Wie die katholische Lehre funktioniert

Einleitung

Meiner Erfahrung als Apologet nach würden sich die allermeisten Anklagen gegen die katholische Kirche von nicht-katholischer Seite aber auch eine Vielzahl von Anfragen von Katholiken in Luft auflösen bzw. sich selbst erklären, wenn einmal verstanden worden ist, wie überhaupt katholische Theologie und somit die katholische Kirche selbst funktioniert. Da draußen kursieren nämlich viele falsche Vorstellungen und Missverständnisse über den Katholizismus. Es wird nicht ordentlich differenziert zwischen Dogmen und Kirchenrecht, zwischen Doktrin und Disziplin etc. Auch viele liberale Katholiken haben aufgrund oftmals protestantischer Vorstellungen keine klare Vorstellung von Lehre und Reformierbarkeit der Kirche. Dieser Artikel soll Abhilfe schaffen und etwas Licht ins Dunkle bringen.

Disclaimer

Anders als bei den sonstigen Artikeln auf diesem Blog geht es auf der vorliegenden Seite nicht um Detailfragen, sondern um ein generelles Schärfen des Bewusstseins darüber, wie das katholische Lehramt funktioniert und welche Unterscheidungen in katholischer Lehre und Praxis getroffen werden müssen. Schließlich wissen wir nichts darüber, was wir nicht wissen, dass es überhaupt existiert. Zwar bin ich kein katholischer Dogmatiker und ich spreche auch nicht für das katholische Lehramt, was sowieso alles auf diesem Blog revidieren darf, hoffe aber dennoch ein bisschen Einblick in die Tiefe und Komplexität der katholischen Dogmatik bereitstellen zu können. Wenn Du als Leser nur einen neuen Aspekt kennenlernst, den es beim katholischen Weltbild zu beachten gilt, dann verbuche ich mein Vorhaben hier als Erfolg. Ich stelle hiermit ausdrücklich keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder Korrektheit, aber habe den Anspruch an Dich, lieber Leser, dass Du mit dem hier Gelernten künftig in aller Demut bei Anfragen an den katholischen Glauben ein schnelles Urteil zurückstellst und tiefer gräbst.

Wenn einer meint, er sei zur Erkenntnis gelangt, hat er noch nicht so erkannt, wie man erkennen muss.

1. Korinther 8,2

Ist Tradition schlecht?

Viele besonders freikirchliche Protestanten haben eine Aversion gegen das Wort „Tradition“. Sie verbinden damit zum einen sehr viel fremdartig wirkende katholische Traditionen und vor allem Jesu Kritik an den pharisäischen Traditionen in der Bibel. Beide negativen Assoziationen verschmelzen sich dann häufig zu dem Vorwurf, dass die katholische Kirche unbiblisch sei. Und ja, häufig ist die katholische Kirche „unbiblisch“. Das macht sie aber noch lange nicht anti-biblisch. Wie lässt sich dies nun biblisch rechtfertigen? Immerhin haben wir ja hier auf diesem Blog den Anspruch, dass nur katholisch wirklich bibeltreu ist.

Wenn wir wirklich bibeltreu sein wollen, müssen wir genau betrachten, was Jesus immer wieder an Traditionen kritisiert:

Vergeblich verehren sie mich; was sie lehren, sind Satzungen von Menschen. Ihr gebt Gottes Gebot preis und haltet euch an die Traditionen der Menschen. Und weiter sagte Jesus: Sehr geschickt setzt ihr Gottes Gebot außer Kraft, um eure eigene Tradition aufzurichten.

Markus 7,7-9

Jesus ist also nicht gegen Tradition per se, ja, nicht einmal gegen menschliche Traditionen. Und sogar religiöse menschliche Traditionen sind nicht verwerflich, sondern das Problem liegt darin, diese gegen klar göttliche Vorgaben ins Feld zu führen oder göttliche Gebote damit auszuhebeln. Diese menschlichen Traditionen sind dann nämlich schädliche Lehren!

Ansonsten könnte es ja auch gar keine menschliche Kultur mehr geben, da diese überliefert werden muss und zwangsläufig auf Überlieferungen basiert. Konsequenterweise müsste das Christentum auch jede Kultur ausrotten, da sich sonst Menschliches zur Religion beimischen könnte. Das Christentum ist jedoch nicht gegen menschliche Kultur. Im Gegenteil, von Genesis 1,28 an haben wir Menschen einen Kulturauftrag von Gott bekommen. Auch in der Evangelisation sollen wir uns unserem Gegenüber weitestgehend anpassen (vgl. 1. Korinther 9,20-22) ohne dabei zu sündigen. Und unsere christliche Herangehensweise an alles sollte von offenem Geist getrieben sein (vgl. 1.Thessalonicher 5,21), solange nur die Sünde vermieden wird. Ja, wir sollen uns sogar alle Gebote der Obrigkeit (vgl. Titus 3,1), die ja auch von der jeweiligen Kultur geprägt ist, befolgen, außer wir müssten dabei sündigen (vgl. Apostelgeschichte 5,29). Kurz: Sowohl Jesus im Markus 7 als auch der Rest der Bibel lehren uns, dass wir nicht Gottes Gebote übertreten dürfen, aber sonstigen Angelegenheiten uns in Liebe unserer Umwelt anpassen dürfen. Die katholische Kirche hat die Inkulturation des Evangeliums von Anfang an erfolgreich betrieben und den Glauben in der ganzen Welt verbreitet.

Welche Traditionen gibt es?

(Nicht-katholische) Traditionen

Alles was die Kultur prägt wie beispielsweise Kleidungsstile und Schmuck können Traditionen sein, die wie oben beschrieben, nicht unbedingt verwerflich sind, sondern nur dann abzulehnen sind, wenn sie gegen Gottes Gebote verstoßen oder nur dafür konstruiert wurden, um Gottes Gebote auszuhebeln. Der festlich geschmückte Weihnachtsbaum zum Beispiel, welcher übrigens zunächst im Protestantismus Einzug erhielt, ist eine Tradition, die mit dem Glauben vereinbar und somit gut in die Religion integriert werden konnte, zu mindestens bei all jenen unter uns, die nicht mit der Sünde der Baum-Anbetung zu kämpfen haben. Wenn Du, mein lieber Leser, damit Probleme tatsächlich Probleme haben solltest, dann lass den Baum gerne weg. Denn rein menschliche Traditionen sind für den Gläubigen nicht verpflichtend.

Göttliche Traditionen

Den rein menschlichen Traditionen stehen auch göttliche Traditionen gegenüber, also all jenen Traditionen, von denen Gott will, dass wir sie beachten. Das eine schließt das andere im Übrigen auch nicht aus. So sind ja Jesus und die Apostel auch Menschen und trotzdem hat ihr Wort göttliche Autorität für uns. Und selbst die schriftliche Offenbarung der Bibel kann am Ende des Tages sogar menschliche Tradition genannt werden, da sie durch Menschenhand übermittelt (tradiert) wurde. Zwischen menschlichen und göttlichen Traditionen zu unterscheiden, kann also eine falsche Dichotomie sein. Im allgemeinen Sprachgebrauch meinen wir aber mit der göttlichen Tradition all jenes, was in Gottes Autorität gegründet ist. Dies muss aber, entgegen dem protestantischen Grundsatz von Sola Scriptura, sogar laut der Scriptura selbst, nicht explizit in der Bibel geschehen:

… dass ihr das Wort Gottes, das ihr durch unsere Verkündigung empfangen habt, nicht als Menschenwort, sondern – was es in Wahrheit ist – als Gottes Wort angenommen habt…

1.Thessalonicher 2,13

Einen 0. Thessalonicher-Brief hat der Apostel Paulus sicherlich nicht geschrieben und selbst wenn, so handelt es sich nicht um die Heilige Schrift. Demnach ist auch Gottes Wort, was der Apostel sonst noch abseits der Bibel verkündet hat. Dies nennt die katholische Kirche „Apostolische Tradition“.

Katholische Traditionen

Die apostolische Tradition ist genau jene Art von Tradition, die wir Katholiken immer hervorheben und als Wort Gottes ansehen (vgl. Dei verbum 10). Wir nennen sie auch „Heilige Tradition“. Im Englischen werden traditions mit kleinem T von Tradition mit großem T unterschieden, um hier auch schriftlich zu differenzieren. Sonstigen kirchlichen Traditionen mögen ebenso verbindlich sein und Gottes Willen für sein Volk ausdrücken, aber nur die Heilige Tradition gilt auch als Wort Gottes.

Letzt- und endgültig entscheidet natürlich nur das katholische Lehramt, was nur katholische oder sogar heilige Tradition ist, aber aus der Zeit der Kirchenväter, als Rom und der Papst noch nicht so einfach und immer konsultiert werden konnten, stammt eine Faustregel, was katholisch ist:

Desgleichen ist in der katholischen Kirche selbst entschieden dafür Sorge zu tragen, daß wir das festhalten, was überall, was immer und was von allen geglaubt wurde; denn das ist im wahren und eigentlichen Sinne katholisch.

Vinzenz von Lérins – Commonitorium 2,3

Beispiele

Folgende Beispiele sollen die genannten Unterscheidungen verdeutlichen:

Traditionen: Göttliche Kirchliche
Apostolische

(biblisch oder auch nicht)

  • Eucharistie (biblisch)
  • Was das Katechon aus 2Thess 2,6 ist (nicht explizit biblisch)
  • Speiseverbote des Apostelkonzils (biblisch)
  • Ad orientem Gebetsrichtung (nicht biblisch)
Nach-Apostolische

(außerbiblisch)

  • (Bibel-Kanon)
  • Mundkommunion

Die Eucharistie (Abendmahl) ist eine apostolische Tradition, da sie aus der Zeit der Apostel stammt, und zugleich auch eine göttliche Tradition, da sie von Jesus in der Bibel eingesetzt wurde. Was hingegen das Zurückhaltende (griechisch: κατέχον / Katechon) aus 2. Thessalonicher 2,6-7 meint, ist auch eine Lehre aus der Apostelzeit. Paulus sagt selbst in Vers 6, dass die Thessalonicher wissen, worum es sich hierbei handelt. Paulus hat es ihnen also bei Gelegenheit bereits gelehrt. Demnach handelt es sich klar um eine apostolische Tradition. Da die Bibel aber nicht explizit lehrt, worum es sich hierbei handelt, haben wir hier aber auch eine außerbiblische göttliche Tradition.

Der Bibel-Kanon selbst ist eine sehr spezielle Art göttlicher Tradition (bzw. eigentlich vielmehr ein sekundäres Objekt der Unfehlbarkeit). Man kann natürlich argumentieren, dass sich der Bibel-Kanon als Artefakt aus der Existenz der Bibel heraus ergibt. Denn Gott weiß ja, was die Bibel bzw. ihr Inhalt ist, darum muss sie auch einen göttlich definierten Kanon haben. Wenn wir hier aber von einer Tradition sprechen, dann meinen wir damit, dass wir weder von den Aposteln noch in der Bibel selbst ein Inhaltsverzeichnis der Bibel überliefert bekommen haben. Im Übrigen scheitert Sola Scriptura auch bereits an diesem Punkt, da wir uns hier eben auf eine nach-apostolische außerbiblische göttliche Tradition verlassen müssen. Eine rein menschliche Tradition hätte hier nicht genug Gewicht, um das Wort Gottes zu tragen. Denn das Wort Gottes wäre sonst nur mit menschlicher Autorität zu erkennen und dessen Erkenntnis somit fehlbar. Da die Kirche aber vom Heiligen Geist, also göttlich, geleitet wird, findet sie immer zur rechten Tradition.

Das Speiseverbot des Apostelkonzils, an das sich heute so gut wie kein Christ mehr hält, und zwar, dass wir uns von Blut und Ersticktem enthalten sollen (vgl. Apostelgeschichte 15,20), ist eine klar apostolische jedoch allerdings kirchliche Tradition. Göttlich ist sie nicht, da es sich zwar um die Bibel als Quelle handelt, das Gebot aber von der Kirche gegeben wurde – und zwar bei ihrem ersten Konzil. Es ist eine sogenannte Disziplin und kein Moralgebot Gottes. Zwar bindet uns Gott, uns auch an kirchliche Disziplinen zu halten, jedoch können diese Praktiken auch wieder von der Kirche verändert werden, wenn die Umstände es gebieten. Ein göttliches Moralgebot ist jedoch unveränderlich. Die Speisegesetze waren schon immer Disziplinen Gottes und keine Moralgebote, sonst hätten diese sich auch nicht ständig ändern können. So aßen Adam und Eva gar ein Fleisch, während Noah Tiere essen durfte. Nach Mose durften jedoch beispielsweise Schweine nicht gegessen werden, während sie nach Jesus wieder für rein erklärt wurden. Die Ad orientem Gebetsrichtung gilt gemeinhin als apostolische Tradition, da sie aus dieser Zeit stammt. Da Gott oder die Apostel es aber nirgendwo explizit geboten haben, in der Heiligen Messe gen Osten zu beten, handelt es sich hierbei um eine sehr alte kirchliche Tradition. Diese kann angepasst werden und wurde es in jüngster Vergangenheit auch.

Mit der Mundkommunion haben wir eine kirchliche Tradition, die nach-apostolisch ist, da sie in der Zeit der Apostel nicht immer notwendigerweise beachtet wurde. Es gibt gegenteilige Belege aus alter Zeit. Auch heute wurde diese kirchliche Disziplin zu mindestens in der Praxis wieder aufgelockert. Die Kirche kann Disziplinen wie beschrieben anpassen, da sie keine göttlichen Gebote darstellen müssen.

Wir können also zusammenfassend sagen, dass es in der Kirche sowohl göttliche Traditionen mit direkter als auch kirchliche Traditionen mit indirekter Autorität von Gott gibt, wobei sich die kirchlichen Disziplinen theoretisch ändern können, da sie nicht die Moral direkt berühren. Da sie aber häufig altehrwürdig sind und einen guten Grund haben, sollte man sie nicht all zu schnell über Bord werfen, was aber sowieso nicht unsere sondern die Aufgabe Roms ist. Traditionen können entweder auf die Apostelzeit zurückgehen oder sich später entwickelt haben.

Quellen der Tradition

Seid also standhaft, Brüder, und haltet an den Traditionen fest, in denen wir euch unterwiesen haben, sei es mündlich, sei es durch einen Brief!

2.Thessalonicher 2,15

Traditionen können ganz entgegen dem Sola Scriptura Mindset von Protestanten auf verschiedenste Weisen überliefert werden. Nicht alles muss ich Schriftform tradiert worden sein, sondern kann auch mündlich, in der „Kultur“ der Kirche oder im gelebten Alltag der Christen weitergegeben worden sein. Auch aus der Kunst, wie den Bildern früher Christen, lassen sich zahlreiche Rückschlüsse auf deren Glauben ziehen. Nicht umsonst sind Ikonen das Evangelium der Analphabeten, die es früher in wesentlich größerer Zahl gab und für die mal ganz von den praktischen, technologischen und finanziellen Hürden ein Sola Scriptura Prinzip nicht umsetzbar gewesen wäre. Dennoch hat auch die lebendige Tradition der Kirche zahlreichen schriftlichen Niederschlag gefunden. Beispiele hierfür sind:

  • Glaubensbekenntnisse
  • Liturgien
  • Konzilstexte
  • Papst-Erlässe
  • Schriften der Kirchenväter

Letztlich ist die Heilige Schrift selbst auch ein solches schriftliche Zeugnis vom Wort Gottes, der Heiligen Tradition, welche sich entgegen der protestantischen Vorstellung nicht auf die Schrift begrenzt, sondern von der die Schrift ein Teil ist.

Theologische Grade der Gewissheit

Ein populäres Argument gegen bzw. vielmehr eine Karikatur der katholischen Theologie stellt den Papst als absolut unfehlbaren Gott gleichen Übermensch dar, dem jeder fromme Katholik bis aufs Blut gehorchen muss. Tatsächlich stellen sich die Grade der Gewissheit und somit auch der Verbindlichkeit katholischer Lehren viel ausdifferenzierter dar. Es folgt eine Übersicht von Kategorien, die sich in der katholischen Glaubenslehre etabliert haben. Diese sind sehr hilfreich, um wirklich zu verstehen, was das Lehramt wirklich ausdrücklich lehrt und welche Debatten unter den katholischen Theologen noch geführt werden (dürfen/können). Allerdings besteht auch eine Gefahr des Anachronismus, wenn man relativ junge Klassifizierungen auf altertümliche kirchliche Texte anwendet. Aber ich möchte in diesem Artikel schlicht nur ein Bewusstsein dafür wecken, was es gibt, und keine Dogmatik-Vorlesung halten.

So bietet die Kirche durch ihre Definitionen von Dogmen sichere Leitplanken, die einen in erster Linie vor dem Absturz in verderbliche Häresien (griechisch: αἵρεσις = Parteiung) bewahren sollen und nicht die intellektuelle oder Gewissensfreiheit einschränken sollen. Innerhalb dieser gewissen Grenzen ist Freiheit im Gegensatz zur Beliebigkeit mancher evangelikaler Bibelausleger überhaupt erst möglich. So gibt es beispielweise in der hochphilosophischen Frage der Freiheit des Menschen und der Souveränität Gottes in der katholischen Kirche die erlaubten Lager der Thomisten und Molinisten, die beide absolut rechtgläubig sind. Aber es gibt keine Parteiungen in Calvinisten und Pelagianer, welche in der katholischen Kirche nicht erlaubt sind.

Denn es muss Parteiungen (Häresien) geben unter euch, damit die Bewährten unter euch offenkundig werden.

1. Korinther 11,19

Es folgen einige Beispiele der Gewissheitsgrade von Glaubensaussagen:

Dogma

Theologische Note: Dogma
Andere Begriffe: de fide catholica; de fide divina et catholica
Erklärung: Eine von der Kirche dargelegte Wahrheit, die von Gott offenbart wurde.
Beispiele: Der gesamte Inhalt des Athanasischen Glaubensbekenntnisses
Zensur bei widersprüchlichen Aussagen: Häresie
Auswirkungen der Verleugnung: Todsünde, die unmittelbar gegen die Tugend des Glaubens begangen wird, und wenn die Häresie nach außen hin bekundet wird, erfolgt automatisch die Exkommunikation, und die Mitgliedschaft in der Kirche wird verwirkt.
Bemerkungen: Ein Dogma kann entweder durch eine feierliche Definition des Papstes oder eines Konzils oder durch das ordentliche Lehramt dargelegt werden, wie im Fall des Athanasischen Glaubensbekenntnisses, zu dem die Kirche durch seinen langjährigen liturgischen und praktischen Gebrauch und seine Befürwortung ihre feierliche Verpflichtung bekundet hat.

Wahrheit des göttlichen Glaubens

Theologische Note: Wahrheit des göttlichen Glaubens
Andere Begriffe: de fide divina
Erklärung: Eine von Gott geoffenbarte Wahrheit, die aber von der Kirche nicht unbedingt als solche dargelegt wird.
Beispiele: Christus behauptete von Beginn seines öffentlichen Lebens an, der Messias zu sein.
Zensur bei widersprüchlichen Aussagen: Irrtum (im Glauben)
Auswirkungen der Verleugnung: Todsünde direkt gegen den Glauben, aber kein Verlust der Kirchenmitgliedschaft. Kann eine kanonische Strafe nach sich ziehen.
Bemerkungen:

Wahrheit des kirchlichen Glaubens

Theologische Note: Wahrheit des kirchlichen Glaubens
Andere Begriffe: de fide ecclesiastica definita
Erklärung: Eine Wahrheit, die nicht direkt von Gott geoffenbart wurde, aber eng mit der göttlichen Offenbarung verbunden ist (implizit offenbart) und unfehlbar vom Lehramt vertreten wird.
Beispiele: Himmelfahrt Mariens
Zensur bei widersprüchlichen Aussagen: Häresie gegen den kirchlichen Glauben
Auswirkungen der Verleugnung: Todsünde, die direkt gegen den Glauben gerichtet ist und, wenn sie öffentlich bekannt wird, automatisch zur Exkommunikation und zum Verlust der Mitgliedschaft in der Kirche führt.
Bemerkungen: Es ist ein Dogma, dass sich die Unfehlbarkeit der Kirche auf die Wahrheiten in diesem Bereich erstreckt; wer sie leugnet, leugnet also implizit ein Dogma oder den göttlichen Glauben.

Sicher

Theologische Note: Sicher
Andere Begriffe: sententia certa
Erklärung: Eine Wahrheit, die sich logisch aus einer göttlich geoffenbarten Aussage und einer anderen, historisch gesicherten Aussage ergibt, aber nicht explizit von der Kirche definiert wurde.
Beispiele: Hauptzweck der Ehe ist die Fortpflanzung und sekundäre Zwecke sind die gegenseitige Hilfe sowie die Regulation der Lust.
Zensur bei widersprüchlichen Aussagen: Irrtum (in der Theologie)
Auswirkungen der Verleugnung: Todsünde gegen den Glauben.
Bemerkungen:

Dem Glaube nahestehend

Theologische Note: Dem Glaube nahestehend
Andere Begriffe: sententia fidei proxima
Erklärung: Eine Lehre, die fast einhellig als von Gott offenbart gilt, aber nicht explizit von der Kirche definiert wurde.
Beispiele: Die Heilige Dreifaltigkeit kann nur durch Offenbarung erkannt werden.
Zensur bei widersprüchlichen Aussagen: Nahe dem Irrtum
Auswirkungen der Verleugnung: Todsünde indirekt gegen den Glauben
Bemerkungen:

Katholische Lehre

Theologische Note: Katholische Lehre
Andere Begriffe: doctrina catholica
Erklärung: Eine Wahrheit, die vom ordentlichen Lehramt authentisch gelehrt wird, aber nicht als geoffenbart oder eng mit der Offenbarung verbunden.
Beispiele: Gültigkeit der von Häretikern oder Juden gespendeten Taufe
Zensur bei widersprüchlichen Aussagen: Leichtfertig
Auswirkungen der Verleugnung: Todsünde indirekt gegen den Glauben
Bemerkungen: Der Ausdruck „katholische Lehre“ wird manchmal auch auf Wahrheiten höherer Ordnung angewandt, aber niemals auf solche niedrigerer Ordnung. In einigen Fällen kann die angemessene Zensur schwerwiegender als „leichtfertig“ sein.

Gewiss

Theologische Note: Gewiss
Andere Begriffe: certa
Erklärung: Bestätigt in Lehrdekreten der römischen Kongregationen
Beispiele: Dass Christus nicht sichtbar für tausend Jahre nach dem Antichristen auf der Erde herrschen wird
Zensur bei widersprüchlichen Aussagen: Unsicher/leichtfertig
Auswirkungen der Verleugnung: Todsünde des Ungehorsams und vielleicht der Unvorsichtigkeit
Bemerkungen: Die äußere Zustimmung ist unbedingt erforderlich, und die innere Zustimmung ist in der Regel erforderlich, da die Kongregationen zwar nicht unfehlbar sind, aber über die wahre Lehrautorität und die schützende Führung des Heiligen Geistes verfügen.

Theologisch sicher

Theologische Note: Theologisch sicher
Andere Begriffe: sententia communis
Erklärung: Eine von allen theologischen Schulen einhellig vertretene Wahrheit, die sich aus der geoffenbarten Wahrheit ableitet, aber durch mehr als einen Schritt der Argumentation.
Beispiele: Vorsätzliche Sünden gegen das sechste Gebot sind immer Todsünden.
Zensur bei widersprüchlichen Aussagen: Leichtfertig
Auswirkungen der Verleugnung: Es ist zulässig, gegen diese Lehren Einspruch zu erheben, wenn und nur wenn ein schwerwiegender Grund vorliegt, jedoch einen Einspruch zu erheben ohne schwerwiegenden Grund, ist die Todsünde der Unbesonnenheit.
Bemerkungen: Ein angemessener Grund kann es manchmal rechtfertigen, dass ein Einzelner, der die Beweise sorgfältig studiert hat, von einer solchen Aussage abweicht; denn es ist nicht völlig unmöglich, dass alle theologischen Schulen in einer solchen Frage irren, obwohl es höchst ungewöhnlich wäre und einer äußerst gewichtigen Annahme widersprechen würde.

Wahrscheinlich & gut begründet

Theologische Note: Wahrscheinlich & gut begründet
Andere Begriffe: sententia probabilis; sententia bene fundata
Erklärung: Eine theologische Meinung, die entweder aufgrund ihrer inneren Kohärenz oder aufgrund des äußeren Gewichts der Autorität, die für sie spricht, gut begründet ist.
Beispiele: Judas empfing die Heilige Kommunion beim letzten Abendmahl.
Zensur bei widersprüchlichen Aussagen: Keine
Auswirkungen der Verleugnung: Keine
Bemerkungen: Die besser begründete von zwei gegensätzlichen Meinungen wird als wahrscheinlicher bezeichnet (sententia probabilior); es steht den Katholiken jedoch frei, aus guten Gründen eine andere Meinung vorzuziehen. Fromme Überzeugungen (sententia pia) und geduldete Meinungen (opinio tolerata) fallen ebenfalls unter diese Note und haben den geringsten Grad an Gewissheit. Die Ablehnung einer dieser Lehren ist zulässig, sofern man der rechtmäßigen Autorität die nötige Ehrfurcht erweist.

Sehr verbreitete/geläufigere Meinung

Theologische Note: Sehr verbreitete/geläufigere Meinung
Andere Begriffe:
Erklärung: Die am besten begründete oder am besten belegte theologische Meinung zu einem strittigen Thema
Beispiele: Der Antichrist wird aus dem Stamme Dan sein
Zensur bei widersprüchlichen Aussagen: Keine
Auswirkungen der Verleugnung: Keine
Bemerkungen: Sehr verbreitete oder geläufigere Meinungen können falsch sein, und es besteht keine Verpflichtung, ihnen zu folgen, auch wenn als allgemeine Richtlinie die Klugheit uns dazu veranlasst, sie zu bevorzugen. Es ist zu beachten, dass eine „sehr verbreitete“ Meinung weniger gut etabliert ist als eine „allgemeine“, die eine moralische Einstimmigkeit der theologischen Schulen voraussetzt.

Die wichtigsten Zensuren

Als Wächterin über die wahre Lehre und der Natur der Sache geschuldet, dass Definitionen von neuen Dogmen häufig eine Reaktion auf Irrlehren sind, verurteilt die Kirche viel häufiger falsche Aussagen als dass sie richtige Aussagen dogmatisiert. Es folgen die wichtigsten Zensuren, welche die Kirche in ihren lehramtlichen Urteilen benutzt. Dabei können einzelne falsche Lehren gleich mit mehreren Zensuren belegt werden:

Deutsch: Latein: Erklärung: Beispiel-Aussage:
häretisch haeretica gegen formales Dogma Jesus ist nicht Gott.
der Häresie nahe haeresi proxima gegen Lehre, die dem Glauben nahesteht Trinität kann aus der Natur erkannt werden.
nach Häresie schmeckend haeresim sapiens; suspecta haeresis in Verdacht gegen ein formales Dogma zu stehen Aktiv wirken zu wollen, heißt Gott verletzen.
irrig erronea gegen eine Wahrheit Gott gibt es nicht.
schismatisch schismatica gegen die Autorität der Kirche Der Papst hat keine Autorität.
blasphemisch blasphema lästerlich (gegen Gott) Gott hat das Böse geschaffen.
gottlos impia gegen Gott Das Böse ist gut.
falsch falsa gegen dogmatische Fakten stehend Jesus hatte keinen Körper.
leichtfertig temeraria ohne guten Grund von allgemeiner Lehre abweichend Man kann die Gebote nicht erfüllen.
verderblich perniciosa schädliche Lehre Allein der Glaube rechtfertigt.
für fromme Ohren anstößig piarum aurium offensiva gegen eine fromme Grundhaltung angehend Maria hatte weitere Kinder.
übel klingend male sonans missverständlich ausgedrückt Jesus hat am Kreuz versagt.
verfänglich captiosa verwerflich wegen absichtlicher Mehrdeutigkeit Die 2. Person der Dreieinigkeit war kein Mensch [vor der Inkarnation].
anstößig scandalosa Ärgernis auslösend Das Beichtgeheimnis ist unnötig.

Wie ordnet man lehramtliche Aussagen ein?

Nun haben wir allerlei Gewichtungen und Zensuren des katholischen Lehramtes kennengelernt. Es bleibt jedoch die Frage, wie man einzelne Aussagen in lehramtlichen Texten einordnet. Selbst wenn wir die Gewichtigkeit einer bestimmten Aussage bestimmt haben, bleibt ja noch offen, ob diese bestimmte Aussage überhaupt mit Autorität und Verbindlichkeit getätigt wurde. Nicht immer äußern sich kirchliche Amtsträger dazu, ob sie in einem vorliegenden Text überhaupt in der Rolle des Lehramtes tätig sind. Verschiedene Kriterien können uns dann dabei helfen, eine Aussage in ihrem lehramtlichen Charakter zu evaluieren:

Fragen zur Autorenschaft:

Stammen die vorliegenden Aussagen von einem einzelnen Bischof oder von mehreren Bischöfen im Kollektiv? Sind sie vielleicht Teil eines ökumenischen Konzils? Oder eventuell nur Teil einer Partikularsynode oder Bischofskonferenz eines Landes? Stammt die Aussage überhaupt vom Lehramt, von einem Ortspfarrer oder gar nur von einem Laien, selbst wenn er theologisch gebildet ist? Hat der Papst oder eine dem Papst unterstellte Kongregation der römischen Kurie die Aussage getätigt? Handelt es sich um das ordentliche oder außerordentliche Lehramt?

Fragen zum Kontext:

Stammt die Aussage aus eine Enzyklika des Papstes oder aus einem TV-Interview, was er ungeplant während eines Fluges anwesenden Journalisten gegeben hat? Schreibt der Papst als Papst in einem kirchlichen Schreiben oder vielleicht explizit nur als privater Theologe in einem persönlichen Buch? Oder bezieht sich der Papst auf verschiedene bestehende Lehren und Autoritäten?

Fragen zur Form:

Handelt es sich bei einem Schreiben um eine Instruktion, ein Dekret, eine Enzyklika oder gar eien Konstitution eines ökumenischen Konzils?

Fragen zum Adressatenkreis:

Ist die Aussage an die Gläubigen der ganzen Welt gerichtet oder handelt es sich vielleicht nur um eine Rede vor einem Institut? Ist es überhaupt eine öffentliche Rede oder ein eher privater Anlass?

Fragen zur behandelten Sache:

Wird ein zentraler Sachverhalt des Glaubens und der Sitten behandelt oder wird eine Aussage nur in einem die eigentlich zu behandelnde Sache unterstützenden Nebensatz gebracht? Werden vielleicht nur disziplinäre oder administrative Angelegenheiten geklärt ohne weitere beabsichtigte Implikationen für den Glauben und die Sitten? Ist die Aussage Kern der Verlautbarung oder vielleicht nur eine Einleitung oder eine Schlussformel? Handelt es sich um ein Einzelargument, eine Erklärung, ein Zitat oder ist es die Kernaussage des Dokumentes?

Fragen zur Herleitung:

Wird als Quelle oder Begründung einer Lehrentscheidung die Heilige Schrift oder Tradition angeführt oder nur theologische Meinungen? Ist eine Aussage eine Konsequenz aus allgemein philosophisch ersichtlichen Grundlagen oder ist sie hingegen vielleicht sogar widersprüchlich formuliert?

Fragen zur Einordnung:

Werden bestimmte Formeln verwendet, die auf beabsichtigte Unfehlbarkeit hinweisen? Wird eine Aussage als definitiv oder eventuell noch als reformierbar vorgelegt?

Schlussüberlegungen

Ein Protestant oder auch ein ehemaliger Protestant wird sich bei den Spielregeln, die in der katholischen Kirche und Theologie herrschen, oft als bevormundet oder manchmal auch als überrumpelt vorkommen. Manch ein Freigeist mag sich eingeengt fühlen. Das sind verständliche und erwartbare Reaktionen. Allerdings berichten viele Konvertiten zum katholischen Glauben auch von positiveren Emotionen. Anstatt sich bevormundet und eingeengt zu fühlen, erleben viele den sicheren Schoß der Mutter Kirche auch als befreiend und entlastend. Wir können nicht immer alles wissen und erforschen und dürfen getrost manch eine Frage an Theologen und das Lehramt „outsourcen“. Keine reformatorische Verpflichtung mehr, die einen drängt die gesamte Bibel am besten auswendig zu kennen um das Evangelium notfalls im protestantischen Alleingang gegen die abgefallene Kirche zu verteidigen.

In der katholischen Kirche stehen wir auf Schultern von 2000-jährigen Riesen und dürfen uns in Demut üben. Niemand fordert von uns Laien Lehrer zu sein. Was manch einer blinder Gehorsam nennt, entpuppt sich häufig vielmehr als die weise Erkenntnis, nicht immer alles durchdringen zu können. Gott sei Dank ist es nicht heilsrelevant, alles wissen zu müssen.

O dass ihr doch schweigen könntet; das würde euch als Weisheit angerechnet!

Hiob 13,5

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