. Timotheus 1,6). Paulus war nach 2. Timotheus 1,6 also an der Weihe und Handauflegung des Timotheus mit beteiligt. Paulus musste also auch ein Bischof gewesen sein, was ja von einem Apostel auch zu erwarten ist. Paulus empfing seine Weihe in Apostelgeschichte 13,3. Diese hatte er auch dringend nötig als Missionar, sodass er neue Gemeinden gründen konnte und dort selbst auch Priester weihen und einsetzen konnte.
Aber nicht nur Bischöfe beziehungsweise Priester werden geweiht, sondern auch Diakone. Dies lesen wir in Apostelgeschichte 6,6. In 1. Timotheus 3 erwähnt Paulus beide Weiheämter, Bischof und Diakon, und listet die Voraussetzungen für dieses Amt auf.
Im damaligen Kontext, als die Kirche noch klein war, wurden Begriffe wie Priester und Bischöfe oft synonym verwendet. So wird beispielsweise in Titus 1,5 von Presbytern (Älteste/Priestern) geredet und zwei Verse weiter in Titus 1,7 plötzlich vom Episkopat (Aufsehern/Bischöfen).
Sukzession
In der katholischen Kirche haben alle Priester eine sogenannte apostolische Sukzession. Das heißt, dass jeder Priester von einem Bischof bei seiner Priesterweihe die Hände aufgelegt bekommen hat. Und dieser Bischof wiederum von seinem Bischof bis zurück auf die Apostel. Wir haben bereits Apostelgeschichte 13,3 erwähnt. Jeder Missionar wurde zunächst zum Priester geweiht. In der katholischen Kirche gibt es keine Gemeindegründungen außerhalb der apostolischen Sukzession. Dies gewährt auch die Einheit der Kirche, da jeder seinem Vorgänger in Tradition und Lehre verpflichtet ist und niemand aus sich heraus eigene Kirchen gründet.
Das Prinzip der Sukzession ist logisch, wenn wir davon ausgehen, dass Jesus das Priestertum und somit das Lehramt sowie die Vollmacht der Sündenvergebung und der Darbringung des Messopfers für alle Zeiten in Seiner Kirche gewollt hat. Es wäre ja auch absurd anzunehmen, dass Christus eine Kirche gegründet hat und sie mit diesen Ämtern, Aufgaben und Sakramenten ausgestattet hat, nur um dann nach dem Aussterben der ersten Generation von Priestern das ganze System über den Haufen zu werfen. Da Jesus möchte, dass jeder Mensch aus jeder Generation errettet wird – und dies schließt die Vergebung der Sünden mit ein – so muss Jesus auch wollen, dass es in jeder Generation Priester mit Binde- und Lösegewalt gibt. Selbiges lässt sich auch über das Lehramt und den Papst sagen (aber dazu später mehr).
Wir halten also fest: Eine gewisse Sukzession, eine Weitergabe des Weihepriestertums, ist eine Notwendigkeit in der Logik der Kirche, so wie sie von Jesus Christus erdacht wurde. Deshalb verwundert es auch nicht, dass nach dem Tod des Apostels Judas ein anderer sein Amt übernehmen musste. Dies wird mit Psalm 109,8 begründet, der in Apostelgeschichte 1,20 zitiert wird: „Denn es steht im Buch der Psalmen: Sein Gehöft soll veröden, niemand soll darin wohnen! und: Sein Amt soll ein anderer erhalten!“
Das Wort, das hier im Griechischen für „Amt“ steht, ist das Wort für das Bischofsamt – sowohl in Apostelgeschichte 1,20 als auch in der griechischen Septuaginta-Übersetzung des Alten Testamentes in Psalm 109,8. Hieran lässt sich sehen, dass die Bibel das Apostelamt mit dem Bischofsamt gleichsetzt. Denn 5 Verse später in Apostelgeschichte 1,25 wird der neu zu besetzende Dienst wiederum Apostelamt genannt. Wir lernen hier also, dass die Bischöfe die Nachfolger der Apostel sind. Gerade deswegen heißt die Weitergabe der Ämter „apostolische“ Sukzession. Sie stammt von den Aposteln und gibt die Autorität der Apostel weiter.
Es ging in Apostelgeschichte 1,20 also nicht darum, einfach wieder die Zahl von zwölf Aposteln voll zu kriegen, sondern es ging um ein tieferes Prinzip, eben die Sukzession, die Petrus hier bereits aus dem Alten Testament ableitet. Die Zahl von 12 Aposteln wurde dann ja sowieso irgendwann überschritten, als Paulus noch zu den Aposteln hinzugezählt wurde. Und wir haben auch gesehen, dass nicht nur vakant gewordene Bischofsstühle neu besetzt wurden wie im Falle von Judas, sondern dass ganz neue Bischöfe geweiht wurden wie Timotheus und Titus, wenn die Ausbreitung der Kirche durch die Mission dies erforderte. Es wäre ja auch absurd anzunehmen, dass Gott Seine Gemeinde auf der ganzen Welt verbreitet sehen will, aber dann nur maximal 12 Bischöfe als Aufseher bestellt hätte, die dann vermeintlich sogar nach einer Generation aussterben.
Niemanden Vater nennen
Ein ganz häufiger Einwand von protestantischer Seite ist die katholische, liebevolle Bezeichnung ihrer Priester als „Patres“ beziehungsweise zu Deutsch „Väter“. Es wird auf Matthäus 23,9 verwiesen, wo Jesus sagt: „Auch sollt ihr niemanden auf Erden euren Vater nennen; denn nur einer ist euer Vater, der im Himmel.“ Diese Aussage Jesu wird hierbei als absolutes Gebot verstanden.
Dabei wird schnell ersichtlich, dass selbst der strengste Verfechter dieser Argumentation sich nicht im absoluten Sinne an dieses Gebot hält. Selbst der konsequenteste Evangelikale wird beispielsweise seinen eigenen leiblichen Vater ebenfalls liebevoll mit „Papa“ oder dergleichen ansprechen. Hier wird dann ganz schnell relativiert und darauf bestanden, dass Jesus das nicht in diesem Sinne gemeint hat.
Zurecht! Denn wie auch immer Jesus diese Aussage gemeint hat, so bedeutet sie ganz offensichtlich nicht, dass man nicht Personen, Ämter und Dienste mit verschiedenen väterlichen Titeln belegen darf. Denn die Bibel tut dies selbst! Das heißt, was auch immer Jesus uns hier lehren wollte, es war garantiert nicht, dass wir keine Person mehr mit der Bezeichnung „Vater“ ansprechen dürfen.
Die Bibel lehrt beispielsweise, dass Abraham, dessen Namen bereits schon das hebräische Wort für Vater enthält, nach dem Fleisch Vater der Juden war. So nennt beispielsweise Zacharias unter Inspiration des Heiligen Geistes Abraham Vater (Lukas 1,73). Aber was noch viel entscheidender für unseren Fall ist, da ja bei biologischen Verwandtschaftsverhältnissen gerne mal eine Ausnahme zugelassen wird: Abraham war laut Römer 4,1-18 explizit auch unser spiritueller Vater nach der Verheißung. Also darf auch ein Heidenchrist Abraham seinen Vater nennen.
Aber auch Paulus beansprucht die geistliche Vaterschaft als Missionar. In 1. Korinther 4,14-15 nennt er Christen, genau wie auch einer der anderen Apostel (vgl. 1. Johannes 2,1), seine geistlichen Kinder. Er beansprucht sogar explizit, dass er sie durch das Evangelium gezeugt hat. Und er schließt daraus, dass er somit deren „Vater“ ist. Wenn die Apostel also ihre geistlichen Kinder als solche ansprechen dürfen und sich explizit als Väter sehen, hätten dann diese geistlichen Kinder die Apostel wiederum nicht als Väter ansprechen dürfen? Und wieso sollte das heute mit den Nachfolgern der Apostel anders aussehen, die unsere geistlichen Väter oder zumindest unsere geistlichen Ziehväter und Ernährer sind?
Stephanus nennt sogar die Mitglieder des Hohen Rates Väter, obwohl sie seine geistlichen Feinde sind (Apostelgeschichte 7,2). Aber da sie betagt sind und aus demselben Volk wie er stammen, hat er damit kein Problem. Auch Paulus hat damit kein Problem, seine Landsleute Väter zu nennen (Apostelgeschichte 22,1). Wir sehen also, dass auch ältere Volksgenossen und Hochgestellte von christlichen Glaubensvorbildern ganz selbstverständlich mit dem Titel „Vater“ angesprochen werden. In Jesaja 22,21 sehen wir bereits, dass selbst der Verwalter des Königs als Vater des Volkes angesehen wird. Diese Stelle ist übrigens ein Vorschatten auf das Papsttum und auch ein Grund, warum wir den Papst als Papst ansprechen beziehungsweise als Heiligen Vater.
Was meinte aber Jesus mit dieser Stelle? Wieso sollen wir jetzt niemanden Vater nennen, als nur Gott im Himmel allein? Ich denke, die Protestanten, die uns hier kritisieren, haben einen wichtigen Punkt erkannt. Es geht um die absolute Vaterschaft. Zwar ist es falsch, diesen Vers deswegen absolut auszulegen und selbst relative Vaterschaften abzulehnen. Aber wir müssen uns immer bewusst sein, dass unsere Priester, unsere Anführer, unsere Volksgenossen und selbst unsere leiblichen Väter keine absolute Vaterschaft haben. Alle Vaterschaften, die es hier auf Erden legitimerweise gibt, sind nämlich von der absoluten Vaterschaft Gottes im Himmel abgeleitet und spiegeln diese mit ihrer abgeleiteten, relativen Autorität nur wider. So schreibt Paulus auch an anderer Stelle in Epheser 3,14-15: „Daher beuge ich meine Knie vor dem Vater, von dem jedes Geschlecht im Himmel und auf der Erde seinen Namen hat.“
Ja, wir sollen unsere Väter, die Alten und unsere Vorgesetzten ehren. Aber nicht gleich wie Gott, sondern aus Gehorsam gegenüber Gott und um die göttlich gesetzten Hierarchien anzuerkennen. Selbiges gilt auch für unsere Lehrer in den Gemeinden. Und hier kommen wir auch zu einem weiteren Knackpunkt.
Um uns Katholiken zu kritisieren, werden Jesu Worte immer nur verkürzt wiedergegeben. Tatsächlich steht nämlich im nächsten Vers in Matthäus 23,10 folgendes: „Auch sollt ihr euch nicht Lehrer nennen lassen; denn nur einer ist euer Lehrer, Christus.“ Wenn wir also niemanden Vater nennen dürfen, dann erst recht auch niemanden Lehrer. Die Doktoren unter uns können direkt schon mal ihre Dissertation an die Universität zurückschicken, die sie ausgestellt hat. Denn Doktor heißt auf Lateinisch auch nichts Anderes als Lehrer. Und auch das Neue Testament muss umgeschrieben werden, denn Lehrer in der Gemeinde sind nach dieser Logik ebenfalls undenkbar (vgl. 1. Korinther 12,28; Epheser 4,11; 2. Timotheus 2,24; Hebräer 5,12; Jakobus 3,1).
Zölibat
Der Zölibat ist eine katholische Disziplin, die auf sehr viel Ablehnung stößt. Von allen möglichen Seiten wird die Abschaffung des Pflichtzölibats für Priester gefordert. Was viele nicht wissen, ist, dass dies theoretisch sogar geschehen könnte. Als Disziplin ist der Zölibat kein Moralgebot, was sich nicht mehr ändern ließe, sondern diese Regelung kann angepasst werden und wurde in der Geschichte auch angepasst. Auch heute gibt es noch Priester, die verheiratet sind, besonders im Osten. Aber selbst im Westen gibt es durch Konversionen zur katholischen Kirche geweihte Priester, die auch gleichzeitig verheiratet sind.
Es ist also ein Strohmann, wenn beispielsweise 1. Timotheus 4,3 zitiert wird, wonach es dämonische Lehren gibt, die das Heiraten verbieten. Wie bereits geschrieben, gibt es durchaus auch verheiratete Priester, zum anderen hat auch niemand das Recht auf eine Priesterweihe. Aber was hier viel gewichtiger ist: Niemand hat die Pflicht zur Priesterweihe. Es steht ja jedem frei, anstatt für die Weihe, sich für die Ehe zu entscheiden. Von einem Verbot des Heiratens kann also bei der katholischen Kirche keine Rede sein.
Aber unabhängig davon ist auf jeden Fall festzuhalten, dass der Zölibat sinnvoll und biblisch ist. In 1. Korinther 7,8.32-38 ermutigt Paulus die Ledigen und Witwen, dass es gut ist, wenn sie allein bleiben. Er argumentiert, dass ein Verheirateter logischerweise viel um die Familie besorgt ist, während ein Alleinstehender komplett frei ist, für Gott zu wirken. Der Zölibat ermöglicht dem Priester ganz frei von weltlichen Sorgen, um die Angehörigen seinen Dienst 100 Prozent für Gott zu widmen und im Zweifelsfall auch frei von allen familiären Verpflichtungen den Märtyrertod zu wählen. Er bewertet abschließend das zölibatäre Leben sogar als „besser“. Auch wird aus diesem Abschnitt ersichtlich, dass Paulus selbst im Zölibat lebte, da er sich als Beispiel anführt.
Hier wird gerne entgegnet, dass Paulus an anderer Stelle anführt, dass er ein Recht darauf hat, eine Schwester als Frau mit sich zu führen und dass sogar Petrus, der erste Papst, verheiratet war (Markus 1,30). Hier ist aber zum einen zu sagen, dass Petrus schon als Verheirateter vom Herrn berufen wurde. Wie beschrieben gibt es auch heute noch verheiratete Priester aufgrund genau solcher Sonderfälle. Darüber hinaus ist der Zölibat, wie auch schon erwähnt, eine Disziplin. Eventuell war diese Disziplin in den ersten Jahren der Kirche noch nicht verpflichtend. Außerdem erklärt es Petrus selbst in Lukas 18,28-29: „Da sagte Petrus: Siehe, was wir besaßen, haben wir verlassen und sind dir nachgefolgt. Jesus antwortete ihnen: Amen, ich sage euch: Jeder, der um des Reiches Gottes willen Haus oder Frau, Brüder, Eltern oder Kinder verlassen hat…“ Petrus sagt es selbst. Die Apostel haben alles verlassen für die Nachfolge Christi. Und Christus zählt diese Dinge auf und erwähnt dabei auch explizit die Ehefrau. Wir können also annehmen, dass, wenn Petrus und die anderen Apostel wirklich alles verlassen haben, es nicht nur Haus und Brüder waren, sondern eben auf etwaige Ehefrauen. Dies können wir dahingehend interpretieren, dass die Apostel alle zölibatär lebten von dem Zeitpunkt an, als sie Jesus nachfolgten. Jesus selbst lebte sowieso im Zölibat, daran besteht kein Zweifel.
Wir sehen also, dass wohl alle Gründungs- und Leitungspersonen in der Urkirche zölibatär waren. Der Zölibat hat also im Christentum auf jeden Fall Vorbildcharakter und ist mindestens ein anzustrebendes Gut (1. Korinther 7,7). Wie verhält es sich dann aber mit Aussagen wie in 1. Timotheus 3,2: „Deshalb soll der Bischof untadelig, Mann einer einzigen Frau, nüchtern, besonnen sein, von würdiger Haltung, gastfreundlich, fähig zu lehren…“ Haben wir hier nicht den klaren Beweis dafür, dass ein Kleriker – ja sogar ein Bischof – damals verheiratet war und sogar laut dieser Stelle sein sollte?
Die Formulierung der zahlenmäßigen Obergrenze „Mann einer einzigen Frau“ zeigt zunächst einmal nur das Limit an, nicht das Minimum. Es steht im Griechischen tatsächlich das Zahlwort „eine einzige“ und nicht etwa ein unbestimmter Artikel „eine“. Würde es nur allgemein heißen „Mann einer Frau“, so könnte man daraus eine Pflicht ableiten. Da es sich hier aber nur um eine Obergrenze handelt, kann der Mann auch gar keine Frau haben und ist trotzdem qualifiziert für das Bischofsamt. „Nun gut, dann kann er aber trotzdem immer noch wenigstens eine Frau haben“ wenden die Kritiker des Zölibats nun ein. Und wie bereits mehrfach zugestanden, kann es durchaus sein, dass es in der frühen Kirche andere verpflichtende Disziplinen bezüglich des Zölibats gab, wobei das Ideal, wie wir gesehen haben, seit Jesus und den Aposteln durchweg der Zölibat war.
Ich möchte aber dennoch einen Versuch starten, für den Pflichtzölibat sogar im Lichte von 1. Timotheus 3,2 zu argumentieren. Denn warum wurde hier eine Obergrenze von nur einer Frau eingeführt? Das impliziert doch, dass Christen damals mehrere Frauen hatten. Aber ist das im Lichte von Jesu Worten zur Monogamie überhaupt möglich? Gewiss nicht! Es kann hier auf keinen Fall um den Ausschluss von polygamen Männern zum Bischofsamt gehen. Nicht polygam zu leben, qualifiziert nicht für die Eignung für das Bischofsamt, sondern es ist eine Mindestanforderung an jeden Christen, um nicht viel eher für die Exkommunikation nominiert zu werden. Wieso also dann diese Obergrenze? Es meinte keine zeitgleichen Ehen, sondern mehrere nacheinander folgende Ehen. Und da es für Christus keine Scheidung gibt, meint es hier nicht etwa eine ebenfalls unerlaubte Wiederheirat eines Geschiedenen, sondern die erneute Heirat eines Witwers.
Wieso kann also ein Kandidat für das Bischofsamt und Witwer nicht mehrere legitime Ehefrauen hintereinander gehabt haben? Wieso wird maximal nur eine Ehe toleriert? Im Lichte des Zölibats wird dies deutlich. Denn es war damals kulturell einfach ganz gewöhnlich, dass ein Mann heiratet. Eine vorherige Ehe konnte also weder positiv noch negativ gedeutet werden in Bezug auf die Fähigkeit enthaltsam zu leben. Hatte aber damals jemand nach einer Ehe wieder geheiratet, obwohl dies kulturell nicht so stark gefordert war, insbesondere, wenn bereits Kinder und somit Erben vorhanden waren, so ist dies negativ in Bezug auf die Fähigkeit der Enthaltsamkeit zu deuten. War also bereits damals der Zölibat wenigstens das unausgesprochene Ideal, so wird deutlich, warum jemand, der sich den Frauen bisher nicht enthalten konnte, vielleicht nicht der optimale Kandidat für das Bischofsamt war.
Die Idee des Zölibats ist jedoch nicht www. Bereits im Alten Testament sehen wir, dass Gott aus disziplinären und kultischen Gründen einen temporären Zölibat befiehlt (Exodus 19,15). Auch sehen wir, dass wenn ein levitischer Priester einen Samenerguss hatte, er für eine gewisse Zeit nicht seinem Dienst nachgehen durfte (Levitikus 22,3-4). Daraus lässt sich schließen, dass die Priester des Alten Bundes während ihrer Dienstzeit zölibatär lebten. Der katholische Priester soll jedoch jeden Tag das Messopfer darbringen und nicht nur ein paar Mal im Jahr wie der levitische Priester. Würde man den Schatten des Alten Testamentes also auf den Priester des Neuen Bundes übertragen, müsste der katholische Priester durchgehend zölibatär leben. Dies würde jedoch dem Eheleben zuwiderlaufen, weshalb man dann ja auch gleich auf die Ehe verzichten kann.
Weitere Sakramente
Die katholische Kirche kennt sieben Sakramente. Neben Taufe, Eucharistie und Priesterweihe gibt es noch die Beichte, Firmung, Ehe und Krankensalbung.
Beichte
Wir Katholiken glauben, dass wir nach der initialen Sündenvergebung und Reinigung in der Taufe unsere Liebesbeziehung zu Gott durch Todsünden zerstören können. Haben wir eine Todsünde begangen, so müssen wir wieder zu Gott umkehren und unsere Sünden bekennen. Gott wird uns dann bereitwillig wieder vergeben und uns erneut reinigen, wie es in 1. Johannes 1,9 geschrieben steht: „Wenn wir unsere Sünden bekennen, ist er treu und gerecht; er vergibt uns die Sünden und reinigt uns von allem Unrecht.“ Dieses „Bekenntnis“ der Sünde wird auch altdeutsch „Beichte“ genannt.
Nun sollen wir natürlich in erster Linie Gottes Vergebung suchen und Ihm daher unsere Sünden bekennen. Doch Gott hat es für gut befunden, die Vergebung durch Menschen zu vermitteln. So steht in Matthäus 9,8: „Als die Leute das sahen, erschraken sie und priesen Gott, der solche Vollmacht den Menschen gegeben hat.“ Zwar bezieht sich diese Stelle auf Jesus, der einem Gelähmten die Sünden vergab. Und das darf Er natürlich auch, weil Er Gott ist. Interessant ist hier aber das Erstaunen der Leute. Es wird sich gewundert, dass den Menschen diese Vollmacht von Gott gegeben wurde. Schließlich ist Jesus auch vollkommen Mensch. Wenn aber Jesus in Seiner menschlichen Natur Sünden vergibt, so hat die Menschheit von Gott diese Vollmacht bekommen. Deswegen steht „Menschen“ in diesem Vers auch im Plural. Diese Vollmacht der Sündenvergebung bezieht sich also nicht nur auf den Mensch Jesus, sondern Gott hatte scheinbar auch noch andere Menschen im Sinne, die diese Vollmacht ausüben können.
Und in der Tat, nach Johannes 20,22-23 gab Jesus Christus diese Vollmacht auch Seinen Aposteln, die wiederum laut Apostelgeschichte 1,20 die ersten Bischöfe waren. Interessant ist hier besonders, dass die Apostel nicht nur die Vollmacht bekamen, Sünden zu erlassen, sondern sie auch zu behalten. Dies zeigt deutlich, dass es nicht nur um ein Zusprechen von bereits erfolgter Sündenvergebung geht, sondern um das aktive Unterscheiden und somit Entscheiden, ob ein Sünder tatsächlich reumütig die Vergebung seiner Sünden erbittet. Auch wird daraus ersichtlich, dass Gott möchte, dass wir zu Seinen bevollmächtigten Personen gehen, um unser Sündenbekenntnis abzulegen. Denn wenn Sünden auch behalten werden können, weil jemand nicht wirklich Buße über seine Sünden getan hat, so kann dies dem Sünder dann klar mitgeteilt werden. Dieser Schock der Verweigerung der Sündenvergebung kann im Sünder eventuell echte Reue hervorrufen. Müssten die Sünder bloß privat vor Gott im Gebet ihre Sünden bekennen, könnten sie sich auch etwas vormachen und die Buße würde mit Zeit vielleicht erschlaffen. Darum hat uns Gott geistliche Geschwister gegeben, damit sie uns im Zweifelsfall auch mal aufwecken und ermahnen können. Nichts taugt für diesen Zweck besser als ein verpflichtendes regelmäßiges Sündenbekenntnis vor anderen Menschen.
In diesem Kontext ergibt es dann Sinn, wenn wir 1. Johannes 1,9 so verstehen, dass das Sündenbekenntnis vor den Aposteln (oder einen ihrer Nachfolger) geschehen musste. Diese können den Sünder dann entweder von seinen Sünden lossprechen oder auch nicht. Ein solches Mitteilen der eigenen Sünden an einen von Jesus bevollmächtigten Sündenvergeber nennen wir das Sakrament der „Beichte“.
Diese Beichte war bereits unter den ersten Christen die gewöhnliche Praxis. So bittet beispielsweise Simon der Zauberer nach seiner schweren Sünde den Petrus, damit er für ihn um Vergebung beten möge (vgl. Apostelgeschichte 8,24), anstatt dass er selbst direkt Gott um Vergebung bat.
Auch lesen wir beispielsweise in Apostelgeschichte 19,18: „Und viele von denen, die gläubig geworden waren, kamen und bekannten und erzählten ihre Taten“. Interessant ist hier, dass sie zunächst ihre offensichtlichen Sünden bekannten und sie dann noch einmal erzählten. Im Gegensatz zu anderen biblischen Autoren war Lukas kein Hebräer. Hier handelt es sich also nicht um einen typischen hebräischen Parallelismus. Wieso also dann diese Redundanz in der Sprache? Ich sehe darin einen Hinweis auf die Ohrenbeichte, also die geheime Beichte bei den Aposteln beziehungsweise deren priesterlichen Nachfolger. Im Gegensatz dazu steht dann das Erzählen der Sünden, was öffentlich geschah. Somit besteht im Text keine Redundanz mehr. Das eine war das private Sakrament der Beichte, während das andere ein freiwilliges öffentliches Schuldbekenntnis war.
Firmung
Die Firmung ist das Sakrament der Geistspendung, das in Apostelgeschichte 8,14-18 und Apostelgeschichte 19,6 ausdrücklich bezeugt wird. Anders als etwa die Taufe, die theoretisch jeder spenden kann, glauben wir, dass die Firmung in der Regel nur durch die Handauflegung der Bischöfe gespendet werden kann.
In Apostelgeschichte 8,14-18 müssen nämlich extra die Apostel Petrus und Johannes aus Jerusalem nach Samaria anreisen, um den neuen gläubigen Samaritern den Heiligen Geist zu spenden. Wir wissen aus Apostelgeschichte 2,38, dass man mit der Taufe bereits die Gabe des Heiligen Geistes erhält. Hier wird bereits ersichtlich, dass es sich um ein zusätzliches Sakrament handeln muss, wenn die Apostel für die Geistspendung anrücken mussten, obwohl der Evangelist Philippus die Samariter doch bereits alle getauft hatte (vgl. Apostelgeschichte 8,12). Auch wird klar, dass dieses zusätzliche Sakrament der Geistspendung nur von Aposteln gespendet werden kann, denn sonst hätte Philippus dieses Sakrament sicherlich direkt auch mit der Taufe gespendet. Aus Apostelgeschichte 1,20 wissen wir, dass die Apostel Bischöfe waren.
Manche Pfingstler sehen in der Begebenheit in Apostelgeschichte 8 die sogenannte „Taufe im Heiligen Geist“ oder auch „Geistestaufe“. Aber diese kann ja nach den Lehren der Pfingstler auch nicht nur von Aposteln beziehungsweise Bischöfen gespendet werden, sondern durch jeden Christen beziehungsweise direkt von Jesus, der mit dem Heiligen Geist tauft (vgl. Markus 1,8l; Johannes 1,33).
Manche Ausleger wollen die Auslegung von Apostelgeschichte 8 als Firmung damit relativieren, indem sie auf Apostelgeschichte 10,44 verweisen, wonach der Heilige Geist nur durch das Predigen auf die Leute herabkam. Dies stellt aber eine Ausnahme dar, wie Petrus in Apostelgeschichte 10,47 und 11 zeigt, weil die Christen aus den Juden die Christen aus den Heiden so verachteten, dass sie ihnen die Taufe und die Firmung ohnehin verweigert hätten, weshalb Gott dem Kornelius und seinen Angehörigen den Geist direkt spenden musste, damit ihnen auch die Taufe ermöglicht werden konnte.
Ehe
Obwohl es in allen Kulturen und Rechtssystemen unterschiedliche Konzepte der Ehe gibt, ist die Grundidee der Ehe schon von Gott seit Anfang der Schöpfung gestiftet (vgl. Matthäus 19,8). Luther erkannte die Ehe nicht als Sakrament an und meinte, sie sei „ein weltlich Ding“. Stattdessen sagt aber Matthäus 19,6 ganz deutlich, dass Gott die Ehepartner zusammenfügt. Es wäre auch merkwürdig anzunehmen, dass ein weltlicher Bund aus zwei Menschen „ein Fleisch“ machen könnte. Menschliche Ehen können geschieden werden. Das göttliche Sakrament soll und kann der Mensch jedoch nicht scheiden.
Krankensalbung
Das Sakrament der Krankensalbung, auch bekannt als letzte Ölung, ist wie alle Sakramente biblisch verankert und von Gott eingesetzt. Bereits in Markus 6,13 wendeten die zwölf Jünger Jesu die Krankensalbung an und heilten mir ihr viele Kranke. Die Krankensalbung wird aber am prominentesten von Jakobus 5,14-15 beschrieben. Nach Vers 15 werden bei der Krankensalbung sogar die Sünden vergeben. Nach Vers 14 können nur die Presbyter (Priester/Älteste) die Krankensalbung spenden.
Auch bei der Krankensalbung ist wie auch bei der Beichte interessant, dass sie tatsächlich Sündenvergebung bewirken kann. Dies widerspricht dem reformierten Konzept von Sola Fide, wonach alle Sünden (auch die Zukünftigen) nur zu einem einzigen Zeitpunkt vergeben werden und dies dann für immer gilt.
Kirche & Papsttum
Es gibt eine Lehre, die die katholische Kirche auszeichnet wie keine andere. Es ist die Einheit der Kirche unter dem Papst, dem Stellvertreter Christi hier auf Erden. Die meisten anderen Lehren der Kirche werden auch von orthodoxen Christen vertreten. Auch im weiten Feld von anderen christlichen oder pseudo-christlichen Gemeinschaften wird wahrscheinlich jede katholische Lehre irgendwo vertreten sein. Bei allen existierenden Unterschieden sind sich doch alle Protestanten und Orthodoxen in einer Sache einig: Das Papsttum, wie es die katholische Kirche proklamiert, sei falsch. Ironischerweise ist somit der Papst nicht nur der Garant für die Einheit und Sichtbarkeit der katholischen Kirche, sondern auch der Garant für die Einheit aller anderen Gemeinschaften, die sich von der katholischen Kirche abgrenzen möchten. Auch die vermeintliche Einheit der Protestanten in heilsrelevanten Fragen ist nicht vorhanden, wenn wir nur einmal auf die Unterschiede in den Antworten auf die Fragen nach Verlierbarkeit des Heils, dem freien Willen, der Notwendigkeit von Werken in der Heiligung etc. blicken.
Die Sichtbarkeit der Kirche
Die Gemeinde Christi oder, wie wir Katholiken sagen, die Kirche Christi muss sichtbar sein. Wäre sie nicht sichtbar, nicht greifbar, so könnte sie auch nicht ihre Lehrfunktion wahrnehmen, da niemand wirklich wüsste, welcher vermeintlich selbsternannte Lehrer nun tatsächlich zur Kirche gehört. Damit es ein Lehramt gibt, muss es auch generell ein Amt, eine Institution geben. Viele moderne evangelikale Christen lehnen die Vorstellung von der Gemeinde Christi als Institution ab. Aber wenn ich nicht handfest erkennen kann, wer die Gemeinde Christi ist, wenn ich immer hinterfragen muss, ob meine Ältesten und Lehrer überhaupt wiedergeborene Christen sind, die vom Heiligen Geist begabt und gerufen wurden, oder was auch immer meine individuellen Kriterien sein mögen, dann kann ich mich auch letztlich nie einer Gemeindestruktur voll und ganz unterordnen. Wie soll dann noch Gemeindezucht funktionieren, wie sie in der Bibel beschrieben und als selbstverständlich vorausgesetzt wird? Wie kann ich meinen Lehrern und Ältesten gehorchen, wenn ich ihre Autorität nur so lange anerkenne, wie ich ihre Autorität subjektiv erkenne? Wie kann ich meinen Glaubensgehorsam gegenüber den Aposteln und ihren Nachfolgern den Bischöfen ausüben (vgl. Römer 1,5), wenn ich die Kirche nicht wirklich identifizieren kann, mangels einer evidenten Sichtbarkeit? Die Kirche muss sichtbar sein!
Auch Jesus selbst verwendet zahlreiche Bilder für Seine Kirche, die allesamt sichtbare oder klar identifizierbare Dinge darstellen. Er vergleicht die Kirche mit einer Herde, einem Weinberg, einem Königreich etc. In Matthäus 5,14 nennt Er die Christen das Licht der Welt und vergleicht uns mit einer Stadt, die auf einem Berg liegt und somit nicht verborgen sein kann. Was kann per definitionem sichtbarer sein als Licht selbst? Hört man aber beispielsweise manchen Evangelikalen zu, wenn mal wieder irgendein Skandal geschehen ist oder jemand vom Glauben abgefallen ist, dann kommen schnell die Ausreden: „Er war ja nie wirklich wiedergeboren!“ Oder: „Diese und jene Kirche ist abgefallen und ist gar nicht wirklich christlich!“ Doch wie kann ich im Hier und Jetzt wissen, welche Christen und welche Gemeinden echt sind und auch noch in 1000 Jahren echt sein werden, falls Christus bis dahin nicht wieder gekommen ist?
Paulus beschreibt die Gemeinde in 1. Korinther 12 als einen sichtbaren menschlichen Körper. Man kann vielleicht bei manchen Gliedern sagen, dass sie abgestorben sind oder vom Körper abgefault, aber einem wird immer bewusst sein: Dieses Glied gehört zu diesem einen sichtbaren und identifizierbaren Körper und bildet keinen neuen eigenen Körper.
Die Einheit der Kirche
Wie der Körper eins ist und viele Glieder mit unterschiedlichen Funktionen hat, so ist auch die Kirche Christi ein Leib. Sie ist Sein Leib. Und Christus hat nur einen einzigen Leib. Manche Protestanten mögen nun einwenden, dass Christus wahrlich nur einen Leib hat, der aber eben viele verschiedene Gemeinden als Glieder hat, die alle eine andere Aufgabe in diesem Leib einnehmen. Wären diese, beispielsweise wie katholische Orden und Gemeinschaften, unter denen manche vielleicht mehr evangelistisch, andere caritativ oder apologetisch geprägt sind, so würde das Bild Sinn ergeben. Denn dann wären alle diese Glieder weiterhin ein Leib in Einheit. Laut Epheser 4,4 sind wir aber ein Leib und ein Geist. Deswegen frage ich alle Protestanten: Sind wir wirklich in einem Geist ein Leib? Und wenn ja, wieso sind wir dann noch doktrinell und institutionell getrennt? Wieso werdet Ihr nicht einfach alle katholisch? Wer ehrlich zu sich selbst ist, muss zugeben, dass er sich nicht mit Katholiken in einem Leib verortet. Und vor allem, wer entscheidet denn, wer noch zum Leib dazu gehört? Sind Zeugen Jehovas Teil des Leibes? Wenn nein, wieso wird die Grenze ausgerechnet da gemacht und nicht bereits früher? Sind Mormonen noch Teil des Leibes Christi? Wie sieht es mit Islam aus? Geht das noch als christliche Abspaltung durch? Und was ist mit uns Katholiken? Wir verurteilen das reformatorische Sola Fide und Sola Scriptura. Predigen wir dann noch das echte Evangelium? Und wenn doch, predigten dann die Reformatoren noch das echte Evangelium?
Wir sehen, die Grenzen der Rechtgläubigkeit und somit der Kirchenzugehörigkeit werden ohne klare Richtlinie sehr schwammig und subjektiv. Die katholische Kirche bietet eine solche Klarheit. Die Kirche hat zu allen relevanten doktrinellen Themen eine offizielle Position. Auch ist die katholische Kirche historisch immer da gewesen und steht durch die Jahrtausende in apostolischer Sukzession. Nur die katholische Kirche ist die eine, weltumspannende Kirche mit vielen historisch gewachsenen Teilkirchen, die trotzdem in absoluter Einheit unter dem Papst in Rom steht.
Diese Einheit ist ein notwendiges Kriterium der echten Kirche, da Jesus für die Einheit Seiner Gemeinde auch für die Zukunft gebetet hat. Sein Gebet wird nicht unerfüllt geblieben sein (vgl. Johannes 17,20-21).
Auch sonst ist im Neuen Testament die Einheit der Kirche ein wichtiges Thema. Paulus beschreibt die Kirche nicht nur als einen menschlichen Leib (vgl. Römer 12,4-5), sondern auch als Gebäude (vgl. 1. Timotheus 3,15). Paulus fordert ausdrücklich nicht nur eine innere Einheit des Geistes in der Gemeinde, etwa in der Lehre, sondern auch eine äußere Einheit (vgl. Epheser 4,3-6). Denn Paulus fordert nicht nur einen Glauben und einen Geist, sondern im Kontrast dazu auch einen Leib, der sich beispielsweise auch durch eine Taufe ausdrückt. Dies zeigt schon deutlich, dass beispielsweise Baptisten gemeinsam mit vielen Lutheranern und Reformierten und schon gar nicht mit Katholiken einen Leib bilden können. Es ist biblisch ausgeschlossen! Wenn aber die Baptisten recht haben, wo waren sie dann all die Jahrhunderte? Die Säuglingstaufe ist seit Anfang der Christenheit eine ganz gewöhnliche Sache und wurde auch von den Reformatoren nicht angetastet.
Paulus ermahnt außerdem auch zur Einheit, indem er vor Spaltungen und Schismen warnt. Er schreibt in 1. Korinther 1,10: „Ich ermahne euch aber, Brüder, im Namen unseres Herrn Jesus Christus: Seid alle einmütig und duldet keine Spaltungen unter euch; seid vielmehr eines Sinnes und einer Meinung!“
Die Unfehlbarkeit der Kirche in Lehrfragen
Wenn wir erkennen, dass die Kirche sichtbar und eins ist, können wir auch zu einer weiteren wichtigen Lehre vorstoßen, die essentiell für den christlichen Glauben ist: Die Kirche wird vom Heiligen Geist geleitet bis in alle Ewigkeit (vgl. Johannes 14,16; 16,13). Der Heilige Geist ist den Nachfolgern Christi gegeben, bleibt in Ewigkeit und wird sie in die ganze Wahrheit leiten. Nicht in die halbe Wahrheit und in mitunter etliche Irrlehren, sondern in die ganze Wahrheit. Die Kirche bestimmt nicht, was die Wahrheit ist, sondern die göttliche Wahrheit bestimmt, was die Kirche ist und aussagt. Auch nimmt der Heilige Geist diese Aufgabe nicht nur zur Zeit der Apostel wahr, sondern in Ewigkeit. Wer sind aber die Nachfolger, denen diese großartige Verheißung gegeben ist, wenn nicht Seine Gemeinde, die sichtbar in Einheit in alle Ewigkeit dasteht?
Für einzelne Gläubige oder gar Abspaltungen wird diese Verheißung sicherlich nicht gelten, da es dann ganz schnell zu inhaltlichen Widersprüchen kommen kann. Deswegen warnt ja auch Paulus vor Spaltungen (vgl. 1. Korinther 1,10) und gebietet Einheit im Glauben (vgl. Epheser 4,3-6). Denn würden alle Abspaltungen von und alle Eigenbrötler in der Gemeinde sowieso dasselbe lehren, gäbe es ja kein Problem mit der Einheit im Glauben. Dann wäre auch die institutionelle Einheit überflüssig, da ein sichtbares Lehramt nicht mehr von Nöten wäre. Diese Idealwelt beschreibt aber eine Fantasie-Kirche und nicht das tatsächlich existierende Christentum, in welchem Spaltungen kommen müssen, damit die Bewährten offenkundig werden (vgl. 1. Korinther 11,19).
Auch muss die Kirche sichtbar und unfehlbar sein, wenn Jesus ihr die Vollmacht der Gemeindezucht zugesteht (Matthäus 18,15-18). Denn wenn die Gemeinde in einem Konfliktfall und bei Sünde die letzte Gewalt hat, dann gilt dies auch für Lehrfragen. Denn Irrlehren und das Verbreiten dieser sind gewiss auch Sünden gegen Gott und gegen den Nächsten. Wenn die Gemeinde hier also über Gemeindeausschluss entscheiden kann und das von Jesus so gewünscht ist, muss die Gemeinde auch hier moralisch und lehrmäßig Autorität haben. Sonst könnte es passieren, dass sie einen rechtgläubigen Christen zu Unrecht als Häretiker aus der Gemeinde ausschließt. Wäre das eine denkbare Möglichkeit gewesen, hätte Jesus der Gemeinde sicherlich nicht diese pauschale Vollmacht der Gemeindezucht gegeben.
Die Verheißung der Geistleitung muss also der Gemeinde als solche gegeben sein. Deswegen und nur deswegen kann die Bibel dem Lehramt der Gemeinde auch Autorität zusprechen, da Gott sie durch Seinen Geist bewahrt. Laut Bibel spricht die Kirche auch in der Autorität Gottes: „Wer euch hört, der hört mich, und wer euch ablehnt, der lehnt mich ab; wer aber mich ablehnt, der lehnt den ab, der mich gesandt hat.“ (Lukas 10,16; vgl. auch Apostelgeschichte 1,8 und Johannes 13,20). Deshalb nennt auch die Bibel nicht sich selbst, sondern die Kirche die Säule und das Fundament der Wahrheit (vgl. 1. Timotheus 3,15).
Wenn die Kirche aber das Fundament der Wahrheit ist, in Gottes Autorität spricht und vom Heiligen Geist in alle Wahrheit geleitet wird, dann ist sie in ihren letztgültigen Aussagen auch notwendigerweise unfehlbar, weil Gott unfehlbar ist. Bereits im Alten Bund gab es die Unfehlbarkeit der „Gemeinde“, die sogar von Jesus noch bestätigt wird. „[Jesus] sagte: Auf dem Stuhl des Moses sitzen die Schriftgelehrten und die Pharisäer. Tut und befolgt also alles, was sie euch sagen, aber richtet euch nicht nach ihren Taten; denn sie reden nur, tun es aber nicht.“ (Matthäus 23,2-3). Wäre diese Instanz des sogenannten Stuhl Moses, also das damalige Lehramt, nicht unfehlbar gewesen, wäre es von Jesus unmoralisch gewesen, einen solchen pauschalen Gehorsam gegenüber deren Lehren einzufordern. Gleichzeitig lernen wir hier aber auch ein wichtiges Prinzip für unser heutiges Lehramt, was viele Protestanten missverstehen. Wir sind lediglich aufgefordert, den Lehren zu gehorchen. Das heißt aber nicht, dass die Vertreter des Lehramtes ein moralisches Vorbild darstellen. Heute wie damals kann es vorkommen, dass wir von Heuchlern oder schwachen Führern angeleitet werden. Ihren Sünden sollen wir also nicht nacheifern. Ihre Sünden mindern auf der anderen Seite aber auch nicht ihre Lehrautorität, wenn wir Jesu Worten hier Glauben schenken wollen.
Das Papsttum
Der Papst ist das Oberhaupt der katholischen Kirche. Er ist somit die letzte Autorität in Streitfragen. Er ist quasi so etwas wie das Verfassungsgericht der Kirche. Wenn wir nun glauben, dass die Kirche als Ganzes unfehlbar in ihren Lehrentscheidungen ist, dann folgt daraus logisch auch, dass der Papst irrtumslos spricht, wenn er in der Autorität als letzte Instanz der Kirche spricht und eine Lehrfrage verbindlich und endgültig entscheidet. Denn wenn der oberste Schiedsrichter der Kirche sich entschieden hat, dann hat sich die Kirche damit auch entschieden. Wenn die Kirche aber von Gott geleitet und davor geschützt ist, in die Irre zu gehen, dann ist somit auch diese letzte Entscheidung des Papstes von Gott geschützt. Weil die Kirche also unfehlbar in Lehrfragen ist, deswegen und nur deswegen ist der Papst auch unfehlbar in letztgültigen Lehrfragen und auch nur darin. Und auch hier gilt wieder das bereits gesagte: Auch ein Papst kann ein großer Sünder sein und muss nicht notwendigerweise ein moralisches Vorbild darstellen. Aber Gott steht hinter seinen Lehrentscheidungen. Und weil Gott dahinter steht, können wir diesen Lehrentscheidungen vertrauen. Genau wie bei den inspirierten Schreibern der Bibel vertrauen wir nicht auf einen Menschen, dass er aus sich heraus irrtumslos ist, sondern wir vertrauen einzig und allein auf Gott, der unter bestimmten Umständen bestimmte Menschen davor bewahrt, Irrtümer zu lehren.
Petrus hat eine besondere Stellung unter den Aposteln
Petrus war nach katholischer Lehre der erste Papst. Der Papst gilt in der katholischen Kirche als der Nachfolger von Petrus. Analog zum Stuhl des Moses reden wir daher auch vom Stuhl Petri. Wenn wir das Neue Testament lesen, stellen wir fest, dass Petrus eine ganz besondere Stellung unter den Aposteln hatte. So betete beispielsweise Jesus nur für Petrus, dass sein Glaube nicht aufhöre (vgl. Lukas 22,31-32). Petrus soll daher auch seine Brüder inklusive der anderen Apostel stärken. Was bedeutet es, dass der Glaube von Petrus nicht aufhört und er daher seine Brüder stärken soll? Es meint, dass selbst wenn alle anderen Christen und Apostel den Glauben verlieren und in die Irre gehen, so wird Petrus standhaft bleiben und kann dann auch seine verlorenen Brüder auf den richtigen Weg holen. Glaube meint hier natürlich den rechten Glauben und nicht einfach nur irgendeinen Glauben, sonst könnte Petrus wohl kaum seine Brüder bestärken. Würde er nur einen falschen Glauben bewahren, würde er die Brüder vielmehr irreleiten, anstatt sie zu bestärken. Der Satan wird Petrus also nichts anhaben können. Jesu Gebet wird nicht ins Leere laufen.
Petrus wird auch häufiger aus der Menge der Jünger hervorgehoben, indem er gesondert erwähnt wird, ganz so, als ob er kein gewöhnlicher Jünger sei (vgl. Markus 16,7). Oder es wird in Apostelgeschichte 5,29 geschrieben: „Petrus und die Apostel antworteten: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ Es steht „Petrus und die Apostel“ und nicht etwa nur „Petrus und die anderen Apostel“, was auch schon eine Hervorhebung wäre und andeuten würde, als ob Petrus für die anderen Apostel sprechen würde. Aber es heißt gerade nicht „und die anderen Apostel“, sondern „und die Apostel“. Petrus ist zwar, wie jeder weiß, ein Apostel, doch für den inspirierten Schreiber scheint er mehr noch zu sein als bloß ein Apostel. Er ist eine Kategorie für sich. Doch was kann man in der Kirche Höheres sein als ein Apostel Jesu Christi? Die Antwort wäre: Papst. Aber auch an vielen anderen Stellen wird Petrus gesondert und eigentlich redundant erwähnt (vgl. Lukas 9,32; Apostelgeschichte 2,37). Petrus wird insgesamt 152-mal erwähnt und somit viel häufiger als alle anderen Apostel.
Darüber hinaus wird Petrus auch „der Erste“ (griechisch: Protos) genannt (vgl. Matthäus 10,2). Was bedeutet dies? Chronologisch kann er schon einmal nicht der Erste unter den Jüngern sein, denn das war bereits Andreas (vgl. Johannes 1,40-42). Es bleibt also die hierarchische Bedeutung. Kurz: Petrus ist der Boss.
Auch wird Petrus in den Aufzählungen der Apostel immer zuerst aufgelistet, während der Verräter Judas interessanterweise immer zuletzt aufgelistet wird. Die Reihenfolge der anderen Jünger variiert hingegen.
Wenn Petrus wie beim Apostelkonzil gesprochen hat, werden selbst heftige Auseinandersetzungen entschieden (vgl. Apostelgeschichte 15,7). Niemand widerspricht danach noch, sondern es herrscht Schweigen (vgl. Apostelgeschichte 15,12).
Petrus war es auch, der bei der Geburt der Kirche am Pfingstfest aufstand, um die junge Kirche anzuleiten (vgl. Apostelgeschichte 2,14). Auch sonst ergreift Petrus häufig die Leitung und spricht im Namen der anderen Apostel (vgl. Matthäus 19,27; Apostelgeschichte 1,15).
Petrus hat die Schlüsselgewalt inne (Unfehlbarkeit und Herrschaft)
Wenn Petrus also für die anderen Apostel und somit für die Kirche als Gesamtes sprechen kann und wenn die Kirche das Fundament der Wahrheit ist (vgl. 1. Timotheus 3,15) und die letzte diesseitige Autorität in Glaubensfragen (vgl. Matthäus 18,15-18), die vom Heiligen Geist in alle Wahrheit geleitet wird (Johannes 16,13), so muss Petrus in dieser Eigenschaft bei endgültigen Entscheidungen auch unfehlbar sein. Ansonsten wäre die Kirche fehlbar und der Heilige Geist hätte sie fehlgeleitet.
Jesus Christus hat zwei Schlüssel in Seinem Besitz. Einmal hat Er die Schlüssel des Hauses Davids, welche das Diesseits repräsentieren (Offenbarung 3,7). Zum anderen hat Er auch die Schlüssel des Totenreiches, welche das Jenseits repräsentieren (Offenbarung 1,18). Diese Schlüssel kann Jesus Christus als rechtmäßiger Besitzer, wenn Er dies möchte, an Petrus verleihen. Und in der Tat bekommt Petrus die Schlüssel des Himmelreiches verliehen (Matthäus 16,19). Was Petrus demnach auf Erden bindet und löst, wird so auch immer im Himmel gebunden oder gelöst sein. Die anderen Apostel haben auch, solange sie in Einheit mit diesem Petrus stehen, diese Bindegewalt (Matthäus 18,18), jedoch bekommt nur Petrus die Schlüssel selbst. Da Petrus darüber hinaus auch die Herde Christi weiden soll (Johannes 21,17) und somit zum Papst eingesetzt wurde, darf er auch entscheiden, wer an seiner Schlüsselgewalt Anteil haben darf.
Diese Synchronizität, die zwischen Himmel und Erde herrscht, wenn die Apostel dank der Schlüsselgewalt von Petrus lösen und binden, stellt nicht eine Macht dar, welche die Apostel über Gott haben, sondern sind Gottes Garantie, dass Er über die Apostel und ihre Entscheidungen wacht. Auch wenn es so anmuten mag, der Schwanz wackelt natürlich nicht mit dem Hund. Die Synchronizität ist real und besteht, aber Gott hat natürlich die Kontrolle darüber und würde solche Privilegien auch nicht verteilen, wenn diese eine Gefahr für Seinen Plan darstellen würden. Für uns Menschen mit unserer irdischen Perspektive stellt dies aber eine himmlische Garantie dar, sodass wir der Kirche und ihren Entscheidungen bereitwillig vertrauen können. Der Himmel garantiert uns also, dass Petrus hier unfehlbar handelt, weil er immer nur das tut, wie es auch im Himmel sein wird. Und selbst wenn Petrus hier auf Erden Dinge entscheidet, wird sich der Himmel bereitwillig hinter diese Entscheidungen stellen. Und der Himmel irrt per definitionem nicht!
Somit ist die Stelle in Matthäus 16,19 mindestens die Übergabe der Schlüssel des Himmelreichs an Petrus. Interessanterweise stellt diese Passage jedoch auch eine neutestamentliche Parallele zu den Schlüsseln des Hauses Davids da (vgl. Offenbarung 3,7). Jesus ist für jeden Christen ganz offensichtlich der Christus, also der gesalbte König aus dem Hause Davids. In Jesaja 22,20-23 lesen wir die Parallele, die uns auch Aufschluss darüber gibt, was es bedeutet die Schlüsselgewalt des Königs als Stellvertreter zu erhalten:
„An jenem Tag werde ich meinen Knecht Eljakim, den Sohn Hilkijas, berufen. Ich werde ihn mit deinem Gewand bekleiden und ihm deine Schärpe fest umbinden. Deine Herrschaft gebe ich in seine Hand und er wird zum Vater für die Einwohner Jerusalems und für das Haus Juda. Ich werde ihm den Schlüssel des Hauses David auf die Schulter legen. Er wird öffnen und niemand ist da, der schließt; er wird schließen und niemand ist da, der öffnet. Ich werde ihn als Pflock an einer festen Stelle einschlagen und er wird zum Thron der Ehre für sein Vaterhaus.“
Der Papst, der Nachfolger Petri, der Stellvertreter des neuen Königs Jesus Christus aus dem Hause Davids, ist ebenso ein fester Pflock in der katholischen Kirche, dem neuen Königreich Christi. Der Papst ist der moderne Eljakim, der Stellvertreter des Königs Jesus, der alle irdischen Vollmachten über das Volk Jesu, die Kirche, bekommen hat, solange Jesus im Himmel ist.
Betrachten wir einmal verschiedene Parallelen zwischen Petrus und Eljakim, dem Verwalter des davidischen Königshauses. Zum einen überträgt der König dem Eljakim natürlich zunächst die Verwaltung (Jesaja 22,15.21-22) und legt ihm die Schlüssel auf die Schultern, während Jesus dem Petrus die Kirche überträgt und sie sprichwörtlich auf seinen Schultern aufbaut (Matthäus 16,18). Dieses Amt des Königstellvertreters hat offensichtlich Nachfolger (Jesaja 22,19-21) und auch das Petrusamt wird ebenfalls wie alle Apostelämter Nachfolger haben (vgl. Apostelgeschichte 1,20). Anderenfalls wäre es ja sonst auch sinnlos, überhaupt eine Hierarchie von Lehrern, Ältesten und Aposteln einzuführen, wenn diese nach einer Generation aussterben und somit obsolet werden würden. Immerhin sagt ja Jesus zu Seinen Aposteln, einschließlich Petrus, dem von ihm ernannten obersten Hirten, dass Er bei ihnen sein werde bis zum Ende der Welt. Dies kann nur gewährleistet werden, wenn es weiterhin Apostel und einen Petrus geben würde, die Er durch Seinen Heiligen Geist anleiten würde. Und nach Apostelgeschichte 1,20 wissen wir, dass das Apostelamt dem Bischofsamt entspricht. Das Bischofsamt und das Petrusamt müssen also bis zum Ende der Welt weiterbekleidet werden. Der Stellvertreter Eljakim wird darüber hinaus auch Vater über die Nation genannt (Jesaja 22,21), weshalb wir auch den Petrus zurecht Heiliger Vater beziehungsweise Papst nennen. Eljakim dient dem davidischen König (Jesaja 22,22), während Petrus dem davidischen König schlechthin dient, unserem Herrn Jesus Christus.
Namensänderung in Matthäus 16,16-18
In der Bibel sind Namensänderungen immer Programm. Man beachte hierzu nur die Namensänderung von Abram zu Abraham. Wenn sich aber der Fels, auf dem die Kirche gebaut wird, wie manche Protestanten sagen, nur auf das Glaubensbekenntnis von Petrus bezieht, wieso benennt Jesus ihn dann als Person um? Im Übrigen lassen sich auch Glaube und Person nicht voneinander trennen. Der Glaube muss doch von irgendjemand bekannt werden. Und dieser jemand steht dann mit seiner Person für diesen Glauben ein und gibt Bekenntnis ab. Glaube und Person kommen immer als Paket. Sie lassen sich nicht trennen. Selbst wenn also Jesus den Glauben von Petrus loben wollte, so konnte Er ihn nicht von Petrus abkoppeln und hat deshalb Simon den Beinamen Petrus (Fels) gegeben.
Manche Protestanten wenden weiterhin ein, dass im griechischen Original Petrus zwar „Petros“ genannt wird, aber der Fels, auf dem die Kirche gebaut wird, heißt im Griechischen „Petra“. „Petros“ bedeute hier angeblich nur ein kleiner Stein, während „Petra“ tatsächlich Fels meint. Mal abgesehen davon, dass Jesus sicherlich nicht politisch korrekt doch tatsächlich noch an zwei Geschlechter geglaubt hat und Petrus somit nicht als Transgender-Person Petra ansprechen wollte, tritt dieses Problem lediglich in der griechischen Sprache auf. Jesus hat mit Seinen Jüngern aber wahrscheinlich ohnehin nur Aramäisch gesprochen. Auf Aramäisch heißt der Fels „Kephas“ und nur „Kephas“! Hier wird nicht wie im Griechischen in grammatikalische Gender unterteilt.
Woher wissen wir, dass Jesus Aramäisch sprach? Ganz einfach: Das Neue Testament ist voll von aramäischen Ausdrücken, die der inspirierte griechische Schreiber für uns dann im Griechischen erklärt (vgl. Markus 5,41; Matthäus 27,46). Ganz besonders relevant ist aber für unser Thema Johannes 1,42: „Er führte ihn zu Jesus. Jesus blickte ihn an und sagte: Du bist Simon, der Sohn des Johannes, du sollst Kephas heißen, das bedeutet: Petrus.“ Hier sehen wir, dass Simon tatsächlich von Jesus Kephas genannt wurde. Und dann übersetzt der griechische Schreiber für uns zu Petrus (Petros). Hiermit ist bewiesen, dass der Name „Petrus“ durchaus von Jesus als Fels gemeint war und nicht bloß als kleiner Stein oder was auch immer sich manche protestantische Apologeten ersinnen. Denn Petrus ist der Kephas und Kephas bedeutet nun einmal Fels.
Aber an sich ist diese ganze Argumentation sowieso künstlich aufgebauscht. Denn wieso sollte Jesus den Simon auf einmal Petrus nennen, wenn es doch um einen Felsen geht und wenn Petrus vermeintlich gar nicht Fels bedeuten soll. Wieso ihn also überhaupt umbenennen, wenn Petrus als Person ohnehin nicht gemeint sein soll? Wie eingangs geschrieben: In der Bibel sind Namensänderungen immer Programm!
Andere protestantische Apologeten haben gemeint, dass Jesus gar nicht Petrus angesprochen hat, sondern mit dem Felsen literal eine Felswand in Banias gemeint hat, wo sich diese Szene in Matthäus 16 zugetragen hat. Tatsächlich ist die Kulisse in Banias durchaus durch ihre Felsenwand bekannt und auch kultisch hatte der Ort eine Signifikanz. Um Seinen Punkt mit den Toren der Hölle klarzumachen, hätte sich Jesus wohl keinen besseren Ort als Banias aussuchen können. Der Ort drückt plastisch aus, was Jesus sagen will. Dennoch muss auch hier am Ende des Tages festgehalten werden: Es ist der Name des Simon, der sich in Petrus geändert hat. Wieso diese Namensänderung, wenn doch Jesus nur eine Felswand in Banias im Sinne hatte?
Auch von der Satzstruktur in Matthäus 16,17-19 deutet alles sehr stark auf Simon Petrus als Thema hin. Jesus baut sprachlich quasi ein Sandwich der 2. Person Singular auf: Du, Dir, Dir, Du, dieser Fels, Dir Du, Du. Was ist also am wahrscheinlichsten vom Sprachgebrauch her? Dass dieser Fels ebenfalls das anspricht, was die ganzen 2. Personen Singular in diesem Grammatik-Sandwich ansprechen, und zwar Simon Petrus, oder dass dieser Fels auf eine dritte Bezugsgröße referenziert, die weder im Kontext angekündigt wurde, noch irgendwo erwähnt oder grammatikalisch angedeutet wird? Der Aufbau des Sandwiches müsste sonst so heißen: Du, Dir, Dir, Du, etwas ganz Anderes, Dir, Du, Du. Viel intuitiver ist natürlich, und das muss man somit auch als die beabsichtigte Lesart annehmen: Du, Dir, Dir, Du, Du Simon, Dir, Du, Du. Wir müssen hier vom inspirierten Schreiber durchaus erwarten können, dass er uns „diesen Felsen“ erst einmal vorstellt, bevor er ein Demonstrativpronomen verwendet und auf ihn referenziert. Oder anders ausgedrückt: Da der Schreiber auf demonstrativ auf einen uns noch unbekannten Felsen verweist, müssen wir grammatikalisch einfach davon ausgehen, dass er jenen damit meint, den er in diesem Grammatik-Sandwich die ganze Zeit referenziert: Simon Barjona.
Manche Protestanten geben sich hiermit aber immer noch nicht zufrieden und verweisen darauf, dass doch Jesus unser Fels und unser Fundament ist. Und das ist auch soweit erst einmal richtig. Allerdings können wir nicht eine biblische Wahrheit gegen die andere ausspielen. Wir müssen schauen, wie Gott bestimmte in der Bibel kommunizierte Wahrheiten und Bilder verstanden haben möchte. Im Bild von Matthäus 16,17-19 ist Petrus das Felsfundament und Jesus der Erbauer der Kirche. Im Bild von 1. Korinther 3,11 hingegen ist Jesus das Fundament der Kirche und Paulus sowie Apollos sind diejenigen, die darauf aufbauen. In Epheser 2,20 wiederum sind die Apostel und die Propheten das Fundament, während Jesus der Eckstein ist, der den gesamten Bau zusammenhält. Letztlich bilden die 12 Apostel in Offenbarung 21,14 die 12 Grundsteine des neuen Jerusalems.
Wir sehen, es gibt in der Bibel verschiedene Bilder mit verschiedenen Aspekten. Es ist also nicht so verwerflich, wie es sich anhört, wenn wir für den Menschen Petrus beanspruchen, dass er der Fels oder das Fundament ist, auf dem die Kirche auferbaut wird. So bekommt ja auch Abraham in Jesaja 51,1-2 den bekannten jüdischen Ehrentitel Fels, da er der Glaubensvater von uns allen ist. Vater, ein weiterer Titel, den sich manche Protestanten selbst verbieten in den Mund zu nehmen. Aber wer würde hier ernsthaft in Erwägung ziehen Abraham seinen Titel als Fels abzusprechen, nur, weil Gott in 1. Samuel 2,2 und 2. Samuel 22,2 ebenso der Fels ist?
Generell müssen wir akzeptieren, dass die Bibel uns bereitwillig viele Titel zugesteht, die eigentlich Jesus allein gehören sollten. So ist Jesus unser Hirte und trotzdem setzte Er Hirten für die Gemeinde ein, worunter Petrus der Erste ist. Jesus ist das Licht der Welt (Johannes 8,12) und dennoch macht Er Seine Nachfolger zum Licht der Welt (Matthäus 5,14). Wir brauchen also keine Angst haben, Titel oder Begriffe zu verwenden, die die Bibel selbst verteilt. Demnach ist Petrus der Fels, auf dem die Kirche gebaut wird.
Doch es kommt noch dicker! Selbst dem Satan werden manchmal Titel zugestanden, die eigentlich Jesus gehören. So wird der Morgenstern Jesaja 14,12 gerne auf den Teufel gedeutet, weshalb er als Titel häufig auch das lateinische Wort „Lucifer“ für Morgenstern trägt. Allerdings ist nach Offenbarung 22,16 Jesus Christus der wahre Morgenstern, den wir Katholiken in unserer lateinischen Liturgie auch manchmal deshalb so als Lucifer benennen. Im Internet kursieren daher echte, aber aus dem Kontext gerissene, Videos, wo ein gewisser „Lucifer“ im Vatikan besungen wird. Die verleumderische Unterstellung lautet hier, dass Katholiken insgeheim Satanisten seien.
Darüber hinaus wird der Teufel auch als Löwe bezeichnet (1. Petrus 5,8). Dieser Titel wird ebenso für Jesus verwendet (Offenbarung 5,5). Wenn also die Bibel und Gott selbst Satan mit Titeln bestücken, die Jesus Christus gehören, dann kann man wirklich nichts dagegen sagen, dass Petrus auch einmal der Fels genannt wird.
Fegefeuer
Viele Protestanten haben eine falsche Vorstellung davon, was Katholiken mit der Lehre vom Fegefeuer meinen. Das Fegefeuer sollte lieber Purgatorium genannt werden, weil es sich hierbei um einen Reinigungs- beziehungsweise Läuterungsort handelt und dieser nicht mit der Hölle zu verwechseln ist. Jede Seele, die nach dem Tod in das Fegefeuer kommt, wird auf jeden Fall anschließend in den Himmel gelangen. Wer hingegen in die Hölle kommt, bleibt auf Ewigkeit in der Hölle und wird dort auch nicht mehr geläutert, sondern erhält seine endgültige, gerechte Strafe.
Das Purgatorium ist also keine Hölle. Wir werden dort lediglich noch einmal geläutert, bevor wir die Herrlichkeit Gottes sehen und ertragen können. Und diese Läuterung ist laut Bibel auch nach der Vergebung unserer Sünden weiterhin nötig. Unsere Gebete für diese armen Seelen im Fegefeuer sind daher dringend nötig und verschaffen ihnen Hilfe.
Läuterung ist auch nach Vergebung notwendig
In Sacharja 13,7-9 finden wir eine deutliche messianische Prophetie, die das Kreuzesgeschehen vorhersagt: „Schlage den Hirten, dann werden sich die Schafe zerstreuen.“ Danach spricht die Prophetie von der Zeit nach dem Kreuz, nachdem der Hirte am Kreuz geschlagen wurde und sich die Schafe zerstreut haben. Ein übrigbleibendes Drittel, die christliche Gemeinde, muss laut dieser Prophetie durch das Feuer der Läuterung gehen. Das zeigt, dass somit diese Läuterung, die nach dem Kreuz geschieht, unabhängig vom Kreuzesgeschehen weiterhin verwirklicht werden muss. Wären am Kreuz also nicht nur unsere Sünden gesühnt worden, sondern wir Sünder auch geläutert worden, hätte diese Läuterung der Gemeinde Christi keinen Platz mehr in der Zeit nach dem Kreuz.
Auch Maleachi 3,2-3 berichtet davon, dass wir Menschen vor der Gottesschau erst einmal gereinigt werden müssen. Da hier vom „Tag Seines Kommens“ die Rede ist, kann sich diese Reinigung nicht auf die Vergangenheit oder generell unser gewöhnliches irdisches Leben beziehen. Auf den Himmel als solchen kann es sich aber auch nicht beziehen, denn im Himmel werden wir sicherlich nicht mehr unrein sein. Auf die Hölle kann sich hier zudem auch nicht bezogen werden, da man in der Hölle nicht mehr gereinigt wird und auch keine Opfergaben in Gerechtigkeit stattfinden. Die Hölle wird von Ungerechten bevölkert.
Eine Möglichkeit, Maleachi hier zu deuten, ist den Zustand eines Purgatoriums anzunehmen. Tatsächlich definiert die katholische Kirche weder die Zeitdauer noch den Ort des Purgatoriums. Es ist denkbar, dass sich das Purgatorium tatsächlich auch nur auf den ersten Moment beschränkt, wenn wir Gottes Herrlichkeit schauen. Je mehr wir im Leben gesündigt haben, desto schamhafter wird es sein, Gott endlich in Seine heiligen Augen blicken zu dürfen. Diese Augen werden ein Feuer sein, das alle Unreinheit verzehren wird (vgl. Offenbarung 1,14), denn Gott ist ein verzehrendes Feuer (vgl. Hebräer 12,29). Jeder, der die Herrlichkeit des Herrn erleben wird, wird sie wie ein verzehrendes Feuer wahrnehmen (vgl. Exodus 24,17). Bei Gott gibt es keinen Platz für Unreinheit und Dunkelheit. Gottes Gegenwart wird jede Erinnerung an die Sünde von uns vertilgen (vgl. Offenbarung 21,4). Es wird von uns nur die reinste Heiligkeit übrig bleiben und das ist dann der Himmel. Denn nur in Heiligkeit können wir Gott sehen beziehungsweise es ertragen, Gott zu sehen (vgl. Hebräer 12,14).
Ich persönlich stelle mir das Fegefeuer folgendermaßen vor: Wenn ich sterbe, werde ich im nächsten Augenblick in die heiligen Augen Christi sehen. Dann werde ich schamrot anlaufen. Wir alle kennen das Gefühl, wenn wir uns vor anderen Menschen schämen. Das Blut strömt in unseren Kopf und uns wird ganz heiß. Wenn ich Christus also erstmals in die Augen blicke, wird diese Schames-Hitze so unerträglich heiß sein, dass ich meine zu vergehen. Ich werde in diesem Moment denken: „Wieso habe ich mich nicht Zeit meines Lebens so sehr für alle meine Sünden geschämt, wie es sich gebührt, dann müsste ich das jetzt nicht nachholen!“ Mit einem Schlag wird uns die ganze Herrlichkeit Gottes bewusst und somit auch unsere Mangelhaftigkeit – mehr noch als wir es mit den stärksten Erlebnissen von persönlicher Buße auf Erden jemals könnten.
Wenn also die Herrlichkeit Gottes alle unsere Mängel ausfüllt und alle unsere Wunden der Sünde austilgen wird, dann wird dies ein unangenehmes Unterfangen sein. Zugleich wird es jedoch der zweitglücklichste Zustand nach dem Himmel sein, den wir erleben können, da wir Gott bald sehen dürfen und wissen, dass wir anschließend in den Himmel einkehren werden. Dieser wunderschöne und zugleich schmerzhafte Zustand oder Ort ist das Fegefeuer.
Strafe und Schuld sind biblisch getrennt
Nur weil Jesus Christus für unsere Schuld am Kreuz gestorben ist, heißt das noch nicht automatisch, dass auch alle temporären Strafen beziehungsweise Folgen unserer Sünden damit ausgehoben sind.
Wenn wir das Fegefeuer also als einen Ort der Scham und Reinigung verstehen, so sollte dies das normalste der Welt für einen Christen sein. Ein Christ sollte sich möglichst schon hier auf Erden für seine Sünden schämen und eine komplette Reinigung von allem Sündhaften anstreben. Tatsächlich können wir hier auf Erden durch eine solche Buße unseren Aufenthalt im Fegefeuer positiv beeinflussen. Das ist, was die Kirche unter einem Ablass versteht. Wir ziehen das Fegefeuer quasi durch einen Akt der Buße für unsere begangenen Sünden vor.
Doch schauen wir uns ein paar andere biblische Beispiele dafür an, dass zeitliche Strafen und Folgen der Sünde auch nach dem Werk Christi am Kreuz und unserer Rechtfertigung vorhanden bleiben:
Zum einen leben auch wir wiedergeborene Christen weiterhin unter dem Fluch des Sündenfalls. Wie in Genesis 3,16-19 beschrieben, haben auch christliche Frauen bei der Geburt Schmerzen und christliche Männer müssen unter mühsamer Arbeit ihr tägliches Brot verdienen. Auch die Rosen haben, als ich dies als Christ das letzte Mal prüfte, immer noch Dornen. Wir Christen stehen weiterhin in einer gefallenen Welt und müssen auch so manches Leiden auf uns nehmen. Paulus erfreut sich sogar in Kolosser 1,24, dass er mit seinen fleischlichen Leiden das erfüllen darf, was an Christi Bedrängnissen noch aussteht. Vielleicht sollten wir als Christen die Folgen der Sünde heute vielmehr als Privileg und nicht mehr als Strafe ansehen. Aber die Bibel schreibt ganz deutlich, dass es zeitliche Strafen für Sünden gibt.
So muss etwa David eine zeitliche Strafe erleiden, obwohl ihm seine Sünde explizit vergeben worden ist. In 2. Samuel 12,13-14 lesen wir, dass der Herr die Sünde Davids hinweggenommen hat, nachdem David seine Sünde des Ehebruchs mit Bathseba vor Nathan beichtete. Doch weil die Feinde Gottes aufgrund der Sünde Davids nun Anlass zur Lästerung haben, lässt Gott den Sohn Davids, der aus diesem Ehebruch entstanden ist, sterben. Davids Sünde wurde also vergeben und dennoch musste er die zeitliche Strafe für seine Sünde ertragen.
Oder in Lukas 12,46-48 lesen wir in einem Gleichnis Jesu von verschiedenen Knechten und ihren Strafen für ihr Fehlverhalten. Der erste Knecht geht ganz klar in die Hölle, da er entzwei gehauen wird und seinen Teil mit den Ungläubigen haben wird. Die anderen beiden Knechte werden zwar nicht entzwei gehauen und bekommen auch nicht ihren Teil mit den Ungläubigen – sie landen also nicht wie der erste Knecht in der Hölle. Aber sie bekommen dennoch Schläge und somit eine Strafe für ihr Fehlverhalten. Der eine mehr als der andere. Wenn aber diese beiden anderen Knechte nicht in der Hölle landen, dann müssen sie ja zwangsläufig in den Himmel kommen. Da es aber im Himmel keine Schläge gibt, sondern nur Glückseligkeit, müssen diese Schläge vor dem Eingang in diese Glückseligkeit geschehen. Diese Schläge repräsentieren also unsere zeitlichen Strafen für unsere Sünden, die wir entweder hier auf Erden schon erhalten oder dann spätestens im Fegefeuer. Da im Gleichnis der Herr erst nach einer gewissen Zeit zurückkehrt, liegt damit wahrscheinlich der Fokus ohnehin nicht auf diesem Leben seinen Züchtigungen, sondern tatsächlich beim Endgericht und im Jenseits.
Es ist bei der Strafe vielleicht sinnvoll, wenn wir in Bestrafung für unsere Schuld (Hölle) und Wiedergutmachung für den verursachten Schaden unterscheiden. Die Schuld wird uns durch die Vergebung erlassen. Somit kommen wir nicht in die Hölle, wenn wir Vergebung all unserer Sünden erlangt haben. Eine Reparation beziehungsweise Genugtuung sollte aber dennoch geleistet werden, soweit es in unserer Macht steht. So will beispielsweise auch Zachäus in Lukas 19,8-9 möglichst allen Schaden wieder gut machen. Jesus sagt darauf, dass ihm heute das Heil geschenkt wurde. Jede Sünde hinterlässt außerdem eine spirituelle Wunde, die geheilt werden muss. Eine Wiedergutmachung oder Bezahlung des von uns angerichteten Schadens sorgt hier für Heilung. Denn ein ordentliches Gericht wird uns jeden Pfennig Schulden bezahlen lassen (vgl. Matthäus 5,26).
Der Reiche und Lazarus
In Lukas 16,19-31 finden wir Jesu bekanntes Beispiel vom reichen Mann und Lazarus nach ihrem Ableben. Obwohl der Text traditionell so verstanden wird, dass der Reiche in der Hölle ist, gibt es jedoch ein paar Hinweise im Text, die darauf hindeuten, dass der Reiche tatsächlich „nur“ im Fegefeuer ist.
So befand sich immerhin auch der gerechte Samuel ebenfalls an diesem Ort, der „Unterwelt“ genannt wird (vgl. 1. Samuel 28,3-14). Und Feuersglut sowie Qualen gibt es nicht nur in der Hölle, sondern auch im Fegefeuer (vgl. 1. Korinther 3,11-15). Nicht nur zwischen dem Himmel und der Hölle, sondern auch zwischen Himmel und Fegefeuer besteht zunächst einmal eine unüberbrückbare Kluft.
Aber auch weitere Hinweise geben Anlass anzunehmen, dass der Reiche sich nicht in der Hölle befindet. Denn der Reiche wendet sich liebevoll an den heiligen Abraham, da er ihn „Vater Abraham“ nennt. Verdammte in der Hölle haben eine Abscheu gegen Gott und Seine Heiligen. Denn die Hölle ist der Ort vollkommener Gottesferne, wo es vermutlich keinen Funken von Liebe und Zuneigung mehr gibt. Abraham erwidert diese herzliche Anrede seinerseits und nennt den Reichen liebevoll „Kind“. Ein Verdammter ist jedoch laut Christus kein Kind Abrahams, sondern ein Kind des Teufels (vgl. Johannes 8,39-44). Aber nicht nur zwischen dem Reichen und Abraham besteht eine positive Beziehung. Der Reiche empfindet auch gegenüber seinen Angehörigen Liebe und Zuneigung, da er deren Wohl erwünscht, wenn er Abraham gegenüber seine Sorge um ihr Schicksal zum Ausdruck bringt.
Onesiphorus
In 2. Timotheus 1,16-18 lesen wir: „Dem Haus des Onesiphorus schenke der Herr sein Erbarmen, denn Onesiphorus hat mich oft getröstet und hat sich meiner Ketten nicht geschämt; vielmehr hat er, als er nach Rom kam, unermüdlich nach mir gesucht, bis er mich fand. Der Herr gebe ihm, dass er beim Herrn Erbarmen findet an jenem Tag. Seine treuen Dienste in Ephesus kennst du selbst am besten.“ Demnach ist Onesiphorus höchstwahrscheinlich verstorben. Denn wieso sollte sonst Paulus dem Haus des Onesiphorus getrennt von Onesiphorus das Erbarmen Gottes wünschen? Er hätte es ja auch – wie sonst üblich – „Onesiphorus und seinem Haus“ wünschen können. Stattdessen wünscht er dem Onesiphorus und nur ihm explizit die Barmherzigkeit für den speziellen Tag, der wohl der Tag des Gerichts ist.
Dieses Verhalten legt nahe, dass Paulus zwischen Onesiphorus und seinem Haus eine konzeptionelle Trennung vornimmt. Wieso sollte er dies jedoch tun? Gehört nicht Onesiphorus zu seinem Haus? Auch lesen sich seine netten Erinnerungsworte an Onesiphorus wie ein Nachruf. Generell berichtet Paulus über Onesiphorus nur in der Vergangenheitsform.
Wenn Onesiphorus tatsächlich bereits gestorben ist, erklärt sich diese komische Ausdrucksweise des Paulus. Dann ergibt es auch Sinn, wenn er Onesiphorus von seinem Haus abgrenzt und nur ihm das Erbarmen für den Tag des Herrn wünscht, seinem Haus aber noch nicht. Auch in 2. Timotheus 4,19 wird das Haus des Onesiphorus gegrüßt, dieser aber diesmal gar nicht als Person erwähnt. Dies erscheint besonders merkwürdig, da ja direkt zuvor auch Einzelpersonen gegrüßt werden, nämlich Prisca und Aquila.
Nehmen wir also an, dass Onesiphorus bereits verstorben war. Dann klingt aber der Wunsch des Paulus nach Erbarmen für Onesiphorus am Tag des Herrn etwas merkwürdig. Denn würde Paulus davon ausgehen, dass Onesiphorus in den Himmel kommt, wäre dieser Wunsch sinnlos, denn im Himmel erfährt Onesiphorus ja alle nur erdenkliche Barmherzigkeit. Würde Paulus jedoch davon ausgehen, dass Onesiphorus in die Hölle kommt, dann wäre dieser fromme Wunsch ebenfalls sinnlos, denn dann hilft auch kein Beten mehr. Onesiphorus wäre dann schließlich auf alle Ewigkeit verloren. Auf Barmherzigkeit wäre dann nicht mehr zu hoffen. Wenn aber Onesiphorus laut Einschätzung des Paulus nach seinem Ableben weder im Himmel noch in der Hölle ist, muss es ja in seiner Theologie noch einen dritten jenseitigen Ort geben, bei dem dann auch der Wunsch nach Barmherzigkeit Effekt hätte. Diesen Ort identifizieren wir als Fegefeuer. Denn dort hätte Onesiphorus tatsächlich Barmherzigkeit weiterhin nötig.
Locus classicus: 1. Korinther 3,11-15
Die wohl bekannteste Stelle für ein Fegefeuer in der Bibel ist 1. Korinther 3,11-15: „Denn einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist: Jesus Christus. Ob aber jemand auf dem Grund mit Gold, Silber, kostbaren Steinen, mit Holz, Heu oder Stroh weiter baut: Das Werk eines jeden wird offenbar werden; denn der Tag wird es sichtbar machen, weil er sich mit Feuer offenbart. Und wie das Werk eines jeden beschaffen ist, wird das Feuer prüfen. Hält das Werk stand, das er aufgebaut hat, so empfängt er Lohn. Brennt es nieder, dann muss er den Verlust tragen. Er selbst aber wird gerettet werden, doch so wie durch Feuer hindurch.“
Wir sehen hier deutlich, dass es um ein persönliches Gericht geht. Dieses Gericht findet nicht in diesem Leben statt, sondern an dem „Tag“, an dem alles sichtbar gemacht wird. Dies deutet klar auf das Jüngste Gericht hin, denn im Diesseits bekommen wir nur vereinzelt die Sünden unserer Mitmenschen mit und nicht „das Werk eines jeden“. Auch geht es hier nicht nur um einen Lohn, sondern darum, dass man am Ende gerettet wird, wenn auch „wie durch Feuer hindurch“.
Manche Ausleger verweisen darauf hin, dass „wie durch Feuer“ nicht bedeutet „durch Feuer“. Somit sei dies nur bildlich gemeint, weil in diesem Bild die guten Werke verbrennen. Eine tatsächliche Reinigung wie in einem Fegefeuer sei hier nicht gemeint. Dies ist ein fairer Punkt, wobei man auch auf den biblischen Sprachgebrauch hinweisen muss, wonach „wie durch Feuer“ durchaus gleichbedeutend mit „Feuer“ sein kann. So wurde Jesus Christus nach Philipper 2,7 auch „wie ein Mensch“ erfunden, wobei Er aber nach 1. Timotheus 2,5 ganz klar ein „Mensch“ ist. Aber selbst wenn das Feuer in 1. Korinther 3 nicht literal gemeint ist, so widerspricht es nicht notwendigerweise der Lehre vom Purgatorium. Zwar heißt es umgangssprachlich „Fegefeuer“, aber es wurde nie von der Kirche definiert, dass es sich hierbei um echtes Feuer handeln muss. Viel wichtiger ist hierbei der Effekt dieses verbrennenden Etwas. Es wird in 1. Korinther 3 ein Feuer genannt, weil es erprobt und offenbart.
Die Hölle kann mit diesem Erprobungsort nicht gemeint sein, da 1. Korinther 3 von der letztlichen Rettung berichtet. Niemand wird jedoch durch die Höllenflammen hindurch gerettet. Der Himmel kann aber auch nicht gemeint sein, da man dort keinen „Verlust“ erleiden wird.
Inwieweit das Fegefeuer mit dem Endgericht zeitlich übereinstimmt oder ob es Teil des Endgerichts ist, lässt sich hier nicht abschließend sagen. Es ist aber zu hinterfragen, ob in 1. Korinther 3 tatsächlich das klassische Endgericht gemeint sein kann, da der Ausgang ja ist, dass jeder wie durch Feuer gerettet wird. Das tatsächliche Endgericht muss aber auch die Option der Hölle offenlassen.
Jüdische Glaubenspraxis
In diesem Buch möchte ich den Protestanten zeigen, dass der katholische Glaube biblisch ist. Zwar habe ich eingangs auch den katholischen Kanon samt deuterokanonischer Schriften verteidigt, da dies die Natur der Sache ist. In allen anderen Lehren habe ich mich aber immer nur auf den protestantischen Kanon der 66 Bücher beschränkt, da mir wichtig ist zu betonen, dass der katholische Glauben absolut biblisch ist und daher nicht auf vermeintliche Sonderschriften zurückgreifen muss. Ich möchte als Ex-Protestant dem Protestanten ein Protestant sein, obgleich ich natürlich als Katholik glaube, dass unser Kanon der 73 Bücher die originale Bibel darstellt.
Wenn ich also jetzt gleich auf das zweite Buch der Makkabäer zu sprechen komme, so ist mein Argument nicht als Schriftbeweis anzusehen. Ich möchte es nur als historisches Zeugnis für die Glaubens- und Frömmigkeitspraxis der Juden zur biblischen Zeit ins Felde führen. Dass die Makkabäerbücher wichtige historische Zeugnisse darstellen, muss auch jeder Protestant anerkennen, unabhängig davon, was er über ihre Inspiration zu sagen hat.
So steht in 2. Makkabäer 12,43-45 folgendes: „Er veranstaltete eine Sammlung, an der sich alle beteiligten, und schickte etwa zweitausend Silberdrachmen nach Jerusalem, damit man dort ein Sündopfer darbringe. Damit handelte er sehr schön und edel; denn er dachte an die Auferstehung. Denn hätte er nicht erwartet, dass die Gefallenen auferstehen werden, wäre es überflüssig und sinnlos gewesen, für die Toten zu beten. Auch hielt er sich den herrlichen Lohn vor Augen, der für die hinterlegt ist, die in Frömmigkeit entschlafen. Ein heiliger und frommer Gedanke! Darum ließ er die Toten entsühnen, damit sie von der Sünde befreit werden.“
Diese Stelle legt einen Zwischenzustand dar, der als Läuterungsort verstanden wird. Wie geschrieben soll dies hier nicht als dogmatisches Argument angeführt werden, obgleich wir Katholiken jedes Recht dazu haben. Aber selbst als historisches Zeugnis ist es dennoch erstaunlich. Denn scheinbar gingen die alttestamentlichen Juden von diesem jenseitigen Zustand aus, weshalb sie handelten, wie sie es taten. Man möge vom Fegefeuer also dogmatisch halten, was man möchte, die Juden haben es als selbstverständliche Lehre vorausgesetzt. Wieso sollte selbst ein nicht inspirierter Schreiber solch eine Doktrin in seinen Text einarbeiten, wenn sie nichts mit dem alltäglichen Glaubensleben seiner jüdischen Zeitgenossen und Leserschaft zu tun hätte? Denn wenn ich heute einen Bericht über meine zeitgenössische Christenheit schreiben würde, käme ich schließlich auch nicht auf die Idee, eine christliche Pilgerfahrt nach Mekka zu erwähnen.
Die Heiligen und ihre Verehrung
Als Evangelikaler waren mir die Heiligen und die katholische Praxis ihrer Verehrung immer ein Anstoß. Es grenzte für mich an praktischen Götzendienst. Mindestens aber schienen mir diese Heiligen eine Ablenkung vom Evangelium zu sein, ja sogar eine Konkurrenz zu Christus selbst. Solus Christus war mein reformatorischer Leitspruch. Und hier ist schon das erste große Missverständnis, das ich über den katholischen Glauben hatte. Denn auch Katholiken glauben, dass nur Christus allein uns das Heil bereitet hat. Er ist der Heiland und sonst niemand. Doch Gott will auch, dass wir als Menschen Gemeinschaft haben. Ganz besonders gilt dies für uns Christen. So bekennen sich auch die meisten reformierten Christen zur „Gemeinschaft der Heiligen“, wenn sie das apostolische Glaubensbekenntnis rezitieren. Dass Gott uns Menschen als Gemeinschaftswesen geschaffen hat, ist offenkundig. Es fängt schon bei Adam und Eva an. Es ist nicht gut, dass der Mensch allein ist. Und es ist auch nicht gut, wenn wir nur für uns allein Gott verehren. Wir Katholiken glauben, dass diese Gemeinschaft der Gottesverehrung nicht nur im sonntäglichen Gottesdienst stattfinden soll, sondern das ganze Leben hindurch und auch darüber hinaus. Wir glauben außerdem, dass mit dem Tod unser Dasein nicht aufhört, sondern unser eigentliches Leben bei Gott erst richtig beginnt. So bestätigt auch Jesus in Matthäus 22,32 unser ewiges Leben als Christen, wenn Er darauf verweist, dass unser Gott nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebendigen ist, und somit das Leben nach dem Tod belegen wollte. Denn wie könnte Gott der Gott des lebendigen Abrahams, Isaaks und Jakobs sein, wenn diese tot sind?
Die Heiligen im Totenreich können uns doch nicht hören!
Als ich Protestant war, bin ich bis hierhin noch mitgegangen. Aber es ist eine Sache, dass die toten Gläubigen jetzt bei Gott sind. Ob sie uns „dort oben“ jedoch hören, ist eine ganz andere Problematik.
Richtig ist gewiss, dass wir „hier unten“ unsere entschlafenen christlichen Geschwister für gewöhnlich nicht mehr hören können. Immerhin haben sie noch nicht den Auferstehungsleib und somit auch keinen Mund, mit dem sie zu uns sprechen könnten. Ebenfalls haben sie auch keine Ohren. Können sie uns also überhaupt hören?
Hier müssen wir uns ins Gedächtnis rufen, dass bei Gott kein Ding unmöglich ist. Ja, Gott selbst hat auch keinen Leib und keine Ohren, kann unsere Gebete aber trotzdem erhören. Wieso haben wir also diese Vorstellung, dass die Heiligen im Totenreich uns nicht hören können? Biblisch ist diese Idee auf jeden Fall nicht. Zum einen sind die Heiligen nach dem Sieg Christi am Kreuz nicht mehr in einem obskuren Totenreich, sondern mit Gott im Himmelreich. Das können wir beispielsweise an den Märtyrern in Offenbarung 6,9-10 erkennen, die im Übrigen sehr genaue Informationen haben, was auf der Erde abläuft. Anderenfalls hätten sie schließlich nicht gewusst, dass ihre Mörder noch ungestraft herumlaufen. Auch weiß die Menge im Himmel in Offenbarung 19,1-3, welche Gerichte Gott aktuell auf der Erde ausübt. Es ist also zwischen Himmel und Totenreich ein sehr großer qualitativer Unterschied, wie wir noch umfangreicher sehen werden, wenn wir uns anschauen, welche die göttlichen Verheißungen für Christen nach dem Tod sind. Aber selbst im Totenreich, so bezeugt es die Heilige Schrift, können Tote uns durchaus hören. So konnte beispielsweise Samuel in 1. Samuel 28 von einer Totenbeschwörerin heraufbeschworen werden. Der inspirierte Schreiber der Bibel sagt selbst ausdrücklich, dass es sich wirklich um Samuel handelt. Auch wenn diese ganze Praxis freilich sehr okkult ist, so können wir nicht behaupten, dass es nicht wirklich auch Samuel war, der die Beschwörung im Totenreich „erhört“ hat. Die Schrift ist hier sehr klar. Wer sind wir, dass wir der Einordnung des inspirierten Schreibers misstrauen wollten?
Auch Johannes selbst, der in seiner Vision in Offenbarung 5,13 im Himmel war, wurde befähigt alle Geschöpfe im Himmel und auf der Erde zu hören. Wir können also biblisch davon ausgehen, dass die verstorbenen Heiligen im Himmel uns durchaus hören können und teilweise viel mehr Wissen und Einblicke haben als wir hier auf Erden. Wenn sie uns aber hören können, dann ist die Idee auch nicht mehr so abwegig, dass sie für unsere Anliegen beten und wir sie somit um Fürbitte anrufen können.
Die Heiligen wären ja Gott selbst, wenn sie alles gleichzeitig hören und verstehen könnten!
Wir sind nicht Gott und werden auch niemals Gott sein. Das steht unverrückbar fest! Wie können also Katholiken den Heiligen solche göttlichen Fähigkeiten zusprechen, indem sie behaupten, dass uns die Heiligen im Himmel hören? Müssten dann die Heiligen nicht auch allwissend und allmächtig sein? Immerhin müssen sie gleichzeitig Millionen von Gebeten in den unterschiedlichsten menschlichen Sprachen hören und verstehen können.
Zunächst einmal müssen wir hier deutlich unterscheiden: Wenn ich gleichzeitig viele Dinge hören und wissen kann, dann setzt das zugegebenermaßen sehr viel Macht und sehr viel Wissen voraus. Allmacht oder Allwissenheit wird hierfür aber nicht benötigt und seien es noch so viele Dinge, die ich zu wissen und zu hören vermag.
Es mag abgedroschen klingen, aber sind nicht bei Gott alle Dinge möglich? Kann Gott nicht bewirken, dass ich gleichzeitig Millionen Gebete hören, verstehen und verarbeiten kann?
Gewiss kann Gott mich dazu befähigen! Wäre dies nicht der Fall, so würden wir an dieser Stelle die Allmacht Gott aufgeben, obwohl wir doch die exklusive Allmacht und Allwissenheit Gottes verteidigen wollten.
Und wenn schon Christen auf der Erde Charismen von Gott erhalten, wie beispielsweise die Heilungen nach 1. Korinther 12,9. Wenn also die Apostel auf Erden schon zahlreiche Menschen durch Gottes Gabe heilten (vgl. Apostelgeschichte 5,16), wieso sollte ich sie dann nicht auch heute um Heilung bitten können? Immerhin bereut Gott Seine Gnadengaben nach Römer 11,29 nicht, sodass Er sie widerrufen würde. Es ist nur konsequent anzunehmen, dass Christen ihre Gnadengaben auch im Himmel weiterhin haben und anwenden können – wenn nicht sogar noch mehr Gnadengaben!
Wenn also schon die Apostel an Pfingsten plötzlich zahlreiche Sprachen beherrschten, wieso sollte dann die Vorstellung für Christen zu unglaublich sein, dass die Heiligen im Himmel ebenfalls unsere deutschen, englischen, chinesischen oder hebräischen Gebete verstehen könnten? Und ja, die Gnadengaben auf der Erde sind nur Stückwerk und Sprachen werden laut 1. Korinther 13,8 aufhören. Aber ist damit gemeint, dass man im Himmel gar keine Sprache mehr verstehen wird oder nicht doch viel mehr, dass es einfach überhaupt keine Notwendigkeit mehr für die Sprachengabe geben wird, weil man einfach alles verstehen wird? Dass man im Himmel gar nicht mehr sprechen wird, können wir aufgrund der vielen himmlischen Aussprüche im Buch der Offenbarung ausschließen. Wird die Anschauung Gottes nicht viel eher all unseren Mangel ausfüllen, sodass weder Sprachen noch Kategorien von Zeit und Raum uns begrenzen? Werden allzu menschliche Vorstellungen wie das „gleichzeitige und durcheinander hören“ von Gebeten überhaupt noch anwendbar sein?
Wir haben es bereits gelesen. Selbst Johannes kann im Himmel laut Offenbarung 5,13 allen Kreaturen gleichzeitig zuhören und ist dadurch nicht überfordert. Das macht ihn noch nicht allwissend oder allmächtig, wohl aber dürfen wir davon ausgehen, dass wir im Himmel Gott ähnlich veranlagt sein werden:
Die göttlichen Verheißungen für uns Christen
Wenn wir also Gott von Angesicht zu Angesicht sehen werden und nicht mehr wie in einem Spiegel (vgl. 1. Korinther 13), dann werden wir laut 1. Johannesbrief 3,2 auch Gott gleich gestaltet sein. Das wird sicherlich auch göttliche Fähigkeiten mit sich bringen. Wir werden laut 2. Petrus 1,4 Anteil an der Natur Gottes haben – ohne natürlich Gott zu sein! So wurde bereits der besagte Samuel als „Götterwesen“ (hebr. Elohim) bezeichnet, und dies, obwohl er nicht mehr im Himmel, sondern eben nur im Totenreich war. Durch Christus ist laut Philipper 4,13 alles möglich. Und wer ist mehr mit Christus verbunden als die vollendeten Gerechten im Himmel, wie sie Hebräer 12,23 nennt?
Aber es bedarf nicht einmal der göttlichen Natur, um die Fähigkeiten zu erklären, die die Heiligen laut katholischem Glauben scheinbar besitzen müssen. So weiß laut Lukas 15,7.10 auch der ganze Himmel Bescheid und freut sich, wenn ein Sünder umkehrt. Bei Milliarden von Menschen wird es auch in jeder Sekunde unzählige Sünder geben, die gerade zu Gott umkehren. Die Engel sind zwar nicht Gott, sind aber trotzdem in der Lage, sich über umkehrende Sünder auf Erden zu erfreuen. Wichtig ist hierbei auch zu betonen, dass die Umkehr ja eine innere Angelegenheit des Menschen ist, die sich dann irgendwann hoffentlich in Taten auswirkt. Das bedeutet, dass die Himmelsbewohner sogar Kenntnis über die inneren Gedanken und Herzenshaltungen der Menschen haben müssen, wenn sie sich über Buße freuen können. Auch der gefallene Engel Satan höchstpersönlich müsste laut Bibel dann auch exklusive göttliche Fähigkeiten haben, wenn man die genannten Einwände gegen die katholische Heiligenverehrung zu Ende denkt. Denn auch der Teufel wird laut Bibel als Löwe dargestellt, der umhergeht, um zu schauen, wen er verschlingen kann. Wenn wir diese Warnung also ernst nehmen wollen, muss dieser gefallene Engel wohl auch große, simultane Fähigkeiten haben. Ansonsten wäre ja die Chance bei Milliarden von potentiellen Opfern, dass er derzeit mich verschlingen will, so gering, dass es für mich praktisch irrelevant wird. Wozu also diese biblische Warnung, wenn in der geistlichen Welt solche Fähigkeiten nicht bestünden?
Es wird also klar: Selbst der böse Satan beherrscht gewiss alle menschlichen Sprachen, um uns zu verführen. Wieso sollten die Heiligen im Himmel dazu nicht auch in der Lage sein? Wahrscheinlich können die Heiligen im Himmel sogar in Engelssprachen sprechen, sonst wäre das von Paulus in 1. Korinther 13,1 sicherlich nicht als ultimatives Beispiel gewählt worden als Beispiel von dem, was möglich ist.
Dürfen wir die Heiligen um etwas bitten?
Viele evangelikale Christen werden sich jetzt fragen: Es ist ja schön und gut, dass uns die Heiligen vielleicht im Himmel hören können. Aber wieso sollte ich mich mit meinen Anliegen an sie wenden und nicht direkt und allein an Christus?
Das ist eine berechtigte Frage und als Protestant hatte ich auch immer die Befürchtung, dass eine Hinwendung an die Heiligen eine Wegwendung von Christus sei. Den reformatorischen Grundsatz Solus Christus habe ich immer so verstanden, dass nichts in Konkurrenz zu meiner Beziehung mit Christus treten darf. Und das ist so weit ja auch richtig.
Aber was ist diese Konkurrenz? Wo beginnt Götzendienst und was ist eine legitime Gemeinschaft? Schauen wir uns dazu unsere christliche Praxis im Diesseits an: Niemand würde dagegen etwas einwenden, wenn wir unsere christlichen Geschwister in der Gemeinde oder im Hauskreis darum bitten, für uns zu beten. Gründe für diese Fürbitte können vielfältig sein. Vielleicht haben wir gerade Glaubenszweifel und brauchen die Stärkung durch unsere Gemeinschaft. Oder unser ganz normales menschliches Mitteilungsbedürfnis drängt uns dazu, unsere Sorgen, Nöte und Anliegen mit unseren geliebten Geschwistern im Glauben zu teilen.
Was auch immer die Gründe sein mögen, niemand wird bezweifeln, dass das Konzept von Fürbitte christlich sei. Die Bibel ist voll von Fürbitten untereinander. Ja, es gehört sogar zu unserer christlichen Pflicht der Nächstenliebe, für andere Geschwister Fürbitte in unseren Gebeten zu leisten (vgl. Römer 15,30 und 1. Timotheus 2,1).
Wenn also schon wir auf Erden Fürbitte füreinander bei Gott einlegen, um wieviel mehr werden es dann die vollkommenen Heiligen (vgl. Hebräer 12,23) im Himmel tun? Sie sind laut Matthäus 25,21 über viel größere Verantwortung gesetzt als noch zu ihren Lebzeiten auf Erden. Und wenn es selbst der böse Reiche im Gleichnis von Lukas 16,19-31 im Jenseits noch versucht, für seine Verwandten auf der Erde einzutreten, um wieviel mehr werden es die guten Heiligen versuchen. Ja, Offenbarung 5,8 bezeugt uns sogar, dass die Gebete der Heiligen von Himmelsbewohnern übermittelt werden.
Wenn wir also hier auf Erden schon intuitiv merken, dass es eine gute Idee ist, unsere Geschwister um Gebet zu bitten, wie kann es dann bei unseren Geschwistern im Himmel fehl am Platz sein? Wieso sollte es eine Konkurrenz zu Christus darstellen, wenn die Fürbitte unter Glaubensgeschwistern hier auf der Erde keine Konkurrenz darstellt?
Wieso sollten wir die Heiligen überhaupt bitten?
Gut, das ist schon klar: Wenn wir gerade zweifeln oder schwach im Glauben sind, ist es legitim, sich an die Geschwister in der Gemeinde zu wenden. Aber wenn es mir doch gerade glaubenstechnisch sehr gut geht, wieso sollten wir uns dann nicht direkt an Jesus wenden?
Ja, dagegen spricht sicherlich nichts. Es sollte für Christen eine Selbstverständlichkeit sein, im Alltag häufig mit Gott zu sprechen. Doch wir sollten dennoch eines bedenken: Jakobus schreibt in seinem Brief im Kapitel 5 Vers 16, dass das Gebet eines Gerechten viel vermag. Und wer ist mehr gerecht als diejenigen, die in Gerechtigkeit vollendet sind? Man betrachte hierzu nur einmal Hebräer 12,23. Demnach gibt es also sehr wohl Unterschiede im Maß der Gerechtigkeit, sonst wären die in Hebräer 12 erwähnten Heiligen ja nicht vollkommen in ihrer Gerechtigkeit. Das Gebet zu den „Geistern der vollendeten Gerechten“ vermag dann also laut Jakobus viel. Demnach ist es schlau, sich auch oft an diese Heiligen zu wenden, es sei denn man ist selbst schon absolut vollendet in der eigenen Gerechtigkeit.
Dass die Fürsprache von Heiligen bei Gott durchaus Wirkung zeigt, bestätigt uns Johannes 2,4-11, worin Jesus auf Fürsprache Seiner heiligen Mutter sogar Seinen ursprünglichen Plan abändert und ihre Bitte ausführt. Ebenso lehrt uns Jeremia 15,1, wenn auch mittels eines hypothetischen Beispiels Gottes, dass Moses und Samuel offensichtlich mächtigere Fürsprecher waren als andere. Auch wenn in diesem Fall selbst deren Fürbitte Gott nicht mehr umgestimmt hätten, so ist dennoch klar impliziert, dass manche heiligeren Menschen bessere Vermittler sind als andere. Wieso hätte Gott sonst diese beiden Heiligen als die ultimativen Fürbitter anführen sollen, wenn die Fürbitten von Hans und Franz dasselbe bewirken würden?
Gott selbst fordert sogar in Hiob 42,7-10, dass Hiob als menschlicher Vermittler für seine Freunde eintreten soll. Gott gibt bekannt, dass Er hier nur auf Hiob hören würde. Dies unterstreicht das eingangs Gesagte, dass heiligmäßige Fürsprecher mehr erreichen können als andere und somit auch als wir selbst, da es uns oft an Heiligkeit mangelt.
Die Heiligen sind unsere Familie
Die Heiligen im Himmel sind unsere lebendige, geistliche Familie. Sie sind für Gott lebendig, wie Lukas 20,38 bezeugt. Und sie gehören als Familienmitglieder zu uns. So gehören laut 1. Korinther 3,21-23 auch beispielsweise Paulus und Petrus zu uns. Ja, sie gehören nicht nur zu uns, sie gehören uns sogar! Und als gemeinsamer Leib Christi können wir auch nicht sagen, dass wir sie nicht brauchen würden und ohne sie auch allein klarkommen (vgl. 1. Korinther 12,21). Wir alle haben unsere Aufgabe in der großen geistlichen Familie, in die wir eingefügt sind. Wir sind zu den Heiligen gekommen (vgl. Hebräer 12,22-23) und sind von ihnen umgeben (vgl. Hebräer 12,1). Wäre es dann nicht unhöflich, wenn wir die Bewohner des Himmels – unsere Familienmitglieder – nicht beachten? Würden wir das mit unseren irdischen und leiblichen Familienmitgliedern machen? Wohl kaum! Auch die geistlichen Geschwister im Gottesdienst grüßen wir höflich und mit allem gebührenden Respekt. Aber die geistlichen Geschwister im Himmel bloß mit Beachtung zu würdigen, soll bereits eine Konkurrenz zu Christus darstellen? Wenn wir das Prinzip Solus Christus so absolut setzen, dann müssten wir uns auch von jeder christlichen Gemeinschaft und dem Gottesdienst fernhalten.
Wie es also keine Konkurrenz zu unserer Christus-Beziehung ist, wenn wir Beziehung zu unseren Familienmitgliedern oder den geistlichen Geschwistern in der Gemeinde pflegen, so sind unsere Beziehungen zu den Heiligen im Himmel dies auch nicht. So wie es Christus nicht beleidigt, sondern von Gott teilweise gefordert und empfohlen wird, andere Christen um Fürbitte zu ersuchen, so ist es auch nicht schädlich, dies bei den Christen im Himmel zu erbitten.
Gott wird in der Heiligenverehrung verherrlicht
Ganz im Gegenteil, Gott wird in der Heiligenverehrung sogar verherrlicht. Gott freut sich wie jeder Künstler, wenn wir Seine Kreation bewundern. So steht in 2. Thessalonicher 1,10, dass Gott in Seinen Heiligen verherrlicht und bewundert wird. Und laut Johannes 12,26 ist es Gott, der Vater, der Seine Heiligen ehrt. Gott ist also der Erste unter allen Heiligenverehrern. Und Gott ist es auch, der ein weiteres reformatorisches Prinzip relativiert, wenn Er uns verherrlicht: Soli Deo Gloria. Gott ist es, der Seine Glorie mit uns teilt (vgl. Römer 8,17) und uns verherrlicht (vgl. Römer 8,30). Wenn es also Gott selbst zur Verherrlichung dient, wenn wir Seine Schöpfung preisen und Er es selbst ist, der Seine Heiligen verherrlichen wird, wieso ist es dann für uns verwerflich?
Die Anrufung von Heiligen kann nicht verwerflich sein
In der biblischen Liturgie finden wir Anrufungen von Heiligen und Engeln. Zwar ist dies häufig in poetischer Sprache verfasst und Poesie ist nicht immer wörtlich zu verstehen. Aber es ist andererseits auch nicht zu erwarten, dass biblische Poesie und Liturgie Sünde und anrüchiges Verhalten unkommentiert bewirbt. So würde gewiss auch niemand zum Beispiel Verfluchungen Gottes oder ein falsches Zeugnis im poetischen Kontext dulden und auch ein christliches Lied, welches Ehebruch besingt, ohne es irgendwie als schlecht einzuordnen, würde uns zurecht als befremdlich vorkommen. Wenn es also verwerflich und sogar sündig ist, Heilige und Engel im Himmel anzurufen, wieso spricht dann David, ein Mann nach dem Herzen Gottes, in 2. Samuel 1,26 und 3,34 zu zwei Verstorbenen? Und wie kommt es dann, dass wir nach Epheser 5,19 und Kolosser 3,16 Psalmen singen sollen? Überlegt man nicht vorher, was man singt? Immerhin werden in Psalm 148,1-2 und Psalm 103,20-21 Engel direkt angesprochen. Sollte die Liturgie nicht rein sein von jeder auch nur anrüchigen Praxis? Wieso finden wir diese Vorgaben dann in der Bibel?
Die Heiligenanrufung war gängige jüdische Praxis
Wir lesen in Matthäus 27,47, dass die um das Kreuz stehenden Juden meinten, dass Jesus Elija herbeiruft. Dies zeigt, dass die Juden eine solche Praxis kannten und für so gewöhnlich hielten, dass sie überhaupt auf diese Idee kamen, dass Jesus dies tun könnte. Auch bezichtigten sie Ihn hier nicht des Götzendienstes oder einer verwerflichen liturgischen Praxis. Und das, obwohl sie hier die beste Gelegenheit dazu hätten, da sie ja sowieso über Ihn spotteten und sonst auch jede Kleinigkeit herbeigezogen haben, um irgendwie eine Anschuldigung gegen unseren sündlosen Herrn zu konstruieren.
Und auch wenn Protestanten in der Regel die deuterokanonischen Bücher nicht als Heilige Schrift anerkennen, so müssen sie dennoch das in ihnen dargebotene geschichtliche Zeugnis für die jüdische Praxis ernst nehmen. So lesen wir in 2. Makkabäer 15,13-17, dass der verstorbene Jeremia als Fürbitter und Helfer erscheint. Aus evangelikaler Sicht muss diese Vorstellung sehr merkwürdig erscheinen.
Aber ist nicht Jesus der einzige Mittler?
Jesus Christus ist laut 1. Timotheus 2,5 der einzige Mittler zwischen Gott und den Menschen im Sinne, dass Er sich als Lösegeld für alle hingegeben hat (Vers 6). Das ist gesetzt und bestreitet niemand. Wenn bloß das mit dem Prinzip Solus Christus gemeint ist, dann bekennen wir Katholiken auch sehr gerne Solus Christus. Denn nur Jesus allein stellte die Beziehung der Menschheit zu Gott wieder her und erlöste somit das Menschengeschlecht und machte als neuer Adam rückgängig, was der erste Adam gefehlt hat. Diese Erlösung muss jedoch angewendet werden, da sind sich alle Christen einig, auch wenn wir über die Art und Weise dieser Anwendung auf uns selbst unterschiedliche Ansichten haben. Der Minimalkonsens ist, dass wir an das Evangelium glauben müssen, um diese Erlösung zu erlangen.
Damit ein Mensch jedoch vom Evangelium erfährt, bedarf es Missionare und Prediger. Nur die wenigsten Menschen kommen dadurch zum Glauben, dass sie einfach eine Bibel in der U-Bahn liegen sehen, diese in die Hand nehmen und lesen, darin sofort alles Heilsnotwendige verstehen und im Glauben annehmen. Und selbst hier bedurfte es der Apostel, welche die Bibel schrieben, dem Verleger, der die Bibel publizierte und einem eifrigen Christen, der die Heilige Schrift bewusst im Zug liegen gelassen hat, damit sie jemand auffindet und liest.
Diese Kette von „Gottes Bodenpersonal“ ist natürlich nicht hinreichend für unser Heil, wurde aber von Gott als notwendiges Werkzeug vorgesehen, um somit durch uns alle Sein Reich zu bauen. Somit können wir alle in gewisser Weise Mittler zum Mittler werden und sollen dies auch! Das ist der allen bekannte christliche Missionsauftrag. Steht aber diese Vermittlerschaft in Konkurrenz zur alleinigen Mittlerrolle Christi als Erlöser der Menschheit? Nein, sondern sie ergänzt diese und ist sogar ausdrücklich von Gott gewollt.
Wir müssen also verstehen, dass die Heiligen – ob auf Erden als Bodenpersonal Gottes oder bereits im Himmel als vollendete Gerechte – in ihrer Mittlerschaft niemals etwas von der erlösenden und einzigartigen Mittlerschaft Christi wegnehmen. Katholiken sehen die Heiligen im Himmel also genauso wenig als Ablenkung von Christus, wie wir unsere Geschwister in der Gemeinde als Konkurrenz zu unserem Herrn betrachten würden.
Die exklusive Mittlerrolle Christi ist also soteriologisch gemeint – also das Heil betreffend. Nur Christus als sündenfreies Opferlamm Gottes, ganz Mensch und ganz Gott, kann uns von unserer Sünde retten. Das glauben wir Katholiken genauso. Aber selbst hier können wir schnell biblischer sein als die Bibel selbst. Denn die Heilige Schrift kennt sogar eine soteriologische Sprache für vermittelnde Personen. So steht in Judas 23 wortwörtlich, dass wir andere „retten“ sollen. Und in Jakobus 5,20 steht sogar: „Wer einen Sünder von seinem Irrweg zur Umkehr führt, der wird eine Seele vom Tod erretten und eine Menge Sünden zudecken.“ Und schreibt nicht Paulus in Kolosser 1,24, dass er durch seine Leiden das erbringt, was an den Leiden Christi noch aussteht?
Wenn also die Bibel sogar eine soteriologische Sprache verwendet und uns eine Retter-Rolle zuschreibt, wie kann es dann verwerflich sein, wenn die katholische Kirche eine ausdrücklich nicht soteriologisch gemeinte Mittlerschaft zum einzigen soteriologischen Mittler anerkennt, die auch sonst jeder Christ sofort und intuitiv bejahen muss? Wieso muss sich die katholische Theologie rechtfertigen, wenn sie etwas selbst-evidentes akzeptiert, wenn doch die Bibel viel weiter geht und durchaus Aussagen trifft, die viel schneller missverstanden werden könnten als jede noch so unqualifizierte Missrepräsentation katholischer Lehre?
Im Übrigen ist Mittlerschaft nicht die einzige Funktion, die Jesus mit uns, wenn auch in einer vollkommeneren Weise als wir, teilt. Und hieran würde auch kein Christ Anstoß nehmen. So ist Christus laut Johannes 10,16 der eine Hirte der Herde und dennoch wird in Johannes 21,15-17 Petrus zum Hirten über die Herde gestellt und ebenso kennt die Bibel auch ein Hirtenamt, wie beispielsweise Epheser 4,11 belegt. Laut Johannes 5,22 und 9,39 richtet Jesus Christus anstelle des Vaters. Trotzdem werden wir laut 1. Korinther 6,1-3 auch Richter dieser Welt und sogar der Engel werden. Laut Matthäus 19,28 werden auch die zwölf Stämme Israels durch uns Christen gerichtet.
Aber entlarvt die Praxis nicht die Katholiken?
Manch ein Protestant wird nun einwenden: „Es ist ja alles recht und gut, aber die katholische Glaubenspraxis spricht eine andere Sprache. Selbst wenn in der Theorie die katholische Lehre Anbetung nur für Gott vorsieht, so begehen viele Gläubige in ihrer Frömmigkeit dennoch Götzendienst.“
Und ja, manche Praktiken von Katholiken mögen für Außenstehende wie Anbetung aussehen. Viele Gesten, die wir Menschen in der Anbetung Gottes ausführen, nutzen Katholiken auch in der Verehrung von Heiligen. Und vielleicht schießen manch wenige Katholiken auch über das Ziel hinaus.
Allerdings hebt der Missbrauch den Gebrauch nicht auf. Es ist nicht fair, eine Theologie nach deren Missbrauch zu bewerten. So kann zwar wahre Anbetung Gesten wie Verneigungen enthalten, aber nicht jede Verneigung ist deswegen auch gleich Anbetung. Zum Beispiel habe ich bei meiner Verlobung vor meiner Frau gekniet. Und ich hoffe, dass jeder junge Mann, der das hier liest, es mir bei seiner Freundin gleichtun wird! Das gehört sich einfach so und ist eine Frage von Respekt und Wertschätzung, dass man bei der Verlobung kniet. Es ist kein Zeichen von Anbetung oder Götzendienst.
Sogar in der Heiligen Schrift finden wir schon zahlreiche Beispiele von Respektsbekundungen, die man aus dem Kontext gerissen und mit einer bösen Absicht auch als Götzendienst beschimpfen könnte. Die Bibel kritisiert diese Praktiken jedoch nicht.
- So kennt die Bibel den Respekt vor Familienmitgliedern. In Genesis 33,3 beugt sich Jakob vor seinem Bruder siebenmal bis zum Boden nieder. Wir wissen aus Lukas 13,28, dass Jakob im Himmel ist. Götzendienst ist hier also ein sehr unwahrscheinlicher Beweggrund für diese ja schon dem islamischen Gebet gleichende Haltung. Sind die Heiligen nicht unsere Familienmitglieder und bildet die Kirche nicht einen Leib? Demnach dürfen wir uns also vor unseren Brüdern im Himmel siebenmal zu Boden werfen.
- Der Respekt vor einem fremden Volk bewegte Abraham in Genesis 23,12 zur Verneigung vor dem Volk des Landes. Wenn selbst Fremde in der Schrift wie selbstverständlich eine große Portion an Respekt erhalten, wie sehr sollten wir dann den Respekt vor unseren Glaubensgeschwistern im Himmel zum Ausdruck bringen?
- Auch die Verneigung vor Engeln muss nicht immer gleich einer Anbetung gleichkommen, wie wir an Lots Taten in Genesis 19,1 sehen. Manche argumentieren hier, dass die Engel JHWH sind. Für Lot war dies jedoch offensichtlich nicht direkt klar, ja noch nicht einmal, dass es sich um Engelwesen handelt. Für Lot waren die beiden Botschafter einfach Fremde, denen er Gastfreundschaft und Respekt entgegen brachte. Sind also Verneigungen per se verwerflich, auch wenn sie nicht Gott dargebracht werden?
- Der Respekt vor Vorgesetzten und Herren treibt auch Rut im gleichnamigen biblischen Buch, Kapitel 2 Vers 10 dazu, sich mit Angesicht auf die Erde vor Boas zu verneigen. Haben unsere heiligen Vorväter, die uns den Glauben überliefert haben, nicht auch große Respektsbekundungen verdient?
- Der Respekt vor Königen und Herrschern ist nicht nur in unserer heutigen Kultur ein typischer Anlass für ein sehr ausgefeiltes Höflichkeitsprotokoll. So wurde in 1. Chroniker 29,20 vor Gott und auch vor dem König niedergefallen. Der König wurde also gleichzeitig mit Gott geehrt. Man könnte also sagen, dass der König im Gottesdienst verehrt wurde und das mit einer Geste, die sonst auch liturgisch Gott dargebracht wird. Hier verschwimmen in der Bibel die Grenzen von dem, was reine Kultur und was Anbetung ist. Was Gott bekommt, bekommt auch der König. Ist es also immer gleich Götzendienst, wenn Katholiken in der Kirche auch den Heiligen oder sogar der Mutter unseres Königs Jesus Christus Ehre erbieten?
- Der Respekt vor heiligen Menschen ist es, der Obadja sich in 1. Könige 18,7 vor dem Propheten Elija niederwerfen lässt. Und in 2. Könige 2,15 werfen sich die Prophetenjünger vor dem Propheten Elischa nieder. Dürfen wir dann nicht auch heute dem Heiligen Elija Ehre erweisen?
- Selbst ein Heide wirft sich aus Ehrfurcht vor den Christen Paulus und Silas in Apostelgeschichte 16,29 nieder, ohne von diesen zurechtgewiesen zu werden. Dürfen wir dann nicht auch dem Heiligen Paulus Statuen in unseren Kirchen widmen?
- Ja, sogar heilige Gegenstände und (Engel)Statuen erhalten in der Schrift Respektsbekundungen. So wirft sich Josua im Gebet zu Gott in Josua 7,6 vor der Bundeslade nieder, auf der bekanntlich auch Engelstatuen angebracht waren (vgl. Exodus 25,18-19). Wie kann nach dieser biblischen Evidenz noch eine bilderstürmerische Gesinnung gerechtfertigt werden?
Wir sehen also, dass auch hier die Bibel gar nicht so strenge Vorgaben macht, wie es manche Protestanten mit Berufung auf das Bilderverbot tun, welches wir Katholiken übrigens als Teil des ersten Gebotes ansehen und somit häufig einfach darunter subsumieren. Es ist also mitnichten der Fall, dass wir dieses Gebot aus dem Dekalog gestrichen hätten. Jede katholische Bibel ist davon Zeuge. Die Bibel ist aber auch Zeuge davon, dass das Bilderverbot ausschließlich die Anbetung von Götzenbildern verbietet und nicht die Anfertigung und Verehrung von Bildern per se.
Sind Bilder und Statuen immer und strikt verboten?
Wir Katholiken stimmen zu, dass keine Statuen, Bilder oder irgendetwas Physisches – also etwas Nicht-Göttliches – angebetet werden dürfen. Dies ist Götzendienst und wird von der Kirche strikt abgelehnt! Bereits fünf Kapitel nach den 10 Geboten in Exodus haben wir aber mit der Bundeslade bereits ein Beispiel gesehen, das uns aus biblischer Sicht Aufschluss darüber gibt, wie Gott das Bilderverbot gemeint hat. Denn Engelstatuen bilden ja etwas ab, das im Himmel ist. Und das sogenannte Bilderverbot verbietet ja Bilder von allen Kreaturen, egal ob auf der Erde, im Wasser, im Himmel oder sonst wo.
Zunächst einmal werden die meisten Christen intuitiv anerkennen, dass Abbildungen an sich sicherlich nicht verboten wurden, auch wenn die Bibel explizit sagt, dass sich das Bilderverbot auf alle möglichen Kreaturen erstreckt. Den Kern des Verbotes finden wir in Exodus 20,5: „Bete sie nicht an und diene ihnen nicht!“ Die meisten Christen werden Bilder von beispielsweise Familienangehörigen zu Hause an der Wand hängen haben, ohne jemals ein schlechtes Gewissen dabei zu verspüren. Auch werden die meisten Christen ein Ausweispapier samt Foto besitzen, ohne sich dabei einen Kopf um die 10 Gebote zu machen. Vielmehr werden sie sich in ihrem Kopf noch zahlreiche andere Bilder machen, mitunter auch von Gott. Das lässt sich so sehr vermeiden, wie den rosa Elefanten, den ein Leser dieser Zeilen nun im Kopf haben wird. Ja, Gott selbst ist laut Kolosser 1,15 uns in Jesus Christus zum Bild Gottes geworden.
Bevor wir uns jedoch noch weitere Beispiele von legitimen Bildern in der Bibel anschauen, wollen wir uns kurz noch einmal Gedanken darüber machen, wo eigentlich das Problem des Götzendienstes liegt und warum Bilder an sich kein Problem dahingehend darstellen: Uns Katholiken geht es bei Verneigungen vor Statuen nicht um das Anbeten von Materie, sondern das Ehren von durch Materie repräsentierten Personen. Jeder von uns kennt Situationen aus dem Leben, wo er ganz automatisch spürt und anerkennt, dass Materie andere Dinge repräsentieren kann und somit in gewisser Weise die Würde des Repräsentierten mit repräsentieren. Welchen Christen würde es beispielsweise kalt lassen, wenn jemand eine Bibel zerreißen und in die Ecke schmeißen würde? Wer würde jemals auf das Foto eines geliebten Angehörigen treten oder spucken? Wer würde die Flagge eines geliebten Landes durch den Dreck ziehen oder verbrennen? Wir respektieren ganz intuitiv Symbole. Die genannten Beispiele zeigen, dass wir alle uns darüber bewusst sind, dass der respektlose Umgang mit Symbolen auch immer eine Aussage über die Dinge beinhaltet, die diese Symbole verkörpern.
Wenn wir Katholiken also zum Beispiel einer Heiligenstatue durch Verbeugung scheinbar Ehre erweisen, dann machen wir einfach nur im Positiven das, was auch für Protestanten auf der negativen Seite anerkannt wird: Wenn jemand eine Paulus-Statue mit Dreck bewirft, ist das eine Entehrung des Apostels. Denn in Wirklichkeit erweisen wir dem Heiligen, dem diese Statue gewidmet und nachempfunden ist, die Ehre – oder eben die Unehre. Wenn sich also ein Katholik vor dieser Statue verbeugt, passiert genau dasselbe, nur auf der positiven Seite des Entehrungs- beziehungsweise jetzt Verehrungsspektrums. Wenn also ein Protestant unseren positiven Umgang mit einer Statue verurteilt, dann kann er mit demselben Maßstab nicht mehr anprangern, wenn jemand eine Paulus-Statue wortwörtlich durch den Dreck zieht. Das wäre dann maximal noch Sachbeschädigung, aber mehr auch nicht!
Der Mensch nutzt Symbole nicht umsonst. Bilder können eine Unterstützung sein, um sich Dinge oder Personen besser vorstellen zu können. Wir wissen alle nicht, wie der Heilige Apostel Paulus aussah. Durch die tradierten Bilder haben wir jedoch eine mittlerweile standardisierte Vorstellung von ihm, was uns dabei hilft, wenn wir ihn mit unserem Herzen lieben, mit unseren Knien ehren und mit unserem Mund anrufen und preisen wollen. Wäre der Heilige Paulus nur die Ansammlung der Buchstaben, so könnten wir dies alles nicht, weil er dann zu einem Abstraktum verkommen würde. Er wäre dann nur noch ein Konzept in unserem Kopf und keine Person, die tatsächlich gelebt hat und einen Körper hatte. Unsere Kinderbibeln sind deswegen ja auch bewusst voller Bilder, da Kinder erst einmal empirische Erfahrungen benötigen, um sich etwas unter beispielsweise dem Begriff „Paulus“ vorstellen zu können. Erwachsenen Menschen würde sich aber wahrscheinlich sowieso vor dem geistigen Auge automatisch ein Bild von dem Menschen Paulus formen. Absolut gesehen hätten wir dann ja unsere mentale Statue und würden gegen jene erwähnte rigorose Auslegung des Bilderverbots verstoßen, die uns verbietet, jegliche Bilder anzufertigen. Jedes Mal, wenn wir über Paulus nachdenken, erzeugen wir ein Bild von ihm. Es zeigt sich immer wieder, dass Gott nicht gemeint haben kann, dass wir uns gar keine Bilder machen dürfen. Nur die Anbetung von Bildern – oder überhaupt auch von den Originalen, die die Bilder repräsentieren – hat Gott verboten.
Des Weiteren gab es zu früheren Zeiten auch ganz praktische Probleme, die Bilder notwendig machten. Das Evangelium musste mit Bildern erklärt werden, da Bibeln sehr teuer waren und früher auch mehr Analphabetismus und generell weniger Bildung in der breiten Masse vorhanden war als heute. Auch konnten Missionare häufig anfangs die Sprache der fremden Völker nicht, die sie evangelisieren wollten. Bilder sind jedoch universell verständlich. Bilder und Symbole sind dazu in der Lage, Ideen und ganze Theologien in komprimierter Weise und somit schneller zu vermitteln. So genügt uns Christen heute beispielsweise nur das Symbol des Kreuzes und jeder verbindet damit sofort eine ganze Theologie des Opfertodes Jesu und dessen Sühnung unserer Sünden. Und das alles, ohne dass jedes Mal viele Seiten aus einem Katechismus rezitiert werden müssen.
Die Kunstgeschichte belegt, dass Christen von Anfang an Bilder verwendet haben. Dass auch die Christen des 1. Jahrhunderts Bildwerke besessen und verwendet haben, beweist zum Beispiel das Bild der “Advocata“, der Gottesmutter, das kunsthistorisch auf die Apostelzeit datiert wird, und gemäß der christlich-historischen Überlieferung vom Evangelisten Lukas höchstpersönlich stammt.
Nun kann es natürlich sein, dass wir Gott einfach komplett missverstehen und unsere doch sehr vernünftigen Überlegungen tatsächlich dem Willen Gottes zuwiderlaufen. Um Gottes Idee des Bilderverbotes besser verstehen zu können, ist es am besten, wenn wir prüfen, wie Gott selbst mit Seinem Gebot umgeht und somit für uns einen Anwendungsrahmen gibt.
So befiehlt Gott höchstpersönlich in der Bibel häufiger Mal das Anfertigen von Bildern und Skulpturen. Im Allgemeinen gibt uns die Schrift dahingehend häufig Beispiele an. Gott kann uns jedoch wohl schlecht zum Götzendienst verführen. Wenn also, wie wir gleich noch sehen werden, Bilder selbst für den Gottesdienst gebraucht wurden und Gott dies guthieß und sogar anordnete, so kann das mit dem Bilderverbot wohl kaum so streng gemeint sein, wie es manche protestantischen Bilderstürmer vorgeben.
Wie wir bereits schon gesehen haben, wurden in Exodus 25,18-19 Engelfiguren nach genauesten göttlichen Vorgaben angefertigt, und zwar für das Heiligste, was es im damaligen Gottesdienst gab: die Bundeslade. Darüber hinaus sehen wir in Exodus 26,1.31, dass selbst die Stiftshütte mit Engelbildern verziert werden sollte. Aber auch dem späteren Tempel sind Bildwerke von Engel und sogar Pflanzen nicht fremd, wie wir beispielsweise in 1. Könige 6,23-29.35 und 7,29 lesen.
Eine Kuriosität ist auch Numeri 21,8-9, wo den Israeliten das Anschauen einer ehernen Schlange befohlen wird, wodurch sie geheilt werden sollten. Unter allen Symbolen wählt Gott ausgerechnet eine Schlange! Es wirkt fast so, als wollte sich Gott über die ganzen Schwurbler lustig machen, die in katholischen Kirchen überall satanistische und freimaurerische Symboliken zu erkennen meinen, indem er schon in der Bibel die Schlange als Symbol für eine Skulptur auserwählt. Im Übrigen kopieren die Satanisten und Freimaurer gerne von uns, nicht wir von ihnen. So ist beispielsweise das umgedrehte Kreuz eine urchristliche Symbolik, die Petrus symbolisiert, der der Überlieferung nach kopfüber gekreuzigt wurde. Und das freimaurerische allsehende Auge, das wir auch auf der 1-Dollar-Note finden, ist ursprünglich ein Symbol für die Trinität und findet sich auch in vielen alten Kirchengebäuden.
Fairerweise muss auch daran erinnert werden, dass die Bibel ebenfalls berichtet, wie die Israeliten irgendwann dazu übergingen, die eherne Schlange zu vergötzen. Dies zeigt, dass Gott sogar diesen Missbrauch in Kauf nimmt, wenn er Bildwerk für den legitimen Gottesdienst und andere Riten anordnet. Demnach kann man einen vermeintlichen oder meinetwegen auch tatsächlichen Übereifer weniger Katholiken, der die Grenze zum Götzendienst übertritt, nicht als Grund dafür hernehmen, Bilder komplett aus der christlichen Kunst und Liturgie zu verbannen. Sonst hätte Gott mit der ehernen Schlange auch einen Fehler gemacht! Aber hier kommen wir auch schon zum nächsten Thema: Reliquien.
Reliquien werden vergötzt!
Klar ist, dass wir alle unsere Hoffnung auf Gott setzen müssen. Wenn wir auf die Fürsprache von Heiligen oder die Wirkung von Reliquien hoffen, dann setzen wir mittelbar dennoch nur auf Gott unser Vertrauen. Wir sind uns im Klaren darüber, dass alle Geschöpfe ihre Macht zu Wundern selbstverständlich nur durch Gott erlangen und wir daher Gott unseren Dank schulden.
Aber auch beim Thema Reliquien ist der biblische Befund wieder einmal unerwartet klar: Gott bedient sich innerweltlicher Werkzeuge. So sehen wir, dass die Bibel eine Art „göttliche Energie“ beschreibt, die materiellen Dingen und Personen anhaften kann. So kann beispielsweise in Matthäus 9,20-22 Jesu Gewand heilen. In Apostelgeschichte 19,11-12 werden der Gürtel und die Schweißtücher von Paulus dazu verwendet, um Leute zu heilen und Dämonen auszutreiben. Selbst der Schatten von Petrus ist in Apostelgeschichte 5,15 dazu in der Lage zu heilen. Es ist zu beachten, dass Christen-Leiber ja laut 1. Korinther 6,19 Tempel des Heiligen Geistes sind. Wenn Gott selbst also in unseren Leibern wohnhaft wird, dann ist auch leichter verständlich, warum unsere materiellen Nachlässe von so einer Macht zeugen. Aber auch schon im Alten Bund wirkten Dinge, die im Zusammenhang mit Propheten standen, große Wunder. So zum Beispiel der Mantel Elias, der sogar das Wasser in 2. Könige 2,11-14 teilen konnte. Auch die Knochen des toten Elisas steckten offenbar noch so voller göttlicher Lebenskraft, dass sie sogar Tote auferwecken konnten, wie wir in 2. Könige 13,21 lesen können.
Ist die Kommunikation mit Toten immer und strikt verboten?
Ein weiterer Einwand, der häufig gegen die Gebete um Fürbitte der Heiligen angeführt wird, ist das alttestamentliche Verbot der okkulten Praktiken von Totenbeschwörung und Totenbefragung. Es wird argumentiert, dass dieses Verbot jegliche Kommunikation mit dem Totenreich untersagt. Und da die Heiligen ja bereits gestorben sind, hätten wir demnach kein Recht mehr, diese entschlafenen Geschwister um Beistand zu bitten. Eine Anrufung der Heiligen beinhalte die Gefahr, von Dämonen getäuscht zu werden.
Hierbei wird aber verkannt, dass wir die Heiligen nicht befragen. Wir erwarten bei der Anrufung der Heiligen keine Vision, die uns Antworten auf unsere Lebensfragen erteilt. Das Gebet zu Heiligen ist eine Einbahnstraße. Die Kommunikation geht nur in eine Richtung. Und die in diesem Zusammenhang immer angeführte Stelle findet sich in Deuteronomium 18,11. Das hebräische Wort hier lautet “דרש” und kann auch einfach nur „Befragung“ bedeuten, was eben auch Sinn ergibt im Kontext der okkult-heidnischen Praktik der Totenbeschwörung. Die griechische Septuaginta benutzt in diesem Vers auch das Wort επερωταω, was noch einmal viel klarer den Fokus auf die Befragung an sich legt. Somit geht es in Deuteronomium 18,11 vielmehr um einen Auskunftsgesuch als um ein Bittgesuch. Gerade ein Auskunftsgesuch erfordert ja eine Öffnung einer beidseitigen Kommunikation, während die Bitte ohne Probleme bei einer einseitigen Kommunikation verbleibt. Die Gefahr der okkulten Praktik geht jedoch gerade von der beidseitigen Kommunikation aus, wenn Dämonen eine Antwort des Toten vortäuschen. Bei Bittgesuchen an Heilige wird allerdings wie erwähnt nie eine hörbare direkte Antwort erwartet. Wir wissen ja, dass wir uns auf unsere gerechten Geschwister im Himmel verlassen können und sie definitiv für uns beten werden.
Dass in Deuteronomium 18,11 nicht jedweder Kontakt mit Toten im absoluten Sinne verboten wird, sehen wir wieder an Gott selbst. Denn unser aller Vorbild, der Herr Jesus Christus, ist ja im Fleisch gekommen und stand als Jude auch unter dem mosaischen Gesetz, das Er für uns perfekt gehalten hat (vgl. Matthäus 5,17 und Hebräer 4,15). Das heißt, als Jesus im Fleisch auf Erden gewandelt ist, gab es für Ihn keine göttlichen Ausnahmen, sondern Er hatte das Gesetz vollkommen zu erfüllen. Daher können wir uns sicher sein, dass wenn Jesus etwas getan hat, dass dies im Einklang mit dem mosaischen Gesetz stand.
In Lukas 9,28-36 lesen wir, wie Jesus sich mit Moses und Elia unterhielt. Während Elia nur entrückt wurde, so war Moses definitiv gestorben. Das heißt, dass wenn Jesus sich mit Moses unterhielt, so war dies keine Sünde, denn Jesus hat nie gesündigt. Wie gesagt: Es gibt hier für Jesus keine göttliche Ausnahme, da Er sich im Fleisch perfekt an das Gesetz Mose halten musste. Daraus lernen wir, dass selbst eine beidseitige Kommunikation mit „offiziellen Toten“ nicht notwendigerweise eine Sünde ist. Daraus können wir schließen, dass Deuteronomium 18,11 tatsächlich nur die okkulte Beschwörung von Toten verbietet, aber nicht die Kommunikation mit Toten an sich.
Wenn wir ganz strikt sind – und unsere Kritiker sind ja auch sehr streng, wenn sie uns die Fürbitte der Heiligen verbieten wollen – dann könnten wir auch Jesus ankreiden, dass Er in Johannes 11,41-43 mit Seinem Befehl an den jüngst gestorbenen Lazarus, aufzuerstehen und aus dem Grab herauszukommen, ja auch eine Kommunikation zu Toten begeht. Und nicht nur der Gottessohn, sondern auch der einfache Mensch Petrus begeht diese Art der Totenkommunikation, wenn er in Apostelgeschichte 9,36-41 das Mädchen auferweckt. Auch der Apostel Johannes redet in seiner Himmelsvision sicherlich auch mit Toten, wenn er in Offenbarung 7,13-14 mit den Ältesten im Himmel kommuniziert. Wir sehen also, dass eine zu pedantische Auslegung eines angeblichen Kommunikationsverbotes zu Toten uns nicht weiterführt.
Im Übrigen glauben wir, dass spätestens im neuen Bund die Heiligen im Himmelreich und nicht mehr im Totenreich sind. Denn wie Christus selbst schon in Matthäus 22,32 argumentiert, ist Gott ein Gott der Lebendigen und nicht der Toten. Demnach betreiben wir auch keine Totenbeschwörung, sondern eine Lebendigenanrufung. Denn unsere Geschwister im Himmel sind lebendig bei Gott.
Die heilige Jungfrau Maria
Als Protestant habe ich die katholische Mariologie nie verstanden. Allein die Tatsache, dass es eine Fachrichtung Mariologie in der Theologie gibt, kam mir sehr befremdlich vor. Da ich die Bibel durchaus kannte, war ich der Überzeugung, dass man aus den paar wenigen Bibelversen über Maria ja wohl kaum irgendwelche Dogmen herleiten kann, die mir beim Lesen der Bibel entgehen würden. Und schon gar nicht konnte ich mir vorstellen, dass die katholischen Mariendogmen irgendwie mit der Bibel vereinbar seien. Selbst wenn man alles versteht und akzeptiert, was wir im letzten Kapitel über die katholische Lehre über die Heiligenverehrung erfahren haben, so ist die katholische Marienverehrung noch einmal eine ganz andere Dimension, die Protestanten in der Regel einfach nicht nachvollziehen können. Als Protestant war ich mir sicher: Wenn die Katholiken an einer Stelle es wirklich übertrieben haben, dann ist es in ihrer Mariologie!
Marias herausragende Größe
Der erste Mariologe war jedoch der Heilige Geist, welcher Maria über alle anderen Frauen stellt. In Lukas 1,42-43 inspiriert er Elisabeth auszurufen: „Gesegnet bist du unter den Frauen, und gesegnet ist die Frucht deines Leibes! Und woher wird mir das zuteil, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt?“ Elisabeth sieht sich demnach als nicht würdig genug an, von Maria besucht zu werden, obwohl sie nach Lukas 1,6 selbst eine vollendete Gerechte war. Maria ist also größer als selbst eine wahrhaft heilige Frau.
Besonders merkwürdig ist hier die Tatsache, dass Elisabeth mit Maria verwandt ist (vgl. Lukas 1,36) und ein gelegentlicher Besuch einer Verwandten ja eigentlich eine sehr gewöhnliche Angelegenheit sein sollte. Interessant ist bei Elisabeths Ausruf außerdem, dass die Segnung Marias parallel zur Segnung Christi genannt wird. Dies impliziert zumindest auch eine Parallele in der Qualität dieser Segnung. Dies gibt uns bereits einen ersten Hinweis auf die Heiligkeit von Maria, ja sogar auf die Befreiung von aller Erbsünde. Denn Jesus ist gewiss ohne jede Sünde. Aber auch die Tatsache, dass Maria unter den Frauen gesegnet ist, bedeutet dann ja auch, dass sie gesegneter ist als alle anderen Frauen. Dies schließt auch Eva mit ein, die ursprünglich ohne Erbsünde war. Demnach muss Maria auch diesen Segen haben. Doch zum Thema unbefleckte Empfängnis Mariens kommt später noch mehr.
An anderer Stelle inspiriert der Heilige Geist den Schreiber der Apostelgeschichte Lukas, Maria gesondert unter einer Gruppe von gläubigen Frauen zu erwähnen. In Apostelgeschichte 1,14 steht die Phrase „zusammen mit den Frauen und Maria, der Mutter Jesu“. Maria, die Mutter Jesu, ragt also unter den Frauen hervor.
Auch schreibt Lukas in seinem Evangelium im 48. Vers, dass von damals an nun alle Geschlechter Maria glückselig preisen werden. Tun wir das? In welcher protestantischen Gemeinschaft wird Maria heute noch in der wirklichen Praxis gepriesen? Wie viele Predigten werden über Maria gehalten? Und ich meine nicht jene Predigten, die Maria als unbedeutende Randfigur darstellen. Ja, Maria wird nur selten in der Schrift explizit erwähnt. Aber im Verhältnis zu Moses wird Johannes der Täufer mit seinen 20 Erwähnungen in der Bibel auch relativ wenig beachtet. Und doch steht in Matthäus 11,11, dass bisher kein Größerer aufgetreten ist.
Maria als Muttergottes
Beginnen wir im Bereich der Mariologie mit einer relativ leichten Kost, die ich damals als Protestant gerne akzeptiert habe: Der Titel „Muttergottes“ beziehungsweise „Gottesgebärerin“ (Theotokos). Denn dieser Titel sagt nichts über die Natur Marias, wie häufig fälschlicherweise angenommen, sondern vielmehr über die Natur Christi. „Mutter Gottes“ bedeutet nicht, dass Maria Gott geschaffen hat oder ähnliches, sondern ganz einfach, dass Jesus Christus Gott ist. Dieser Titel wurde in der frühen Christenheit im Kampf gegen Irrlehren wie den Arianismus, der die Gottheit Christi leugnete, eingeführt und war eher eine christologische als eine mariologische Bekenntnisaussage.
Denn nach der Zwei-Naturen-Lehre, wonach Jesus Christus sowohl ganzer Mensch als auch ganzer Gott ist, wird Maria automatisch zur Mutter Gottes. Zwar gebiert Maria nur die menschliche Natur Christi und hat natürlich auch Gott nicht erschaffen und ist selbst bloß ein Geschöpf. Dennoch ist sie die Mutter der Person Christi, welche eben beide Naturen untrennbar besitzt. Und da Maria die Mutter einer Person und nicht einer Natur ist, ist Maria die Mutter der zweiten Person der Gottheit, welcher eben beide Naturen besitzt und deshalb zurecht Gott genannt wird. Maria ist die Mutter der Person und nicht Seiner Natur.
So ist beispielsweise meine Mutter ja auch nur die Mutter von mir, der Person Dennis, und nicht von meiner Natur „Mensch“. Denn die Mutterschaft ist ein Beziehungsbegriff und verweist auf die Person und nicht wie ein Wesensbegriff auf die Natur einer Sache. Würde sich Mutterschaft auf die Natur beziehen, wäre meine Mutter ebenfalls die Mutter aller anderen Menschen, da ich die Natur „Mensch“ habe. Hier sehen wir schon, dass dies etwas komisch wäre. Wir halten also fest: Eine Frau kann nur Mutter von einem „wer“ sein und nicht von einem „was“.
Oder nehmen wir ein anderes Erklärungsmodell: Eine First Lady ist die Frau des Präsidenten. Aber sie ist nicht mit dem Amt des Präsidenten verheiratet, sondern mit der Person des Amtsinhabers. Sonst würde die First Lady alle paar Jahre einen neuen Mann haben. Das leuchtet jedem sofort ein. Niemand versteht das Wort Präsidenten-Frau auf solche eine absurde Art und Weise. Deswegen sollten wir auch den Begriff „Muttergottes“ nicht auf eine absurde Weise verstehen, als ob Gottes Wesen einer Mutter bedarf. Es handelt sich bei der katholischen Praxis um die Verehrung der „Muttergottes“ und nicht um die Anbetung eines „Muttergottes“. Wir müssen die Katholiken ernst nehmen und sie so verstehen, wie sie verstanden werden wollen und nicht irgendwelche Strohmänner auf sie projizieren, die sie so gar nicht vertreten. Das gebietet die intellektuelle Redlichkeit und die Nächstenliebe, die ja den Katholiken von seiner angeblich falschen Theologie abbringen möchte.
Ein biblischer Beleg für den Titel der Muttergottes gibt uns übrigens Lukas 1,41-43. Darin nennt Elisabeth unter Inspiration des Heiligen Geistes Maria die „Mutter meines Herrn“. Wer ist jedoch dieser „Herr“? Ihr Ehemann kann hiermit schon einmal nicht gemeint sein, da er nicht der Sohn Marias ist. Auch andere weltliche Obrigkeiten wie der Kaiser sind ja wohl auch keine Söhne Marias. Es ist offensichtlich wer gemeint ist: Der Herr Jesus Christus, welcher der Kyrios ist, der im Alten Testament auch als JHWH bezeichnet wird (vgl. Matthäus 1,22). Und JHWH ist eben Gott. Christus ist Gott. Somit sagt die inspirierte Elisabeth aus, dass Maria die Mutter ihres Gottes ist. Oder kurz: Muttergottes.
Lehnte Jesus Seine Mutter Maria ab?
Wenn Protestanten über Maria in der Bibel sprechen, dann häufig mit einem schlechten Unterton. Viele protestantische Ausleger lehnen unsere Mariologie so sehr ab, dass sie diese ablehnende Haltung in einer apologetischen Manier in die Bibel hineinlesen, ja sogar auf unseren sündlosen Herrn und Retter Jesus Christus selbst projizieren.
Aber bevor wir uns diese Stellen ansehen, in denen Jesus Maria angeblich als gewöhnliche Frau behandelt oder sie gering geachtet hat, müssen wir uns in Erinnerung rufen, dass Jesus keine halben Sachen gemacht hat. Ganz im Gegenteil! Er hat das Gesetz zur Erfüllung gebracht (vgl. Matthäus 5,17). Das beinhaltet aber auch das Gebot, Vater und Mutter zu ehren (vgl. Exodus 20,12). Auch dieses hat Jesus perfekt erfüllt. Es ist daher für bibeltreue Christen undenkbar, dass Jesus Seine Mutter auch nur in irgendeiner Art und Weise schlecht gemacht, abgewertet, bloßgestellt oder gar beleidigt hätte. Anathema, das sei ferne!
Markus 3,31-35
„Da kamen seine Brüder und seine Mutter; sie blieben aber draußen, schickten zu ihm und ließen ihn rufen. 32 Und die Volksmenge saß um ihn her. Sie sprachen aber zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder sind draußen und suchen dich! 33 Und er antwortete ihnen und sprach: Wer ist meine Mutter oder wer sind meine Brüder? 34 Und indem er ringsumher die ansah, die um ihn saßen, sprach er: Siehe da, meine Mutter und meine Brüder! 35 Denn wer den Willen Gottes tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und Mutter.“
Häufig wird hier von protestantischen Predigern mindestens subtil angedeutet, Jesus hätte hier Seine Mutter abgewiesen und sie leugnend verleugnet.
Um diese Schlussfolgerung zu vermeiden, müssen wir diese Stelle hier sehr vorsichtig auslegen und genauer betrachten, was Jesu Anliegen war. Die Ausgangslage ist die Folgende: Die Mutter Jesu und seine Brüder wollten Jesus wiedersehen und mit Ihm reden. Dies ist ein ganz normales und erwartbares Verhalten, wenn ein geliebter Angehöriger für einige Zeit fort war und nun wieder im Heimatort ist.
Als man Jesus dann mitgeteilt hatte, dass draußen vor dem Haus seine Familie stand, die nach ihm verlangte, konnte Jesus diese Konstellation perfekt als Vorlage für Seine Predigt benutzen. Denn die vorliegende Situation war ja durch die Liebe Seiner Angehörigen zu Ihm überhaupt erst verursacht. Und dies ist eine vorbildliche Haltung: Liebe zu Christus. Eine solche Beziehung sollten alle Jünger Jesu ebenso zu Ihm haben. Das dachte sich wohl Jesus auch in diesem Moment. Deshalb setzt Jesu weitere Predigt an dieser Ausgangslage an: Jesus verband hier geschickt das Motiv der familiären Liebe mit den anwesenden Jüngern. So belehrte Er also jene anderen Anwesenden, die ebenso Seine Jünger werden wollten auf folgende Weise: Um in die Fußstapfen der Jünger Christi treten zu können, müssen sie erst wie Jesu geistliche Familie werden: Jesu geistliche Brüder, Schwestern und Mütter werden wir, wenn wir wie die anwesenden Jünger Gottes Willen tun und Jesus nachfolgen. Jesus folgen wir nach, indem wir Ihn lieben. Am besten lieben wir Ihn als geistliche Familie so, wie Ihn auch Seine natürliche Familie liebt.
Christus will hier also neue Jünger gewinnen und nutzt gekonnt das liebevolle Verhalten seiner Familie als Sprungbrett für eine Predigt über Nachfolge. Wenn also Jesus die Zuhörer eingangs rhetorisch fragt: „Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Brüder?“ Und wenn Er sie dann anschließend auf Seine geistige Familie verweist, dann unterstreicht Er einfach das Wichtigste im Leben: Den Willen Gottes zu tun!
Und genau das ist es, was ja auch Jesu leibliche Mutter überhaupt erst zu Seiner Mutter gemacht hat: Ihr Gehorsam den Willen Gottes tun zu wollen. „Siehe, ich bin die Magd des Herrn, mir geschehe nach deinem Wort.“ (Lukas 1,38) Dadurch, dass Maria als Gottes Magd immer den Willen Gottes tat, war sie nach dieser neuen Definition von geistlicher Familie ja trotzdem immer auch Jesu Mutter (zusätzlich zu ihrer biologischen Mutterschaft). Jesus leugnet also in dieser Bibelstelle nicht die Mutterschaft Mariens oder ihre Bedeutung, sondern verdoppelt sie indirekt noch.
Und wie bereits erwähnt: Wollen wir wirklich sagen, dass Jesus Seine leibliche Mutter verleugnet und somit eine offensichtliche Lüge lehrt und lebt? So kann der Text sicherlich nicht verstanden werden!
Lukas 11,27-28
„Es geschah aber, als er dies redete, da erhob eine Frau aus der Volksmenge die Stimme und sprach zu ihm: Glückselig ist der Leib, der dich getragen hat, und die Brüste, die du gesogen hast! 28 Er aber sprach: Glückselig sind vielmehr die, die Gottes Wort hören und es bewahren!“
Bei dieser Bibelstelle wird häufig behauptet, dass Jesus mit dem Wort „vielmehr“ die Seligsprechung Seiner Mutter verneint habe. Das griechische Wort hinter “vielmehr” ist “Μενοῦνγε”. Es ist kein verneinendes, sondern ein bejahendes Wort, und bedeutet “gewiss”. Genauer übersetzt könnte man also lesen: „Er aber sprach: Gewiss, glückselig sind nämlich die, die Gottes Wort hören und es bewahren!“
Die Stelle bestätigt und bekräftigt also die Seligsprechung von Maria und nimmt diese als Vorbild für andere potenzielle Seligsprechungen unter Seinen Zuhörern. Nämlich für jene Zuhörer, die wie Seine Mutter in Lukas 1,38 und 2,19 Gottes Wort hören und bewahren.
Johannes 2,4
„Jesus spricht zu ihr: Frau, was habe ich mit dir zu tun? Meine Stunde ist noch nicht gekommen!“
Dies ist eine klassische Stelle, die immer wieder angeführt wird, um zu behaupten, dass Jesus sage, Er habe nichts mit Seiner Mutter zu tun – und wir sollten es deshalb auch nicht.
Wörtlich wird diese Stelle aber wie folgt übersetzt: „[…] Frau, was mir und dir? […]“ Dies ist eine biblische Redewendung aus dem hebräischen Sprachraum, mit der man demjenigen, dem gegenüber man positiv eingestellt war, Respekt und Hochachtung zollte, und demjenigen, dem gegenüber man ablehnend eingestellt war, eine Ablehnung zum Ausdruck brachte. Folgende Bibelstellen verdeutlichen diesen Gebrauch:
So z.B. benutzte der Hethiter Ephron diese Redewendung gegenüber Abraham, dem er äußerst positiv gesinnt war: „Nicht doch, mein Herr, höre mich an! Ein Stück Land, das 400 Silberstücke wert ist, was mir und dir?“ (Genesis 23,15). Auch einer der größten Propheten – Elias – benutzte diese Redewendung, und zwar gegenüber Elischa, den er soeben zu seinem Prophetenjünger berufen hat: „Als er (Elias) von dort weggegangen war, traf er Elischa … Elias trat zu ihm heran und warf seinen Mantel über ihn (er berief ihn zu seinem Jünger). Sogleich … eilte er Elija nach und sagte: ‚Ich möchte nur noch meinem Vater und meiner Mutter den Abschiedskuss geben, dann will ich dir folgen. Jener antwortete ihm: ‚Geh hin, kehre um, was mir und dir?‘ Dann wandte er (Elischa) sich um und ging weg … Dann machte er sich auf, folgte Elias nach und wurde sein Diener.“ (1. Könige 19,19-20) Mit seinen Worten „Geh hin, kehre um, was mir und dir?“ zollte der Prophet seinem von ihm soeben berufenen Jünger Respekt und Hochachtung, weil dieser das Elterngebot erfüllt hat! Deshalb hat der Prophet die gute, vorbildliche Einstellung und Gesinnung Elischas im Hinblick auf das Elterngebot mit seinen Worten „Geh hin, kehre um, was mir und dir!“ hoch gewürdigt.
In anderen Fällen wurde diese Redewendung wiederum negativ, ablehnend und zurückweisend verwendet, wie z.B. vom soeben berichteten Propheten Elischa gegenüber dem König von Israel: „Elischa aber sprach zum König von Israel: ‚Was mir und dir? Geh zu den Propheten deines Vaters und deiner Mutter!‘ Doch der König von Israel antwortete ihm: ‚Nicht doch! …“ (2. Könige 3,13)
In welchem Sinn also Jesus diese Worte gebrauchte, ergibt sich aus der allgemeinen Haltung, die Er gegenüber Seiner Mutter hatte. Und diese war ganz gewiss eine sündlose Haltung, also eine Haltung voller Respekt und Ehrerbietung gegenüber den Eltern. Kurzum: Jesus war gegenüber Seiner Mutter mit Sicherheit positiv gestimmt und daher muss die Bibelstelle auch freundlich übersetzt werden.
Maria als Neue Eva
Christus hat als neuer Adam den Sündenfall des Menschengeschlechts rückabgewickelt (vgl. Römer 5,14-15). Bereits die ersten Christen haben auch bei Maria eine Parallele zu Eva entdeckt. Mit Marias „Ja“ zu Gott aus Lukas 1,38 hat sie Christus, unser Heil und Segen, in die Welt gebracht, während Eva mit ihrem „Ja“ zur Schlange und somit „Nein“ zu Gott Sünde und Fluch in die Welt gebracht hat.
Aufgrund dieser Typologie hat man Maria, analog zum neuen Adam Christus, als neue Eva betitelt. Auch Christus spricht Seine Mutter Maria bezeichnenderweise mit „Frau“ an. Wir haben bereits gesehen, dass es sich hierbei nicht um eine Respektlosigkeit handeln kann, wie es manchmal in unserem Sprachgebrauch anmuten mag. Tatsächlich ist „Frau“ ein Ehrentitel, der sich auf die Frau aus Genesis 3,15 bezieht, die den verheißenen Samen, also den Messias, hervorbringt. Der unmittelbare Kontext von Genesis 3,15 meint mit der Frau jedoch Eva. Dementsprechend bestätigt Jesus mit Seinem Sprachgebrauch die Typologie der neuen Eva, welche Seine Mutter Maria darstellt.
Auch unter dem Kreuz von Golgatha wird Maria zur neuen Eva. Denn die neue Eva pflückt im Gegensatz zur ersten Eva nicht die Frucht des neuen Baums. Man beachte, dass im Neuen Testament das Kreuz mitunter auch “Holz“ genannt wird (Apostelgeschichte 5,30). Dadurch, dass Maria ihrem Sohn nicht gebietet, vom Holz herab zusteigen, sondern mit ihrem Mutterherz die gesamte Passion Christi ausdauernd mit anzusehen und somit auch durchzuleiden, kommt diesmal der Fluch nicht in die Welt, sondern wird von Christus aus der Welt hinweggetragen. So schreibt Galater 3,13: „Christus hat uns losgekauft von dem Fluch des Gesetzes, indem er ein Fluch wurde um unsertwillen, denn es steht geschrieben: »Verflucht ist jeder, der am Holz hängt«“
Und wie Eva die „Mutter aller Lebendigen“ wurde (vgl. Genesis 3,20), wird Maria am Kreuz zur Mutter aller geistlich Lebendigen der neuen Schöpfung. „Frau, siehe, dein Sohn“ (Johannes 19,26). Wir sind neben Christus der übrige Same der Frau aus Offenbarung 12,17, die, wie wir noch sehen werden, Maria ist: „Und der Drache wurde zornig über die Frau und ging hin, um Krieg zu führen mit den Übrigen von ihrem Samen, welche die Gebote Gottes befolgen und das Zeugnis Jesu Christi haben.“ Denn die neue Eva ist in Feindschaft mit dem Drachen, der alten Schlange (vgl. Offenbarung 12,9). Dies entspricht der Feindschaft der Frau und der Schlange aus Genesis 3,15. Im Grunde genommen ist die Feindschaft, die Gott hier in Genesis zwischen der Frau und der Schlange setzt, schon auf die neue Eva Maria und nicht mehr auf die alte Eva zu beziehen. Denn die Feindschaft träfe dann auch auf den alten Adam zu und nicht nur auf Eva und ihren Samen. Außerdem bestand die Feindschaft schon vorher, da die Schlange nichts Gutes für Eva wollte und musste nicht erst von Gott aktiv gesetzt werden. Die Feindschaft ergibt sich nicht einfach so zufällig. Da aber die Menschheit inklusive Eva nun unter der (Erb)Sünde steht, haben sie dahingehend keine Feindschaft gegen Satan, sondern eher eine Gesinnungsfreundschaft (vgl. Johannes 8,44). Sie ziehen am gleichen Strang mit Satan gegen Gott. Maria, als neue Eva, musste hingegen dann ohne Erbsünde sein. Mehr dazu im Abschnitt über die unbefleckte Empfängnis Mariens.
Maria als Neue Bundeslade
Neben der neuen Eva haben die ersten Christen auch eine weitere Typologie auf Maria entdeckt: Maria als neue Bundeslade.
Während die Bundeslade zum Haus Obed-Edoms im Hügelland von Judäa reiste (2. Samuel 6,1-11), reiste Maria zum Haus Elisabeths im Hügelland von Judäa (Lukas 1,39).
David tanzte priesterlich gekleidet vor der Bundeslade (2. Samuel 6,14). Auch Johannes der Täufer, der von priesterlichen Geschlecht war, hüpfte im Bauch seiner Mutter Elisabeth, als Maria ankam (Lukas 1,41).
Und während David fragte „Wie kann die Lade des HERRN zu mir Kommen?“ (2. Samuel 6,9), fragte Elisabeth ebenfalls „Und woher wird mir das zuteil, dass die Mutter meines HERRN zu mir kommt?“ (Lukas 1,43).
Und genau wie David in Anwesenheit der Bundeslade schrie (2. Samuel 6,15), so rief auch Elisabeth mit lauter Stimme in Anwesenheit von Maria (Lukas 1,42).
Die Bundeslade blieb laut 2. Samuel 6,11 für 3 Monate im Hause Obed-Edoms. Und was für eine Überraschung! Auch Maria verblieb 3 Monate im Hause Elisabeths (Lukas 1,56).
Das Haus Obed-Edoms wurde durch die Anwesenheit der Bundeslade gesegnet (2. Samuel 6,11). Und auch in Lukas 1,39-45 wird 3-mal das Wort „gesegnet“ gebraucht. Gewiss war also auch Elisabeths Haus durch Marias Anwesenheit gesegnet worden.
In 2. Samuel 6,12 und 1. Könige 8,9-11 kehr die Bundeslade in ihre Heimat zurück und landete in Jerusalem, wo Gottes Gegenwart und Herrlichkeit im Tempel offenbart werden. Maria kehrt ebenfalls nach Hause zurück und landet schließlich in Jerusalem, wo sie im Tempel den menschgewordenen Gott präsentiert (Lukas 1,56 und 2,21-22).
Es gibt aber noch weitere Parallelen zwischen Maria und der Bundeslade: Die Gesetzestafeln mit den von Gottes Finger geschriebenen Geboten wurden in der Bundeslade aufbewahrt (vgl. Exodus 25,21 und Hebräer 9,4). In Maria hingegen wurde nicht das steingewordene sondern das fleischgewordene Wort Gottes 9 Monate lang aufbewahrt (vgl. Johannes 1,14).
Aber nicht nur das Wort Gottes wurde in der Bundeslade repräsentiert. Auch das Priestertum wurde repräsentativ durch den Priesterstab Aarons in der Lade verwahrt (vgl. Numeri 17,25 und Hebräer 9,4). In Maria hingegen hielt sich der wahre Hohepriester auf (vgl. Hebräer 4,14).
In der Bundeslade wurde ebenfalls das Manna vom Himmel aufbewahrt (vgl. Exodus 16,33-34 und Hebräer 9,4). Das wahre Brot des Himmels befand sich jedoch in Maria (vgl. Johannes 6,51).
Wenn also die alte Bundeslade eine Typologie auf Maria war, was kann uns dann die Bundeslade noch alles über Maria verraten?
Die Bundeslade war sowohl innen als auch außen mit purem Gold überzogen (Exodus 25,11) und war nach Gott selbst das Heiligste, was es gab. Demnach können wir vermuten, dass auch Maria ganz rein und heilig war.
Die Bundeslade durfte laut 2. Samuel 6,6-7 sowie 1. Chroniker 13,10 nicht berührt werden. Auch Maria durfte nach der Lehre der ewigen Jungfrauschaft von keinem Mann berührt werden (vgl. Lukas 1,34).
Wenn aber Maria die neue Bundeslade ist, dann muss sie wie die alte Bundeslade ihren Platz im Tempel haben (vgl. 1. Könige 8,20-21). Und tatsächlich: Auch die Lade des neuen Bundes hat ihren Platz im himmlischen Tempel in Offenbarung 11,19. Leider kommt nach diesem Vers 19 ein Kapitelwechsel. Die Kapiteleinteilung der Bibel ist jedoch eine relativ späte Erfindung aus der Neuzeit. Die originale Handschrift der Johannes-Offenbarung kannte freilich keine Vers- und Kapiteleinteilung. Deswegen lohnt es sich einmal, das Ende von Kapitel 11 und den Anfang von Kapitel 12 in einem Zug zu lesen. Dann wird schnell klar: Die mysteriöse Frau aus Offenbarung 12 ist die neue Bundeslade und somit Maria. Sie ist mit der Sonne bekleidet (Offenbarung 12,1), welche Gott symbolisiert (vgl. Psalm 84,12). Somit hat Maria auch ihren Platz in Gott. Und Gott ist wiederum der Tempel (vgl. Offenbarung 21,22), in dem sich die neue Bundeslade aufhält (vgl. Offenbarung 11,19). So wie also die alte Bundeslade in den Tempel gebracht werden musste (vgl. 1. Chroniker 15,3), so wurde auch letztlich Maria in Offenbarung 12 offensichtlich leiblich in den Himmel aufgenommen. Deshalb feiern wir Katholiken Mariä Himmelfahrt.
Die Frau aus Offenbarung 12
Es gab immer wieder Kirchenväter und sogar Päpste, welche die Frau aus Offenbarung 12 auf die Gemeinde oder Israel gedeutet haben. Dies ist bis zu einem gewissen Grad sicherlich auch legitim. So sehen wir Katholiken beispielsweise in Maria ohnehin das Optimum von allem, was Kirche sein soll. Ungeachtet solcher sekundären Deutungsmöglichkeiten halten wir Katholiken aber auch an der primären Deutung der Frau als Maria fest. Dafür spricht sehr viel im Text selbst – und wie wir gesehen haben auch schon in Offenbarung 11 aufgrund der Bundesladen-Typologie, aber vor allem widersprechen einige Details einer Deutung als Israel oder als die Gemeinde.
So gebiert diese mysteriöse Frau beispielsweise laut Offenbarung 12,5 einen Sohn, der alle Völker mit eisernem Stab hirten wird. Dieser Sohn wird zu Gottes Thron entrückt und weidet dann in Offenbarung 19,11-15 ebenfalls mit eisernem Zepter und wird „Wort Gottes“ genannt. Das Wort Gottes ist bekanntlich laut Johannes 1,1-14 Jesus Christus. Und Seine Mutter ist Maria (vgl. Matthäus 1,16).
Des Weiteren wird die schwangere himmlische Frau, die Christus empfangen hat und gebiert, als „großes Zeichen“ bezeichnet. Das knüpft direkt an Jesaja 7,14 an, wo diese schwangere (Jung)Frau auch schon als „Zeichen“ klassifiziert wird. Der Evangelist Matthäus sah diese Jesaja-Stelle bekanntlich in der schwangeren Maria erfüllt (vgl. Matthäus 1,22-23).
Und obwohl wir in Offenbarung 12,6.14 sicherlich viele spirituelle Bedeutungsebenen für die Flucht der Frau in die Wüste entdecken können, flohen Maria und die Heilige Familie buchstäblich mit göttlicher Hilfe durch die Wüste nach Ägypten (vgl. Matthäus 2,13-15).
Wir haben bereits gesehen, dass Maria als neue Eva gelten kann, die in Genesis 3,15 prophetisch als „Frau“ voraus schattiert wird. Bedenkt man außerdem, dass die Offenbarung von Johannes geschrieben worden ist, also jener Evangelist, der auch in Johannes 2,4 und 19,26 Maria den Titel der „Frau“ gewährt, und dem Jesus jene „Frau“ als Mutter anvertraute, dann liegt es auf der Hand, dass Johannes wohl auch an Maria dachte, wenn er in Offenbarung von der „Frau“ schreibt. Er setzt einfach stillschweigend voraus, dass die Chiffre der „Frau“ seinen Lesern unlängst bekannt sein sollte.
Im Übrigen passt auch hier der Kampf der Frau mit dem Drachen, der die alte Schlange darstellt (vgl. Offenbarung 12,9), sehr gut zu der Feindschaft der Frau mit der Schlange aus Genesis 3,15.
Insgesamt ist zum Kapitel 12 zu sagen, dass trotz aller offenkundig vorhanden Symbole die anderen Hauptfiguren des Kapitels echte Personen sind, die für sich selbst stehen. Wir haben zum einen den Teufel (Vers 9), dann den Erzengel Michael (Vers 7) und letztlich Jesus Christus selbst (Vers 5). Niemand behauptet, dass es sich bei diesen drei Charakteren nur um symbolische Figuren handelt, die eigentlich für etwas ganz Anderes stehen. Es passt also sehr gut zum Kontext, die Frau auch als real existierende Person, und zwar Maria, zu interpretieren und nicht etwas nur als eine Chiffre für die Gemeinde oder das Volk Israel.
Die Frau als Kirche beziehungsweise Gemeinde zu interpretieren, scheitert im Übrigen schon daran, dass diese Rolle für die Übrigen des Samens der Frau reserviert ist (vgl. Offenbarung 12,17), welche die Gebote Gottes befolgen und das Zeugnis Jesu Christi haben. Das sind offensichtlich Christen. Und Christen im Kollektiv bilden die Gemeinde. Zwar könnte man sagen, dass die Gemeinde sich selbst immer weiter durch die Jahrtausende fortpflanzt und somit durchaus auch als ihr eigener Same bezeichnet werden könnte, aber die Gemeinde ist nicht Mutter von Jesus Christus, welche die Frau aus Offenbarung 12 aber eindeutig ist. Christus ist kein Resultat der Kirche, sondern die Kirche ist ein Ergebnis von Christus.
Die Interpretation der Frau als Volk Israel ist hier durchaus vielversprechender, weil ja auch Israel durch die Wüste gehen musste. Dennoch sind wie beschrieben alle Protagonisten des Kapitels wörtlich zu verstehen und die Frau kann hier kaum eine Ausnahme darstellen.
Nun wird uns Katholiken aber entgegengehalten, dass laut unserer eigenen Lehre Maria gar nicht die Frau aus Offenbarung 12 sein kann, da jene in Vers 2 Geburtswehen erleidet. Die Geburtswehen seien aber der Fluch der Erbsünde (vgl. Genesis 3,16) und können somit die „katholische Maria“ nicht ereilen. Denn Maria ist laut katholischer Lehre tatsächlich frei von der Erbsünde. Dieser Einwand scheint auf den ersten Blick zu sitzen.
Zunächst einmal ist hier jedoch zu bemerken, dass dies dann viel mehr ein Einwand gegen die katholische Lehre der unbefleckten Empfängnis Mariens wäre, nicht aber, dass es sich bei der Frau aus Offenbarung 12 um Maria handelt. Die Frau wäre dann ja immer noch Maria, nur eben mit Wehen.
Des Weiteren ist anzumerken, dass es aus protestantischer Sicht keinen Grund gibt anzunehmen, dass die Folgen der Sünde in dieser Welt bei einer unbefleckt empfangenen Maria Halt machen sollten. Denn auch unser garantiert von der Erbsünde befreite Heiland Jesus Christus musste für Sein Auskommen ganz normal als Zimmermann „im Schweiße Seines Angesichts“ arbeiten und Rosen hatten auch in Seiner Gegenwart Dornen. Nur weil jemand sündlos ist, heißt es nicht, dass er automatisch von allen Problemen befreit ist, die die sündige Welt mit sich bringt. Wieso sollte ein Protestant also meinen, dass Maria keine Geburtswehen hatte? Außerdem ist die Frage der Wehen Marias in der katholischen Lehre nicht abschließend geklärt und bleibt somit erst einmal offen.
Darüber hinaus dürfen wir Katholiken die Geburtswehen der Frau durchaus auch symbolisch deuten. Die Erlaubnis geben uns protestantische Ausleger selbst, die ja bei den Auslegungsvarianten der Frau als Gemeinde oder Israel diese Geburtswehen zwangsläufig auch symbolisch deuten müssen. Es kann also zugunsten dieser Auslegungsalternativen nicht mehr behauptet werden, dass die Geburtswehen unbedingt wörtlich zu verstehen sind. Und wir Katholiken haben natürlich direkt auch eine passende Interpretation der Geburtswehen vorhanden:
Von Beginn ihrer Berufung an, Mutter des Messias zu sein, hatte Maria höchstwahrscheinlich bereits gewusst, dass ihr Sohn als der „leidende Knecht“ aus Jesaja 53, Psalm 22 und Weisheit 2 bestimmt war. Marias „Wehen“ begannen demnach mit der Verkündigung und dauerten von der Wiege bis zum Kreuz, wo sie mit ihrem Sohn litt, wie es in Lukas 2,34-35 prophezeit ist und in Johannes 19 schmerzlich erfüllt wurde. Marias tiefe Mutterliebe und ihr Wissen sind Indizien, dass diese Art von Geburtsschmerzen unseres Heils weitaus tiefer gehen, als es physische Verletzungen jemals könnten. Ein Körper kann taub werden und aufhören, Schmerzen zu empfinden. Aber man kann ein Herz, das liebt, nicht sedieren, solange dieses Herz weiterhin brennt. Maria entschied sich eindeutig für die Liebe. Sie war für unseren Herrn einzigartig präsent, von der Inkarnation in Lukas 1,37-38 bis zur Geburt, vom Anfang Seines öffentlichen Wirkens in Johannes 2 bis zum Kreuz in Johannes 19 und bis in die Ewigkeit in Offenbarung 12. Maria hatte also eine schwere Geburt, die bis zur Osterfreude anhielt.
Marias Sündlosigkeit und unbefleckte Empfängnis
Katholiken glauben, dass Maria zeitlebens frei von jeder Sünde war. Deshalb hat die katholische Kirche auch dogmatisiert, dass Maria unbefleckt, das heißt ohne Erbsünde, empfangen wurde. Die Lehre von der unbefleckten Empfängnis Mariens sollte übrigens nicht verwechselt werden mit der jungfräulichen Empfängnis. Letzteres bedeutet, dass Maria den Herrn Jesus als Jungfrau empfangen hat, während Ersteres sich darauf bezieht, dass Maria selbst auch schon ohne Sünde von ihren Eltern empfangen wurde. Freilich ist auch Jesus ohne Sünde und somit unbefleckt empfangen. Aber diese beiden Lehren werden häufig verwechselt.
Wir haben bereits gesehen, dass Maria als neue Bundeslade genauso rein und heilig sein muss, wie die alte Bundeslade, die innen und außen mit purem Gold überzogen war (Exodus 25,11). Auch haben wir gelernt, dass Maria für die ersten Christen die neue Eva darstellte. Die alte Eva wurde sündlos erschaffen und ist dann später gefallen. Die neue Eva sollte ebenfalls ohne Erbsünde empfangen werden, aber dann auch später Gott treu bleiben und nicht denselben Fehler begehen wie die erste Eva.
Die erste Eva hat Gott nicht vertraut und sich gegen Sein Gebot aufgelehnt und somit den Sündenfall Adams möglich gemacht. Die neue Eva hat durch ihr „Ja“ zu Gott uns den neuen Adam geschenkt und uns somit die Erlösung möglich gemacht (vgl. Lukas 1,38). Wäre Maria also eine sündige Frau gewesen, wäre es ein riskantes Unterfangen von Gott gewesen, die Inkarnation und somit Erlösung von der Zustimmung einer sündigen und vermeintlich egozentrischen Frau abhängig zu machen. Gott wusste aber, dass Er sich auf die Treue Marias verlassen konnte, weil sie die Magd des Herrn war.
Wir haben bereits auch schon gesehen, dass die Verheißung aus Genesis 3,15 sich auf Maria, die Mutter des Messias, bezieht. Ein Grund, warum es sich nicht auf Eva beziehen kann, ist die Tatsache, dass Eva durch ihre Sünde nicht die Feindin Satans war, sondern vielmehr eine Gesinnungsgenossin und Sklavin des Teufels (vgl. Johannes 8,44). Maria hingegen, sofern sie wirklich sündlos war und weshalb sie auch sündlos gewesen sein musste, ist tatsächlich die Feindin des Drachens – eine Feindschaft, die, wie wir gesehen haben, bis in Offenbarung 12 im Himmel andauert.
Doch in der Bibel gibt es noch viel mehr Hinweise auf die besondere Gnade, die Maria empfangen hat. So stellt der Heilige Geist Maria über alle anderen Frauen, indem Er Elisabeth inspiriert zu sagen: „Gesegnet bist du unter den Frauen, und gesegnet ist die Frucht deines Leibes! Und woher wird mir das zuteil, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt?” (Lukas 1,42-43). Nicht nur, dass Marias Segnung hier parallel mit der Segnung Christi genannt wird, was auch Parallelen in der Beschaffenheit und Inhalt dieser Segnung nahelegt (z.B. eben eine unbefleckte Empfängnis), nein, Maria ist unter den Frauen gesegnet. Diese Frauen schließen Eva mit ein. Wenn Eva nur mit einer unbefleckten Erschaffung gesegnet ist, nicht aber mit einer dauerhaften Sündlosigkeit, wo ist dann der Vorzug Marias gegenüber Eva in ihrer Segnung, wenn es ihr ebenfalls an einem oder gar beiden mangelt? Ist Maria also besser dran als Eva, dann muss sie mindestens auch unbefleckt empfangen worden, aber vor allem auch nicht gefallen sein.
Und auch über Elisabeth selbst muss Maria stehen, wenn Maria mehr als alle anderen Frauen gesegnet ist. Elisabeth ist eine heilige Frau und ist dennoch verblüfft, dass sie die Ehre bekommt, von Maria besucht zu werden. Und das, obwohl sie miteinander verwandt sind! Über Elisabeth wird gesagt, dass sie gerecht vor Gott lebte und vor allem untadelig in allen Geboten und Vorschriften war (Lukas 1,6). Mit anderen Worten: Elisabeth hat dem Wortlaut der Bibel nach keine Sünden mehr begangen und war eine vollendete Gerechte (vgl. Hebräer 12,23). Ist Maria also noch viel gesegneter als Elisabeth, dann muss Maria nicht nur eine „normale“ Heilige wie Elisabeth sein, die scheinbar nicht gesündigt hat, sondern eben sogar ohne Sünde geboren worden sein. Natürlich glaubt niemand, dass Elisabeth komplett sündlos war, aber man könnte die Bibel in diese Richtung auslegen – ich wäre also als Sola Scriptura Protestant dazu berechtigt.
Letztlich bekennt sogar Maria selbst: „Denn große Dinge hat der Mächtige an mir getan“ (Lukas 1,49). Eines dieser Dinge ist gewiss die Empfängnis Christi. Das steht außer Frage! Aber da Maria sonst nur eine gewöhnliche, geringe jüdische Frau gewesen ist, stellt sich hier die Frage: Was hat der Herr sonst noch „Großes“ an ihr getan, das es verdient, in einem Atemzug mit der Empfängnis Christi genannt zu werden? Eine Lösung für dieses Rätsel wäre Marias eigene unbefleckte Empfängnis.
Dies weiß auch der Engel Gabriel, der Maria bei der Verkündigung als Begnadigte ansprach (Lukas 1,28). Maria ist also die Begnadigte, die Kecharitomene (κεχαριτωμένη), wie es im griechischen Original lautet. Κεχαριτωμένη ist die Partizip Perfekt Form von χαριτόω. Dieses Verb kommt im Neuen Testament sonst nur noch in Epheser 1,6 vor, wo es eine ganz klare soteriologische Konnotation und Kontext hat. Es geht hier also bei diesem Wörtchen um das Heil. Es ist die Gnade der Erlösung.
Die Perfektform markiert eine abgeschlossene Vergangenheit. Der Engel sieht Maria also in Bezug auf die Erlösung als abgeschlossen begnadet an. Deswegen übersetzte auch der Heilige Hieronymus in seiner lateinischen Vulgata-Übersetzung mit „gratia plena“, was wir wiederum mit „voll der Gnade“ übersetzen können. Maria hat also jede Gnade empfangen, die sie für ihr Heil braucht und das zu einem Zeitpunkt, an dem sie Jesus noch nicht einmal empfangen hatte. Wenn Maria also in Bezug auf ihre Erlösung „gnadenvoll“ war, dann kann ja keine heilsnotwendige Gnade mehr hinzukommen. Deswegen kann Maria auch nicht von der Erbsünde betroffen sein, weil sie sonst noch die Gnade der Erlösung von der Erbsünde benötigen würde. Gleiches gilt für jegliche andere denkbare Sünde. So verwundert es auch nicht, dass Maria in Lukas 1,30 auch Gnade bei Gott findet, was nichts anderes heißt, als dass sie vor Gott besteht. Demnach hat sie sich in ihrer von Gott empfangenen Gnadenfülle bewahrt und ist nicht wie die erste Eva in Sünde gefallen.
Wie so oft in der Bibel ist also der Name Programm. Wie bereits bei Abram, der Abraham wurde, oder Jakob, der Israel genannt wurde, hat Marias Titel als Kecharitomene eine tiefere Bedeutung und wurde nicht nur beiläufig erwähnt. Maria ist die Kecharitomene als Person, vom ersten Zeitpunkt ihrer Empfängnis an bis in alle Ewigkeit.
Wie jede andere katholische Lehre, ist auch die Lehre von Marias Sündlosigkeit nicht ohne Kritik. So wird beispielsweise gekontert, dass Maria offensichtlich sündig gewesen sein musste, da sie ja in Lukas 2,22-24 das im Gesetz vorgeschriebene Sündopfer bringt (vgl. Levitikus 12,6). Dies anzunehmen ist erst einmal naheliegend. Dennoch wird dieser Punkt relativiert, wenn wir bedenken, dass sich auch Jesus in Matthäus 3,13 der Bußtaufe des Johannes unterzogen hat. Daraus folgt ja auch nicht, dass Jesus ein Sünder war und somit die Bußtaufe nötig hatte. Analog folgt auch nicht, dass Maria sündig war, nur weil sie Riten des Gesetzes einhielt. Es ging den beiden lediglich darum, alle Gerechtigkeit zu erfüllen (vgl. Matthäus 3,15).
Auch wird immer wieder eingewendet, dass Maria selbst Jesus Christus ihren „Retter“ nennt (Lukas 1,47). Interessant ist hierbei, dass sie Ihn nicht Erlöser, sondern tatsächlich nur Retter nennt. Denn für uns „normale“ Christen ist Jesus unser Retter, weil Er uns von unserer Sünde erlöst, nachdem wir in diese missliche Existenz der Sündhaftigkeit geraten sind. Maria hingegen errettet Jesus auf eine andere Art. Und zwar schützt Er sie auf eine Weise, die sie erst gar nicht in die Sündhaftigkeit fallen lässt. Er bewahrt sie also vor der Sünde. Während Er uns bildlich gesprochen aus der Grube heraus hilft, sorgt Er bei Maria dafür, dass sie gar nicht erst in das Loch hineinfällt. Denn Jesus macht keine halben Sachen, sondern bringt das Gesetz zur Erfüllung (Matthäus 5,17). Und um das Gesetz Vater und Mutter zu ehren (Exodus 20,12) perfekt zur Fülle zu bringen, war es nur angebracht, dass Jesus Seine eigene Mutter erst gar nicht der Erbsünde aussetzte. Aber wie auch bei unserer Errettung, kommen die Gnaden für die unbefleckte Empfängnis Mariens direkt vom Kreuz von Golgatha. Bei uns 2000 Jahre nach dem Kreuz, bei Maria bloß ein paar Jahrzehnte vor dem Kreuz.
Sagt nicht Römer 3,10-18, dass alle Menschen sündig sind? Mit Lukas 1,6 haben wir sowieso schon augenscheinliche Ausnahmen gesehen, was den Eindruck liefert, dass im Römerbrief nicht alle Menschen im absoluten Sinne gemeint sein müssen. Der Mensch Jesus Christus ist ja auch eine allgemein anerkannte Ausnahme (Hebräer 4,15). Viele Christen würden zustimmen, dass auch die kleinen Kinder, die noch keine persönliche Sünde haben, hier als millionenfache Ausnahmen zu nennen sind.
Doch was will uns der Römerbrief dann an dieser Stelle sagen? Zunächst einmal können wir feststellen, dass einige alttestamentliche Zitate in dem Kapitel aufgegriffen werden. Teilweise sind mehrere Psalmen als Quelle denkbar. Was auch immer Paulus uns hier also mitteilen möchte, es ist durch die Brille des Alten Testamentes zu lesen.
Betrachtet man aber den Kontext von dem beispielsweise zitierten Psalm 14,5, dann wird klar, dass Gott hier einen Kontrast der Ungerechten gegenüber den Gerechten aufbaut. Bei den Ungerechten ist keiner, der Gutes tut (Psalm 14,1-3). Und so ist es auch in Römer 3 zu verstehen: Es gibt Gerechte und Ungerechte. Paulus geht auf die Ungerechten ein. Auf die Gerechten trifft dieses Urteil nicht notwendigerweise zu, wie wir an den vorher genannten Ausnahmen bereits gesehen haben. Zwar gibt es auch unter Gerechten bußfertige Sünder, aber man sollte die Römer-Stelle in Anbetracht dieses alttestamentlichen Kontextes nicht verabsolutieren.
Marias Tod und ihre leibliche Aufnahme in den Himmel
Wenn es also stimmt, dass Maria bis zu ihrem Tod sündlos geblieben ist, dann befindet sie sich jetzt auch garantiert im Himmel. Das katholische Dogma der leiblichen Aufnahme in den Himmel Mariens besagt darüber hinaus, dass sie sich mit ihrem Leib im Himmel befindet. Es besagt nicht aus, wie sie dorthin gekommen ist. Es kann sogar sein, dass sie auf Erden gestorben ist und ihr Leib daraufhin in den Himmel entrückt wurde. Es kann auch sein, dass sie wie Christus selbst in den Himmel aufgefahren ist. Darüber darf man in der katholischen Kirche unterschiedlicher Meinung sein.
Dass aber Maria im Himmel ist, ergibt sich auch schon daraus, dass alle Generationen sie glückselig preisen werden (vgl. Lukas 1,48). Wäre sie in der Hölle, könnten wir sie heute schlecht glückselig preisen, sondern müssten ihr Schicksal bedauern. Und dass Maria sogar mit ihrem Leib im Himmel ist, ergibt sich daraus, dass sie in Offenbarung 12,1 sogar mit ihrem Leib beschrieben wird. Denn die Frau aus Offenbarung 12 hat offensichtlich Füße. Wie die alte Bundeslade in den Tempel gehörte, gehört die neue Bundeslade in den himmlischen Tempel (vgl. Offenbarung 11,19).
Ein beliebtes Gegenargument gegen die Aufnahme Mariens in den Himmel ist, dass Johannes 3,13 aussagt, dass niemand in den Himmel hinaufgestiegen ist, außer Jesus Christus selbst. Hierzu lässt sich Folgendes entgegen: Zunächst einmal lehrt das katholische Dogma wie bereits erwähnt nicht, wie Maria in den Himmel gekommen ist, sondern nur, dass sie im Himmel aufgenommen wurde. Von daher kann es ja stimmen, dass nur Jesus bisher selbstständig in den Himmel hinaufgestiegen ist. Und wir sehen in der Johannes-Offenbarung auch zahlreiche andere Protagonisten, die im Himmel sind (z.B. Älteste und Märtyrer).
Aber noch viel gewichtiger ist hier die Möglichkeit, dass Maria zur Abfassung des Johannes-Evangeliums noch mit Johannes auf der Erde gelebt hat. Der besagte Vers gibt uns ja keine Auskunft darüber, ob nicht in Zukunft weitere Menschen in den Himmel auffahren werden. Tatsächlich schreibt Johannes später in seiner Offenbarung, dass in Zukunft weitere Leute in den Himmel auffahren werden (vgl. Offenbarung 11,12). Wieso dann nicht auch Maria? Es wäre ja bloß angemessen, wenn Jesus Seiner Mutter die Ehre zukommen lassen würde, als erste zu Ihm in den Himmel zu gelangen.
Marias ewige Jungfräulichkeit
Wir können aus Marias Eigenschaft als neue Bundeslade schließen, dass wie auch die Bundeslade nicht berührt werden durfte, auch Maria von keinem Mann berührt werden sollte. Aber, so wenden viele Protestanten ein, wird nicht in Matthäus 1,25 impliziert, dass Josef nach Jesu Geburt mit Maria ehelichen Verkehr gehabt hatte? „Er erkannte sie aber nicht, bis sie ihren Sohn gebar. Und er gab ihm den Namen Jesus.“ Tatsächlich kommt es auf die Aussage-Absicht des Evangelisten Matthäus an, was das Wörtchen „bis“ (griechisch: ἕως) bedeutet. Wie auch im Deutschen kann dieses Wort eine zeitliche Begrenzung implizieren oder auch nicht.
So kommt dieses Wort beispielsweise auch in der griechischen Septuaginta in 2. Samuel 6,23 vor: „Michal aber, Sauls Tochter, blieb bis an ihren Todestag kinderlos.“ Niemand würde hier das Wort „bis“ so verstehen, dass Michal nach ihrem Tod Kinder bekommen hätte. Deshalb kann der Evangelist Matthäus entweder aussagen, wie Protestanten meinen, dass Josef und Maria später ehelichen Verkehr hatten, oder der Evangelist will hier lediglich noch einmal unterstreichen, dass Josef Maria eben nicht erkannte, damit auch niemand der Juden die Prophetie-Erfüllung leugnen konnte, dass die Jungfrau schwanger wurde. Denn das war eine maßgebliche Absicht von Matthäus in seinem Evangelium, dass er den Juden die Erfüllung zahlreicher alttestamentlicher messianischer Prophetien veranschaulichte. Matthäus erwähnt diese sexuelle Thematik so ausführlich, um wirklich jedem Gerücht vorzubeugen, dass Josef irgendetwas mit der Empfängnis Jesu zu tun haben könnte.
Interessanterweise bestätigt Maria indirekt eine offensichtlich geplante enthaltsame Ehe. In Lukas 1,34 fragt Maria nach der Ankündigung des Engels verwundert, da sie schwanger werden sollte, wie das geschehen soll, da sie ja „keinen Mann erkennt“. Hier gibt es nun zwei Möglichkeiten: Entweder ist Maria sehr dumm und weiß nicht, dass sie mit ihrem Verlobten innerhalb der Ehe ein Kind bekommen kann. Denn der Engel kündigte ihr schließlich kein sofortiges Datum an, an dem sie empfangen sollte. Das heißt, die natürlichste Reaktion Marias hätte sein müssen, dass sie diese Ankündigung in die Zeit nach der Eheschließung mit Josef datiert. Oder man muss zugestehen, dass Maria sehr wohl im Bilde darüber war, dass sie heiraten wird und was alles zu einem Eheleben dazu gehört. Dann wäre aber die einzige Erklärung, dass Maria mit ihrer Aussage generell meint, dass sie nicht vor hat irgendeinen Mann zu erkennen. Angesichts ihrer Verlobung mit Josef kann dies nur eine Schlussfolgerung zulassen: Maria hat einen Jungfraueneid geleistet und Josef hatte nichts dagegen (vgl. Numeri 30,4-9). Vielleicht war Josef schon ein älterer Mann, vermutlich ein Witwer, der sich Maria als Versorger anbot und mit ihr eine nach ihm benannte „Josefsehe“ führte. Dies würde auch die Abwesenheit Josefs in den Erwachsenenjahren Jesu erklären, da er bis dahin vermutlich bereits entschlafen ist. Aber das bleibt fromme Spekulation, obwohl frühe christliche apokryphe Schriften dies nahelegen (vgl. Protoevangelium des Jakobus).
Jesu vermeintliche Geschwister
Wenn aber Maria als ewige Jungfrau nach Jesus Christus keine weiteren Kinder mehr bekommen hat, wie lassen sich dann die ganzen Brüder und Schwestern Jesu erklären?
Bevor wir uns tiefgehend mit dem biblischen Zeugnis hierzu auseinandersetzen, sei auch hier eine der frühchristlichen Traditionen erwähnt, wonach Josef als Witwer eventuell vor Maria bereits eine Ehe führte und aus dieser vielleicht Kinder mitbrachte. Diese würden dann rechtlich als Jesu (Stief-)Geschwister gelten. Außerdem darf nicht außer Acht gelassen werden, dass Begriffe wie „Bruder“ in alten Sprachen und im kulturellen Kontext dieser Zeit auch einen Verwandten oder gar nur einen Volksgenossen meinen kann. So verhält es sich auch mit dem griechischen Wort ἀδελφός, das auch in der Septuaginta in Genesis 14,14 gebraucht wird. Hier wird nämlich Lot als der Bruder Abrahams betitelt, obwohl er nur sein Neffe war. Aber auch in der Apostelgeschichte 2,29 lesen wir, wie Volksgenossen als Brüder angesprochen werden. Weitere Brüder, die keine leiblichen Brüder sind, finden wir beispielsweise in Genesis 29,4 oder Levitikus 10,4. Würde das Wort Brüder immer leibliche Brüder meinen und nicht beispielsweise Verwandte, Volks- oder Glaubensgenossen, dann hätte Jesus laut Apostelgeschichte 1,13-15 abzüglich der anderen der insgesamt 120 Anwesenden also etwa 95 Brüder. Hier zeigt sich klar, dass dies nicht der Fall sein kann.
Aber impliziert dann nicht mindestens der Begriff „Erstgeborener“ aus Lukas 2,7, dass Maria nach Jesus noch weitere Kinder hatte? Nach unserem heutigen Sprachgebrauch drängt sich die Annahme auf, dass Jesus bloß der Älteste von mehreren Geschwistern war. Denn wieso sollte man sonst erwähnen, dass Er der zuerst Geborene war, wenn sowieso keine weiteren Nachkommen Marias vorhanden sind? Tatsächlich war jedoch damals der Ausdruck „Erstgeborener“ eine rechtliche Bezeichnung für einen Sohn, dem keine männlichen Geschwister vorangehen (vgl. Exodus 12,29; 34,19 etc.). Das sogenannte Erstgeburtsrecht war sogar ein juristischer Titel, der verkauft beziehungsweise weiterverliehen werden konnte (vgl. Genesis 25,31). Er hatte erbrechtliche und familienpolitische Implikationen. So konnte beispielsweise auch David von Gott zum Erstgeborenen gemacht werden (vgl. Psalm 89,28), obwohl er der Jüngstgeborene war (vgl. 1. Samuel 16,11). Darüber hinaus bleibt es auch ein logischer Fakt, dass man der Erstgeborene sein kann, selbst wenn es keinen Zweitgeborenen gibt. Der Fokus dieser Hervorhebung muss ja nicht unbedingt bedeuten, dass man viele Geschwister hat, sondern kann eben einfach nur diese Tatsache der Erstgeburt unterstreichen, welche die eben angeschnittenen kulturell-rechtlichen Aspekte mit sich brachte. Aus diesem einen Wort also weitere Geschwister abzuleiten, schießt also in Anbetracht der genannten Fakten über das Ziel hinaus. Der Begriff Erstgeborener unterstützt auch die Lehre der Jungfrauengeburt.
Doch kommen wir nun zum biblischen Befund und welche Hinweise wir daraus entnehmen können. So ist es beispielsweise sehr ungewöhnlich für die damalige Zeit, dass jüngere Brüder mit ihrem älteren Bruder so umgehen, wie die „Brüder“ in Johannes 7,3-5 mit Jesus umgingen, indem sie Ihn korrigierten und anleiteten. Und wieso hat Jesus in Johannes 19,26-27 Seine Mutter in die Obhut des geliebten Jüngers übergeben? Denn hätte Maria tatsächliche weitere Kinder gehabt, wäre es für Jesus im damaligen kulturellen Kontext sträflich gewesen, Seine Mutter nicht diesen „Brüdern“ zu übergeben. Im Übrigen wäre es überhaupt sehr merkwürdig, sich während der Qualen der Kreuzigung um so etwas wie die Versorgungsregelung für Seine Mutter Gedanken zu machen, wenn doch sowieso klar wäre, dass Jesu vermeintlichen leiblichen Brüder sich schon ihrer Mutter annehmen würden. Am wahrscheinlichsten ist es also, dass es diese Brüder gar nicht gab!
Interessanterweise wird in Johannes 19,25 eine andere Maria als die „Schwester“ der Mutter Jesu erwähnt. Dies zeigt uns abermals, dass Worte wie „Bruder“ und „Schwester“ im damaligen Sprachgebrauch nicht für leibliche Geschwister reserviert waren, sondern auch für Verwandtschaft im Allgemeinen gebraucht werden konnten. Denn wer gibt schon seinen Töchtern denselben Namen? Diese andere Maria wird gleich noch für uns relevant werden, wenn wir alle Bibelstellen zu den vermeintlichen Geschwistern Jesu unter die Lupe nehmen. Denn die angeblichen Geschwister Jesu lassen sich auch durch andere Mütter erklären, die mitunter sogar auch Maria hießen. Maria schien damals ein sehr beliebter Vorname gewesen zu sein. So standen etwa unter dem Kreuz auch zwei weitere Marias (Johannes 19,25-27). Bei so vielen Marias kann es schon einmal vorkommen, dass man den Überblick verliert und die exakten Familienverhältnisse durcheinanderbringt. Aber schauen wir uns nun die Details einmal genauer an:
So identifiziert Markus die Personen „Jakobus“ und „Joses“ als zwei der „Brüder“ (griechisch: adelphoi) von Jesus (Markus 6,3), aber Markus klärt uns auch darüber auf, dass sie Söhne einer anderen Maria sind, die nämlich eine der Marien bei der Kreuzigung war. (Markus 15,40) Markus 15,47 identifiziert diese Maria stattdessen nur als Mutter des Joses und Markus 16,1 lediglich als Mutter des Jakobus. Wer ist aber diese Maria? Vielleicht doch die Mutter Jesu? Wohl kaum, denn offensichtlich würde Markus die Mutter Jesu nicht als Mutter von Jakobus oder Joses betiteln, sondern einfach nur als Mutter Jesu, so wie er es beispielsweise auch in Markus 3,31-32 tat.
Aber schauen wir zunächst noch einmal in Markus 6,3-4 und beachten Jesu Antwort: “Ist das nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria und der Bruder von Jakobus, Joses, Judas und Simon? Leben nicht seine Schwestern hier unter uns? Und sie nahmen Anstoß an ihm. Da sagte Jesus zu ihnen: Nirgends ist ein Prophet ohne Ansehen außer in seiner Heimat, bei seinen eigenen Cousins (griechisch: syngeneus) und in seiner Familie.” Das Wort „Cousin“ (griechisch: syngeneus) stammt von derselben griechischen Wurzel wie das Wort, was der Engel Gabriel zu Maria in Lukas 1,36 sagt und das sich auf Marias Cousine Elisabeth bezieht. Wenn aber Jesus seine Brüder und Schwestern als „Verwandte“ oder „Cousins“ bezeichnet, dann liegt es ja auf der Hand, dass sie es auch sind!
Aber kommen wir zurück zur Identität derjenigen Maria, welche die tatsächliche Mutter von Jesu angeblichen Geschwistern ist. So liefert uns auch Johannes einen wichtigen Hinweis für die Identität dieser “anderen Maria” bei der Kreuzigung: Johannes 19,25: “Aber am Kreuz Jesu standen seine Mutter und die Schwester seiner Mutter, Maria, die Frau des Klopas, und Maria Magdalena.“ Wir lernen hier interessante Fakten, die Einblick in das Beziehungsgeflecht zwischen Jesus, Maria und seinen „Brüdern“ geben: Der Evangelist Johannes nennt die zweite Frau am Kreuz die „Schwester seiner Mutter, Maria“ und „die Frau des Klopas“. Wenn Johannes sich auf dieselbe Maria bezieht, von der Matthäus und Markus gesagt haben, dass sie bei der Kreuzigung und Bestattung von Jesus anwesend war – “Maria, der Mutter von Jakobus und Joses” -, dann sind diese die Söhne einer Maria, die mit Klopas verheiratet ist.
Ebenso wie Markus berichtet auch Matthäus 13,55 die vermeintlichen Namen der Brüder Jesu. Zwei dieser sogenannten Brüder, Jakobus und Joses, werden später bei Matthäus 27,56 als Söhne einer Maria identifiziert, die nicht die Mutter Jesu war, sondern ihre Schwester, die Frau des Klopas, wie wir aus der Zusammenschau von Matthäus 27,55-56 und Johannes 19,25 wissen. Matthäus 27,56: „Zu ihnen gehörten Maria aus Magdala, Maria, die Mutter des Jakobus und des Josef, und die Mutter der Söhne des Zebedäus.“ Hier klärt sich auch ein weiteres Mysterium auf, und zwar, wer der sogenannte Herrenbruder Jakobus aus Galater 1,19 ist. Dieser war auch einer der Apostel. Tatsächlich gab es zwei Apostel mit dem Namen Jakobus. Zum einen Jakobus (der Jüngere), der Sohn des Alphäus (Lukas 6,15) und eben Jakobus (der Ältere), der Sohn des Zebedäus (Matthäus 10,2). Alphäus und Zebedäus sind aber beide nicht der Heilige Josef. Somit ist der Herrenbruder Jakobus auch nur ein Verwandter, aber nicht der direkte Bruder Jesu.
Nach Angaben des frühesten christlichen Historikers Hegesippus waren die zwei sogenannten Brüder von Jesus (Jakobus und Simon) sogar die ersten beiden Bischöfe von Jerusalem. Obwohl es keine Beweise dafür gibt, dass Hegesippus versucht hätte die ewige Jungfräulichkeit Marias zu verteidigen und eigentlich nur über die Geschichte der Bischöfe in Jerusalem berichten wollte, nennt er die „Brüder Jesu“ wörtlich seine „Cousins“ (griechisch: anepsioi).
Kurios und interessant ist für unsere Fragestellung auch der Fakt, dass im Bericht vom zwölfjährigen Jesus in Jerusalem in Lukas 2,41-52 keine weiteren Kinder von Maria und Josef erwähnt werden. Dies ist ein weiteres Indiz dafür, dass es sie nicht gab. Denn nach zwölf Jahren Ehe hätte ja das ein oder andere kleinere Geschwisterkind Jesu erwartet werden können. Aber wir lesen kein Wort von diesen!
Interessant ist auch der Bericht in Matthäus 13,55-56 und Markus 6,3. Dort zählen die Nazarener voll ungläubigen Erstaunens über den Ruhm Jesu offenbar Seine allernächsten Verwandten auf, beginnend mit dem „Zimmermann“, sprich Josef, den sie für Jesu Vater hielten, und Jesu Mutter Maria. Nach dieser Aufzählung sollte man unmittelbar die leiblichen Geschwister Jesu erwarten dürfen. Stattdessen folgt aber einer Aufzählung weiterer Verwandter Jesu, beginnend mit Jakobus und Josef, von denen wir nach den vorherigen Ausführungen nun wissen, dass sie keine leiblichen Brüder Jesu waren. Es widerspräche nun jeglicher Logik, wenn nach der Nennung dieser zwei entfernteren Verwandten noch leibliche Geschwister Jesu genannt würden. Somit sind auch Simon und Judas und die „Schwestern“ sicherlich keine leiblichen Verwandten. Auch ist nicht anzunehmen, dass leibliche Geschwister in der Aufzählung ausgelassen werden, dafür aber entferntere Verwandte aufgezählt werden.
Dass Maria keine weiteren leiblichen Söhne außer Jesus hatte, wird zudem noch durch die Beobachtung untermauert, dass Jesus an keiner Stelle „ein Sohn“ Marias oder „ein Sohn“ Josefs genannt wird, sondern immer und ausnahmslos: „DER Sohn“: „Ist das nicht DER Sohn des Zimmermanns?“ (Matthäus 13,55). „Ist dieser nicht Jesus, DER Sohn Josefs?“ (Johannes 6,42). „Sie gebar DEN Sohn von ihr, den Erstgeborenen.“ (Lukas 2,7). „Ist dieser nicht … DER Sohn Marias …?“ (Markus 6,3).
Ein letzter Einwand gegen die ewige Jungfrauenschaft Marias stammt aus Psalm 69,9: “Entfremdet bin ich meinen Brüdern und ein Fremder geworden den Söhnen meiner Mutter.” Laut Matthäus 27,34.48 wird Psalm 69,22 auf Jesus Christus bezogen und dies qualifiziert den Psalm als messianisch. Wer sind nun also die Söhne Seiner Mutter, denen er entfremdet wurde? Diese Söhne können durchaus auch mit den weiteren geistlichen Nachkommen Marias erklärt werden (vgl. Offenbarung 12,17). Unter diesen geistlichen Nachkommen waren auch die Jünger Jesu, denen Jesus während Seiner Passion ein Fremder geworden war, weshalb sie flohen, Ihn teilweise verleugneten und auch zunächst nicht an die von Ihm selbst prophezeite Auferstehung an Ostern glaubten – auch dann nicht, als ihnen die Frauen vom Auferstandenen Zeugnis gaben. Die angeblich leiblichen Brüder Jesu hingegen, die in den Evangelien erwähnt werden, und die stattdessen nur Seine Verwandten waren, waren allerdings schon immer von Jesus entfremdet, weil sie ungläubig waren (vgl. Johannes 7,5) – und das sogar als vermeintliche Brüder! Sie konnten sich also nicht von Jesus entfremden, da sie in ihrem Unglauben schon immer von Ihm entfremdet waren. Deshalb können sie auch nicht in Psalm 69 gemeint gewesen sein.
Maria als unsere Mutter
Maria ist also die geistliche Mutter aller Christen, wie uns Offenbarung 12,17 lehrt. Denn wir sind die Übrigen ihres Samens, welche die Gebote Gottes befolgen und das Zeugnis Jesu Christi haben. Das ideale Wesen eines jeden Christen, das hier beschrieben ist, ist auch das Wesen Marias, weshalb wir zurecht ihre geistlichen Kinder genannt werden können. Maria ist also unsere Mutter, die Mutter der gesamten Kirche, welcher Jesus sie auch stellvertretend durch Johannes anvertraut: „Darauf spricht er zu dem Jünger: Siehe, deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.” (Johannes 19,27). Das „zu sich“ heißt im Griechischen „τὰ ἴδια“, was wörtlich mit „den Seinen“ zu übersetzen ist. Da aber der Jüngling Johannes keine eigene Familie hatte, sind die Seinen als die anderen Apostel zu verstehen und somit die Kirche als Gesamtheit. Maria ist somit die Mutter der Kirche. Und da wir Vater und Mutter ehren sollen, ehren wir auch Maria.
Maria als Himmelskönigin
Und wie wir bereits etliche Male gesehen haben, ehrt Jesus Maria auch auf perfekte Art und Weise. Deshalb hat Er sie auch zur Himmelskönigin gemacht. Aber mal ganz von vorne: Der Titel Himmelskönigin ist nicht gleichzusetzen mit einer heidnischen Gottheit. Nur weil in Jeremia 44 von einer heidnischen Himmelskönigin die Rede ist, widerspricht dies nicht dem, was wir aus der Bibel über das Königtum Marien lesen – genauso wenig wie heidnische Gottkönige das Königtum Christi in Frage stellen können. Denn dass Maria die Himmelskönigin genannt wird, ist stattdessen eine logische Folge des Königtums Christi. Denn niemand würde bezweifeln, dass Christus der König im Himmel ist. Nun ist aber Jesus Christus auch ein König des davidischen Hauses (Lukas 1,32).
Im alten Israel galten aber nicht die Frauen als Königinnen, sondern in erster Linie die Mütter des Königs: „So kam Bathseba hinein zum König Salomo, um mit ihm zu reden wegen Adonija. Und der König stand auf und ging ihr entgegen und verneigte sich vor ihr und setzte sich auf seinen Thron. Und auch für die Mutter des Königs wurde ein Thron hingestellt, und sie setzte sich zu seiner Rechten.“ (1. Könige 2,19) Wenn also bereits Salomo seiner Mutter so viel Respekt erweist, um wieviel mehr wird Jesus, der bessere Salomo, Seiner Mutter Maria Respekt erwiesen haben. Er wird ihr also gewiss nicht ihre Stellung als Königin vorenthalten.
Dies ist auch dem Engel Gabriel bewusst, der Maria mit dem königlichen Gruß (vgl. Johannes 19,3) begrüßte. Maria erschrak sich über diesen ungewöhnlichen Gruß und sah gleich die Implikationen dieser Anrede: „Sie erschrak über die Anrede und überlegte, was dieser Gruß zu bedeuten habe.“ (Lukas 1,28-29) Sie wusste, dass sie von nun an von allen Geschlechtern gepriesen würde (Lukas 1,48).
Maria wusste, dass sie von nun an einen Thron besteigen würde: „Er stößt die Mächtigen von ihren Thronen und erhöht die Niedrigen.“ (Lukas 1,52) Und „er hat angesehen die Niedrigkeit seiner Magd“ (Lukas 1,48) und erhöht sie somit wahrscheinlich auf den gerade frei gewordenen Thron der Mächtigen, direkt neben dem König Jesus Christus.
So wird Maria nur folgerichtig in Offenbarung 12,1 als Königin des Himmelreichs auch symbolisch mit Himmelskörpern gekrönt: „Und ein großes Zeichen erschien im Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet, und der Mond unter ihren Füßen, und auf ihrem Haupt eine Krone mit zwölf Sternen.“
Marias Mittlerrolle
Kommen wir nun zu dem für Protestanten wohl am schwierigsten zu verdauenden Punkt in der katholischen Mariologie: Maria in ihrer Rolle als Mittlerin. Tatsächlich wird diese Eigenschaft Marias in der Bibel nicht weit ausgebreitet, sondern wird vielmehr zwischen den Zeilen gelehrt.
Ein prägnantes Beispiel ist die Hochzeitsfeier zu Kana. Marias Fürsprache führte nach Johannes 2,11 dazu, dass Jesus Seine Herrlichkeit offenbarte und Seine Jünger zum Glauben an Ihn kamen. Maria führt uns immer zu einem tieferen Glauben an ihren Sohn. Denn sie nimmt nichts von Jesus weg, sondern erhöht Christus stets: „Meine Seele erhebt den Herrn.“ (Lukas 1,46) In dem genannten Beispiel ändert Jesus sogar auf Fürsprache von Maria Seinen ursprünglichen Plan (Johannes 2,4) und führte die Bitte Seiner Mutter dennoch aus.
Aber auch bereits die Grußworte Marias gebraucht Gott, um Elisabeth mit Heiligem Geist zu erfüllen (vgl. Lukas 1,41).
In Genesis 3,15 wird Maria, die Mutter des Messias, wie wir schon gesehen haben, als Satans Feindin angekündigt. Folglich kann sie als Satans Feindin nicht von Christus, ihrem Samen, wegführen, sondern arbeitet immer für und zu Christus hin. Denn nur, wenn sie Seelen zu Christus hinführt, ist sie wirklich Satans Feindin. Würde Maria von Christus ablenken oder Seelen von Ihm wegführen, wäre sie nicht die Feindin Satans, sondern würde vielmehr in seinem Team spielen.
Und dies führt uns zu einem der größten Missverständnisse, das Protestanten haben, wenn es um die katholische Kirche geht: Der Titel Miterlöserin ist im instrumentellen Sinne und nicht im effektiven Sinne zu verstehen. Nur der Gottmensch Jesus Christus hat die Macht, die Menschheit und Gottheit zu versöhnen (vgl. 1. Timotheus 2,5). Doch Maria führt uns immer nur zu Christus hin, so wie es auch ein guter Missionar machen würde, ohne etwas von Christus wegzunehmen oder von ihm abzulenken. Durch ihr “Ja” hat sie uns den Erlöser überhaupt erst ermöglicht (Lukas 1,38). Wir wissen nicht, was ein “Nein” bedeutet hätte. Wir können uns aber erahnen, was es bedeuten kann, wenn wir die Bedeutung des “Nein” der ersten Eva betrachten. Vielleicht war der Heilsplan Gottes mit Maria die letzte Chance für die Menschheit und die neue Eva (Maria) hat es diesmal richtig gemacht.
Marias mystische Gnadengaben
Wir haben in diesem Kapitel über Maria nun viele mariologische Einblicke erhalten, die uns beim oberflächlichen Lesen und besonders mit einer protestantischen Lesebrille kaum aufgefallen wären. Diese Erfahrung musste ich ganz intensiv machen, als ich vom Protestantismus zur katholischen Kirche konvertiert bin. Ich war schockiert darüber, wie wenig ich über Maria beim Bibellesen mitbekommen habe. Aber es gibt noch weitere Details, die wir über Maria lernen können, wenn wir uns tiefer mit den biblischen Texten zu Maria auseinandersetzen. So hatte Maria offensichtlich einige mystische Gnadengaben von Gott bekommen.
Maria hatte beispielsweise bei der Hochzeit zu Kana (Johannes 2) eine besondere Offenbarung von Gott erhalten, nämlich dass der Wein leer ist. Oberflächlich betrachtet sehen wir dort lediglich, wie Maria ihrem Sohn die dort entstandene Problematik mit dem fehlenden Wein vorträgt, damit Er hoffentlich helfen möge. Maria war, wie Jesus und seine Jünger, nur ein Hochzeitsgast, der sich, wie er und alle übrigen Gäste, im Festsaal aufhielt. Aus diesem Grund konnte sie genauso wenig etwas vom fehlenden Wein in den Weinkrügen wissen, wie alle anderen Gäste, und auf jeden Fall viel weniger, als die für den Wein zuständigen Diener, die ja wenigstens ständig aus den Weinkrügen schöpfen mussten, um die Gäste mit Wein zu versorgen. Und doch wusste Maria als Gast mehr, als die Weinschöpfer, nämlich, dass der Wein ausgegangen war! Dass die weinschöpfenden Diener tatsächlich selbst nicht mal von dem in allen Krügen gleichzeitig fehlenden Wein wussten, obwohl sie ständig aus ihnen schöpften, belegt die Tatsache, dass der zuständige Tafelmeister auch nichts davon wusste (Johannes 2,9). Denn hätten es die Diener gewusst, dann hätten sie ihn als ihren Chef darüber informiert, und er hätte das dem Gastgeber, dem Bräutigam, mitgeteilt. Und eben das war nicht der Fall, weshalb der Tafelmeister dachte, dass der Gastgeber den besseren Wein, den Jesus auf die Vermittlung seiner Mutter hin hervorbrachte, für später aufgehoben hätte (Johannes 2,10). Maria hatte also ganz offensichtlich die Gabe der Weissagung.
Das sogenannte Magnifikat aus Lukas 1,46-55 belegt eine weitere außergewöhnliche Gnadengabe Marias. Um hier das Außergewöhnliche festzustellen, muss man zunächst wissen, dass Maria ihr Magnifikat aus insgesamt vierundzwanzig biblischen Fragmenten und Sätzen zusammensetzte, die auch noch zusammen theologisch einen Sinn ergeben. Da Maria dies in Anwesenheit Elisabeths aus dem Stegreif und innerhalb einiger weniger Sekunden aufgesagt hat, stellen wir bei etwas längerer Betrachtung fest, dass sie es unter mystischer Begnadung formulierte, ohne die sie das nie gekonnt hätte. Denn kein Mensch, nicht einmal der beste Bibelkenner, hätte das einfach so aus dem Ärmel schütteln können. Als Dokumentation dieser Leistung. folgen die korrespondierenden alttestamentlichen Bausteine des Magnifikats aus Lukas 1:
Vers 46: „Hochpreist meine Seele den Herrn“ => „Preisen will ich den Herrn“ (Ps 34,2).
Vers 47: „und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter“ => „Aber ich werde im Herrn jubeln, frohlocken über Gott, meinen Retter“ (Habakuk 3,18); „Dann wird meine Seele jubeln im Herrn“ (Psalm 34,9); „Mein Herz jubelt im Herrn“ (1. Samuel 2,1).
Vers 48a: „er schaute gnädig herab auf die Niedrigkeit seiner Magd“ => „Herr der Heerscharen, wenn du die Niedrigkeit deiner Magd ansiehst“ (1. Samuel 1,11).
Vers 48b: „denn siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Geschlechter“ => „Ich bin selig, denn die Frauen preisen mich selig“ (Genesis 30,13); „In ihm mögen sich segnen alle Geschlechter, alle Völker sollen ihn seligpreisen” (Psalm 72,17).
Vers 49: „Große Dinge hat an mir getan der Mächtige, und heilig ist sein Name“ => „…Gott, der an dir große und furchterregende Dinge getan hat“ (Deuteronomium 10,21); „Heilig und verehrungswürdig ist sein Name“ (Psalm 111,9).
Vers 50: „Sein Erbarmen gilt von Geschlecht zu Geschlecht denen, die ihn fürchten“ => „so groß ist über denen, die ihn fürchten, sein Erbarmen … so erbarmt der Herr sich derer, die ihn fürchten … Doch ewig währt die Huld des Herrn über allen, die ihn fürchten, und seine Treue noch bei Kindeskindern“ (Psalm 103,11.13.17).
Vers 51: „Er übt Macht aus mit seinem Arm; er zerstreut, die hochmütig sind in ihres Herzens Sinnen“ => „Die Rechte des Herrn erhöht, die Rechte des Herrn wirkt Gewaltiges!“ (Psalm 118,15); „Du hast den Hochmütigen wie einen Verwundeten erniedrigt, und mit dem Arm deiner Macht hast du deine Feinde zerstreut.“ (Psalm 89,11 in Septuaginta).
Vers 52: „Gewalthaber stürzt er vom Thron und erhöht die Niedrigen“ => „Den Thron der Fürsten stürzt Gott um und setzt an ihre Stelle die Unterdrückten.“ (Sirach 10,14); „Niedrige setzt er in die Höhe“ (Hiob 5,11); „so spricht der Gebieter und Herr: … Das Niedrige wird erhöht, das Hohe erniedrigt“ (Hesekiel 21,31).
Vers 53: „Hungrige erfüllt er mit Gütern, und Reiche schickt er leer davon“ => „Denn er hat … die hungrige Seele mit Gutem erfüllt“ (Psalm 107,9); „Der Priester (Reiche) als Kriegsgefangene wegschickt …“ (Hiob 12,19).
Vers 54: „Er nahm sich Israels an, seines Knechtes, zu gedenken seines Erbarmens“ => „Du aber, Israel, mein Knecht, und Jakob, den ich erwählt“ (Jesaja 41,8); „Er gedachte seines Erbarmens und seiner Treue für das Haus Israel“ (Psalm 98,3).
Vers 55: „wie er zu unseren Vätern sprach, für Abraham und seine Nachkommen auf ewig!“ => „Mögest du Jakob Treue erweisen und Abraham Erbarmen, wie du unseren Vätern geschworen hast“ (Micha 7,20); „Er … erwies seinem Gesalbten Erbarmen, David und seinen Nachkommen auf ewig“ (2. Samuel 22,51).
Merkwürdige katholische Formen der Frömmigkeit
Katholiken und Protestanten trennen nicht nur zahlreiche lehrmäßige Inhalte, sondern auch die Frömmigkeitskultur. Viele Dinge, die Katholiken praktizieren, kommen Protestanten suspekt vor. Bei einigen ganz konkreten katholischen Praktiken herrschen sogar einige Vorurteile unter Protestanten. So werden zahlreiche katholische Formen der Frömmigkeit als unbiblisch deklariert, die sich aber tatsächlich aus einer 2000-jährigen und tief in der Bibel verwurzelten Glaubenskultur entwickelt haben.
Das Beten vorgefertigter Gebete sei eine unbiblische Praxis
Gerade in evangelikalen Kreisen in der protestantischen Welt legt man viel Wert auf einen ungezwungenen und freien Frömmigkeitsstil. Vorgefertigte Gebete gelten hier in der Tendenz eher als einengend und unauthentisch, weil häufig nur aufgesetzt. Da ist auch ein wahrer Kern dran, weshalb sich nicht nur jeder Katholik beim Beten immer wieder darauf besinnen sollte, dass er mit ganzem Herzen dabei ist. So können vorgefertigte Inhalte sogar das eigene Denken prägen und zum Reflektieren anregen, wenn man sich auf sie einlässt. Dennoch sind vorgefertigte Gebete und eine zu straffe Liturgie bei Evangelikalen häufig, wenn auch oft nur unausgesprochen, verpönt oder wirken zumindest befremdlich auf die Gläubigen. Eine Ausnahme bildet natürlich das Vater Unser, was in der Bibel ganz klar als Aufforderung und Vorlage von Jesus selbst gegeben wurde.
Auf der anderen Seite können liturgische Leitlinien auch befreiend sein. Denn wer kennt es nicht: Ein Christ sitzt im Hauskreis und es findet eine Gebetsrunde statt. Vielleicht ist der Christ heute nicht gut drauf oder ist generell schüchtern. Vielleicht weiß er heute aus irgendeinem Grund auch nicht, was oder wie er beten soll. Der Gruppendruck beziehungsweise die Blamage nicht zu beten, zwingt den Christen jedoch wenigstens, irgendetwas zu beten. Er fragt sich vielleicht: „Soll ich Gott wieder für den gelungenen Hauskreis danken? Aber das habe ich schon die letzten beiden Wochen und außerdem haben es bereits die zwei Beter vor mir getan. Das ist also nicht sehr originell! Herr, Du weißt, dass ich Dich liebhabe. Aber wenn ich jetzt nur in einem Satz meine Liebe zu Dir bekunde, sind die anderen Beter vielleicht aufgrund der Kürze meines Gebetes enttäuscht.“ Und so versucht der Christ ein spontanes Gebet, sagt ein paar Floskeln vor sich her, versucht das übliche Vokabular des gängigen Frömmigkeitsstils zu treffen und ringt mehr um die auszusprechenden Worte als er mit den Worten in seinem Herzen ringt. Eine wirklich blöde Situation, in der viele von uns sicherlich schon einmal waren!
Um wie viel erleichternder ist es dann, wenn man auf allgemein anerkannte und respektierte Gebete zurückgreifen kann? Auch im Gottesdienst besteht nicht mehr die Gefahr, dass der Pastor sich mehr über die Performance als über die Würdigkeit des Gottesdienstes Gedanken machen muss. Und alle Gläubigen, vielleicht auch die ganzen neuen, können jederzeit im Gebetsbuch nachschlagen, welche Gebete an der Tagesordnung sind und können auch vorher prüfen, ob sie ihr Amen dazu geben können oder vielleicht Klärungsbedarf herrscht. Selbstverständlich können im privaten Kontext oder auch in Hauskreisen weiterhin spontan formulierte Gebete frei aus dem Herzen heraus gebetet werden. Wir Katholiken lieben Stoßgebete ebenfalls! Doch sie sollten immer wirklich frei bleiben und von Herzen kommen.
Sind aber nun vorgefertigte Gebete unbiblisch? Nein, denn wir haben bereits das Vater Unser erwähnt. Wieso sollten wir also gute und Gott verherrlichende Gebete nicht auch mehrfach gebrauchen dürfen? Wer Gott liebt, wird auch die Ihn verherrlichenden Gebete lieben und sie auch gerne jederzeit wieder beten wollen, um damit Gott abermals zu verherrlichen. So priesen die Israeliten in 2. Chroniker 5,13 die Gnade des Herrn, die ewiglich währt. Und in 2. Chroniker 7,3 verwendeten sie dieselbe Phrase wieder. Tatsächlich sind wir Christen sogar dazu angehalten, diese Worte ebenfalls immer wieder zu rezitieren, da sie auch in Psalm 136 mehrfach vorkommen. Die Psalmen sind sowas wie der Inbegriff eines Gebets- und Gesangbuches. Und Psalmen sollen wir ja laut Epheser 5,19 und Kolosser 3,16 als Christen singen.
Wiederholendes Gebet sei eine unerlaubte Praxis
Wir haben bereits gesehen, dass vorgefertigte Gebete durchaus biblisch fundiert sind. Und die Natur der Sache verlangt, dass vorgefertigte Gebet dann auch möglichst mehrfach gebetet werden. Wie sieht es aber damit aus, wenn diese Gebete in kurzen Abständen hintereinander gebetet werden? Ist dies nicht das Plappern wie die Heiden, das Jesus in Matthäus 6,7-8 verbietet?
Jesus wendet sich hier nicht gegen das mehrfache Wiederholen von Gebeten. Matthäus 26,44 bezeugt sogar, dass unser Herr Jesus Christus ein und dasselbe Gebet im Garten Gethsemane „mit den gleichen Worten“ betete. Und wir haben bereits gesehen, dass Psalm 136, den wir beten sollen, sehr wiederholend formuliert ist. Und auch in der himmlischen Liturgie, dem perfekten Gottesdienst, werden nicht nur Worte wie „heilig“ im Gebet wiederholt, sondern das Gebet wird buchstäblich unaufhörlich bei Tag und Nacht wiederholt (vgl. Offenbarung 4,8). Was gut genug für den Himmel ist, kann also nicht auf der Erde verwerflich sein.
Wenn aber Jesus nicht das mehrfache Wiederholen von Gebeten ablehnt, was kritisiert Er dann? Was ist das Plappern wie die Heiden? Ganz einfach: Das Plappern an sich! Plappern kann bedeuten, dass man unbedächtig betet und sich nicht auf seine Worte konzentriert. Ein gedankliches Abschweifen im Gebet ist genauso respektlos gegenüber Gott, wie es auch bei jedem irdischen Gespräch gegenüber einem Menschen wäre, wenn man nicht aufmerksam bei der Sache ist.
Dieser Mangel an Besinnlichkeit kann bei allen Arten von Gebet auftreten. Schon ein einmaliges „Aufsagen“ eines Gebetes, selbst wenn es nicht wiederholt wird, kann bereits Plappern in diesem Sinne sein. Auch leere Worte, denen keine besondere Bedeutung beigemessen wird, können Plappern sein. Daher sollten wir bewusst darauf achten, was wir beten.
Der Vorwurf, dass Katholiken Gebete herunterleiern würden, mag im Einzelfall natürlich zutreffen und ist dann auch zurecht zu kritisieren. Jedoch offenbart dieser Vorwurf häufig die eigenen Schwächen des Anklägers, da er sich ja scheinbar nicht vorstellen kann, dass man bestimmte Gebete auch ernsthaft zu beten in der Lage ist. Denn ist der Ankläger selbst nicht fähig, z.B. einen kompletten Rosenkranz mit Konzentration und Besinnung zu beten, so schließt er vielleicht voreilig von sich auf andere und klagt die Herzenshaltung katholischer Beter an.
Es ist also nicht das Wiederholen von Worten, was das Plappern konstituiert, sondern die vielen Worte mit einer bestimmten Absicht. Denn Jesus gibt Seine Begründung gleich hinterher: Denn die Heiden meinen, dass ihre vielen Worte Erhörung erwirken. In Vers 8 kommt dann nochmal eine Erläuterung dieser Begründung: Wir sollen nämlich wissen, dass Gott uns hört. Deshalb sollen wir Ihn nicht belabern. Denn es ist letztlich ein Ausdruck des Unglaubens, wenn wir plappern wie die Heiden.
Davon jedoch zu unterscheiden ist die Witwe, die den ungerechten Richter tatsächlich auch mit ständigen Petitionen “nervt” (Lukas 18,1-8). Bei ihr ist es jedoch kein Ausdruck von Unglauben, sondern im Gegenteil: Bei ihr ist es Ausdruck von Nachdruck, was bei einer Haltung des Glaubens somit ein Ausdruck des Glaubens ist. Wenn man aber wie die Heiden veranlagt ist, die keinen Glauben haben, ist das „Plappern“ nur ein Ausdruck von diesem Unglauben und somit ein unwürdiges Gebet.
Auch dürfen wir uns natürlich nicht entmutigen lassen, sondern sollten diese mahnenden Worte von Jesus als Ansporn sehen. Wir müssen zwischen Plappern im Gebet und schwerfälligen Gebet unterscheiden. Denn natürlich kommt es vor, dass wir gefühlsmäßig nicht in besonderer Verfassung sind, sodass wir ein Gott verherrlichendes Gebet sehr schwerfällig beten, sowohl beim einmaligen Beten als auch beim mehrmals hintereinander erfolgenden Gebet.
Schwerfälligkeit ist nicht gleich Plappern. Denn die Schwerfälligkeit macht sich ja gerade im Kampf gegen ein bloßes Herunterleiern bemerkbar. Beim Plappern hingegen rasselt man alles fließend und gedankenlos herunter, während das beim schwerfälligen Fluss des Gebets nicht geschieht, weil es schwerfällig vonstatten geht und man sich konzentrieren muss.
Hinter dem Plappern steckt ein schlechter Wille, während hinter schwerfälligen Beten ein guter Wille steckt. Denn wer ein Gebet herunterleiert, will unbedingt so schnell wie möglich fertig werden. Wer aber schwerfällig betet, will nicht so schnell wie möglich fertig werden. Er kämpft im Gebet, um es zu beten, weil er Gott damit lieben möchte. Er will sich von seinen Gefühlen, die ihn daran hindern wollen, nicht stoppen lassen, sondern Gott mehr lieben als sich selbst. Somit ist ein solches, schwerfälliges Gebet weit mehr wert, als ein Gebet, das nicht schwerfällig vonstatten geht, während hingegen ein geplappertes Gebet überhaupt keinen Wert hat, weil es Gott nicht ernst nimmt.
Es ist also nicht per se verwerflich, Gebete wiederholend zu beten. Es kann sogar recht fruchtbar sein. Nicht nur, dass es die Konzentrations- und Willenskraft stärkt, wenn es am Anfang noch schwerfällig vonstatten geht, nein, es nährt die Seele auch mit Gottes Wort, wenn in ihm etwa biblische Inhalte rezitiert werden.
Bußübungen und Selbstgeißelung
Außenstehende und Protestanten kritisieren häufig die harten Bußübungen wie beispielsweise die Selbstgeißelung, die mitunter in der Kirche praktiziert wurden und auch noch werden. Dabei hat gerade die Selbstgeißelung als Inbegriff der Bußübung mit Paulus ein prominentes biblisches Vorbild. In 1. Korinther 9,27 steht: „Sondern ich schlage meinen Leib und beherrsche ihn, damit ich nicht anderen verkündige und selbst verwerflich werde.“ Es geht bei der Selbstgeißelung wie bei allen Bußübungen nicht um Eigenverstümmelung oder Ähnliches. Das wäre Sünde. Es geht darum, das eigene Fleisch zu züchtigen und in Zaum zu halten. Auch jeder weltliche Business-Coach oder Sportler kann ein Lied davon singen, wie wichtig es ist, sich selbst nicht zu verschonen, um nicht zu verweichlichen. Im Glaubensleben ist es ähnlich.
Es ist auch eine biblische Praktik, sich ein Bußgewand anzuziehen, das aus Stoffen besteht, deren Haare sich, direkt auf der Haut getragen, unangenehm anfühlen (vgl. 1. Könige 21,27 oder Markus 1,6). Daher kommt auch die biblische Redewendung „in Sack und Asche Buße tun“ (vgl. Esther 4,1).
Kruzifix anstatt Kreuz
Katholiken verwenden gerne sowohl in ihren Kirchen als auch bei Haus- und Körperschmuck sogenannte Kruzifixe. Der Unterschied zu gewöhnlichen Kreuzen ist, dass bei den Kruzifixen der Leib Jesu mit abgebildet wird. Er ist an das Kreuz fixiert. Daher kommt auch der Begriff Kruzifix.
Protestanten betonen, dass ihr leeres Kreuz die Auferstehung Christi bedeutet, da Er nicht mehr tot am Kreuz hängt, sondern nach drei Tagen auferstanden ist.
Tatsächlich rührt es wahrscheinlich eher von einer früheren bilderstürmerischen Angst her, Jesus abzubilden und somit gegen das vermeintliche Bilderverbot aus den 10 Geboten zu verstoßen. Denn ein leeres Grab würde hier dann als Symbolik besser passen. Denn beim Kreuz geht es ja gerade um den Tod Christi und nicht um die Auferstehung. Genau wie es bei einer Weihnachtskrippe ja auch um den menschgewordenen Gott geht und die Krippe daher auch nicht leer dargestellt wird, nur, weil Jesus mittlerweile erwachsen geworden ist.
Den Aspekt der Kreuzigung und Jesu Tod an ebendiesem Kreuz zu betonen, ist absolut biblisch gerechtfertigt. So schreibt ja Paulus in 1. Korinther 1,23, dass wir Christus als den Gekreuzigten verkündigen. Dies wollen wir Katholiken auch, wenn wir Christus am Kreuz darstellen. Denn das Kreuz ist einer der zentralen Lehrinhalte des Christentums. So wollte Paulus auch nur Jesus Christus predigen, und zwar als Gekreuzigten (vgl. 1. Korinther 2,1-2).
Fazit
Ich hoffe, dass nach Lektüre dieses Buches klar geworden ist, warum ich als bibeltreuer Christ nicht mehr Protestant sein kann. Meine Bibeltreue zwingt mich die Kerndoktrinen der Reformation abzulehnen. Die Bibel sieht sich nicht als einzige Quelle von Gottes Wort an und verlangt von mir, dass ich mich der Kirche Jesu Christi anschließe und unterordne. Denn die Liebe zur Wahrheit (1. Korinther 13,6) verpflichtet uns vor Gott, die Todsünde der Lüge zu meiden.
Nicht alles wird uns immer sofort klar. Ich selbst habe auch nach meiner Konversion zur katholischen Kirche manche protestantischen Doktrinen noch nicht sofort ablegen können. Auch wenn manche Dinge von der Lehre her einleuchten, gibt es dennoch emotionale Hürden, die Konvertiten aus dem Protestantismus belasten können. Solange wir jedoch ehrlich vor Gott sind, Ihm unsere auch doktrinellen Sünden in der Beichte bei einem Seiner Priester darlegen und ernsthaft die Umkehr begehren, wird uns Gott auch die nötigen Gnaden geben, um hier eine Besserung zu erfahren.
Außerhalb der Kirche gibt es kein Heil! Denn es gibt nur den einen Leib Christi und diesem müssen wir anhaften, um mit Seiner Gnade verbunden zu sein und zu bleiben.
Gottes reichen Segen,
Dennis Spieß
